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Viele Internetseiten und das WWW sind so sehr auf optische Wahrnehmung ausgerichtet, dass Blinde und Sehbehinderte von der Benutzung schnell ausgeschlossen werden. Dabei könnten Web- Designer die Zugangsbarrieren mit nur geringem Aufwand beseitigen.
Das Internet gibt Blinden und stark Sehbehinderten ein Stück mehr Selbstständigkeit und hilft ihnen, in der Informationsgesellschaft nicht ins soziale Abseits zu rutschen. Im Web können sie ohne Umwege und ohne fremde Hilfe auf Informationen und Dienstleistungen zugreifen. Das gilt sowohl für den Beruf, noch mehr aber für die Freizeit, wo sie sich per E-Mail, Homepage und in Diskussionsforen äußern und auf die Außenwelt zugehen können.
In Deutschland gibt es rund 155.000 Blinde und 500.000 hochgradig Sehbehinderte. Etwa jeder dritte erwerbsfähige Blinde ist berufstätig. Neben traditionellen Blindenberufen wie Telefonist, Schreibkraft, Masseur oder Physiotherapeut engagieren sich immer mehr Betroffene in Bereichen wie EDV, Informatik, Sozialarbeit, Lehre oder Jura. Blinde und stark Sehbehinderte brauchen jedoch spezielle Hard- und Software, um die Zeichen auf einem Bildschirm erkennen zu können. Sie interagieren mit dem PC über eine synthetische Sprachausgabe in Verbindung mit einer speziellen Software, dem sogenannten Screen Reader, der den Bildschirmtext vorliest, sowie einer Blindenschriftzeile (Brillezeile) oder einem Vergrößerungssystem für stark Sehbehinderte. Die Anschaffung der Hardware ist zum Teil sehr teuer, aber sie funktioniert.
Weitaus problematischer ist die Gestaltung der Software und der Webseiten. Screenreader können nur reine Textzeichen erkennen, die auf dem standardisierten Computerzeichensatz ASCII basieren. "Es gibt noch kein System, das Grafiken und Bilder für Blinde interpretieren könnte", erklärt Karsten Warnke, Leiter des Gemeinsamen Fachausschusses für Informations- und Telekommunikationssysteme der Blinden- und Sehbehinderten-Selbsthilfeorganisationen Deutschlands. Auch Websites mit Frames und Spalten stellen ein Problem dar. Schon eine grafische Benutzeroberfläche wie Windows können Blinde und Sehbehinderte nur mit Hilfe von aufwändigen Zusatzprogrammen, so genannten Brückenprogrammen, bedienen. Aus diesem Grund arbeiteten Blinde und Sehbehinderte bislang vorzugsweise mit DOS-Programmen und Internetbrowsern wie dem zeilenorientierten Lynx. Trotzdem sollten "Blinde und Sehbehinderte als erstes von DOS auf Windows umsteigen und behindertenbezogene Hardware anschaffen. Erst dann kann man auch die neue Software-Infrastruktur nutzen", erklärt Matthias Hänel. Der Datenverarbeitungskaufmann ist selbst blind und engagiert sich, seine Leidensgenossen ans Internet heranzuführen.
Um die Vorteile der neuen Medien nutzen zu können, müssen etliche technische Tücken überwunden werden. Viele Programme sind nicht in ausreichendem Maße oder zum Teil gar nicht mehr über die Tastatur zu bedienen, Brückenprogramme arbeiten mit den herkömmlichen Windows-Programmen nicht immer zufrieden stellend zusammen. Das Surfen und Navigieren ist unter anderem deshalb so kompliziert, weil sich immer nur ein Bildschirmausschnitt von einer Zeile mit 20 bis maximal 80 Zeichen (je nach Größe der Braille-Zeile) darstellen lässt beziehungsweise ein Großbildausschnitt von vielleicht nur drei Zeilen Ó 12 Zeichen auf den Bildschirm passt. Zudem werden die Informationen auf Websites im WWW vor allem grafisch vermittelt. Doch Informationen, die nicht in reine Textform verwandelt werden können, sind für Blinde verloren. "Hinzu kommt oft die verwirrende Gestaltung der Internet-Seiten, bei denen selbst Nichtbehinderte Augenschmerzen bekommen," meint Warnke.
"Grafiken sind mittlerweile das wichtigste Bedienelement im Web", glaubt Matthias Hänel. "Wenn ich beispielsweise von einem bundesweiten Dienstleistungsanbieter einen regionalen Ansprechpartner herausfinden möchte, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder ich erhalte die gewünschte Information, nachdem ich meine Postleitzahl in ein Feld eingetragen habe. Oder auf dem Bildschirm erscheint eine Deutschlandkarte, auf der ich meine Region heraussuchen müsste - und da müssen Blinde eben passen."
"Ein weiteres Problem ist die Verfolgung von Hyperlinks", kritisiert Warnke. Ist ein Link in einem Bild versteckt und dieses nicht mit einem begleitenden Alternativtext versehen, kann der Screenreader den Link nicht wahrnehmen. Auf der Braille-Zeile sind Hyperlinks durch zusätzliche Punktkombinationen erkennbar, Hyperlinks als Grafiksymbol ohne Textunterlage bleiben dagegen verborgen. Doch das alleinige Dasein von ALT-Texten nützt oft wenig - beispielsweise wenn der Benutzer bei der Ansage des Screenreaders zehnmal "hier klicken" zu hören bekommt.
Neben Blinden können auch andere körperbehinderte Menschen die Maus nicht so genau auf dem Bildschirm positionieren. Beim Aufbau einer Website sollte man deshalb darauf achten, dass Links nicht zu dicht nebeneinander liegen. Ein Screenreader kann innerhalb einer Zeile stehende Punkte schlechter unterscheiden als Punkte, die untereinander in einer Spalte liegen.
Ein Grundproblem liegt in der gegenwärtigen Nutzung des Internet: Je schneller die Übertragungsgeschwindigkeiten sind, desto grafischer werden die Websites. Dies wollen auch die Blindenvertreter nicht verhindern. "Blinde und sehbehinderte Menschen fordern aber, dass die Anbieter auch bei zukünftigen Programmen einen Textmodus als Alternative beibehalten", erklärt Warnke und befürchtet, dass dies ohne Unterstützung des Gesetzgebers nicht möglich sein wird. "Angenehm sind Suchmaschinen wie Altavista oder Fireball, die auch eine Text- only-Suche anbieten. Allerdings darf man sich hier nichts vormachen: Das ist mitnichten speziell für Sehbehinderte gedacht, sondern lediglich auf Geschwindigkeit optimiert", meint Matthias Hänel.
"Eine Webseite behindertengerecht zu gestalten ist wie die Gestaltung eines behindertengerechten Gebäudes. Es sind nicht die fehlenden Möglichkeiten, die eine solche Gestaltung verhindern, sondern die fehlende Berücksichtigung von Behindertenbedürfnissen während der Entwicklungsphase", mahnt Jan Eric Hellbusch auf der Homepage von Matthias Hänel. Das zeigt sich auch im Alltag, wo Blinde und stark Sehbehinderte "der betont visuell ausgerichteten Gesellschaft begegnen", so Warnke. Besonders problematisch sind Geräte wie Fahrkarten- und Geldautomaten oder Informationsterminals. Diese werden über ein Display gesteuert, sind aber nur selten mit Sprachausgabe ausgerüstet.
Für besonders behindertengerechte Sites hat sich im Web bereits ein Symbol durchgesetzt: das Web Access Symbol (www.wgbh.org/wgbh/pages/ncam). Es ziert Websites, die als Alternative auch eine Textversion anbieten. "Bobby" (http://www.cast.org/bobby) analysiert dagegen auch grafisch orientierte Websites auf deren behindertengerechte Gestaltung. Das W3-Konsortium (W3C, www.w3c.org), zuständig für die Koordination der Webseiten-Programmierung, hat bereits 1997 eine Initiative für den allgemeinen Zugang insbesondere für Behinderte gestartet (WAI). Im Mai 1999 wurden neue Richtlinien beschlossen inklusive einer Checkliste für Webdesigner, wie Sites auch für Behinderte zugänglich werden.
Die Blindenlobby schreckt auch nicht vor juristischen Maßnahmen zurück. So hat der US-Blindenverband "National Federation of the Blind" gegen den Onlinedienst AOL eine Klage angestrengt: Weil dessen Software nicht mit der herkömmlichen Brückensoftware zusammenarbeite und so das Navigieren durch das Web unmöglich mache, schließe der weltweit größte Onlinedienst Sehbehinderte aus. Die Richter sollen nun klären, ob bei Online-Angeboten ähnlich wie bei öffentlichen Gebäuden eine Verpflichtung besteht, Behinderten eine Zugangsmöglichkeit zu schaffen.
Dabei ist sich AOL der Problematik bewusst: In den USA arbeitet bereits seit einigen Monaten ein Team aus AOL- Spezialisten und einer US-Blindenorganisation (nicht die klagende) an einer Softwarelösung für den AOL-Client; diese soll zusammen mit der AOL-Zugangssoftware 6.0 erscheinen. Eine textliche Alternative zu den mehreren tausend grafisch aufbereiteten AOL-Seiten sei nicht praktikabel und per Plugin lasse sich die Gestaltung technisch nicht realisieren. Deshalb soll der Anwender die Grafikversion ansehen oder alternativ eine Art "Grafikfilter" einschalten - an der vorwiegend grafischen Ausrichtung von AOL wird sich also nichts ändern.
Interview mit Karsten Warnke, Leiter des Gemeinsamen Fachausschusses für Informations- und Telekommunikationssysteme der Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfeorganisationen Deutschlands.
c't: Herr Warnke, der US-Blindenverband hat mit seiner Klage gegen AOL ein Thema auf den Tisch gebracht, das schon lange im Raum schwebte. Ist die Frage, ob Blinde und Sehbehinderte in der Informationsgesellschaft ausgegrenzt werden, nicht symbolisch für unser heutiges verklemmtes Verständnis vom Umgang mit Behinderten-
Warnke: Eine Verbandsklage gegen einen Internetprovider oder - anbieter ist einer der letzten Schritte auf dem Weg, die berechtigten Interessen am gleichberechtigten Zugang behinderter Menschen zu Informationen durchzusetzen. In Deutschland fehlen hierfür leider die gesetzlichen Grundlagen. Allerdings haben wir des Öfteren von der Gesetzgebung und von Gerichtsurteilen in den USA profitieren können.
Solange Behinderte und ihre Selbsthilfeorganisationen immer wieder Informations- und Überzeugungsarbeit leisten müssen, damit Barrieren fallen und keine neuen entstehen, solange ist die Gefahr noch nicht gebannt, dass Behinderte in der Informationsgesellschaft ausgegrenzt werden. Meiner Erfahrung nach ist es aber kein böser Wille, wenn Webmaster Internetseiten nicht blinden- und sehbehindertenfreundlich gestalten. In den meisten Fällen handelt es sich um Unwissenheit, manchmal jedoch auch um Angst vor zusätzlichem Aufwand.
c't: Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) setzt mehr auf den Gesetzgeber. Wie weit ist es mit Ihrem Gesetzentwurf gediehen-
Warnke: Leider kamen wir mit unserem Gesetzentwurf etwas zu spät, das Telekommunikationsgesetz befand sich bereits in der dritten Lesung. Die Aktion war dennoch eine gute Erfahrung für uns: Wir haben unsere Vorstellungen von einem geregelten Zugang für Behinderte zu Papier gebracht, und dieses Papier dient uns nun weiterhin als Diskussionsgrundlage für die zahlreichen Aktivitäten für Gleichstellungsgesetze auf Landes- und Bundesebene.
c't: Das Zusammenspiel von Brückensoftware und den Internet- Browsern beziehungsweise Websites ist nach wie vor problematisch. Wo liegen Ihrer Meinung nach die größten Schwierigkeiten für Blinde beim Internetzugriff-
Warnke: Inzwischen verfügen einige Screenreader (Brückensoftware) über Tools, die es uns ermöglichen, einigermaßen mit Frames und Textspalten umgehen zu können. Das größte Hindernis sind Grafiken, Bilder, Animation und Java- Applets. Oft sind es Grafiklinks, die uns das Surfen im Internet unmöglich machen. Dabei ist es ganz einfach: Jede Information muss auch textbasiert erhältlich sein.
c't: Für behindertengerechte Websites hat sich inzwischen ein eigenes Symbol etabliert. Meinen Sie, dass Webdesigner und deren Auftraggeber diesem einen Wert zumessen-
Warnke: Das hängt natürlich davon ab, welches Selbstverständnis ein Anbieter hat und ob er sich von der Präsentation des Symbols eine positive Imagewirkung verspricht. So wie ein "Öko-Siegel" Kunden anlockt, könnte eines Tages auch das Web-Access-Symbol die Entscheidung für den Besuch eines Internetangebots beeinflussen.
c't: Gehen wir in die Praxis: Der PC hat in den 80ern vielen Sehbehinderten eine Möglichkeit eröffnet, aktiv ins Berufsleben einzusteigen. Wie wird das Internet die Berufschancen von Blinden zukünftig beeinflussen-
Warnke: Insgesamt stellt sich die technologische Entwicklung für Blinde und Sehbehinderte sehr unterschiedlich und widersprüchlich dar. Theoretisch werden uns zwar neue Tätigkeitsfelder eröffnet, aber spezielle PC-Anwendungen müssen erst mit größtem Aufwand an unsere Hilfsmittel angepasst werden. Unüberwindbar scheinen in der derzeitigen gesellschaftlichen Situation dennoch nicht die technischen Barrieren, sondern die Menschen selbst. Wenn in den Betrieben und Verwaltungen nur noch an Budgets und Zielvereinbarungen und die damit verbundenen Prämien gedacht wird, ist kein Raum für einen Behinderten, für den es keine besondere Kostenstelle gibt.
c't: Wie groß schätzen Sie die Bereitschaft von Gesellschaft und Wirtschaft ein, die Belange von Behinderten im Web zu berücksichtigen-
Warnke: Seitdem der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband das Thema "Blinde und Sehbehinderte in der Multimediagesellschaft" öffentlich gemacht hat, vergeht kein Monat, in dem es nicht Gespräche mit Anbietern und Webmastern gibt, wie Internetangebote zugänglicher gestaltet werden können. Die Bereitschaft wächst mit der vorhandenen Information. Auch wenn wir es nicht mit einer Massenerscheinung zu tun haben, stellt das meines Erachtens bereits einen Erfolg dar. Leider haben wir nicht die materiellen Möglichkeiten, hier die tatsächlich nötige und dem Thema angemessene Lobbyarbeit zu leisten.
c't: Welche besonderen Fähigkeiten werden Blinde und stark Sehbehinderte in der Informationsgesellschaft neu erlernen müssen.
Warnke: Was Blinde und Sehbehinderte schon seit langem beherrschen mussten, ist der Umgang mit unterschiedlichen Medien, also speziellen Hilfsmitteln: von optischen Hilfen über den Kassettenrecorder bis hin zum PC mit Sprachausgabe, Bildvergrößerung oder Blindenschriftzeile. Das Ziel muss nun ein an die individuellen Fähigkeiten angepasster Medienmix sein, der insbesondere unsere speziellen Hilfsmittel und die so genannten neuen Medien mit einbezieht.
c't: Sie sagen "Die Kommunikation mittels vernetzter Computer stellt eine besondere Herausforderung für visuell benachteiligte Menschen dar". Mit was würden Sie das bei einem normal Sehenden vergleichen.
Warnke: Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Vielleicht ist die Weltraumfahrt eine vergleichbare Herausforderung, wenn man bedenkt, dass Blinde und Sehbehinderte den Windows-Bildschirm hoch konzentriert mit sehr viel Hightech erforschen und oftmals in für sie noch "unerreichte" Regionen zeilenweise vorstoßen.
c't: Das W3-Konsortium hat mit der WAI bereits 1997 eine Initiative für den allgemeinen Zugang insbesondere für Behinderte gestartet. Was hat das gebracht-
Warnke: Diese Initiative hat uns erst einmal selbst geholfen. Sie hat uns das Know-how an die Hand gegeben, Gespräche mit Webdesignern zu führen, um in Einzelfällen eine Änderung ihrer Webseiten zu erreichen. Die einschlägige Literatur zur HTML- Einführung beinhaltet Hinweise zu den Standards des W3- Konsortiums. Professionelle Webmaster halten sich in der Regel an diese Vorgaben. Das jetzt gültige HTML 4 sieht ja sogar spezielle Style-Sheets für Sprachausgaben und Brailledisplays vor. Es bleibt nur zu hoffen, dass die Weiterentwicklung und das Aufkommen neuer Standards wie beispielsweise WAP für Handys die Belange von behinderten Menschen weiterhin berücksichtigen.
c't: Herr Warnke, wir danken Ihnen für das Gespräch. (Aus: c"t 2000, Heft 3, 200-203)
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