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Ulrich Mayer-Uhma: Musikalischer Wettstreit. Blinde und sehbehinderte Musiker treffen sich in Prag zu Kompositions- und Interpretationswettbewerben

Bei internationalen Zusammenkünften blinder und sehbehinderter Musiker gewinnen mehr als bei Sehenden Strukturen der Ausbildungssysteme und die Persönlichkeitsentwicklung eines Teilnehmers an Bedeutung. Gewiss müssen stets rein musikalische Aspekte an erster Stelle für musikalische Einschätzung stehen, doch schlägt daneben die Tatsache durch, dass zentral gelenkte Ausbildung und strenge Vorauswahl in osteuropäischen Ländern eine solide Basis für musikalisches Können schaffen, während sich aus westeuropäischen Ländern eher Einzelkämpfer dem Vergleich stellen. Bedingt durch das breitgefächerte Spektrum an Bildungsaufgaben, durch den langsameren Zugriff zum Notenmaterial oder auch durch Umwege, die nicht selten mangelnder Erfahrung der Eltern geschuldet sind, vollzieht sich außerdem die musikalische Entwicklung bei Blinden oft langsamer als bei Sehenden.

Seit 90 Jahren besteht in Prag das Jan-Deyl-Konservatorium für Blinde und Sehbehinderte, wo eine sehr fruchtbare musikalische Arbeit geleistet wird. Ein ähnliches Institut gibt es im südrussischen Kursk. Die Institution des jeunes aveugles in Paris brachte so prominente Musiker wie Louis Vierne, Jean Langlais und Gaston Litaize hervor.

In Verbindung mit dem Jan-Deyl-Konservatorium organisiert der Tschechische Blinden- und Sehbehindertenverband schon seit Jahrzehnten Wettbewerbe für blinde und sehbehinderte Komponisten und solche für junge Interpreten. Beide Veranstaltungen werden in der Regel alle drei Jahre ausgerichtet und international ausgeschrieben. Für den diesjährigen Komponistenwettbewerb wurden 16 Werke anonym eingereicht. Die Prager Juroren vergaben keinen ersten Preis. Die zwei zweiten Preise gingen beide an den in Nürnberg wirkenden Heinrich Hartl für ein Saxophonquartett und ein Klavierstück. Der dritte Preis wurde an eine junge Mailänder Komponistin für ein Flötenquartett vergeben. Hartl hat schon mehrfach alle Preiskategorien dieses Wettbewerbs gewonnen. Der 1953 in Deggendorf geborene Komponist lehrt Klavier an der Universität Erlangen- Nürnberg. Von seinen inzwischen rund 100 Werken sind mehrere im Druck erschienen. Seine Werke fixiert er nicht mehr in Brailleschrift, macht sich lediglich Klangnotizen auf Kassette und diktiert eine Komposition aus dem Kopf einem Freund, der sie mittels des Notenschreibprogramms "Finale" speichert. Hartl schreibt für eine vielfältige Kammerbesetzung: Man findet eine Sonate für Klavier und eine für Solovioline, auch Streichquartettwerke, Stücke für Flöte mit Gitarre, Flöte mit Sprecher, Vibraphon mit Marimbaphon, für mehrere Saxophone und ein Stück für Kontrabass mit Pianist.

Beim Interpretationswettbewerb stellten sich 31 junge Musiker aus elf Ländern dem Urteil der zwölfköpfigen international zusammengesetzten Jury unter der bemühten und objektiven Leitung des Komponisten Jiri Teml. Gegenüber 1997, dem letzten Wettbewerb, hatte sich die Anzahl der Sängerinnen und Sänger von zwölf auf acht reduziert, die der Pianisten (nur Männer) von fünf auf acht erhöht; als weitere Instrumente waren vertreten: Gitarre fünfmal, Bajan (Akkordeon) viermal, Querflöte dreimal, Cello, Klarinette und Trompete je einmal. Um einen der drei Preise zu gewinnen, mussten drei Runden mit unterschiedlichen Programmen erfolgreich durchlaufen werden. Die dritte Runde konnte nur der erreichen, der in den beiden ersten zumindest 36 Punkte erzielt hatte. Das war nicht ganz einfach, denn das Niveau der Interpretationen lag diesmal über dem von vor drei Jahren, allerdings war auch das Durchschnittsalter höher als 1997. Die sehr gute Vorbereitung der russischen Teilnehmer im Hinblick auf Programmgestaltung und Darbietung führte dazu, dass sie mit fünf Interpreten die Mehrheit in der Abschlussrunde stellten. Gleichwohl gelang es der portugiesischen Flötistin Sonia Ferreira, die gegenwärtig in Nürnberg studiert, sich von Runde zu Runde nach vorn zu schieben und den zweiten Platz zu erringen. Nicht verschwiegen sei auch, dass die tschechische Gitarristin Lucie Prchlikova mit einer Bearbeitung von Bachs Violinchaconne d-Moll in der zweiten Runde eine besondere Gedächtnis- und Interpretationsleistung erbrachte, ohne jedoch insgesamt die Punktzahl zu erzielen, um unter die letzten acht Spieler zu kommen.

Den ersten Preis in Höhe von 20.000 Kronen (CKR) gewann der 31-jährige Russe Alexei Panov mit der ersten Klaviersonate von Rachmaninow. Der zweite Preis über 15.000 CKR ging an Sonia Ferreira (26) für Sätze 2 und 3 des Flötenkonzertes G-Dur von Mozart und die Sonatine für Flöte von Dutilleux. Den dritten Preis errang die russische Sängerin Nathalia Tscherniewskaja (28) für Arien und Lieder von Tschaikowski, Mussorgski u.a. Der Marburger Pianist Ralf Rohmann erzielte mit dem Erreichen der zweiten Runde einen Achtungserfolg. Zu berichten ist noch, dass Sonia Ferreira nach dem Abschlusskonzert der Preisträger ein Engagement nach Prag zur Aufführung des Mozartkonzertes mit Orchester erhielt.

Dem Berichterstatter als Mitglied der Jury bleibt eine positive Erinnerung an diesen Wettbewerb. Gewiss, man wird nicht mit jeder Einschätzung der Kollegen übereinstimmen, doch ist das Gesamtergebnis objektiv ausgefallen. Die beiden freien Tage boten reichlich Gelegenheit, Prag mit seinen Sehenswürdigkeiten zu erwandern, was im Februar spürbar angenehmer ist als bei sommerlichem Touristengedränge.

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