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Nach seinem Namen besteht der Deutsche Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS) nur aus Studierenden und Berufstätigen, wobei unter Berufstätigen solche in akademischen und verwandten Berufen zu verstehen sind. Demgemäß gliederte er sich zunächst nur in berufs- und ausbildungsbezogene Fachgruppen. Da aber Mitglieder, die in den Ruhestand traten, eigene Bedürfnisse erkannten und außerdem weiterhin im Verein eine Heimat behalten wollten und sollten, entstand im Jahre 1987 zusätzlich die Fachgruppe "Ruhestand". Mitglied kann in ihr auch werden, wer erst im Alter erblindet. Darüber hinaus will die Gruppe sehgeschädigten Senioren allgemein und unabhängig von ihrer Mitgliedschaft helfen, erfolgreich und kompetent älter zu werden und weiterhin ein erfülltes Leben zu führen.
Blindheit und Sehbehinderung im Alter als Gegenstand wissenschaftlicher Forschung wurden für uns im Laufe der Zeit ein Schwerpunkt unserer Bemühungen. Bereits 1990 und 1992 hörten wir in unseren Seminaren Vorträge des Heidelberger Gerontologen Prof. Dr. Andreas Kruse und diskutierten sie eingehend mit ihm. Das war der Beginn eines fruchtbaren Dialogs zwischen der Gerontologie und solchen blinden und sehbehinderten Senioren, die infolge ihrer sehr verschiedenartigen beruflichen Vergangenheit zu beurteilen und zu artikulieren vermochten, was ihnen tatsächlich fehlt und welche besonderen Bedürfnisse sie haben. Dieser Dialog, der auch zwischen unseren alljährlichen Seminaren mündlich und schriftlich fortgesetzt worden war, hat schließlich zu der eingangs genannten Konferenz geführt.
Unsere Seniorengruppe wollte diese Konferenz ursprünglich gemeinsam mit dem Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband und dem Bund der Kriegsblinden Deutschlands im Rahmen der Europäischen Blindenunion (EBU) durchführen. Nachdem sich dieser Plan zerschlagen hatte, konnte ich im Sommer 1998 neben neuen Sponsoren Herrn Prof. Dr. Hans-Werner Wahl vom Deutschen Zentrum für Alternsforschung an der Universität Heidelberg (DZFA) zum Organisationspartner gewinnen. Dadurch kamen - glücklicherweise - sehr viel stärker, als dies sonst der Fall gewesen sein würde, auch die Probleme der vielen Senioren in unser Blickfeld, die erst in vorgerücktem Alter erblinden oder sehbehindert werden. Dazu zitiere ich einige Sätze aus der Presseerklärung, mit der wir die Konferenz angekündigt hatten:
"Die meisten blinden und sehbehinderten Menschen in unserem Lande sind älter als 60 Jahre und von diesen sind ca. 90 % erst im fortgeschrittenen Erwachsenenalter blind bzw. sehbehindert geworden. Etwa jeder zehnte ältere Mensch jenseits von 60 Jahren ist selbst bei bestangepasster Brille nicht mehr in der Lage, normalen Zeitungsdruck zu lesen. Die Ursachen für das im Alter stark erhöhte Risiko eines Sehverlusts liegen vor allem in den folgenden Grunderkrankungen: Die degenerative Veränderung der Stelle des schärfsten Sehens auf dem Augenhintergrund (Retina), der sogenannten Macula, führt vor allem zu Ausfällen des zentralen Gesichtsfelds. Diese Erkrankung wird als altersabhängige Maculadegeneration bezeichnet und ist heute die häufigste Ursache für einen Verlust der zentralen Sehschärfe in allen Industrienationen. Trotz vieler neuer experimenteller Therapieansätze bestehen bislang kaum wirksame Verfahren. Eine bereits lange Zeit bestehende Zuckererkrankung (Diabetes) kann im Alter als Spätfolge zu einem erheblichen Verlust der Sehschärfe wie des Gesichtsfeldes bis hin zu Blindheit führen. Auch diese Spätfolgen sind heute nur teilbefriedigend einer erfolgversprechenden Behandlung zugänglich. Auch die krankhafte Erhöhung des Augeninnendrucks (sog. Glaukom) kann, vor allem bei nicht rechtzeitiger Behandlung, zu sehr schweren Seheinbußen führen. ... Wir wissen, dass der teilweise oder vollständige Verlust des Sehens im Alter nach einem "sehenden Leben" auch im Hinblick auf das Alltagsverhalten und -erleben nicht spurlos an älteren Menschen vorübergeht. ... Freizeitaktivitäten werden schwierig und deshalb sind depressive Reaktionen und eine negative Tönung der Zukunftsperspektive auch keine Seltenheit. Angehörige sind oft hin und her gerissen zwischen dem Impuls, Hilfe leisten zu wollen, und dem Impuls, trotz der Kompetenzverluste die verbliebene Autonomie soweit wie möglich zu unterstützen. Das Zusammentreffen von Alter und Sehverlust ist also mit Sicherheit ein gravierender Einschnitt im Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen, der an die Grenzen ihrer Bewältigungsfertigkeiten gehen kann. ..." Die meisten von uns, die wir schon in früheren Jahren erblindet sind, werden sich das nie so vergegenwärtigt haben. Darum zitiere ich es hier.
Anfang 1999 haben das DZFA und der DVBS an alle Mitgliedorganisationen der EBU und weltweit an Wissenschaftler und Praktiker einen "Call for Papers" mit zahlreichen Fragen gesandt, auf den hin - allerdings größtenteils aus dem Ausland bzw. größtenteils zu Problemen der Altersblindheit und - sehbehinderung - etwa 80 Vorträge angekündigt und bei der Konferenz in meist parallelen Sitzungen gehalten wurden. Zu dieser Konferenz, über die die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Frau Dr. Bergmann, die Schirmherrschaft übernommen hatte, konnte ich etwa 150 Teilnehmer aus etwa 25 Ländern begrüßen, darunter aus den USA, Kolumbien, Kenia, Indien, Sri Lanka, Australien und China, um nur die entferntesten zu nennen.
Aus unserer Seniorengruppe haben sich außer mir selbst Margot Michaelis und Dr. Joh.-Jürgen Meister mit Vorträgen eingebracht. Beide werden ihre Darlegungen - Frau Michaelis zur psychosozialen Situation blinder Seniorinnen und Dr. Meister über den Zugang zu und die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien für behinderte und ältere Menschen - demnächst selbst vorstellen. Ich kann mich deshalb auf eine kurze Beschreibung meiner eigenen Beiträge beschränken:
1. Ich habe die Notwendigkeit von Gedächtnistraining gerade für blinde und sehbehinderte Senioren und die Notwendigkeit begründet, Trainingsprogramme an ihre Möglichkeiten und Bedürfnisse an zu passen, und habe aufgezeigt, was insoweit in Deutschland geboten wird - in der Hoffnung, andere Mitgliedsorganisationen der EBU würden über Erfahrungen mit Gedächtnistraining in ihren jeweiligen Ländern gleichfalls berichten. Leider vergeblich. Dafür hatte Sonja Bernard, die kürzlich mit einer Arbeit über "Die Entwicklung und Evaluation eines Gedächtnistrainings für blinde Senioren auf Tonbandkassetten" in Erlangen promoviert hat, die Genugtuung, dass Sehende aus anderen Ländern, die ihren Vortrag hörten, sie anregten, ihr Material in deren Sprachen zu übersetzen. (Weitere Informationen hierzu finden Sie im horus 4/2000 unter der Rubrik "Bücher - Zeitschriften ... Anmerkung der Redaktion)
2. Ich hatte 1998 einen Fragebogen an alle damals bestehenden 28 deutschen Blindenaltenheime gesandt, um zu erfahren, was sie tun, um ihre Bewohner körperlich und geistig fit zu halten. Auf Grund ihrer Antworten habe ich dargelegt, was die Leiter und sozialen Dienste allgemeiner Altenheime tun könnten, um ihre etwaigen blinden oder sehbehinderten Bewohner gleichfalls optimal zu unterstützen und zu stimulieren. Damit will ich eine internationale Diskussion darüber in Gang bringen. Das wird freilich erst möglich sein, wenn mein Vortrag gedruckt vorliegt. Ein erster Erfolg ist aber, dass sich die Leiter von Altenheimen aus Polen, den Niederlanden und der Schweiz an einem Erfahrungsaustausch beteiligen möchten, der unter der Leitung der deutschen Blindenaltenheime für die nächste Zeit. geplant ist. Da über Polen auch eine Expertin aus den USA jedenfalls mittelbar beteiligt sein wird, sehe ich dieses Thema auf einem guten Weg.
3. Ich habe die Publikationen für blinde und sehbehinderte Senioren in Deutschland vorgestellt,
- unsere Schrift "Blinde und Sehbehinderte im dritten Lebensabschnitt" mit 37 Schilderungen blinder und sehbehinderter Senioren aus akademischen und verwandten Berufen darüber, was sie jetzt tun, und unsere Absicht, in einigen Jahren eine weitere gleichartige Sammlung von Berichten einer dann vielleicht schon völlig neuen Seniorengeneration zu veröffentlichen,
- unsere beiden kleinen, nur in Blindenschrift vorliegenden Schriften über "Lebensorganisation bei zunehmender Vergesslichkeit und Schwerhörigkeit im Alter" und "Bewegungs- und isometrische Übungen für blinde Menschen",
- die acht bis zehn jährlichen Informationskassetten unserer Gruppe,
- die Berichte über unsere Seminare und andere Aktivitäten in unserer Zeitschrift,
- die von unserem Aufsprachedienst veröffentlichten altersbezogenen Bücher und Zeitschriften sowie
- altersbezogene Bücher unserer Hör- und Punktschriftbüchereien.
Ich wollte blinde und sehbehinderte Senioren in anderen Ländern dadurch ermutigen, sich gleichfalls um solche Publikationen zu bemühen. Aus den Niederlanden wurde uns in derselben Sitzung eine Zeitschrift speziell für Altersblinde und -sehbehinderte vorgestellt, die in Großdruck und auf Kassette erscheint - ein sicher auch für die Arbeitsgemeinschaft Sehbehinderter im DVBS nachahmenswertes Beispiel.
4. Ich habe meinen kürzlich im "horus" vorgestellten Ratgeber für Altersblinde "Nicht verzagen, sondern wagen" beschrieben und Teilnehmer aus dem Ausland eingeladen, ihn mitzunehmen und in ihre Sprache zu übersetzen, dabei alles wegzulassen, was sich auf deutsche Verhältnisse und Einrichtungen bezieht, und dafür alles hinzuzufügen, was für die Altersblinden in ihrem jeweiligen Lande nützlich sein könnte.
5. Schließlich habe ich über die Aktivitäten unserer Seniorengruppe berichtet, unsere alljährlichen Seminare, unsere Beratungstätigkeit, unser Lobbying und unseren schon erwähnten Dialog mit Wissenschaft und Forschung. Auch dabei habe ich gehofft - und hoffe noch! -, die blinden und sehbehinderten Senioren in anderen Ländern zu gleichartigen Aktivitäten inspirieren zu können. Leider waren Blindenorganisationen aus anderen Ländern kaum vertreten, obwohl wir im Mai 1999 noch einmal auf die Konferenz hingewiesen und in der Generalversammlung der EBU in Prag Ende November durch unseren Geschäftsführer ein weiteres Hinweisschreiben an alle Anwesenden hatten verteilen lassen. Immerhin war die EBU durch ihren Generalsekretär Norbert Müller vertreten, der bei der Eröffnung ein Grußwort gesprochen und später in einem Workshop den von IBM für Blinde entwickelten Internetbrowser "Home Page Reader" vorgestellt hat. Auch war die EBU-Kommission für die Belange der blinden und sehbehinderten Senioren durch ihre im November in Prag neu gewählte Vorsitzende, Dr. Rosemarie Lüthi, vertreten. So ist trotz des bisher geringen Echos zu erwarten, dass unsere Arbeit europaweit Früchte tragen wird.
Von anderen Vorträgen, die bei der Konferenz gehalten wurden, ist anzunehmen, dass sie in deutscher Übersetzung im Laufe der Zeit wenigstens in der "Orientierungshilfe", der Zeitschrift der Berufsverbände der Mobilitäts- und der Rehabilitationslehrer, veröffentlicht werden.
Wir haben uns auch mit Blindheitsverhütung befasst, indem Dr. Foster, der medizinische Direktor der Christoffel- Blindenmission als Schlusspunkt der Konferenz die weltweite Initiative zur Verhütung aller vermeidbaren Blindheit bis zum Jahre 2020 - unsere "Vision Twenty-Twenty - the right to Sight" - vorgestellt hat. Darüber soll demnächst gleichfalls im "horus" berichtet werden.
Die Ausbeute der Konferenz war groß, wird sich jedoch erst genauer abschätzen lassen, wenn - voraussichtlich im Frühjahr 2001 - der Konferenzband vorliegt. Erste Folgerungen für Deutschland wollen einige Beteiligte noch im April in einem Gespräch in Heidelberg ziehen.
Wünschenswert wäre auf längere Sicht eine internationale Zeitschrift zum weiteren Erfahrungsaustausch über besondere Bedürfnisse blinder und sehbehinderter Senioren und deren Befriedigung sowie der weitere Ausbau des DZFA speziell für diesen Personenkreis oder wenigstens für behinderte Senioren allgemein. Die Amerikaner haben uns, wie wir bei der Konferenz hören konnten, in dieser Hinsicht einiges voraus. Abschließend danke ich
- dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend,
- der Christoffel-Blindenmission,
- CIBA-Vision,
- der Claere-Jung-Stiftung,
- dem Deutschen Blindenhilfswerk,
- dem Finanzamt für Steuerstrafsachen und Steuerfahndung Münster,
- IBM Deutschland und
- der Geschäftsstelle des DVBS, die durch ihre finanziellen und anderen Hilfen die Konferenz erst möglich gemacht haben.
Vor allem danke ich Herrn Prof. Wahl sowie seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für ihren nimmermüden Einsatz bei der Vorbereitung und Durchführung der Konferenz und ihre wunderbare Zusammenarbeit mit mir.
(Anmerkung der Redaktion: Der Autor ist Leiter der Fachgruppe "Ruhestand" des DVBS)
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