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Tim Brauns, Mario Wolf: "Rollthese: Ich mag dich." Reportage

Mario Wolf ist neugierig und unterschenkelamputiert.

Tim Brauns ist Orthopädiemechaniker und Designer.

Und beide sind Berliner. Irgendwann haben sich ihre Wege gekreuzt. Gemeinsam haben sie für Mario eine ganz besondere Prothese angefertigt, eine Rollthese. Auf den ersten Blick ist es eine Mischung aus einem künstlichen Bein und einem Inlineskate. Genauer betrachtet ist es viel mehr. Tim hat aus alledem eine Diplomarbeit gemacht. Worum es den beiden und ihren Helfern dabei gegangen ist, das sollen sie Euch besser selber erzählen.

Tim Brauns

Wie komme ich auf ein Thema wie Pro- und Orthesen- Weil es eben Sachen gibt, die einen einfach nicht loslassen. Die medizinisch-technischen Ersatzteile begleiten mich schon seit einiger Zeit. Und ich wollte dem Thema nie aus dem Weg gehen; gleichzeitig hat es mich verfolgt. Da ich es bis jetzt nicht geschafft habe es in meinem Sinne zu bearbeiten, sehe ich in dem Diplom eine Chance dies zu tun. Es waren in erster Linie rein handwerkliche Gründe, die mich dazu bewogen haben, eine Orthopädiemechaniker-Lehre anzutreten. Aber schon in den ersten Tagen ist mir klar geworden, dass dies nicht eine rein praktische Arbeit ist. Die ersten Begegnungen mit Betroffenen waren nicht einfach. Ein Durchschnittlicher, ich, der sich noch nicht bewusst mit dem Thema beschäftigt hat, trifft auf Betroffene. Am Anfang ergaben sich für mich neue Situationen, der Anblick, dass jemand sein Bein ablegt, wie er sein Bein ablegt, wie er damit umgeht, wie er sich ohne fortbewegt, ... alles war neu. Ich war jetzt nicht Durchschnitt, sondern betroffener Durchschnitt, da meine neue Aufgabe darin bestand, entweder neue Prothesen zu bauen oder alte anzupassen. Anfangs hatte ich noch Mitleid, was zu einem unnatürlichen Umgang und gekünstelten Gesprächen mit den Amputierten führte. Erst im Laufe der Zeit, als ich meiner Neugierde freien Lauf ließ und die Fragen gestellt habe, die mich wirklich interessiert haben, wurde das Verhältnis entspannter. Selbstverständlich ist auch die Situation für den Amputierten nicht immer einfach, eine Situation, die er sich nicht freiwillig ausgesucht hat. Er muss seinen eigenen Körper neu kennen lernen. Das nimmt viel Zeit in Anspruch und kostet Kraft.

Das Prothesenlogo

Bei einem Cafebesuch ist mir nach einer Weile ein neongelbes Plakat aufgefallen, auf dem eine klassische Prothese abgebildet war. Wie bei Hermes, dem Götterboten, befanden sich zwei kleine Flügel am Oberschenkelschaft der Prothese. Die Prothese kann wohl noch mehr.

Sport

Die Prothese im Sport erlangt immer mehr Aufmerksamkeit. sie wird immer ausgefeilter, die Prothese ist nicht mehr die Prothese im klassischen Sinne, sie ist ein Sportgerät. Der Umgang mit ihr ist wie der mit einem Sportgerät, im Hochleistungssport sieht sie der "normalen" Prothese nicht mehr ähnlich. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Funktion, die Identität wird über den Versuch zu Siegen erreicht und nicht über die Ästhetik.

Behindertensport

Behindertensport ist nicht nur Sport für und von Behinderten, sondern auch behinderter Sport. Menschen versuchen eine Sportart auszuüben, die nicht ihrer Natur entspricht und das sieht "behindert" aus. Behindertenbasketball zum Beispiel, eine Sportart wie geschaffen für den Rollstuhlfahrer- Anstatt eine Sportart zu entwickeln, für die der Rollstuhlfahrer wie geschaffen ist!

Farbigkeit

In der Orthopädie war die Farbe bis vor fünf Jahren ein absolutes Fremdwort. Die einzig existierende Farbe hieß "Fleischfarben" with a touch of white. In den letzten paar Jahren hat sich etwas getan: Der Einzug der Farbe in die Orthopädie. Bei den Kindern hat man angefangen, Nachtlagerungsschienen aus farbigem Polyethylen herzustellen. Daraufhin folgten Geh-Orthesen bis hin zu den Prothesen, also von temporären Benutzern zu lebenslänglichen Trägern. Im letzten Fall ist es in erster Linie keine Geschmackssache, sondern ein Bekenntnis: Ich stehe zu meiner Prothese und noch mehr, ich mache darauf aufmerksam. Was den Erfolg haben soll. dass die Leute nicht den Menschen anglotzen, sondern die Erscheinung der Prothese betrachten und das Handicap außen vor lassen.

Persönliches Beispiel

Das Segelboot nähert sich im Pulk der Regatta dem Ufer, alles scheint normal zu sein. Bis auf den sehr langen Namen am Bug: "Guck mal Mama, mit nur einem Arm", heißt das Boot. Im Laser, zu dessen Beherrschung zwei Hände notwendig sind, sitzt ein Mann mit nur einem Arm. Er setzt sich einfach darüber hinweg, die Akzeptanz der anderen wird vorausgesetzt, er akzeptiert sie durch sein gleichberechtigtes Auftreten und durch die gleiche Bewertung.

Kopie des Originals

Es ist nicht möglich, die Identität über Funktion oder Ästhetik beim Versuch der Kopie zu erlangen, obwohl viele Menschen an diesem Ziel arbeiten und es nie erreichen werden. Der Betrachter kann vielleicht getäuscht werden, der Prothesenträger, der zwangsläufig 24 h mit dem Ersatzteil beschäftigt ist, kann nicht getäuscht werden. Er muss sich damit abfinden, und den Rest seines Lebens mit dieser Situation angefreundet haben. Darum geht es, um ein positives Auskommen mit dem Schmuckglied. Es ist nicht möglich. dass die Prothese ein Teil von einem wird und der Versuch, dies über eine Kopie zu erreichen, wird misslingen.

Symmetrie des Körpers

Symmetrie des Geistes

Symmetrie zwischen Geist und Körper

Das Bestreben ist es, ein Gleichgewicht zwischen Körper-Ich und Körper-Bild herzustellen. In welchen Zusammenhängen stehen die drei oben genannten Symmetrien- Meiner Meinung nach können sie einerseits voneinander abhängig sein, aber auch unabhängig voneinander bestehen. Bildlich gesehen kann ein einzelner Leberfleck, der sich auf der rechten Schulter befindet, das körperliche Gleichgewicht stören, ohne dass es Einfluss auf das physische hat. Es hängt davon ab, wie viel Wichtigkeit man diesem Leberfleck beimisst, im Extremfall entfernt man diesen. So ist die Symmetrie wieder hergestellt. Andere "handycaps" sind nicht so einfach zu beseitigen, wie zum Beispiel die Körpergröße, fühlt man sich zu klein und möchte dies ändern, ist das nur temporär, durch Einlagen, Absätze oder gar Stelzen möglich. So kann der Eindruck von Größe für den Betrachter vermittelt werden, in diesem Falle bleibt nur der Unwissende unwissend.

... die gläserne Werkstatt

Der zukünftige Prothesenträger wird vom Orthopädiemechaniker an die Hand genommen und hat die Möglichkeit, den Bau seiner Prothese zu begleiten. Ihm werden die einzelnen Schritte beim Bau der Prothese erklärt. Er sieht, wie eine Prothese gebaut wird und damit ist sie für den Prothesenträger etwas verständlicher und nahbarer. Er kann auch dem Orthopädiemechaniker seine eigenen Vorschläge unterbreiten. so dass dieser sie in die Realität umsetzen kann. Die sonst verschlossene Werkstatt öffnet ihre Türen.

Die Prothese als ...

... Rollthese, Telethese, Skithese, Schlittthese, Schwimmthese, Tauchthese, Springthese...

Eine Funktion, die der Fuß nur als Kompromiss erfüllt. wird fokussiert und perfektioniert. Anstelle des Fußes wird dem Prothesenträger ein Spezialprodukt angepasst und erhält dadurch im fokussierten Bereich Vorteile.

sichtbar/unsichtbar/hypersichtbar

Der Versuch, die Prothese unsichtbar fleischfarben erscheinen zu lassen, kann nur misslingen, da es sie gibt. Also ist sie sichtbar. Sichtbar allein ist uninteressant, sie wird hypersichtbar, wird zu einem Statement, zum eigenen Markenzeichen.

Mario Wolf

Vor ein paar Wochen rief mich Andreas aus der orthopädischen Werkstatt des OHH an. Er sagte mir, dass er jemand kennen würde, der seine Diplomarbeit schreiben wird und für sein gewähltes Thema jemanden bräuchte, der eine Prothese trägt und grundsätzlich an einer Projektteilnahme interessiert wäre. Ich sagte Andreas. Dass ich grundsätzlich interessiert wäre. Nach diesem Anruf überlegte ich erst mal eine Weile, um was für ein Thema es überhaupt gehen könnte. Ich musste die Überlegungen jedoch aufgeben, da ich keine Ahnung hatte, was für ein Thema man für ein Diplomthema wählen müsste oder könnte. Also wartete ich auf den Anruf von diesem jemand, der Tim heißt, wie sich herausstellte. Als Tim mich anrief, erklärte er mir erst einmal kurz, um was es überhaupt geht. Da ich die Idee, die Tim hatte, interessant fand und ich auch grundsätzlich interessiert war, erklärte ich mich mit einem Treffen einverstanden, bei dem er mir das Thema der Diplomarbeit noch einmal genau erklären könnte und mir Stephan, seinen Freund und Helfer, vorstellen kann. Im Gespräch kam heraus, dass die Prothese nicht mehr als Beinersatz gesehen werden soll, sondern dass die Prothese etwas persönliches bekommt. Ich war von dieser (seiner) Idee begeistert, nicht weil ich so etwas noch nie gehört habe. sondern weil ich schon einmal daran gedacht habe, die Prothese irgendwie zu verändern, damit sie auch für etwas anderes zu gebrauchen ist. Natürlich benutze ich die Prothese nicht nur zum Laufen. Ich habe in Österreich mit der Prothese auch schon einen Baum gefällt, aber dafür wird sie normalerweise nicht gebraucht. ...Man könnte auch eine Prothese mit Rollen anstatt einem Fuß bauen. Von dieser ldee war ich erst nicht so begeistert, weil ich nicht wusste, ob ich die Kräfte, die dabei auf den Stumpf wirken. aushalten oder ausgleichen könnte. Wir, das heißt Tim, Stephan und ich, haben uns jedoch darauf geeinigt, dass man diese Idee mal ausprobieren könnte. So ist die Rollthese entstanden. Sie soll nicht aussehen wie ein Bein und hat auch einen anderen Aufgabenbereich. Ich bin froh. dass wir diese Idee verwirklichen konnten, denn es macht viel Spaß mit ihr zu "laufen" und zweitens sieht sie auch spitzenmäßig aus.

Tim Brauns Arbeit wurde bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet, etwa mit dem Ersten Internationalen Audi Design Förderpreis. Aus: OUTRUN, Nr. 1, 2000, S. 43 - 47

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