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Gerd Willumeit: Die blindenfreundliche Gestaltung von zentralen Verkehrsräumen in Gießen

Am 02.12.1999 trafen sich Vertreter der unten genannten Institutionen, um die Möglichkeiten einer zukünftigen Zusammenarbeit für die blindenfreundliche Gestaltung von zentralen Gießener Kreuzungen, Bushaltestellen und Fahrradwegen zu erörtern. An dem ca. 90 Minuten dauernden Austausch von Informationen und Argumenten nahmen teil:

- Frau Schneider - die persönliche Referentin des Oberbürgermeisters

- Herr Bayer - der Koordinator für Verkehrsangelegenheiten im Dezernat für Umwelt und Stadtplanung

- Frau Rauber und Herr Flöter vom Gießener Tiefbauamt

- Herr Hainmüller - Behindertenbeauftragter der Stadt und des Landkreises

- Herr Schreiber vom Blindenbund in Hessen e.V. (BBH)

- Frau Wöhrle und Herr Willumeit von der Deutschen Blindenstudienanstalt e.V. (Blista), Abt. Rehabilitationseinrichtung für Blinde und Sehbehinderte (RES).

Die ursprüngliche Initiative für eine überregionale und von drei verschiedenen Institutionen getragene Kooperation ging von Frau und Herrn Schreiber, Mitglieder des Blindenbundes in Hessen (BBH), aus. Sie baten Herrn Willumeit, als Rehabilitationslehrer für Orientierung und Mobilität im Sinne einer blindenfreundlichen Gestaltung von komplexen und zentralen Gießener Kreuzungen tätig zu werden.

Herr Willumeit unterrichtete 1995 Frau Schreiber in Orientierung und Mobilität (O&M). Die Erfahrungen während dieser Arbeit motivierten ihn, sich zu engagieren und dem Anliegen der Mitglieder des BBH so weit wie möglich zu entsprechen. Während des mehrwöchigen O&M-Unterrichts in Gießen erfuhren Frau Schreiber und Herr Willumeit aus der Perspektive blinder Verkehrsteilnehmer die Widrigkeiten innerstädtischer Mobilitätsbedingungen in zum Teil sehr nachteiliger Weise. Zu stark abgeflachte Bordsteinkanten, ungünstig positionierte Ampelpfosten, fehlende blindenspezifische Signalgeber und andere negative Umstände an komplexen Kreuzungen behinderten die Unterrichtung in O&M nachhaltig.

Das wichtigste gemeinsame Interesse bestand damals und besteht nach wie vor darin, mittels langfristiger Kooperation mit den zuständigen Behörden der Stadt Gießen die Gestaltung von komplexen zentralen Gießener Kreuzungen mitbestimmen zu können. Baumaßnahmen, die die Mobilität blinder Verkehrsteilnehmer beträchtlich einschränken, sollten in Zukunft nicht mehr realisiert werden. Für die schon verwirklichten, nachteiligen Bedingungen an komplexen Kreuzungen galt es, den "Planern und Praktikern" die Notwendigkeiten und Möglichkeiten der blindenfreundlichen Umgestaltung plausibel zu machen.

Allgemeine Hinweise auf die speziellen Normen und Richtlinien zur blindengerechten Gestaltung erschienen unzureichend. Stattdessen sollten konkrete und realisierbare Empfehlungen für die unterschiedlichen Überquerungsbereiche der komplexen Kreuzungen erarbeitet und in engagierter Form zum Ausdruck gebracht werden. Letztendlich ging es und geht es um detaillierte Empfehlungen, die in eine Realisierung von planerischen, technischen und handwerklichen Baumaßnahmen münden. Vor diesem Hintergrund sollte die Erarbeitung einer Stellungnahme, mithin die Dokumentation und Untersuchung von sieben komplexen Kreuzungen des Gießener Innenstadtrings, erfolgen.

Um eine empirisch fundierte Analyse der Verkehrssituation zu ermöglichen, wurde ein vierseitiger Fragebogen mit ca. 40 Fragen entworfen. Die Fragen berücksichtigten insbesondere jene Aspekte, die für eine sichere und orientierte Überquerung durch blinde Fußgänger an autobahnähnlichen, weil vier- bis sechsspurigen Straßen, relevant sind. Essentielle Kriterien einer nicht visuell kontrollierten Orientierung und Mobilität - die Position und die Ausstattung der Ampelpfosten mit taktilen und akustischen Signalgebern, die Weite, Höhe und Lage der Bordsteinabflachungen, die taktilen Differenzierungsmöglichkeiten der Bodenbeläge - standen in Zentrum der Stellungnahme. Auch Straßeninseln, Barrieren, akustische Umweltbedingungen, Fahrradwege, Fahrbahnschwellen und andere Gegebenheiten mussten berücksichtigt werden, da sie blinde Verkehrsteilnehmer unter Umständen stark beeinträchtigen.

Gestützt auf eine zusätzliche Bilddokumentation - jeder Überquerungsbereich wurde aus den beiden Überquerungs- bzw. Beobachtungsperspektiven fotografiert - konnte eine Analyse und Bewertung der Verkehrssituation an den Kreuzungen stattfinden. In Kooperation mit erfahrenen Rehabilitationslehrern der RES führte die Auswertung des Datenmaterials schließlich zu speziellen, auf die einzelnen Kreuzungen ausgelegten Empfehlungen einer blindenfreundlichen Gestaltung. Diese befürworten nachdrücklich die (zusätzliche) Installation akustischer Signalgeber und die bessere Positionierung der Signalgebermasten. Die Erhöhung von Bordsteinkanten sowie die Schaffung von Oberflächenstrukturen, die mit dem Langstock eindeutig zu ertasten sind, haben ebenfalls einen zentralen Stellenwert.

Unter Leitung von Herrn Willumeit entstand eine ca. 70 Seiten umfassende Stellungnahme. Sie trägt den Titel: "Beobachtungen, Analysen und Empfehlungen - eine Stellungnahme zur blindenfreundlichen Gestaltung von zentralen Gießener Kreuzungen, Fahrradwegen und Bushaltestellen". Von besonderer Bedeutung ist, dass die in der Stellungnahme dokumentierten Veränderungshinweise für eine blindenfreundliche Gestaltung der komplexen Kreuzungen zunächst in Kooperation von zwei unterschiedlichen Organisationen entstand. Es beteiligten sich von Seiten des BBH neben dem Ehepaar Schreiber auch Frau Jänisch und Herr Beckes. In der RES unterstützten die Arbeit Frau Wöhrle, Herr Nagel und Frau Czieslik.

Mit Berücksichtigung der kooperativen Arbeitsgrundlage sind nicht ausschließlich "Beobachtungen, Analysen und Empfehlungen zu zentralen Gießener Kreuzungen" dargestellt. Kapitel VI. bringt die "Zusammenfassung und Erörterung der Diskussion der Bezirksgruppe des Hessischen Blindenbundes mit Rehabilitationslehrern der Deutschen Blindenstudienanstalt". Die Zusammenarbeit mit vor Ort lebenden und mobilen blinden Verkehrsteilnehmern sollte sicherstellen, dass nur gemeinsam befürwortete Empfehlungen zur blindenfreundlichen Verkehrsraumgestaltung ausgesprochen werden.

Für interessierte, jedoch nicht ortskundige Leser nimmt die Stellungnahme Rücksicht auf Verständlichkeit und Nachvollziehbarkeit. So ist Kapitel V. mit einer mehrseitigen Bilddokumentation versehen, die die kreuzungsspezifischen Aussagen optisch erläutert und belegt. Für interessierte Laien werden in Kapitel II. "Informationen zu Prinzipien und Zusatzeinrichtungen blindenspezifischer Orientierung und Mobilität" beschrieben. Zusätzlich sind in Kapitel III. "Fachbegriffe zur Orientierung und Mobilität blinder Verkehrsteilnehmer" erläutert. Im Mai 1999 wurde die Stellungnahme fertiggestellt und dem Ehepaar Schreiber - den Initiatoren von Seiten des BBH - ausgehändigt. Jene reichten die Stellungnahme bei der Bürgermeisterin der Stadt Gießen ein. Im November erfolgte eine Einladung zum gegenseitigen Informationsaustausch durch den Oberbürgermeister.

Am 02.12.1999 konnte ein weiterer wichtiger Schritt zur Realisierung der weit gesteckten Ziele einer blindenfreundlichen Gestaltung von zentralen Verkehrsräumen in Gießen gemacht werden. Das Zusammentreffen mit den oben genannten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Stadt Gießen bewirkte, dass explizit die Erweiterung und Intensivierung der Kooperation mit dem BBH und der RES in Aussicht gestellt wurde.

Die Empfehlungen für eine blindengerechte Gestaltung einer zentralen und sehr komplexen Bushaltestelle stehen aktuell im Mittelpunkt der Kooperation. Dort bietet sich ein erstes konkretes Projekt, mit dem eine innovative Zusammenarbeit von drei verschiedenen Institutionen realisiert werden soll. Diese Kooperationsentwicklung kann auch die Basis bilden, für die baldige Einbeziehung von BBH und RES in die Planung eines behindertengerechten "Mobilitäts- Netzes", das die Stadt Gießen in den nächsten Jahren verwirklichen will.

Erfreut und zufrieden waren die Mitglieder des BBH und der RES über die in diesem Zusammenhang erfolgte Aussage der obengenannten Vertreter der Stadt Gießen: Sie beabsichtigen, in mittel- und langfristiger Perspektive jene schon realisierten, für mobile Blinde nachteiligen Verkehrsbedingungen zurück zu bauen und zu einem Zustand zu führen, der sowohl blinden Passanten als auch vielen anderen Fußgängern zum Vorteil und Nutzen sein wird. Die Vertreter des BBH und der RES werden so bald wie möglich in die Planungen für das Mobilitäts-Netz einbezogen. Sie hoffen auf ein baldiges Gelingen der blindenfreundlichen Gestaltung von zentralen Verkehrsräumen in Gießen.

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