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Tatjana Flade: Zum Lernen nach Marburg: Bundesweit einziges Voll-Gymnasium für Blinde - Unterrichtsmaterial selbst entwickelt

Der 14 Jahre alte Lutz hackt wie ein Profi auf seine Schreibmaschine ein, dann fährt er mit den Fingern über sein Blatt und liest vor, was er geschrieben hat. Für Außenstehende bleibt das Blatt rätselhaft, denn Lutz schreibt auf einer Punktschriftmaschine in Blindenschrift. Der stark sehbehinderte Junge ist Schüler am bundesweit einzigen Voll- Gymnasium für Blinde und Sehbehinderte in Marburg.

Lutz kommt aus Bremen - viele der Schüler stammen aus anderen Städten und sogar aus dem Ausland. "Es gibt anderswo eigentlich keine vergleichbare Einrichtung", sagt der Blindenpädagogische Koordinator der Blindenstudienanstalt, Volker Hahn. Nur in der Nähe von Berlin sei eine ähnliche Schule angesiedelt - noch aus DDR-Zeiten.

Seit einem Jahr nimmt die Carl-Strehl-Schule auch Fünftklässler auf, früher war sie ein Aufbaugymnasium ab Klasse sieben. "Bis dahin waren die Kinder auf anderen Schulen, und der Wechsel auf ein Regelgymnasium war oft sehr schwierig", erläutert Hahn. "Die Eltern wollten auch, dass ihre Kinder gleich auf ein Gymnasium gehen können und dass diese Lücke geschlossen wird." Anfängliche Bedenken, dass die jüngeren Kinder, die ja auch oft von weit her kommen, unter Heimweh leiden oder mit dem Internatsleben nicht zurechtkommen, stellten sich rasch als unbegründet heraus.

Biologie-Unterricht zum Anfassen in der Klasse 6 a: Olga lässt behutsam die Getreidekörner durch die Finger gleiten, und Tobias zermalmt eifrig Roggen in einem Mörser. Zusammen mit ihren Klassenkameraden fingen das sehbehinderte Mädchen und der von Geburt an blinde Junge vor etwas mehr als einem Jahr als erste Fünftklässler in Marburg an. Vorher besuchten die Kinder Schulen für Sehbehinderte oder den integrativen Unterricht an Regelschulen. Der zwölf Jahre alte Tobias aus Frankenberg vermisst seine frühere Schule nicht. "Die haben mich da manchmal geärgert und he, du Blinder gerufen", sagt er.

Mitschüler Dennis aus Niedersachsen besuchte auch eine Regelschule. "Ich musste mir oft meine Vergrößerungen selbst besorgen, weil die Lehrer es immer wieder vergaßen. Und eine Lehrerin nahm mir sogar mal die Lupe weg, weil sie dachte, ich spiele nur damit", berichtet der lebhafte Zwölfjährige.

Für den Blindenpädagogen Hahn sind Geschichten wie die von Dennis ein Zeichen, dass der integrative Unterricht oft nicht mehr funktioniert. "Die Rahmenbedingungen stimmen nicht", kritisiert er.

"Erfahrungen vermitteln"

Es fehle an der sonderpädagogischen Zusatzbetreuung, der Versorgung mit speziellen Medien für die behinderten Kinder, an überschaubaren Klassen. "Dann scheitern die Schüler oft." Grund für die Einschränkungen sind nach Hahns Ansicht oft Sparmaßnahmen. In vielen Sehbehinderten-Schulen wiederum würden oft auch Schüler mit Lern- oder geistigen Behinderungen mit unterrichtet - "das macht es für die Begabten schwerer", meint der Sprecher der Studienanstalt, Rudi Ullrich.

Die Marburger sind stolz darauf, viele Unterrichtsmaterialien selbst zu entwickeln. Zum Beispiel gibt es einen Relief- Globus, auf dem sich die Erdteile ertasten lassen. Sehbehinderte Kinder arbeiten mit Lesegeräten, die Buchstaben um ein Vielfaches vergrößern und auch mit den Punktschriftmaschinen. Im Sport-Unterricht rollen auch die blinden Schüler mal auf Skateboards durch die Halle oder ziehen Rollschuhe an. "Wir wollen den Kindern Erfahrungen geben, damit sie mitreden können", sagt Ullrich.

Für die behinderten Kinder ist der Schulbesuch in Marburg ein großer Schritt in die Selbständigkeit. "Manche sind total überbehütet und haben keinerlei Körpererfahrung", beobachtet Ullrich. Auch die Eltern müssen mit der Trennung und der Veränderung fertig werden. "Für die Eltern und Geschwister ist es schwer, sein Kind abzugeben - aber man sollte vorwiegend die Zukunft und Chance des Kindes im Auge haben", sagt eine Mutter. (Aus: Oberhessische Zeitung, Zeitung für Alsfeld und den Vogelsbergkreis vom 10. Januar 1999)

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