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(Vortrag, gehalten anlässlich der 2. Marburger Buchwoche am 26. April 2000)
Es gibt nur wenig Erfindungen, die bis in unsere heutige Zeit hinein wirken und die die Welt so verändert haben. Es waren etwa die Erfindung des Rades, der Rechenmaschine, die schließlich zum automatischen Speichern von Daten führte, die Erfindung des Otto-Motors, des Flugzeugs, um nur einige zu nennen. Gutenbergs Buchdruck wird die Erfindung des Jahrtausends genannt. Sie ist sicherlich einzureihen in die grundlegenden, großen Erfindungen.
Was aber, so werden Sie sich fragen, hat Gutenberg mit den Blinden zu tun- Hat nicht seine Erfindung, die Sehen voraussetzt, die Blinden isoliert- Waren sie nicht gerade, weil sie nicht am neuen Wissen teilnehmen konnten, das durch die Verbreitung von gedruckten Büchern erfolgte, ausgeschlossen- Wie lebten Blinde vor 600 Jahren- Hierzu gibt es eine Fülle von historischer Literatur, die hier zu erörtern den Rahmen sprengen würde. Um nur einige Stichworte zu nennen: Blinde waren Bettler, Musikanten, sie lebten in Armut und Isolation. Es gab keine Schulen, Blinde hatten keine Berufsmöglichkeiten; sie waren, wenn sie niemanden fanden, der ihnen vorlas, vom Wissen ausgeschlossen.
Diese Situation hatten blinde Menschen noch bis ins frühe 19. Jahrhundert hinein zu ertragen, bis 1809 ein dem großen Erfinder Gutenberg vergleichbarer Genius geboren wurde: Louis Braille. Ihm verdanken Blinde, dass sie heute an der multimedialen Gesellschaft partizipieren können, dass sie Schulen, Universitäten, Ausbildungseinrichtungen besuchen können, dass ihnen berufliche Eingliederungsmöglichkeiten offen stehen. Dass wir uns heute im Gesetzgebungsverfahren um ein Gleichstellungsgesetz befinden, dass Behinderte, deren Vorläufer im Erfechten von Rechten Blinde waren, in unserer Zeit in einer Gesellschaft leben, die sie als vollwertige Mitbürger anerkennt, war nur möglich durch den Zugang zu Informationen, die durch Louis Braille"s Erfindung der Blindenschrift ermöglicht wurde.
Am 4. Januar 1809 geboren verletzte sich Louis Braille mit drei Jahren in der Werkstatt seines Vaters beim Spielen mit einer Ahle und erblindete zunächst auf einem Auge. Durch die sogenannte Sympathische Ophthalmie erblindete auch das andere Auge. Von 1819 an besuchte er das königliche Nationalinstitut für junge Blinde in Paris.
1821 hatte der französische Artilleriehauptmann a.D. Charles Barbier der Akademie der Wissenschaften seine "Ecriture nocturne" vorgestellt, eine Nachtschrift für das Militär. Louis Braille erfuhr von dieser erhabenen Schrift, variierte sie von zwölf Punkten auf sechs Punkte und hatte so 1825 die nach ihm benannte Brailleschrift erfunden.
Es gab eine Reihe von Versuchen, Schrift tastbar darzustellen, etwa das einfache erhabene Darstellen der normalen Buchstaben, die von Johann Wilhelm Klein erfundene "Klein"sche Stachelschrift", eine Schrift von Lucas, eine weitere von Frere sowie die Moon"sche Schrift. Keine dieser Schriften setzte sich durch. Die Brailleschrift feierte ihren Siegeszug durch alle Länder und somit alle Sprachen dieser Welt.
Im letzten Jahr entwickelte eine ehemalige Schülerin unserer Einrichtung, Sabriye Tenberken, eine Brailleschrift für Tibet. Damit beginnt sich auch in diesem Land ein Bildungssystem zu entwickeln. Eine Schule für blinde tibetanische Kinder entstand 1998.
Die Brailleschrift erlaubt, verschiedene Schriftsysteme darzustellen wie etwa die Mathematikschrift, die Musikschrift, die Chemieschrift und natürlich, wie schon erwähnt, alle in einer Schule zu erlernenden Fremdsprachen.
Doch nun zu Johannes Gutenberg
Wir feiern in diesem Jahr den 600. Geburtstag Gutenbergs (man weiß nicht, ob dies das Geburtsjahr ist, man hat es festgelegt) und wir feiern 175 Jahre Brailleschrift: zwei große Jubiläen zweier historischer Figuren.
Wo sind die Schnittstellen in den Entwicklungen, die beide so berühmt gemacht haben-
Beide ermöglichten durch ihre Erfindung den Zugang zu Informationen: Johannes Gutenberg für die Sehenden Louis Braille für die Blinden.
Das erste gedruckte Buch Gutenbergs war die Bibel in lateinischer Sprache (1452 - 1454).
Die ersten Bücher in Blindenschrift waren handgeschrieben, wie auch die Bücher für Sehende vor der Erfindung des Buchdrucks, kunstvoll, als Einzelexemplare.
Die Blindenschrift wurde in festes Papier gestochen. Dies geschah spiegelverkehrt von rechts nach links, um die erhabene Schrift dann nach dem Umdrehen des Papiers von links nach rechts ertasten zu können.
Angelehnt an die Setzkästen für den Buchdruck für Sehende wurden Setzkästen für die verschiedenen Varianten des Drucks von Schriften für Blinde entwickelt (Moon-Schrift, Klein"sche Stachelschrift, Brailleschrift).
Die technischen Entwicklungen zur Herstellung von Büchern für Sehende, wir nennen sie "Schwarzschriftbücher", und Büchern für Blinde, die "Braille-Bücher", liefen nun fast parallel. Die Einzelseiten in "Schwarzschrift" wurden zu Gutenbergs Zeiten mit Bleilettern gesetzt und in Flachpressen Seite für Seite gedruckt.
Ähnlich wurde, wenn auch Jahrhunderte später, die Brailleschrift gesetzt und einzeln Seite für Seite ausgedruckt.
Der technische Fortschritt war nicht mehr aufzuhalten. Texte für Sehende wurden auf Matrizen gesetzt und über Flachpressen, später Rotationsmaschinen vervielfältigt.
Der Blindenbuchdruck wurde durch die sogenannten Punziermaschinen (PUMA) revolutioniert. Die Maschinen werden seit den 50er Jahren in Marburg hergestellt und weltweit vertrieben. Früher war es die Deutsche Blindenstudienanstalt selbst, heute ist es die Firma Blista Brailletec gGmbH, an der die Deutsche Blindenstudienanstalt Gesellschafteranteile hält.
Die Blindenschrifttexte werden in Zinkplatten gestanzt (punziert). Die Platten wurden und werden zum Teil heute noch mit Flachbettpressen und Rotationsmaschinen vervielfältigt und anschließend als Bücher gebunden.
In den letzten 20 Jahren wurden die Maschinen zum Druck von Blindenschriftbüchern zunehmend den modernen Entwicklungen angepasst. Auch hier lief die Entwicklung parallel zur Entwicklung des Buchdrucks für Sehende. Die Texte werden nicht mehr direkt in die PUMA eingegeben, sondern vielmehr über den PC in digitaler Form gespeichert. Der Computer steuert die PUMA dann direkt an und erzeugt so automatisch eine Zinkplatte. Für bestimmte Erzeugnisse können auch sogenannte "Direktdrucker" unmittelbar vom Computer angesteuert werden. Die im PC gespeicherte Punktschrift wird dann ohne die Zwischenstation "Zinkplatte" direkt auf Papier ausgedruckt. Dies ist vor allem für kleine Auflagen sinnvoll.
Vor wenigen Tagen besuchte ich ein Marburger Verlagshaus. Der Leiter zeigte mir seine Produktionsstätte. Ich konnte keinen Unterschied zu unseren Büros, in denen die Blindenschrift hergestellt wird, feststellen. Texte werden hier wie dort in digitaler Form erzeugt, auf Datenträger gespeichert und dann über entsprechende moderne Geräte ausgedruckt. Digitalisierung - dies eröffnet in den Blindenschriftdruckereien und -bibliotheken Visionen von ungeahnten Möglichkeiten. Noch sind es allerdings Visionen. Die Realisierung wird noch einige Jahre auf sich warten lassen:
Wir können bereits heute
- Schwarzschrift digitalisieren
- Sprache digitalisieren
- Blindenschrift digitalisieren.
Wir können bereits
- aus digitalisierter Schwarzschrift Blindenschrift herstellen, in Vollform und als Kurzschrift - aus digitalisierter Sprache mit sogenannten Spracherkennungsprogrammen digitale Schrift herstellen - das heißt für die Zukunft, dass wir aus einem digital vorhandenen Hörbuch über ein entsprechendes Programm Schwarzschrifttext erstellen und diesen in die Blindenschrift umwandeln können - aus Blindenschrift Schwarzschrift herstellen (was allerdings bei der Blindenkurzschrift noch Probleme aufwirft)
- aus Schwarzschrift oder Blindenschrift Sprache regenerieren.
Die Technologie der taktilen elektronischen Braille-Zeile erlaubt schon seit vielen Jahren, digital gespeicherte Texte in Blindenschrift zu lesen. Dieselben Texte können in synthetischer Sprache akustisch wiedergegeben werden.
Gutenbergs Buchdruck und der Blindenbuchdruck wachsen immer näher zusammen. Einzig das Medium macht den Unterschied. Verlage verwenden digitale Datenträger. Sie sind zur Zeit bei uns noch nicht einsetzbar, weil das Entfernen der für den normalen Buchdruck notwendigen Steuerzeichen Probleme macht. Aber ich denke, auch dieses Problem wird sich in einem angemessenen Zeitraum lösen lassen.
Und unsere Blinden-Bibliotheken mit Tausenden von Bänden in Blindenschrift und auf Kassette - werden wir sie noch brauchen oder werden sie künftig nur noch Umschlagszentralen für das hochwertige, schwierige, anspruchsvolle, wissenschaftliche "Blindenbuch" sein-
Welche Rolle werden die im Internet vorhandenen digital gespeicherten Bücher spielen- Der Blinde kann sie auf seinen PC laden und über die Braille-Zeile tastbar oder über entsprechende Software akustisch abrufen, also "lesen".
Neil Postman schreibt in der FR vom 14. April 2000 (Beilage zu Gutenbergs 600. Geburtstag):
"Es gibt drei Arten des Lesens
- Entspannungslektüre
- Lesen zum Informationserwerb (hier wird es in Zukunft viel "Müll" geben)
- Lesen zur literarischen Bildung" (Neil Postman befürchtet, dass dies nur noch ein minimaler Anteil am Lesegut sein wird).
Konsequenzen aus Neil Postmans Prophezeiungen für die Blindenbibliotheken:
Entspannungslektüre wird auch in Zukunft für Blinde das Buch meist wohl in Form des Hörbuches sein.
Für Zugang zu Informationen werden künftig die modernen elektronischen Medien verfügbar sein (Internet, E-Mail, E- Book, usw.). Diese Medien müssen Blinden zugänglich bleiben. Diese Zugänglichkeit sollte international im Rahmen von Gleichstellungsgesetzen garantiert werden. Für Deutschland ist ein entsprechendes Gesetz zur Zeit im Gesetzgebungsverfahren.
- Anspruchsvolle Literatur, wie etwa Schulbücher, wissenschaftliche Bücher und Fachbücher, wird auch künftig in Brailleschrift verfügbar sein müssen. In diesem Bereich muss auch heute noch häufig von der Schwarzschrift in die Brailleschrift per Hand übertragen werden, da entsprechende Übertragungssoftware nicht zur Verfügung steht. Dies wird nach meiner Ansicht der Schwerpunkt der Arbeit der Blindenschriftdruckereien und -bibliotheken über das Jahr 2000 hinaus sein. Wir haben eine interessante Zukunft vor uns. Blinden Menschen wird künftig der Zugang zu jedweder Information möglich sein. Auch im Vorfeld einer gesetzlichen Grundlage wächst hier Gleichstellung durch moderne Technologie.
Johannes Gutenberg und Louis Braille - Gutenberg und die Blinden: Zwei getrennte Wege in verschiedenen Epochen führten zum gleichen Ziel, nämlich über gedrucktes Material Menschen zu informieren, zu bilden, sie für Schule, Studium, Beruf und Freizeit zu befähigen.
Ich zitiere Bernhard Schreier, den Vorsitzenden des Vorstands der Heidelberger Druckmaschinen AG, der in einem Brief an Gutenberg zum 600. Geburtstag (FR-Beilage vom 14. April 2000) Folgendes schreibt:
"Gutenbergs Erfindung ... unterstützte die Alphabetisierung der Gesellschaft. Die neue Drucktechnik erlaubte die Demokratisierung des Wissens und bildete damit das Fundament für die technischen und geistigen Fortschritte in den letzten Jahrhunderten."
Für die Blinden war es Louis Braille, der diese Fortschritte ermöglichte. Beide genialen Männer haben sich ihr Denkmal selbst gesetzt. Beide Jubiläen im Jahr 2000 zu feiern, verbindet so zwei geniale Persönlichkeiten: Johannes Gutenberg und Louis Braille.
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