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Direkt neben den prachtvoll renovierten Hackeschen Höfen liegt das Gebäude Rosenthaler Straße 39, ein grauer, verwinkelter Bau mit zwei Hinterhöfen, einem alternativen Cafe und Kino, mehreren Galerien und anderen Kunstprojekten. Im Durchgang zum zweiten Hinterhof, in dem der Glanz des neuen Berlin noch nicht angekommen ist, führt eine kleine Treppe nach oben. "Sie knarrt immer noch so wie damals", meint Inge Deutschkron, die Berliner Jüdin und Schriftstellerin, die Anfang der vierziger Jahre in der ersten Etage zeitweilig Schutz gefunden hatte.
Hier unterhielt der überzeugte Nazigegner Otto Weidt eine Blindenwerkstatt, in der er einigen Juden wenigstens vorübergehend Unterschlupf gewähren konnte. Jetzt haben Studenten der Museumskunde aus der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft eine kleine, aber eindrucksvolle Ausstellung in diesen Räumen eröffnet, die an den ehemaligen Zufluchtsort erinnert und der sie den Titel "Blindes Vertrauen" gegeben haben.
Auf Otto Weidt aufmerksam gemacht hat Inge Deutschkron durch ihre Bücher, zuletzt das schön illustrierte Kinderbuch "Papa Weidt". Fünf Jahre lang hat sie sich darum bemüht, daß heute eine Gedenktafel vor dem Haus an diesen "stillen Helden" erinnert, der auch in der nationalen Gedenkstätte Yad Vashem in Israel geehrt wird. Weidt hat die Nazis so abgrundtief gehaßt und verachtet, erzählt sie, daß er sogar den Mut aufbrachte, seine jüdische Freundin aus dem Konzentrationslager zu befreien.
Weidt, 1883 in Rostock geboren, kam aus einfachen Verhältnissen. Wie sein Vater wurde er Tapezierer und Polsterer, strebte aber nach Höherem. Schon im Ersten Weltkrieg hatte der überzeugte Pazifist den Wehrdienst verweigert, was aufgrund eines Ohrenleidens gelang. Die Familie war mittlerweile nach Berlin übergesiedelt, wo Weidt 1912 heiratete. Doch die Ehe wurde nach neun Jahren geschieden, die beiden Söhne sind praktisch ohne den Vater aufgewachsen.
Otto Weidt, so schildert Inge Deutschkron, sei eine schillernde Persönlichkeit gewesen, ein Draufgänger, der nach Höherem strebte, der aber selbst in den Zeiten der schlimmsten Verfolgung "uns Juden stets mit Respekt wie Menschen behandelt hat". Er schrieb Gedichte, hielt sich gerne in den literarischen Cafes der Stadt auf, freundete sich mit Künstlern an. Nach seiner fast vollständigen Erblindung wurde er Bürstenmacher und eröffnete Anfang der 40er Jahre in der Rosenthaler Straße eine Blindenwerkstatt.
Seiner Krankheit und den Nazis habe der stets tadellos gekleidete Mann so sehr getrotzt, "daß wir oft Angst um ihn hatten", sagt Inge Deutschkron. Was heute über sein Leben bekannt ist, sind die Schilderungen derjenigen, denen er Anfang der 40er Jahre geholfen hat. Dank seines florierenden Tauschhandels gelang es Weidt immer wieder, die Gestapo zu bestechen und Juden in seiner Werkstatt unterzubringen, selbst wenn sie wie Inge Deutschkron oder seine Sekretärin Alice Licht nicht blind waren und erst recht nicht als Schreibkraft im Büro beschäftigt werden durften. Er versorgte sie auch mit Nahrung. Wenn sie in der Blindenwerkstatt nicht mehr sicher waren, brachte er sie an Orte, wo sie sich verstecken konnten. So hat er Alice Licht und ihre Eltern, als sie 1943 untertauchen mußten, in einem eigens dafür angemieteten Laden versteckt und eine Zeitlang vor der Deportation bewahren können. Seine Zöglinge nannten ihn liebevoll "Papa Weidt".
Da Weidt auch Bürsten für die Wehrmacht herstellte, galt die Werkstatt als "wehrwichtiger Betrieb". Zweimal gelang es ihm, seine jüdischen Arbeiter mit dem Argument, daß er diese dringend benötige, aus den Sammellagern wieder zurückzuholen, nachdem die Gestapo sie schon abgeholt hatte. Doch im Herbst 1943 waren seine Möglichkeiten erschöpft. Auf die dringende Bitte seines Arbeiters Chaim Horn hatte er diesen mitsamt der Ehefrau und den beiden Kindern in einem zehn Quadratmeter großen Raum am Ende der Werkstatt versteckt. Ein Schrank wurde vor die Tür geschoben, und man mußte die Kleider beiseite rücken, um durch die Tür zu gelangen. Doch Horn war leichtsinnig, er vertraute sich einem vermeintlichen Freund an und erzählte ihm von der Blindenwerkstatt und Otto Weidt. Der Mann war ein Spitzel. Die Gestapo holte daraufhin alle Arbeiter ab, schloß die Werkstatt. Auch das Versteck der Familie Licht flog auf. Weidt konnte gerade noch aushandeln, daß sie nicht nach Auschwitz, sondern in das vermeintliche Vorzugslager Theresienstadt transportiert wurden. Als Alice Licht von dort nach Auschwitz gebracht wurde, gelang es ihr, eine Postkarte aus dem Zug zu werfen, die Weidt tatsächlich erreichte. Das Photo zeigt den Berghof, Hitlers Refugium auf dem Obersalzberg. Unter dem Vorwand, daß er dort Bürsten verkaufen wolle, reiste Weidt nach Auschwitz, aber Alice war nach Christianstadt verlegt worden. Weidt reiste hinterher, nahm mit polnischen Lagerarbeitern Kontakt auf, schmuggelte Medikamente und Nahrung ins Lager und mietete eine Wohnung im benachbarten Ort, in die Alice später fliehen konnte. Sie überlebte und ging nach dem Krieg nach New York. Weidt starb 1947 in Berlin, verarmt und vereinsamt.
Ein paar Photos, Briefe und Arbeitsausweise haben die Studenten zusammengetragen, um das Wirken dieses mutigen Mannes zu dokumentieren. Es war die 28 Jahre alte Anja Lüdemann aus Norderstedt, die die Idee für die Ausstellung hatte, als sie in der Nachbarschaft ein Praktikum machte. An der Fachhochschule hatte sie sich zwei Semester lang mit "Denk-Malen" beschäftigt und das Projekt als Abschlußarbeit für dieses Seminar den Kommilitonen vorgeschlagen. "Wir würden gerne Denkmale erhalten, zu denen man einen persönlichen Bezug herstellen kann" sagt sie. Zu sechst haben sie die Ausstellung vorbereitet, die bis Anfang April geöffnet sein soll. Doch die Studenten hoffen, daß es eine Dauerausstellung werden kann, damit viele Menschen erfahren, daß es möglich war, sich dem Terror entgegenzustellen.
"Als wir die Räume entrümpelten", erzählt Anja Lüdemann begeistert, "stand plötzlich ein Mann vor uns, der ein halbes Jahr in der Blindenwerkstatt gearbeitet hatte. Das war reiner Zufall, daß er vorbeigekommen ist." Eine Originalbürste aus der Werkstatt und seinen Judenstern hat er den Studenten für die Ausstellung zur Verfügung gestellt, und erstmals hat er seine Geschichte für das Video erzählt, nach 50 Jahren des Schweigens. In Berlin konnten in den Kriegsjahren mehr als 1000 Juden in Verstecken überleben, weil einige mutige Berliner ihnen geholfen haben. In der ehemaligen Blindenwerkstatt haben die Studenten eines dieser Verstecke zugänglich gemacht. "Das ist so toll an Berlin", sagt Anja Lüdemann, "man kann Geschichte greifbar und erfahrbar machen".
Aus "Süddeutsche Zeitung" Nr. 57 (10.03.1999) S. 13.
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