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Vom Verein zur Förderung blinder Schüler und Studenten in China angesprochen, entschied ich mich Ende April 1999 für drei Monate nach China zu gehen, dort zu recherchieren und einen Kurs für blinde Klavierstimmer zu geben. Begleitet vom Geschäftsführer des Vereins, Herrn Huang Dong, begann die Reise am 1. September 1999. Das Projekt wurde maßgeblich vom Deutschen Katholischen Blindenwerk finanziert (und auch vom DVBS finanziell unterstützt; Anmerkung der Redaktion). Als selbständiger Klavierstimmer und -lehrer in Hannover ließ ich mich für drei Monate vertreten. In den ersten fünf Wochen machte ich mir ein Bild über den Stellenwert des Klaviers in der chinesischen Gesellschaft, besuchte außer den Blindenschulen in Peking und Schanghai die Universität in Chang Shun.
Schon bei der Fahrt vom Flughafen zum Gästehaus bekam ich einen ersten Eindruck von der Ausdehnung der 15-Millionen- Stadt Peking. Das grobe Straßenraster im Kopf und mit Hilfe der Sonne machte ich nach ein paar Tagen erste Orientierungsgänge in der Stadt. Die Fahrziele, meist Sehenswürdigkeiten oder Treffpunkte, habe ich mir aufschreiben lassen und dem Taxifahrer gezeigt - immer im Vertrauen, dass er mich am gewünschten Ort abliefert. Ein Taxi nehmen ist nicht besonders schwierig; man stellt sich an den Straßenrand, es kommen ständig Taxen vorbei. Zweimal hatte ich Pech - die Fahrer kannten die Adresse der Blindenschule nicht; beim zweiten oder spätestens dritten Anlauf hat es dann aber geklappt. Die Blindenschule liegt in einem Viertel abseits der großen Hauptstraßen, ein- bis zweigeschossige Häuser einfachster Bauart. Der Müll wird am Straßenrand gesammelt und von Zeit zu Zeit verbrannt. Was nicht brennt, wird später abgefahren.
Bemerkenswert ist der Unterschied zwischen Peking und Schanghai. In Peking ist alles großräumig, es ist das politische Zentrum des Landes. Von Schanghai gingen in den letzten 150 Jahren die meisten Innovationen aus. Als Hafenstadt ist es das Tor zur Welt. Im Gegensatz zum Pekinger liebt der Schanghaier das Filigrane, so zu sehen an der Gartenkunst: Auf kleinstem Raum wird eine Weitläufigkeit illusioniert, dass man den Eindruck bekommt, sich zu verlaufen. Der Schanghaier ist geschäftstüchtig - alles in allem der Schwabe Chinas. In Peking zählen Superlative: Der Platz des himmlischen Friedens als der größte Platz der Welt etc.
Auf den ersten Blick sehen die Städte westlich aus. Mit Konsum wird das Volk befriedigt. McDonald"s ist ebenso selbstverständlich wie moderne EDV- und HiFi-Technik. Auf den zweiten Blick spielt sich hinter den Fassaden ein anderes Leben ab. Ich wurde in Familien eingeladen, die als typisch gelten dürfen: Eltern und Kind wohnen in zwei Zimmern. Wir halten uns im Wohn-Schlaf-Zimmer auf. Zum Essen wird der Couchtisch vor das Sofa geschoben und ein runder Klapptisch, der an einen etwas stabileren Campingtisch erinnert, wird aufgebaut.
Interessant zu beobachten war, dass in den beengten Wohnverhältnissen Klaviere stehen und keine Keyboards. Das Klavier hat in der chinesischen Gesellschaft einen zunehmend höheren Stellenwert. Die Frau Mao Tse-tung"s schätzte es so sehr, dass die Unterrichts- und Spielkultur im Vergleich zu anderen abendländischen Instrumenten die Kulturrevolution (1966-76) relativ unbeschadet überstanden hat. Heute kaufen viele Eltern für ihr Kind ein Klavier - das Kind hat dann größere Chancen an einer qualitativ besseren Schule angenommen zu werden. So gilt: "Früh übt sich...". Der Erfolg bleibt nicht aus: Ich hörte nicht nur technisch, sondern auch musikalisch beachtliche Leistungen. Auch das Klavierspiel blinder Schüler ist auf hohem Niveau. Die traditionelle chinesische Musik wird ebenso gepflegt wie die abendländische. Die Faszination, die von der traditionellen europäischen Musik ausgeht, steht in direktem Zusammenhang mit der Polyphonie als einer ausschließlich europäischen Entwicklung; Begleitstimmen an eine Melodiestimme gekoppelt gibt es überall auf der Welt. Kompositionen werden in China sehr bewusst in formaler und harmonischer Hinsicht als vielschichtige Architekturen wahrgenommen, die anzueignen sich lohnt - eine Parallele zum konstruktiven Denken: "Wenn ich von einer Sache mehr weiß, kann ich sie auch mehr genießen."
Ich besuchte Klavierhäuser in Chang Chun, Peking und Schanghai. Im Vergleich zu deutschen Geschäften sind die Pianohäuser wesentlich größer. Es ist deutlich zu sehen, dass das Klavier einen relativ großen Stellenwert in der Bevölkerung hat. Entsprechend der Qualität und der Preiskategorien werden hauptsächlich Instrumente aus chinesischer Produktion angeboten. Alle Klavierhäuser, die ich besuchte, verkaufen außerdem japanische, einige wenige Geschäfte auch deutsche Instrumente. Flügel werden verhältnismäßig wenig angeboten.
Deutsche Klavierbauer, die für chinesische Firmen arbeiten oder gearbeitet haben, bestätigten meinen Eindruck, dass sich in den letzten Jahren das Niveau in der Herstellung erheblich verbessert hat. Klavier- und Flügelmechaniken werden ausschließlich nach Maßvorgaben reguliert. Eine subjektive Beurteilung der Spielart ist nur von geringer Bedeutung. Bezüglich der Klangqualität fehlt die notwendige Sicherheit und der Gestaltungswille. Nicht zuletzt erkennt man diesen Umstand daran, dass die Instrumente ungestimmt oder schlecht gestimmt in den Geschäften präsentiert werden. Mit meinem Hinweis, dass ein gut gestimmtes und intoniertes Klavier sich leichter verkaufen lässt, stieß ich zuweilen auch auf Unverständnis.
Überrascht war ich in diesem Zusammenhang, dass ich zwei Klavierkonzerte im Konzerthaus in Peking mit verstimmten Flügeln gehört habe. Mir fiel die Diskrepanz ins Auge; denn es handelte sich um einen Bösendorfer-Flügel, also ein Instrument der Weltspitze.
Wie beim Regulieren einer Mechanik suchen Stimmer den messbaren Punkt, etwa zählbare Schallschwingungen, an denen man sich beim Stimmen orientieren kann. Intervalle als zu scharf, zu unruhig oder zu schwach zu charakterisieren, ist ihnen zu unsicher und damit fremd. Diese Unsicherheit ist eine Folge der chinesischen Ausbildungsmethode. Die richtige Beurteilung, auch von schnell schwebenden Intervallen, ist nur durch ständige Praxis zu erreichen. Entsprechend habe ich an mehreren Instituten eine Stimmmethode basierend auf Terzen und Sexten vorgestellt.
Meine erste Expedition führte nach Chang Shun, einer mittelgroßen Stadt mit 2,5 Millionen Einwohnern im Nordosten Chinas. In Chang Shun ist die einzige Universität, an der Blinde studieren können, und das auch nur in den Bereichen Massage und Musik. Studienfächer wie Jura, Philosophie oder Literaturwissenschaften sind Blinden in China unzugänglich. Fachliteratur für Blinde ist in Pinyin-Schrift geschrieben, einer internationalen Lautschrift, mit der die chinesischen Lautsilben in lateinische Buchstaben übertragen werden. So sind zur Erstellung von Punktschriftliteratur zwei Übertragungsschritte notwendig.
Auch die Notenbeschaffung stellt ein Problem dar. Noten in Blindenschrift sind Mangelware. Ich habe dicke Kladden gesehen, mit der Tafel abgeschriebene Klavierwerke; und mit der Tafel schreiben ist in China kein Notbehelf.
Das oft ungeschmeidige Spiel, das ich gehört habe, ist nicht zuletzt eine Folge der unzureichend regulierten Klaviermechaniken. Da wird viel Spielenergie auf die Taste gebracht, um sicher zu stellen, dass die Töne auch ansprechen. Haben aber die Schüler und Studenten die Gelegenheit, auf wenigstens mechanisch gut regulierten Instrumenten zu üben, sind beachtliche Leistungen zu verzeichnen. Etwas lernen können gilt aber immer noch als große Chance. Alles in allem herrscht der konfuzianische Ansatz in der Pädagogik vor: Möglichst früh mit dem Vermitteln von Fakten und dem Gedächtnistraining zu beginnen. Im Vergleich zu Pädagogik hier zu Lande beginnt eine subjektive Bewertung des Lernstoffs spät. Ich habe immer Schüler angetroffen, die aufnahmefähig und wissbegierig waren.
Auf dieser Basis konnte ich in sechs Wochen in der Klavierstimmerausbildung an der Blindenschule in Peking unzureichende Techniken umstellen und verbessern. Stabile Stimmhaltung, eine sichere Führung des Stimmschlüssels mit der rechten Hand und das Legen der Temperatur, also das Herzstück einer Stimmung, in dem die Tonartenqualität festgelegt wird, wurden mit neuem Mut und Vertrauen geübt. Ich unterrichtete acht Auszubildende. An zwei Tagen war die Gruppe um vier ehemalige Schüler erweitert. An diesen Tagen standen theoretische Fächer wie europäische Musikgeschichte, Klavierbauentwicklung im Kontext der Klaviermusik im Vordergrund. Als Dolmetscherin war die Englischlehrerin der Schule freigestellt. Sie hat in England und Amerika gearbeitet, war sehr flexibel auch mit der Fülle an Fachbegriffen um zu gehen.
Engagement und Lernklima stehen nicht im Verhältnis zur Ausstattung der Schulen. Es ist eben nicht alles Gold, was an den Schulen glänzt. Die Klassenräume machen einen nüchternen Eindruck. Ohne Bilder an den Wänden ist ein grau in grau vorherrschend. Computerräume und Sprachlabors heben sich vom sonstigen Umfeld ab. Besuchern - besonders ausländischen Delegationen - werden nach einer gebührenden Begrüßungszeremonie die schulischen Einrichtungen gezeigt. Wohnheime werden dagegen live oder in bunten Hochglanzprospekten präsentiert. Die Verhältnisse sind ähnlich wie in den Privatwohnungen eng. Auch nach dem Abendessen halten sich die Schüler in den Klassenräumen auf. Aufenthaltsräume sind selten. Da sieht man einen 9-jährigen Jungen auf der Bettkante sitzend Geige üben. Über dem Bett hängt ein Moskito-Netz oder Wäsche zum trocknen. Waschen müssen die Kinder selbst - sie lernen das gleich, wenn sie mit sechs Jahren in die Schule kommen. Auch das Essgeschirr wird selbst abgewaschen und bis zur nächsten Mahlzeit wieder im Schrank deponiert. Nach dem Abendessen sitzen die Kinder in den Klassenräumen und lesen oder bereiten den nächsten Tag vor. Die Kinder machten auf mich aber keinen unzufriedenen Eindruck.
Das sonst so gerühmte chinesische Essen ließ in der Schule zu wünschen übrig: Akuter Vitamin-Mangel war die Folge; das Zahnfleisch ging zurück und ich befürchtete mit ein paar Zähnen weniger nach Deutschland zurück zu kommen. Der Arzt im Luftwaffenkrankenhaus hat das Problem erkannt und mir traditionelle Medikamente verschrieben. Der nächste Angriff auf die Gesundheit folgte umgehend: Ende Oktober war es schon recht kalt, geheizt wird aber erst ab Mitte November. So stand ich in meiner Winterjacke, die ich für ein Drittel eines Monatslohnes erworben hatte, vor den Auszubildenden.
In Gesprächen mit dem Vorsitzenden des Klavierbauerverbandes und Managern aus der Industrie war mein Interesse, Vorbehalte blinden Klavierstimmern gegenüber abzubauen und Stimmern, wenn sie wirklich gut sind, eine Chance zu geben. Das Image ist im Augenblick sehr beschädigt.
Angesichts der relativ kurzen Zeit habe ich versucht, praktische und methodische Wege zu weisen, auf dem sich eine solide Ausbildung auf Dauer aufbauen lässt. So sind wir im Bewusstsein auseinandergegangen, dass der Weg das Ziel ist, auf dem wir uns gegenseitig begleitet haben.
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