



Suchen Sie in horus aktuell, unserem Newsletter, und horus online, unserer Vereinszeitschrift:
Marburg (ab). Zum Thema "Flucht und Behinderung" trafen sich am 8. September 2000 etwa 75 Teilnehmer aus dem In- und Ausland an der Deutschen Blindenstudienanstalt (Blista). Die Vertreterinnen der verschiedenen Organisationen und die Betroffenen selbst diskutierten dabei über die Probleme behinderter Flüchtlinge und wie man deren Situation verbessern kann. Die Schirmherrschaft dieser Veranstaltung übernahm Bundesminister Otto Schily, der aber selbst nicht anwesend war.
Diese Konferenz, die durch die EU gefördert wird, ist die zentrale Veranstaltung in Deutschland, um eine Analyse des Problems "behinderter Flüchtlinge" in Deutschland, Frankreich und Großbritannien zu untersuchen. Dabei sollen die einzelnen Konferenzen und deren Teilnehmer miteinander vernetzt werden, damit die unterschiedlichen Organisationen und Betroffenen einen großen Fundus an Rechtsprechungen, Problemlösungen und Hilfen haben.
Kein Anspruch auf Heilmittel
Zu Beginn der Konferenz begrüßte Blista-Direktor und Gastgeber Jürgen Hertlein die Teilnehmer und stellte gleichzeitig auch fest, dass seine Institution von dieser Problematik auch immer wieder betroffen ist. Danach erläuterte Franz-Josef Esch, Leiter der Rehabilitationseinrichtung für Sehgeschädigte (RES) an der Blista und gleichzeitig Leiter des "SIREN-Projekts" in Deutschland, dieses Projekt, das zur Vernetzung des Themas "Flucht und Behinderung" führen soll. Im Anschluss stellte Dr. Jessica Groß, eine Gynäkologin aus Berlin, die ärztliche Versorgung von Flüchtlingen in Deutschland in Umrissen dar. Dabei stellte sie heraus, dass die Flüchtlinge nur die allernötigste Versorgung bekommen. Hat ein Flüchtling etwa eine chronische Erkrankung, darf diese nach der rechtlichen Lage nicht behandelt werden.
Im weiteren Verlauf der zu Beginn auf dem Podium ausgeführten Statements der Podiumsteilnehmer stellten Bettina Winter, Leiterin des Referats "Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung in Arbeit und Gesellschaft" im Hessischen Sozialministerium in Wiesbaden, fest, dass in den behördlichen Organisationen viele andere Organisationen nicht bekannt sind und damit eine ordentliche Hilfe nicht immer geleistet werden kann. Auch sind viele private Organisationen bei den Behörden nicht bekannt. In weiteren Beiträgen wurden dann "Fallbeispiele" und weitere Schwierigkeiten von den Podiumsteilnehmern dargestellt.
Den wohl anschaulichsten Fall schilderte die 22-jährige Ruzica Jokic. Die aus Bosnien stammende Blinde ist seit 1992 mit ihrer Schwester zusammen auf der Flucht. Wo ihre Eltern sind oder ob sie noch am Leben sind, ist nicht bekannt. Sie kam dann 1995 nach Köln und wollte dort zur Schule gehen. Dies hat aber aus verschiedensten Gründen nicht geklappt. Erst als das Jugendamt einer Beschulung an der Carl-Strehl-Schule in Marburg zustimmte, konnten ihr mit Hilfe der Blista Hilfsmittel besorgt werden und sie konnte ihr Abitur machen. Da sie zu Beginn in Deutschland nur "geduldet" wurde, hatte sie keinen Anspruch auf Hilfsmittel aus öffentlicher Hand und sie stand in der Schule unter Druck, sie ohne "Ehrenrunde" zu bestehen. Für sie war zu diesem Zeitpunkt auch nicht klar, ob sie ihr Abitur in Deutschland noch vollenden kann, oder ob sie vorher abgeschoben wird. Erst als ihre "Duldung" in eine "Anerkennung als Flüchtling" umgewandelt wurde, konnte sie Hilfsmittel erhalten, und heute studiert die sehr gut deutsch Sprechende in Köln.
Im weiteren Verlauf der Konferenz wurde in sieben unterschiedlichen "Kleingruppen", deren Ergebnisse dann immer wieder zusammengetragen wurden, zu den Punkten "Problemanalyse", "Was können wir tun" und "Schritte in die Zukunft" diskutiert. Den Abschluss der Konferenz bildete das Thema "Wie sichern wir die Vernetzung-"
(aus: Marburger Neue Zeitung, 09.09.2000)
Zurück zum Inhalt von 5/2000 |horus im Überblick
Startseite
|
Kontakt
|
Impressum |
Hilfe