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Unter diesem Motto stand eine Tagung im Rahmen des Expo- Projektes "Teledorf Retzstadt", die am 21. Juli im Berufsförderungswerk Würzburg stattfand.
Die Informationsgesellschaft zeigt ihre Auswirkungen: In 1999 haben die Informations- und Kommunikationstechnologien die magische Schwelle von 200 Milliarden DM Umsatz erreicht und damit die Automobilindustrie übertroffen. Brauchte der PC noch 16 Jahre, um bei mehr als 50 Millionen Menschen Verbreitung zu finden, so hat dies das Internet in fünf Jahren geschafft. Das Wachstum am Markt geht weiter. In diesem Zusammenhang gewinnt auch die Telearbeit immer größere Bedeutung. Experten schätzen, dass 40 bis 60 % aller Arbeitsplätze telearbeitstauglich sind. Die Zahlen belegen eindrucksvoll, dass sich auch die Berufsförderungswerke auf diesen Markt einstellen müssen. Eine Tagung im BFW Würzburg sollte dazu den Anstoß geben.
Von Telearbeit sprechen wir immer dann, wenn ein Arbeitnehmer seine Arbeit außerhalb des Betriebes auf elektronischem Weg via Datenaustausch verrichtet. Bei der alternierenden Telearbeit, der am häufigst vorkommenden Form in der Bundesrepublik wird zwischen häuslichem und betrieblichem Arbeitsplatz gewechselt. Die Aufteilung ergibt sich meist aus der Arbeitsaufgabe und den individuellen Wünschen der Arbeitnehmer. Projekte zur Telearbeit gibt es viele, im Behindertenbereich ist beispielhaft der Programmierservice der Stiftung Pfennigparade zu nennen.
Die Gründe, warum Unternehmen Telearbeit einführen, sind vielfältig. Nach einer Untersuchung steht an erster Stelle der Wunsch nach Produktivitätssteigerung, aber auch der Wunsch der Mitarbeiter ist eine häufig genannte Ursache. Erledigt werden durch Telearbeit meist Aufgaben aus der Textverarbeitung, aber auch Fachaufgaben, Software-Entwicklung und Kunden-Hotlines werden oft nicht mehr am Firmenarbeitsplatz erledigt.
Wichtig ist es, in diesem Zusammenhang zu erwähnen, dass Telearbeit nicht zur Ausbeutung führen darf und rechtliche Vorschriften beachtet werden müssen. Es kann nicht darum gehen, einen Mitarbeiter zur Umgehung von Arbeitsrecht und Sozialversicherung in die Scheinselbstständigkeit "outzusourcen". Als vorbildlich sind in diesem Zusammenhang die Empfehlungen von IBM zur Telearbeit erwähnenswert. Hier heißt es u.a.: "Die Teilnahme ist freiwillig. Eine geeignete Arbeitsaufgabe ist gegeben. Der Status des Mitarbeiters bleibt unverändert."
Chancen und Risiken dieser Organisationsform der Arbeit gelten für Behinderte und Nichtbehinderte gleichermaßen. Die richtige Lösung gibt es nicht - jeder Arbeitnehmer, jedes Unternehmen muss sorgfältig abwägen und dann entscheiden.
Ein Risiko für die Unternehmen ist im mittleren Management zu sehen. Dort wird meist noch der herkömmliche Führungsstil gelebt - der Vorgesetzte kontrolliert und lenkt, die in der Firma erbrachte Anwesenheitszeit wird häufig gleichgesetzt mit der Arbeitsleistung. Manager im Zeitalter der Telearbeit hingegen müssen ergebnisorientiert führen und ihre Mitarbeiter fern der Arbeitsstätte mit allen notwendigen Informationen, die sie zur Erfüllung der Arbeitsaufgabe brauchen, versorgen.
Ein weiteres Problem stellt der Datenschutz dar - sind doch unternehmensinterne Informationen am heimischen PC zumindest theoretisch für alle unbegrenzt verfügbar. Eine gesonderte Vereinbarung, die die private Nutzung des PC regelt, ist hierfür unumgänglich. Schwierigkeiten bereitet auch das bisher noch nicht vollständig gelöste Problem der "nicht abhörsicheren" Übertragung von Informationen via Datenleitung.
Viele Unternehmen befürchten auch, dass der Bezug ihrer Telearbeiter zum Unternehmen verloren geht. Firmenkultur kann durch das Datennetz nicht erlebt werden. Schutz davor bietet die bereits eingangs erwähnte Mischform der alternierenden Telearbeit.
Für Arbeitnehmer ist die am häufigsten genannte Schwierigkeit die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Mit den Kindern Hausaufgaben machen, dabei das Essen kochen und so nebenbei am Laptop seine Arbeit verrichten, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Wichtig ist neben einem eigens abgetrennten Arbeitsraum, den Familienmitgliedern klar zu machen, dass Papa oder Mama jetzt arbeiten und nicht gestört werden dürfen.
Viele Telearbeiter müssen sich zudem ein gewisses Selbstmanagement antrainieren, das sie vom Firmenarbeitsplatz nicht gewohnt sind; dort sagt ihnen sehr häufig der Vorgesetzte, was sie wann tun sollen. Auch für das Selbstmanagement ist ein eigener Arbeitsraum wichtig; der Telearbeiter sollte sich feste Arbeitszeiten und ein festes Arbeitspensum vornehmen.
Eine nicht hinweg zu diskutierende Benachteiligung erfahren Telearbeiter bei ihrem Karriereweg. Hier spielen häufig persönliche Kontakte eine Rolle, die der Telearbeiter von zuhause aus nicht erbringen kann.
Eine weitere Gefahr für Arbeitnehmer wird mit dem Schlagwort "soziale Isolation" beschrieben. Arbeit ist nicht nur Broterwerb, sondern hat auch sehr viel mit sozialen Kontakten am Arbeitsplatz zu tun. Bei der reinen Telearbeit finden soziale Kontakte nur in eingeschränktem Maße statt. Sind die Chancen, aber auch die Risiken der Telearbeit in den meisten Punkten unabhängig von der Behinderung zu diskutieren, so ist es hier anders. Berufsförderungswerke für Blinde und Sehbehinderte dürfen bei diesem Thema nicht den Fehler machen, Telearbeit als allein seligmachendes Mittel zur Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt zu betrachten. Es ist stets darauf zu achten, dass die Mobilität unserer Personengruppe in den Vordergrund gestellt wird.
Nicht weg zu leugnen ist indes, dass gerade späterblindete oder sehbehinderte Menschen nicht immer nur an Orten wohnen, die über gute Verkehrsanbindungen verfügen. Nicht selten muss gerade dieser Personenkreis lange Anfahrtswege zum Arbeitsplatz in Kauf nehmen. Einige wenige können den neu erlernten Beruf gar nicht ausüben, weil sie in ihrer Gegend keinen Arbeitsplatz finden. Ein Umzug ist für sie oft schwierig, weil der Ehepartner sonst eine gute Arbeitsstelle aufgeben oder die Kinder die gewohnte Umgebung wechseln müssten. Hier bietet Telearbeit eine Chance. Projekte mit Behinderten hierzu haben Siemens, die Hypovereinsbank und BMW gestartet.
Dass Kosten und Zeit für die Fahrt zur Arbeit entfallen und die Telearbeit eine unglaubliche Chance vor allem für Arbeitnehmer in strukturschwachen Räumen bietet, wird übrigens von allen Teilnehmern als Pluspunkt genannt.
Am stärksten wiegt jedoch der Vorteil von größerer zeitlicher Flexibilität, das "Mehr" an Selbstverantwortlichkeit und Eigenständigkeit wird von allen als sehr motivierend empfunden. Diese Feststellung bestätigte auch Gerhard Rinner, Absolvent der Qualifizierungsmaßnahme "Fachkraft für Telefonmarketing", der zuhause Termine für ein EDV- Schulungsunternehmen macht.
Eine fast logische Folge hieraus: Die Arbeitsleistung steigt, die Qualität der Arbeit wird besser, und die Kosten werden gesenkt. Dies ergab eine Befragung bei Unternehmen, die Telearbeit bereits durchführen.
Telearbeit als Chance für Blinde und Sehbehinderte- Die Entscheidung für oder gegen einen Telearbeitsplatz hat zunächst einmal wenig mit der Behinderung zu tun. Wichtig ist, dass ein potenzieller Arbeitnehmer die Anforderungen an einen Telearbeiter erfüllt: Hierzu gehören u.a. neben umfangreichen fachlichen Kenntnissen die Fähigkeit zum selbstständigen und eigenverantwortlichen Arbeiten und zur Selbstmotivation. Blinde und sehbehinderte Menschen müssen überdies ihre Hilfsmittel gut beherrschen.
Zur Erfüllung dieser Voraussetzungen leisten die Berufsförderungswerke einen wichtigen Beitrag. Die neuen Technologien eröffnen ungeahnte Chancen gerade auch für die Personengruppe Blinde und Sehbehinderte. Das Berufsförderungswerk Würzburg hat mit der Tagung zur Telearbeit den Anfang gemacht.
Wir wollen den Dialog fortführen. Wir wollen Erfahrungsberichte sammeln, Anregungen und Ideen aufgreifen. Wir freuen uns deshalb über Zuschriften der horus-Leser an die Adresse: BFW Würzburg, Simone Tolle, Helen-Keller-Str.5, 97209 Veitshöchheim. E-Mail: Tolle.Simone@bfw-wuerzburg.de
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