Blindenstudienanstalt setzte im Abitur auf High-Tech: Spracheingabe erleichterte Blista-Schülerin Schreiben längerer Texte

An der Deutschen Blindenstudienanstalt wurde zum ersten Mal ein Spracheingabeprogramm zur Erstellung von Klausurtexten im Abitur eingesetzt.

Seit vielen Jahren werden Klausuren in der Oberstufe der Carl- Strehl-Schule (Gymnasium für Blinde und sehbehinderte Schüler) an Computerarbeitsplätzen geschrieben. Die Geräte müssen neben der normalen Ausstattung wie Tastatur, Bildschirm und Drucker mit zum Teil sehr teuren Hilfsmitteln ausgerüstet werden. Die modernsten Eingabeplätze besitzen neben der Textverarbeitungssoftware u.a. Vergrößerungsprogramme, Sprachausgaben und elektronische Geräte zur Ausgabe von Punktschrift (Braillezeilen), damit die geschriebenen Klausurtexte von sehbehinderten und blinden Schülern gelesen, formatiert und vor dem Ausdruck korrigiert werden können. Die Texterfassung erfolgt dabei über normale Tastaturen mit Punkt- Markierungen zur Orientierung an einigen ausgewählten Tasten.

Für die stark sehbehinderte Schülerin Petra Spielmeyer aus Ostercappeln/Osnabrück, die jetzt das Abitur bestand, konnte diese Technik wegen stark eingeschränkter Beweglichkeit in den Fingern nur unter verminderter Eingabegeschwindigkeit ausgeführt werden. Im Herbst des vorigen Jahres wurde unter der Leitung von Oberstudienrat Dr. Werner Liese, Projektleiter für naturwissenschaftliche Hilfsmittelentwicklung, eine stark schallgedämpfte Sprecherkabine in einem Klausurraum installiert, wo die Schülerin ihre Texte per Mikrofon in einen Computer einsprechen konnte. Bis zum Beginn der Klasse 13 im August 98 konnte sie die Texte nur mit einer Hand sehr langsam eingeben, was insbesondere bei längeren Eingaben unerträglich wurde. Das bekannte, vielfach ausgezeichnete und sehr leistungsfähige Spracheingabeprogramm Dragon Naturally Speaking Professional 3.5 (Fa. Dragon Systems), "verstand" nach intensivem Sprachtraining das Fachvokabular der verschiedensten Fächer und setzte es in geschriebenen Text um.

Mit einem schnellen Pentium-Rechner und einer Speicherkapazität von 256 Megabyte können auf diese Weise ca.180 Wörter pro Minute erkannt werden, wobei die Fehlerrate nur etwa 2 Prozent beträgt. Das Programm ermöglicht es, nahezu alle Textverarbeitungsbefehle per Sprache zu steuern.

Wie Dr. Liese berichtete, bestand die Hauptschwierigkeit darin, Störungen im Zusammenspiel zwischen der Spracheingabe und der zur Kontrolle des eingegebenen Textes notwendigen Sprachausgabe auszuschalten.

Voraussetzung für diese zukunftsweisende Technik ist allerdings eine starke Erweiterung des Grundvokabulars, indem im Unterricht verwendete Materialien verschiedenster Fächer zuerst digitalisiert und dann vom Spracheingabeprogramm auf noch unbekannte Wörter "durchforstet" werden müssen.

Nach diesem ersten Erfolg möchte die Deutsche Blindenstudienanstalt noch einen weiteren Spracheingabeplatz einrichten, um das Angebot für sehgeschädigte Schüler mit starken Handbehinderungen auszubauen. Dies erscheint insofern sehr wichtig, da sowohl in einem anschließenden Studium oder in einer Ausbildung der Computer das wohl wichtigste Hilfsmittel am Arbeitsplatz eines Sehgeschädigten darstellt.

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