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Cordula von Brandis-Stiehl: Wechselbäder

Die Autorin ist eine spät erblindete Ärztin und Psychotherapeutin, die hier aus ihrer eignen Erfahrung zunächst schildert, wie sie selbst ihre Erblindung erlebt und erfahren hat. Im zweiten Teil geht sie als Wissenschaftlerin genauer auf die Art ihrer Erkrankung ein und wie ein Augenarzt mit Patienten umgehen kann, die erblinden werden oder bereits erblindet sind.

Wie stolz war ich mit meinen ganzen sechs Jahren! Die Schule lockte mit Macht. Wäre ich erst dort, dann könnten die älteren Geschwister mir ja nichts mehr anhaben; sie würden mich einfach nicht mehr für dumm verkaufen können.

Nach meinem selbstgemalten Bild fehlte nun nur noch die ärztliche Untersuchung. Eins war schon jetzt klar: Ich würde eine Brille erhalten und damit flöge mir alles Wissen bestimmt nur so zu, denn meine Großmutter, mein Vater und meine älteste Schwester trugen eine solche; alle waren so viel klüger als ich.

Jetzt war es so weit: Ich war schon befühlt und behorcht worden, und ich hatte alles für gut befunden. Wie konnte es auch anders sein bei einem Fast-Schulkind. Nun kam nur noch die Sehprüfung an die Reihe: Ein Auge wurde verdeckt, und ich spähte. Ja, ja da war ein schlanker Mann mit einem großen Schlapphut und einem kleinen Dackel. Ich sah ihn deutlich. Doch da tönte ein "Nein!" - "Doch!" protestierte ich zurück und überhörte die Bemerkung über meine vermeintliche Dummheit. Nein, diese Ärztin war dumm mit ihren kalten, großen Händen während all der Untersuchungen zuvor. Ich fand mein schlaues Urteil sehr schulreif. Dann kam das andere Auge dran: Ich erkannte jetzt sehr genau an der Stelle des Mannes einen großen, großen Schlüssel. Sollte die Schulärztin so gemein wie meine älteren Geschwister gewesen sein und die erste Tafel heimlich schnell gegen eine andere ausgetauscht haben- War ich vielleicht, ganz vielleicht, doch noch zu klein für die Schule-

Wenig später durfte ich mich trotz aller Männer samt Hut und Dackel auf meinen ersten Schultag freuen - stolz mit Brille auf der Nase!

Und ich lernte vieles. Vor allem, dass meine Brille mir nicht das Wissen zutuschelte, sondern dass ich dabei gefragt war. Das war ein langwieriger Erkenntnisprozess. Nur wenn ich etwas unbedingt wissen wollte, konnte ich eben doch meine Brille, mein Gegenüber oder schlaue Bücher befragen; alle gaben sie mir auf ihre Art eine kluge Antwort.

Eine schlimme Prognose

So war ich 17 Jahre jung und (fast) erwachsen geworden. Aber trotz Brille lasen meine Klassenkameradinnen die Schrift an der Schultafel besser als ich. Der Augenarzt wusste auch so recht keine Erklärung dafür. Aber es gab ja eine Universitätsaugenklinik vor Ort. Meine Mutter konnte mich nicht begleiten. Wozu auch bei selbstständigen jungen Menschen! Es folgte Untersuchung auf Untersuchung, wieder Augentropfen zur Vergrößerung der Pupillen und nochmals. Im Dunkeln kein Problem, und draußen fiel im Laufe des langen Untersuchungstages sanft ein wunderschöner weißer Schnee (ich sah es klar zwischen den zugekniffenen Augenlidern hindurch).

Jetzt sollte nur noch das Gesamtergebnis der Untersuchung folgen, und dann hinaus aus dem Karussell ins weiche Weiß!

Was ich denn so mache, wollte der Augenprofessor zum Schluss wissen, "Ach, Abitur- Freiwillige Untersuchungen für den Wettbewerb "Jugend forscht"- Reiten, Schwimmen, Tanzschule-" Wozu nur so viel Anstrengung, in fünf Jahren sei ich doch bei diesem Augenbefund sowieso blind. Da solle ich lieber das Leben genießen. Aber das tat ich doch, außer wenn ich französische oder lateinische Vokabeln pauken sollte! Ich verstand die Welt nicht mehr, auch nicht den Schmerz durch den weißen Schnee in meinen weit geöffneten Augen. Ich verstand nicht, warum mein Paket mit Unterlagen für den Wissenschaftswettbewerb "Jugend forscht" plötzlich in meinen Armen so schwer wirkte. Ich verstand nicht, dass es so schlimm sein sollte mit meinen Augen, denn mein Vater sah des Nachts ja auch nicht mehr als ich oder einige aus der Geschwisterschar - hier konnte jeder doch etwas auf seine Art: Gut musizieren, gut hören, gut turnen, gut französisch parlieren, gut rechnen oder aber gut sehen. Das war die Vielfalt des Lebens.

Schlechte und gute Klinikerfahrungen

Ich brauchte noch einige Zeit des Reifens, bis ich einen erneuten Versuch zu einer gründlichen Augenuntersuchung wagte.

Acht Jahre und mehr gingen ins Land und ich sah immer noch. Also doch wie eh und je: Alles dumme Lügen von oberklugen Erwachsenen, die glaubten, sich mit schlauen Aussagen wichtig zu machen- Aber nach dem erfolgreichen Abschluss meines Erststudiums in Biologie und Mathematik gehörte ich ja nun auch zu den "schlauen Erwachsenen". Da wagte es eine Augenärztin anlässlich einer neuerlichen Untersuchung mir zuerst die winzigste Schrift zuzumuten und stellte dann lapidar fest: "Ach, Sie sind Analphabetin"! Ich tobte vor Wut.

Über 20 Jahre waren seit der unheilvollen Diagnose der unmittelbar bevorstehenden Erblindung ins Land gegangen. Während all der Jahre hatte ich mein Leben in vollen Zügen genossen. Mein Sehen wurde nicht besser, aber es reichte zum Leben. Fast war ich jetzt selber Ärztin, in Spanien. Da erblindete ich, aber aus gänzlich anderer Ursache, als es der Professor damals geweissagt hatte. Eine liebe Freundin begleitete mich in die Augenklinik. Die junge Augenärztin war ein wenig hilflos. Sie suchte Unterstützung bei einem erfahreneren Kollegen. Sie kam mit meinem eigenen Professor wieder, der mich seine Augenheilkunde gelehrt hatte. Nach einem langen Blick in meinen Augenhintergrund, während dessen er schmerzvoll stöhnte, nahm er meine Hand zwischen seine starken tragenden Männerhände, drückte sie fest und begann seine medizinische Diagnose mit einem liebevollen, tröstenden respektvollen "Liebe Cordula..." Seine Güte, sein Wissen um Grenzen und Chancen gaben mir den nötigen Halt während all der schwierigen Monate danach.

Dank seines einfühlsamen Miterlebens überstand ich die sich anschließende kalte Dusche in Deutschland. Einer der ersten Blicke hier in meine Augen wurde von wiederholten Ausrufen begleitet wie "Oh, wie schrecklich! Oh, wie schlimm!". Der deutsche Klinikarzt, der über zehn lange Wochen hauptverantwortlich auf der Station mit mir um mein Augenlicht ringen sollte, interessierte sich am Vortag der Entlassung endlich dafür, wozu ich denn im Alltag meine Augen nutzte. Er war betroffen, dass ich Fast-Kollegin sei. Zu dem Zeitpunkt hatte ich schon längst Halt bei vielen seiner netten Kollegen gefunden, denn "zum Glück" musste ich zweimal täglich zu einer gesonderten Augendruckmessung, die die diensthabenden Kollegen durchführten. Bei ihnen hatte mein Leid einen Platz. Ihnen mein Dank!

Heute fühlt der Augenarzt, der mich in großen Abständen überwacht, all meine Aufs und Abs mit mir: Er verstößt mich selbst dann nicht, wenn mich die Bürokratie aus "übergroßer Fürsorge" für andere Patienten dazu drängt, Heilpraktikerin zu werden. Er freut sich mit mir, wenn ich reite, Ski laufe, köstliche Gerichte zubereite und meinen Weg durch den administrativen Ärztedschungel finde, um doch noch als Ärztin tätig sein zu können. So geht es in meinem Leben immer wieder weiter. Nach eiskalten Duschen entströmt einem Bad doch immer wieder wohltuende Wärme.

Nachdruck aus "der Augenarzt", Heft 4/2000, Seite 204-205, mit freundlicher Genehmigung des Kaden Verlages, Poststr. 24-26, 69115 Heidelberg.

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