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Keyvan Dahesch: Erste blind geborene Landtagsabgeordnete feierte 60. Geburtstag

Als Erika Fleuren im Januar 1994 für die SPD in den Wiesbadener Landtag nachrückte, werteten dies schwerstbehinderte Menschen in Deutschland als einen großen Fortschritt auf dem Weg zur gesellschaftlichen Anerkennung. Am 1. September feierte die Frau, die mit ihren Leistungen ständig Vorurteile über mangelnde Fähigkeiten von Menschen mit Handicaps widerlegt, ihren 60. Geburtstag.

Was der Einzug eines Menschen mit einer sichtbar schweren Behinderung in ein deutsches Landesparlament bedeutet, kann nur ermessen, wer sich vergegenwärtigt, mit welchen Vorbehalten wir noch heute fertig werden müssen. Nur den Menschen, die durch die Kriegsereignisse zu ihrem Handicap gekommen sind, hatten die nichtbehinderten Menschen einiges zugestanden. So gab es auch zwei kriegsblinde Parlamentarier in der Bundesrepublik. Von 1946 bis 1954 gehörte Dr. Konrad Gumbel für die SPD dem Hessischen Landtag an, und Hans Wissebach war von 1969 bis 1976 CDU-Bundestagsabgeordneter aus Marburg. Übrigens hat das Beispiel von Erika Fleuren bislang leider nur einmal Nachahmung gefunden, und zwar hat die PDS bei der Landtagswahl 1998 im September in Mecklenburg- Vorpommern die durch eine Diabetes späterblindete Irene Müller in den Landtag geschickt. Wie Erika Fleuren ist Irene Müller ebenfalls DVBS-Mitglied.

"Erika Fleuren ist nicht wegen, sondern trotz ihrer schweren Behinderung in den Landtag gewählt worden", betont SPD- Fraktionsvorsitzender Armin Clauss. Der Werdegang der am 1. September 1940 in Wuppertal ohne Sehvermögen zur Welt gekommenen Frau mit dem ausgeprägten Selbstbewusstsein dokumentiert diese Ansicht.

"Meine Eltern wollten, dass ich das Abitur mache. Ich war aber faul, habe statt Schularbeiten zu machen, lieber gelesen. Deshalb reichte es nur für die mittlere Reife und den Handelsschulabschluss in Marburg", erzählte mir Erika Fleuren. Später im Beruf und in der Politik war die Wahl-Hessin doppelt und dreifach so fleißig wie ihre Kolleginnen und Kollegen ohne Behinderung. Daher brachte sie es beim heutigen Amt für Versorgung und Soziales in Wiesbaden bis zur Amtfrau. Politisch engagierte sie sich in der SPD, für die sie von 1977 bis 1994 als Stadtverordnete in Wiesbaden tätig war. Bei jeder Wahl nominierten sie die Delegierten auf einem besseren Listenplatz, zuletzt als Dritte hinter dem Oberbürgermeister und dem Fraktionsvorsitzenden.

"Vielleicht hatte ich am Anfang einen Behindertenbonus. Später gab sicherlich meine Arbeitsweise den Ausschlag für die Nominierung", sagt Erika Fleuren selbstbewusst. "Die mir in der Deutschen Blindenstudienanstalt eingeimpfte Devise heißt: Ich muss das Mehrfache an Leistung erbringen als andere, damit ich akzeptiert werde." "Damit fordert sie sich und die Mitarbeiterin oft zu Höchstleistungen heraus", sagte mir im November 1994 der damalige Landtagspräsident Karl Starzacher für eine Rundfunkreportage. "Mit ihrem selbstbewussten Auftreten macht sie oft vergessen, dass sie blind Ist", fügte er hinzu. An dieser Einschätzung hat sich nichts geändert.

Die Post, Zeitungen und Parlamentsunterlagen liest ihre Assistentin Bärbel Hegenberg vor. Einiges davon schreibt sie sich in Blindenschrift ab, damit sie die Notizen "unter den Fingern hat" und genau zitieren kann.

Kämpfen um einen anspruchsvollen Beruf musste Erika Fleuren - wie viele von uns - nach dem Besuch der Blindenschulen in Neuwied und Marburg in den zehn Jahren Stenotypistinnen- Tätigkeit von 1958 bis 1966 im Rathaus der Stadt Garmisch- Patenkirchen und dann bis 1968 im Wiesbadener Sozialministerium. Dann bekam sie endlich die Möglichkeit zur Ausbildung für die Beamtinnen-Laufbahn des gehobenen Dienstes beim Versorgungsamt der Stadt. 1971 bestand sie die Prüfung mit der Note "Sehr gut".

Als ich ein Jahr später beim heutigen Landesamt für Versorgung und Soziales in Frankfurt meine Ausbildung begann, wurde ich immer wieder mit dem Vorbild Erika Fleuren motiviert und eiferte ihr gerne nach.

Ein besonderes Ereignis im politischen Leben Erika Fleurens war der 23. Mai 1999. An diesem Tag wählte sie als Mitglied der Bundesversammlung in Berlin den neuen Bundespräsidenten mit. Als einen Höhepunkt ihres politischen Wirkens sähe sie die Verabschiedung eines Gesetzes gegen Diskriminierung und zur Gleichstellung behinderter Menschen auf Landesebene in Hessen.

"Meine vielfältigen und oft schwierigen Aufgaben als Abgeordnete kann ich erfüllen, weil mir den ganzen Tag eine Assistentin zur Verfügung steht", erklärt die blinde Parlamentarierin. Für die Arbeit als Stadtverordnete musste Erika an den Wochenenden oft auf besondere Gaumenfreuden verzichten: "Meine Mutter kochte freitags Eintopf, damit sie mir samstags und sonntags ungestört die Unterlagen in die Blindenschriftmaschine diktieren konnte".

Im Landtag arbeitet sie im sozialpolitischen Ausschuss und in den mit Sozialpolitik befassten Arbeitskreisen ihrer Fraktion. Bei ihrer Jungfernrede zum Thema Arbeitslosigkeit bekam sie Zuspruch auch von anderen Parteien. Die SPD-Fraktion bedankte sich bei ihr mit Standing Ovation: "Weil sie eine langweilig gewordene Debatte mit Sachverstand, Witz und Energie zu neuen Überlegungen anspornte", sagte Fraktionschef Armin Clauss. Als die damalige Opposition aus CDU und FDP in einer Debatte über den gemeinsamen Schulbesuch Behinderter und Nichtbehinderter bezweifelte, dass Blinde mit Sehenden zusammen lernen können, ergriff Erika Fleuren das Wort und führte als Beispiel ihren eigenen Werdegang an. "Die Reaktion war betretenes Schweigen", freut sich die Jubilarin. "Die CDU-Abgeordneten hatten ganz einfach vergessen, dass auch ich blind bin."

Anstelle von Geschenken zum runden Geburtstag wünschte sich Erika Fleuren Spenden für die Deutsche Blindenstudienanstalt.

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