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Karin Winkelsträter: No hablamos espanol - "Muestro estatal de teatro con Ciégos" in Almeria

Theater mit Blinden- Das geht doch gar nicht. Solche und ähnliche Statements sind nicht selten. Tatsächlich gibt es in Deutschland kaum Theatergruppen mit Blinden und Sehbehinderten. In Königswusterhausen bei Berlin hat die Theaterarbeit zwar schon Tradition und das "darstellende Spiel" ist längst als Unterrichtsfach installiert, und in der Carl-Strehl-Schule haben sich die beiden Theatergruppen "NullOptik" und "Nachtsicht" mit drei erfolgreichen Produktionen in zwei Jahren mehr oder weniger etabliert, aber das war auch schon alles.

In Spanien dagegen ist das ganz anders. Dort wird bereits seit über 40 Jahren eine intensive Theaterarbeit mit Blinden und Sehbehinderten betrieben. In erster Linie allerdings mit Erwachsenen. Initiiert wird die professionelle Gruppenarbeit von der spanischen Blindenorganisation O.N.C.E. Als Lotteriegesellschaft aufgebaut ist sie das zweitgrößte Wirtschaftsunternehmen Spaniens und bietet blinden Menschen nicht nur Arbeit und Lohn über den Losverkauf, sondern darüber hinaus jede Menge Möglichkeiten, sich auf kulturellem Gebiet zu engagieren. Inzwischen gibt es weit über 30 feste Theatergruppen überall im Land. Unter professioneller Leitung erarbeiten die Gruppen mindestens eine Produktion im Jahr, mit der sie dann sogar "auf Tour" gehen - manche mit an die 20 Aufführungen!

In diesem Jahr wurde vom 9. bis 14. April zum 7. Mal ein nationales Festival diesmal in Almeria ausgerichtet, bei dem alle Gruppen sich gegenseitig ihre Stücke vorstellen. Dank der Bekanntschaft mit Friedhelm Roth-Lange aus Bonn, der 5 Jahre in Spanien für die O.N.C.E. als Spielleiter gearbeitet und im letzten Jahr in Marburg eine Theaterfortbildung angeboten hat, wurden Monika Saßmannshausen und Karin Winkelsträter von der Carl-Strehl-Schule sowie Kristiene Liedke von der Schule in Königs Wusterhausen zu diesem Festival eingeladen. Bei dieser Gelegenheit sollten wir über unsere Arbeit in Deutschland referieren. Die Atmosphäre war begeisternd. Allerorten wurde geklatscht, gesungen, gelacht, getanzt. Wir wurden herzlich empfangen und begleitet, wenngleich die sprachlichen Mängel auf beiden Seiten die Kommunikation recht schwierig machte. Ein kleiner Wehrmutstropfen, denn wir hätten gerne mehr über die konkrete Arbeit der Spielleiter erfahren!

Die 19 Gruppen, davon 3 Straßentheatergruppen, hatten wirklich eine ganze Menge zu bieten: Werke von Shakespeare, Tschechov, Lorca, Brecht und vielen anderen - und das, obwohl die meisten Akteure aus einfachsten Verhältnissen stammen und viele der Älteren gar Analphabeten sind.

Am zweiten Tag stellten wir uns dann mit Fotos und Videobändern bewaffnet und klopfenden Herzens der für einen Vortrag wohl ungewöhnlich zahlreichen Zuhörerschaft und versuchten, einen Einblick in unsere Theaterarbeit zu geben. Herr Roth-Lange übersetzte kurzerhand live und mit viel Verve. Das Publikum war zu unserem Erstaunen höchst interessiert und im Anschluß an unseren Vortrag kamen allerhand Fragen und jede Menge Lob. Wir hätten nicht gedacht, daß diese Profis, die unter wirklich guten technischen Bedingungen aufwendigste Stücke produzierten, an unserem "armen" Theater so interessiert sein könnten. Tatsächlich aber waren sie von der Art, wie wir an ein Stück herangehen und mit der Gruppe zusammen daran arbeiten sehr angetan. Offensichtlich ist in Spanien der Regisseur tonangebend und derjenige, welcher das Stück und die Spielweise bestimmt. Unsere Versuche, Theater über die Sprache hinaus auch für das Publikum, vor allem auch für ein blindes Publikum sinnlich erfahrbar zu machen, stieß auf großes Interesse, und die Spielleiter nahmen einige unserer Ideen und Techniken als Anregung für ihre eigene Arbeit auf.

Zum Abschluß betonte die Kulturbeauftragte der O.N.C.E. Frau Reyes Lluch, daß dies der Anfang zu einer guten Beziehung und nicht unser letzter Besuch in Spanien gewesen sein möge. Vielleicht könnte im nächsten Jahr gar eine unserer Gruppen an dem Festival teilnehmen. Immerhin ist das Festival so gut ausgestattet, daß für alle Vollblinden ein kleiner Empfänger zur Verfügung steht, über den ihnen das Geschehen auf der Bühne beschrieben wird. Auf dem gleichen Wege könnte man ihnen auch eine grobe Übersetzung mitliefern, so daß das Sprachproblem nicht allzu sehr zum Tragen käme.

Von dem ausgehend, was wir gesehen haben - und das waren immerhin 6 Vorstellungen, brauchen wir uns mit unseren Produktionen nicht zu verstecken. Es gab sogar richtig schlechte Inszenierungen. Es gab aber auch Vorstellungen, die waren überwältigend. So ausdrucksstark und intensiv gespielt, daß wir aus dem Staunen nicht mehr herauskamen. Wer mag da noch behaupten, Blinde könnten nicht Theater spielen - welch ein Trugschluß und welch ein Ansporn für uns!

Nachtrag

Vom 18. bis 20. Juni 1999 war ich mit einem Teil der Theatergruppe "Nachtsicht" in Königs Wusterhausen zu einem Theaterwochenende. Unter der Leitung von Friedhelm Roth-Lange haben wir viel gelernt und waren außerdem noch im Grips- Theater. Mit den beteiligten Spielleitern haben wir für das nächste Schuljahr geplant, eine Arbeitsgruppe unter Einbeziehung aller an Theaterarbeit interessierten Blindenschulen Deutschlands zu gründen. Diese Arbeitsgruppe soll den Austausch untereinander fördern, Kontakte herstellen und pflegen, Treffen und Theaterwochen-enden und gegenseitige Besuche organisieren. Und schließlich möchten wir lang-fristig darauf hinarbeiten, nach dem Vorbild von Spanien und Kroatien ein richtig großes Theaterfestival auszurichten. Für jedwede Hilfe und Unterstützung sind wir dankbar!

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