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Keyvan Dahesch: 150 Jahre Blindenbildung in Hessen - Mit einem Schüler begonnen

Bei der Explosion einer liegen gebliebenen Weltkriegsgranate hat Klaus Samulowitz als Kind sein Augenlicht verloren. Heute arbeitet der 58 Jahre alte Mann als Masseur in der Frankfurter Unfallklinik, ist dort auch Schwerbehindertenvertrauensmann und zudem hessisch-thüringischer Landesvorsitzender des Bundes der Kriegsblinden. Das Rüstzeug für seinen Beruf und seine ehrenamtlichen Tätigkeiten hat er in der Johann-Peter-Schäfer- Schule in Friedberg bekommen, die am 24. August 2000 ihr 150- jähriges Bestehen feierte.

Auch die Büroangestellte Lilo Gärtner aus Butzbach hat die Schul- und Berufsausbildung in der Friedberger Schule absolviert. Sie hat ihr Augenlicht im Alter von 14 Jahren durch die Augenkrankheit Grüner Star verloren. "Hätte jemand 1850 auch nur einen Bruchteil der heutigen Bildungs- und Berufsmöglichkeiten für nicht sehende Menschen vorauszusagen gewagt, wäre er sicherlich als Utopist ausgelacht worden", sagte Helmut Kahler, Vorsitzender des Blindenbundes in Hessen.

Mitgeholfen hat vor allem die 1825 von dem unfallblinden Franzosen Louis Braille ersonnene, aus sechs Punkten bestehende Blindenschrift. Die Bücher mussten per Hand mit einem Stichel durch eine Schablone seitenweise auf dicke Blätter geprägt werden. Den Anstoß für die Friedberger Schule gab der Lehrer Johann Peter Schäfer, der zunächst in seiner Wohnung mit dem Unterricht eines blinden Jungen begonnen hatte. Schon 1879 wurde die Bildungsstätte zur "Großherzoglich Hessischen Blindenanstalt zu Friedberg" verstaatlicht. 1954 übernahm der Landeswohlfahrtsverband (LWV) Hessen als Träger aller Sonderschulen mit überregionaler Bedeutung diese nun "staatliche Blindenschule mit Heim" und gab ihr 1970 den Namen des Gründers Johann Peter Schäfer.

Neben der Schulbildung bildete die Einrichtung die Heranwachsenden in den damals üblichen Blindenberufen als Bürstenmacher, Besenbinder, Korb- und Stuhlflechter und Seiler aus. "Der technische Fortschritt bescherte auch uns blinden Menschen nach und nach spürbare Erleichterungen", berichtete Blindenbund-Vorsitzender Kahler: "Blindenschrift-, Blindenstenografie- und die normalen Schreibmaschinen ermöglichten die relativ schnelle Literaturübertragung in Brailleschrift und das Arbeiten von Menschen ohne Sehvermögen im Schreibdienst.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Kriegsblinden in Friedberg umgeschult. "Und da sich Staat und Gesellschaft diesen Menschen gegenüber schuldig fühlten und ihnen anspruchsvolle Tätigkeiten ermöglichten, waren sie für uns so genannte Zivilblinden ein unschätzbarer Wegbereiter", betonte Helmut Kahler.

Kahler, der ebenfalls die Blindenschule in Friedberg und die Handelsschule der Deutschen Blindenstudienanstalt in Marburg besuchte, brachte es bei der Dresdner Bank in Frankfurt zum Sachbearbeiter. Bis zur Pensionierung war er wiederholt von den Beschäftigten des Geldinstituts zum Betriebsrats-, Gesamtbetriebsrats- und stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden gewählt worden.

Zwischen 1986 und 1990 sorgte der LWV als Träger für den dritten Neubau, in dem heute rund 200 Kinder die Schule und das Internat besuchen. Daneben gibt es zusätzliche Abteilungen für nur praktisch bildbare und/oder Nichtsehende mit körperlichen Behinderungen. Mit weiteren Angeboten werden die Absolventen auf die Beschäftigung in einer Werkstatt für Behinderte vorbereitet oder zu Büro- oder Telefonfachkräften ausgebildet. "Ohne den rechtzeitigen Besuch der Blindenbildungsstätte wäre ich nicht das, was ich bin", betonte die Bürofachfrau Lilo Gärtner.

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