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Dr. Johannes-Jürgen Meister: Ein Blindenpfad im Landesarboretum

Am 26. Juli 2000 wurde im Norden von München, im Kranzberger Forst in der Nähe der Domstadt Freising, das Bayerische Landesarboretum der Öffentlichkeit übergeben. In Reden der Staatssekretärin im Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten sowie des Präsidenten der Forstverwaltung wurden nicht nur Sinn und Zweck sowie die Entstehungsgeschichte des Landesarboretum dargestellt und gewürdigt, sondern die Tatsache, dass zugleich mit dieser Eröffnung auch ein Lehr- und Erlebnispfad für Blinde und Sehbehinderte eingeweiht wurde. Damit komme der Staat seiner sozialen Verpflichtung nach, so die Staatssekretärin, die Behinderten in unsere Gesellschaft zu integrieren. Die Gestaltung des Blindenpfades sei "eine Investition, die sich lohnt".

Das Landesarboretum (lat. arbor = der Baum) ist ein etwa 80 Hektar großes Waldareal inmitten des Kranzberger Forstes, der sich von Ost nach West durch den Landkreis Freising zieht. In diesem hügeligen Waldgelände sind und werden in nächster Zeit Baum- und Straucharten aus den verschiedensten Waldregionen der nördlichen Hemisphäre angepflanzt. Nicht einzelne Exemplare bestimmter Baumarten, wie in einem botanischen Garten, sondern als kleinere Waldgesellschaften stehen mehrere Exemplare in unterschiedlichem Wachstumsstadium und vermischt mit anderen Baumarten der gleichen Region zusammen. Zur Zeit sind etwa 175 verschiedene Baumarten angepflanzt, im Endstadium sollen es einmal 400 bis 500 Arten aus Nordamerika, Alaska, Europa, Russland und Asien sein. Neben einheimischen Laub- und Nadelhölzern wie Ulme, Eiche, Buche und dergleichen wachsen die Butternuss, Douglasie, Mammutbaum, amerikanische Linde, Grünesche, Tulpenbaum, Hemlocktanne u.v.m.

Das Arboretum dient zum Einen der Lehre und Forschung für die Hochschulen in Weihenstephan, in dessen Nähe dieses Arboretum angelegt wurde, zum Anderen aber auch als Naherholungsgebiet im Großraum München. Erschlossen und mit entsprechenden Auszeichnungen versehen sind bisher zwei Rundwege durch typische Waldregionen Nordamerikas und Europas bzw. Asiens. Die ältesten Bäume sind etwa 100 Jahre alt und haben bereits eine Höhe von 40 m erreicht. Ausgewachsen können diese Bäume Höhen bis zu 80 m erreichen. Insgesamt führen 12,5 km Forststraßen und -wege durch das Gelände, hinzukommen noch 2 km naturbelassene Waldpfade.

Am Eingang zum Arboretum wurde ein kleiner sechseckiger Pavillon errichtet, in dem sich die Waldbesucher über den Aufbau und die Gestaltung sowie die Geschichte des Arboretum informieren können. Eine Tafel ist mit einer tastbaren Reliefkarte und mit Informationen in Punktschrift ausgestattet.

An diesem Pavillon beginnt auch der 1,2 km lange Rundweg für Blinde und Sehbehinderte. Der Rundweg ist auf den Forststraßen und -wegen durch Bodensegmente aus Pflastersteinen gekennzeichnet, die auch den Weg zu einzelnen Objekten weisen. Entlang den naturbelassenen Waldpfaden wird der Besucher an Kordeln in ca. 90 cm Höhe und an "Leitplanken" am Boden durch das Gelände und zu den Objekten geführt. Insgesamt wurden 400 m Kordeln gespannt. Der Blinde spürt den weichen, moosigen Waldboden im Gegensatz zu den geschotterten Waldwegen und Forststraßen unter den Füßen und kann sich mit Langstock und anhand der Kordeln zu den Baum- und Straucharten vortasten. Dabei erfährt er unmittelbar die Unebenheiten des Waldbodens, ohne befürchten zu müssen, über Wurzeln zu stolpern. Dass er an ein neues Anschauungsobjekt gekommen ist, erkennt er an der tastbaren Ziffer auf einem Pfosten, der die Kordel trägt. Nun kann er in seinem kleinen Wegbegleiter in Punktschrift, den er im Pavillon am Beginn seines Spaziergangs mitnehmen kann, nachlesen, um welche Baumart es sich handelt. Diese Ziffern auf den Pfosten sind farbig so kontrastreich, dass sie mühelos auch von einem Sehbehinderten erkannt werden können. In diesem Wegbegleiter erfährt der blinde Besucher in gebotener Kürze alles Wissenswerte über Herkunft, Form der Nadeln oder Blätter, Größe und Wachstum. Er wird aufgefordert, Blätter und Nadeln, Zweige und Rinden abzutasten. Insgesamt wird der blinde Waldbesucher auf diese Weise an 16 verschiedene Baumarten in unterschiedlichen Wachstumsstadien herangeführt. Gelegentlich wird er durch wiederkehrende Ziffern gefragt, ob er den Baum oder Strauch wiedererkennt.

Besonders eindrucksvoll ist es, beobachten zu können, wie sich im Laufe des Wachstums die Rinde verändert. Ist sie in jungen Jahren noch ziemlich glatt, so kann sie im Laufe der Jahre sehr rissig und borkig werden, wie z.B. bei der Douglasie. Der Besucher darf auch Blätter oder Nadeln zerreiben und so am Duft erkennen, um welche Baumart es sich handelt. Es ist geplant, diesen Rundweg für Blinde und Sehbehinderte in den kommenden Jahren noch auszuweiten.

Mitten in diesem Arboretum steht ein kleines Kirchlein, dessen Ursprünge bis ins 12. Jahrhundert zurückreichen. Das Dorf Oberberghausen, zu dem diese Kirche einst gehörte, wurde schon im 19. Jahrhundert aufgegeben und die Gehöfte dem Erdboden gleichgemacht, weil das Land rundherum den Bauern keine ausreichende Existenzgrundlage boten.

Zu erreichen ist das Landesarboretum von der Autobahnausfahrt Allershausen (Autobahn A9 Nürnberg-München) in Richtung Freising bis zur Abzweigung "Oberberghauser Kirche" oder mit Taxi vom Bahnhof Freising. Wer gut zu Fuß ist, kann den 3 km langen Weg von Freising aus auch zu Fuß zurücklegen.

Neben dem neuen Landesarboretum verfügt Freising auf dem Weihenstephaner Berg schon seit Jahren über einen Duft- und Tastgarten mit einem Klangbrunnen, der von der Fachhochschule Weihenstephan fachmännisch betreut wird. Umrahmt wird dieser Garten von anderen Gärten wie Apotheker-, Gewürz- oder Bauerngarten, die zwar nicht blindengerecht angelegt sind, gleichwohl aber zum Tasten und Riechen einladen.

Das Forstamt Freising bietet nach Anmeldung auch Führungen durch das Landesarboretum und den Blindenpfad an (Tel.: 08161/4 80 20). Zum Abschluss einer so ereignisreichen Wanderung lädt der Biergarten im Bräustüberl Weihenstephan zur Erfrischung ein.

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