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Mütter müssen draußen bleiben
Immer schön Blickkontakt halten beim Vorstellungsgespräch. Und auf die Körpersprache des Gegenübers achten. So steht es in Bewerbungsratgebern. Wertlose Tipps für jemanden wie Wolfgang Hallmeier (Name von der Redaktion geändert). Er erkennt nicht, ob sein Gesprächspartner gerade grinst oder sich von ihm abwendet.
"Aber ich merke schon, wie jemand gelaunt ist. Und wenn sich Leute bewegen, gibt es einen kleinen Luftzug." Wolfgang Hallmeier war 16, als die Welt um ihn herum allmählich verblasste. Bald konnte der gelernte Straßenbauer Blau und Grün nicht mehr unterscheiden, schließlich nahm er nur noch Licht und Schatten, Hell und Dunkel wahr. Auf dem Bau konnten sie einen wie ihn nicht mehr brauchen. Wolfgang Hallmeier machte eine Ausbildung zum Masseur. An seinem ersten Bewerbungsbrief saß er Stunden. "Ich habe mit mir gerungen: Soll ich oder soll ich nicht-" Er hat dann doch gleich im ersten Anschreiben erwähnt, dass er blind ist. "Rausgekommen wäre es sowieso." Und inzwischen kann er seine Behinderung gut verkaufen: "Ich sage gleich: Die besten Masseure sind blind. Ich kann mit meinen Fingern ins Gewebe reingucken."
Gelernt hat Wolfgang Hallmeier das Selbstmarketing bei einem Bewerbungstraining der Stiftung Blindenanstalt in Frankfurt. Die Stiftung hat gerade einen Bewerbungsleitfaden für Schwerbehinderte herausgebracht und bietet eine Stellenvermittlung und Praktikumsbörse für Schwerbehinderte an, dazu gibt es Einzelberatung. "Wir machen oft ein Persönlichkeitstraining. Denn nur wer mit seiner Behinderung im Reinen ist, kann sie auch im Bewerbungsgespräch positiv darstellen", sagt Projektleiterin Anne Schwindling von der Stiftung Blindenanstalt. Ihr Rat: nur keine Tabus. Ruhig sagen: "Wie fanden Sie meine Blindbewerbung-" - Scherze lockern die Chefs auf. Und Begleitpersonen bitte draußen lassen. "Manche Blinde lassen sich von ihrer Mutter in die Firma bringen, und die mischt sich dann auch noch ins Bewerbungsgespräch ein."
Fehler sind nicht erlaubt, weil Menschen mit Handicap auf dem Arbeitsmarkt sowieso schlechte Karten haben. Im April dieses Jahres waren 188 000 Schwerbehinderte in Deutschland ohne festen Job, das entspricht einer Arbeitslosenquote von 17,8 Prozent. "Die Vermittlung von Schwerbehinderten ist rückläufig, das Klima wird härter", sagt Anne Schwindling. Immer schneller, immer mobiler - Querschnittsgelähmte oder Blinde passen nicht so gut in die New Economy.
Zwar ist jeder größere Betrieb gesetzlich verpflichtet, 6 Prozent Behinderte einzustellen. Aber nur rund 12 Prozent der Arbeitgeber halten sich an diese Vorgabe, über ein Drittel aller Firmen hat überhaupt keine behinderten Angestellten - lieber zahlen sie "Ausgleichsabgaben", zurzeit 200 Mark pro Monat und nicht eingestelltem Schwerbehinderten.
Nicht immer ist es böser Wille, wenn keine Behinderten im Betrieb arbeiten. Viele Manager sind schlicht überfordert: "Sie wissen nicht, wie sie solche Mitarbeiter einsetzen sollen. Die meisten haben im ganzen BWL-Studium nicht einmal das Wort Behinderte gehört", sagt Unternehmensberater Jörg Kopp, der Firmen dabei hilft, Stellen für Schwerbehinderte zu schaffen.
Technische Hilfsmittel erleichtern Blinden die Arbeit
"Das kann der doch nicht", dachte auch Bernd Rose, Direktor für Finanzen beim Autohersteller Ford in Köln, als er die Praktikumsbewerbung von Burkhard Hautow auf seinem Tisch hatte. Zwar war Hautows Lebenslauf in Ordnung - BWL-Studium an der Universität Marburg, auch ein paar Praktika hatte der 29- Jährige schon gemacht. Aber Burkhard Hautow ist von Geburt an blind - wie sollte er da Fehler bei der Inventur finden, konnte er überhaupt Zahlen lesen-
Doch die Schwerbehindertenvertreterin bei Ford setzte sich für Hautow ein, und auch Bernd Rose war nach einem Telefonat mit ihm bereit, "das Risiko einzugehen". Hautow hatte ihm erklärt, dass er Braille-Tastatur und -software für den Computer mitbringen würde - und sein Sprachprogramm: "Mein Computer spricht mit mir." Zwar brauche er stundenweise auch eine so genannte Arbeitsplatzassistenz - einen Studenten, der ihm schnell die Post vorliest oder Skizzen nach seinen Angaben anfertigt -, aber dafür zahlt das Arbeitsamt.
Dass es technische Hilfsmittel wie Sprachprogramme für Blinde und finanzielle Zuschüsse gibt, wüssten viele Arbeitgeber gar nicht, sagt Anne Schwindling von der Stiftung Blindenanstalt. Umso wichtiger ist es, dass ein Behinderter solche Dinge schon im Bewerbungsanschreiben anspricht.
"Ich sage selbstbewusst: Ich habe eine Ausbildung, eine Prüfung mit Auszeichnung, dann kann ich auch meinen Job", sagt Wolfgang Hallmeier. Einige Patienten merkten in der Massagepraxis gar nicht, dass er blind ist: Die packe ich aus der Fango aus und fasse sie an der Ferse an, dann weiß ich, ob sie auf dem Rücken oder auf dem Bauch liegen." Einen Blindenstock habe er in der Praxis noch nie benutzt.
Keine Probleme, sich zurechtzufinden, hat auch Burkhard Hautow. Die Kollegen bei Ford zeigten ihm den Weg zur Kantine. Und er strengt sich an, denn er weiß: "Die meisten Leute haben keine Lust, sich mit den Problemen Behinderter zu beschäftigen. Man muss schon selbst aktiv werden." Nach Abschluss seines Studiums will er sich bei Ford bewerben. "Er hat bei uns sicher gute Chancen, weil er im Praktikum gezeigt hat, was er kann", sagt die Schwerbehindertenvertreterin Dorothea Zersch. Doch wie die anderen Bewerber werde auch er das Assessment-Center durchlaufen müssen, so Zersch. "Aus Mitleid stellen wir niemanden ein."
Der "Der Leitfaden zur erfolgreichen Bewerbung" inklusive CD- ROM ist für 25 Mark bei der Stiftung Blindenanstalt, Adlerflychtstr. 8 - 14, 60318 Frankfurt, Tel. 069/95.51.24-0, erhältlich.
Jobangebote für Schwerbehinderte gibt es bei der Jobline- Rehadat, Tel. 069/95.51-24-65 oder unter: www.jobline- rehadat.de.
(aus: Die Zeit, 10.08.2000, Nr. 33)
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