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Sechs Eltern und sogar eine Tante bilden sich fort

Schon häufiger haben wir auf Fortbildungsangebote durch die Rehabilitationseinrichtung für Blinde und Sehbehinderte - RES - der Blindenstudienanstalt aufmerksam gemacht. Eine Mutter - Frau Ingrun Wisotzki -, die an der Fortbildung im November teilnahm, schildert anschaulich ihre Eindrücke.

"Ich las die Einladung für eine RES-Fortbildung und dachte bei mir: "Wozu- Die Seh-behinderung deines Kindes kennst du und in der Blista ist es jetzt gut aufgehoben. Warum sollst du dir den Stress machen, eine Bleibe für das Geschwisterkind zu suchen ... und dann noch die Fahrerei-"

"Na ja, dachte ich, angucken kann man es sich ja mal, wenn die RES-Mitarbeiter schon einladen." (Wenn ich eine Einladung verschicke und keiner kommt, bin ich ja auch enttäuscht.) - So fuhr ich dann zur Elternfortbildung der RES vom 06.11.1999 bis 07.11.1999.

Wir waren sechs Eltern, und sogar eine Tante war dabei, denn auch Familienmitglieder oder andere Interessenten sind immer herzlich willkommen, wie man uns sagte. Herr Reinschmidt vom Sonderpädagogischen Dienst stellte seine Kolleginnen und Kollegen vor und erzählte einige für mich neue Dinge über die RES, z.B. dass nicht nur Kinder, die die BLISTA besuchen ("interne"), von den RES-Mitarbeitern betreut werden, sondern auch Erwachsene und ältere Menschen, die durch Unfall oder Krankheit im Alter schwerst sehbehindert oder gar blind wurden ("externe").

Welch großer Bereich noch von der RES abgedeckt wird, darüber informierten uns Frau Brunkhorst für den Bereich Lebenspraktische Fertigkeiten und Herr Ernst für den Bereich Orientierung und Mobilität. Frau Brunkhorst erzählte und zeigte uns etwas über Hilfestellungen im Haushaltsbereich: kochen, waschen, bügeln, nähen.

Die Betroffenen können es sich aussuchen, ob sie die Räumlichkeiten der RES in der Biegenstraße nutzen möchten oder ob die Mitarbeiter in die Wohngruppen (bei den "externen" Hilfebedürftigen in den eigenen Haushalt) kommen und dort mit ihnen die "alltäglich" anfallenden Tätigkeiten üben.

So wurde uns dann die RES in der Biegenstraße gezeigt, z.B. die verschiedenen Küchen, die unterschiedlich farblich abgesetzt sind, um ein besseres Erkennen zu ermöglichen. Frau B. zeigte uns, wie man Betroffenen helfen kann, z.B. durch farbiges Absetzen (markieren) oder durch Aufkleben von "Tastpunkten". So werden Einstellungen bei Elektrogeräten oder Messbecher-Einteilungen durch Tastpunkte bzw. farbliche Markierungen kenntlich gemacht.

Es wurden uns gerade im Haushaltsbereich so viele Tipps und Tricks vermittelt, dass man sie gar nicht alle aufführen kann, man muss es erst einmal selbst verdauen.

Verdauen aus dem Grund: weil für uns Sehende das alles eine ganz normale Sache ist. Aber wie für unsere Kinder die WIRKLICHKEIT aussieht, das machte mir erst einmal diese "Fortbildung" richtig "klar". Es waren Sachen, worüber man sich so keine Gedanken macht.

Wie unsere Kinder sehen

Herr Ernst "zeigte" uns, wie unsere Kinder "sehen" oder die Umwelt erkennen. Dafür benötigte er einige Angaben zum Sehrest unserer Kinder. Wir bekamen Simulationsbrillen entsprechend unserer Angaben. Das sind Brillen, die so präpariert sind, dass man "ähnlich" sieht, wie die Personen, die eine geringe oder schwere Sehbehinderung haben oder sogar ganz blind sind.

Ich dachte immer, ich wäre über das, was meine Tochter sehen kann, bestens informiert, weil die Ärzte auch versuchten, mir zu vermitteln, wie wenig meine Tochter sieht. Aber durch das Aufsetzen der Simulationsbrille bekam ich erst einmal einen "Schock". Mit der Simulationsbrille auf der Nase ging es nun in die Stadt. Wir versuchten, die nähere Umgebung wahrzunehmen und herauszufinden, vor welchen Geschäften wir standen, was sich als ziemlich schwierig herausstellte. Als wir dann auch noch in die Geschäfte gingen und uns dort "zurechtfinden" sollten, gab ich auf. Da ich mit der Simulationsbrille keine Entfernung einschätzen und die Waren nur schemenhaft erkennen konnte, wurde mir die ganze Sache zu anstrengend, und ich gab erst einmal auf und nahm die Brille ab. Welch eine Wohltat (nur leider können unsere Kinder dieses nicht!).

In den engen Gassen von Marburg

Weiter ging es dann durch die engen Gassen von Marburg. Wir standen vor Treppenstufen und tasteten uns voran. Um es uns ein wenig zu vereinfachen, erklärte Herr Ernst uns verschiedene Blindenstöcke, die wir auch ausprobierten und mit denen wir dann etwas sicherer wurden.

In der Biegenstraße wieder angekommen, tauschten wir Eltern und die Tante unsere Eindrücke von diesem Tag aus. Wir waren alle ganz schön geschafft. Danach besuchten wir unsere Kinder in deren Wohngruppen.

Ein Frühstück auf die gemeinste Art

Am Sonntagmorgen trafen wir uns wieder alle in der Biegenstraße, wo für uns ein Frühstückstisch hergerichtet war (auf die gemeinste Art):

Wir gingen mit unseren Simulationsbrillen in den Frühstücksraum und suchten uns einen Stuhl. Auf dem Tisch schimmerte für mich alles weiß in weiß. Das Tischtuch weiß, das Geschirr weiß, sämtliche Thermoskannen weiß usw. Durch Tasten, Riechen und Schmecken versuchten wir herauszubekommen, was wir zu uns nehmen. Wie verschieden doch die Geschmacksempfindungen sind: wir probierten alle dieselbe Marmelade und doch waren wir uns hinterher nicht einig, welche Sorte es war. Es war schon lustig!

Nach dem Frühstück setzten wir uns noch einmal zusammen und tauschten Erfahrungen aus, die wir übers Wochenende wahrgenommen haben. Durch diese Selbsterfahrung mit der Simulationsbrille kamen auch bei uns Eltern noch eine Menge Fragen auf, über die wir noch gesprochen haben:

Haushalt, Straßenverkehr, Einkaufen: nie hätte ich gedacht, dass solche alltäglichen Sachen in so einen "Stress" ausarten könnten. Es kamen Fragen auf zu Hilfestellungen im Bereich von Ämtern, Formulare ausfüllen, Bankengänge machen usw. In diesen Bereichen bekommen unsere Kinder, wenn sie es wollen, die nötige Unterstützung der RES.

Man kann nicht alles aufführen, weil es so viele Dinge gab, die uns noch beschäftigten. Dazu waren die zwei Tage erstens zu kurz und zweitens musste man erst einmal das neu "Erlernte" und auch die Gedanken und Fragen, die sich jetzt im Nachhinein stellen, verarbeiten.

Meine Empfehlung

Für mich steht fest, dass diese Elternfortbildung nicht die letzte gewesen ist, die ich besucht habe. Ich kann nur allen Eltern empfehlen, sich so eine Fortbildung anzusehen.

Ich habe es zum Beispiel damit verbunden, den Rest des Sonntagnachmittags mit meiner Tochter zu verbringen. Auch in der Wohngruppe habe ich einige interessante Beobachtungen gemacht, über die ich vielleicht in einem anderen Bericht einmal schreiben werde.

Zum Schluss möchte ich auch noch einmal ein herzliches Dankeschön an die RES-Mitarbeiter sagen, die sich so für unsere Kinder einsetzen und auch versuchen, uns rüberzubringen, wie wir außerhalb der Blista unseren Kindern Hilfestellungen im alltäglichen Leben geben können. Nur leider kann man etwas, was man gerade an so einem Wochenende "aufgenommen" hat, nicht sofort in die Tat umsetzen, weil erst einmal eine Menge Emotionen auf einen einwirken, die verkraftet werden müssen.

Die RES-Mitarbeiter haben sich aber angeboten, allen Eltern die Fragen haben, zu helfen (sie sind telefonisch immer für einen da) und mit interessierten Eltern für eine Begehung der RES-Räumlichkeiten in der Biegenstraße einen Termin auszumachen.

Ich hoffe, mit diesem Bericht viele Eltern angesprochen und das Interesse geweckt zu haben, einmal so ein Seminarwochenende mitzumachen. Schön ist es auch, dass man sich die Themen, die einen interessieren, aussuchen kann. Vielleicht sieht man sich beim nächsten Eltern- Fortbildungswochenende."

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