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Das Seminar "Nicht sehend - nicht blind" der Arbeitsgemeinschaft der Sehbehinderten fand vom 21. bis 23. Januar 2000 in Herrenberg bei Stuttgart statt. Um den unterschiedlichen Interessen entgegenzukommen, wurden dieses Mal wieder drei Seminarschwerpunkte in Form von Workshops / Arbeitsgruppen parallel angeboten:
Workshop 1 - Selbstdarstellung im Beruf für Sehbehinderte:
Wirkung und eigene Darstellung im Arbeitsalltag - Rückmeldung und neue Umgehensweisen
Workshop 2 - Arbeitsplatzassistenz:
Die besondere Situation sehbehinderter Arbeitnehmer/innen mit Assistenz sowie ihr Assistenzbedarf
Workshop 3 - Ganzheitliches Sehtraining:
Ein Einblick in die Methode - Nutzungsmöglichkeiten für Sehbehinderte - vor allem um die Augen zu entspannen.
In der Tagungsstätte der Evangelischen Diakonieschwesternschaft Herrenberg trafen die Seminarteilnehmenden am späten Freitagnachmittag ein. Nach einer Vorstellungsrunde und dem Abendessen wurde gleich mit der Arbeit in den Workshops begonnen.
Jan Eric Hellbusch
Workshop 1 - Selbstdarstellung im Beruf für Sehbehinderte
Am Freitagabend trafen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops "Selbstdarstellung im Beruf" unter der Leitung von Michael Dietz und Rita Schwörer. Wir stellten uns vor und erklärten unsere beruflichen Situationen. Die Leitung stellte ihr Konzept für den Workshop vor. Für den Samstag wurden wir gebeten, uns eine konkrete berufliche Situation auszudenken, in der unsere Sehbehinderung eine Rolle spielt. Wir sollten uns weiter überlegen, ob wir dies als Vortrag oder als Rollenspiel präsentieren möchten.
Zunächst aber befassten wir uns mit wichtigen Entspannungsübungen. Atemtechniken wurden geprobt, gedankliche Auf- und Abbauhilfen besprochen und geübt und erste Stimmübungen gemacht.
Der Samstagmorgen wurde für die Wahrnehmung der Stimme genutzt. "Wie wirkt meine Stimme auf andere?", war hier die Frage. Michael Dietz und Rita Schwörer gaben eine Einführung über Merkmale des sprachlichen Aspekts von Kommunikation. In verschiedenen Übungen haben wir unsere Stimmen zu transportieren versucht. Dabei kam es nicht unbedingt auf die Lautstärke an, wenn man sich beim Gegenüber in der anderen Ecke des Seminarraums verständlich machen wollte. Es gab Übungen zum Atem, Stimmsitz, zur Sprachgestaltung und zu Gesprächsstrategien. Wir wurden dazu animiert, viel mit der Intonation zu arbeiten, unterstützt mit Körperbewegungen. Mit individuellem Feedback wurde uns bewusster, wie viel Potential in unserer Stimme liegt.
Bis zum Ende des Workshops hatten wir dann Gelegenheit, unsere ausgedachten beruflichen Situationen darzustellen. Eine Person entschied sich für ein Rollenspiel, die anderen für die freie Rede.
Einleitend zu den praktischen Übungen wurde besprochen, inwieweit will, muss und kann ein/e Sehbehinderte/r sich der sehenden Umwelt anpassen. Die beruflichen Alltagssituationen wurden hinsichtlich Anpassung seitens der Sehenden, Vermittlung der eigenen Erwartungen und Abschätzung des "richtigen" Zeitpunktes für ein klärendes Gespräch erörtert.
Die Darstellung konkreter Situationen mit einem Vortrag bzw. Rollenspiel war sehr fruchtbar. Jede/r Redner/in hielt eine kurze Zweiminutenrede. Danach haben jede/r Teilnehmer/in und die Leitung positive und negative Kritik angebracht. Es wurden Stimme, Haltung und Informationsvermittlung beurteilt. Dann wurde die Rednerin/der Redner gebeten, erneut unter Berücksichtigung der gegebenen Kritikpunkte vorzutragen. Das Feedback sowohl bei den Reden wie auch beim Rollenspiel (Lehrer/in-Schüler/in-Situation im Klassenzimmer) waren für die Beteiligten sehr aufschlussreich.
Norbert Bongartz
Workshop 2 - Arbeitsplatzassistenz
Die zehn Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren Studierende und Beschäftigte aus den Bereichen Sozialwesen, Lehramt und öffentliche Verwaltung. Unter der Leitung von Susanne Schroeder und Regina Pudwill setzte sich die Gruppe nach einer kurzen Vorstellungsrunde zunächst mit dem Begriff "Assistenz" im Allgemeinen auseinander. Im ersten Austausch darüber, in welchen beruflichen und privaten Bereichen die einzelnen Teilnehmerinnen und Teilnehmer Assistenz bedürfen, wurde sehr schnell deutlich, dass dieser Bedarf sehr unterschiedlich ist. Jedoch wurde einstimmig festgestellt, dass Assistenz auch bei Sehbehinderten dringend notwendig ist, um gegenüber Arbeitskolleginnen und -kollegen konkurrenzfähig zu sein.
Im Weiteren beschäftigten wir uns mit der Auswahl der Assistenzkraft durch die Assistenznutzerin/den Assistenznutzer. Hierzu erstellten wir für die Assistenzkräfte der unterschiedlichen Berufsfelder Stellenprofile und Stellenanzeigen und übten in Rollenspielen die dazugehörigen Vorstellungsgespräche. In diesen Rollenspielen wurde deutlich, welch hohe sozialen Anforderungen an die Assistenznutzer gestellt sind, um eine sozial und fachlich geeignete Assistenzkraft auszuwählen. Von einer Assistenzkraft sind u. a. folgende soziale Kompetenzen zu erwarten: Kooperationsbereitschaft, Eigeninitiative, Verantwortungsbewusstsein, Belastbarkeit, gute Umgangsformen, gepflegtes Äußeres, Einfühlungsvermögen. Zu den wichtigsten fachlichen Anforderungen gehören gute Deutschkenntnisse, Wissen um Rechtschreibung und Zeichensetzung, gute Schreibmaschinenkenntnisse, sicherer Umgang mit dem Computer und den aktuellen EDV-Programmen sowie ggf. Fremdsprachenkenntnisse. Als wichtigste Tätigkeiten der Assistenzkräfte gelten das Vorlesen handschriftlicher bzw. schlecht gedruckter Texte, das Beschreiben von Tabellen und Grafiken, das Sichten von Unterlagen, die Hilfestellung bei Programmen mit grafischer Oberfläche, das Querlesen/Recherchieren, die Begleitung bei Verpflichtungen außer Haus sowie jegliche Schreibarbeiten, z. B. Ausfüllen von Formularen, Textkorrekturen usw.
In weiteren teils heiteren, teils ernsten Rollenspielen haben wir unsere Stellung gegenüber potenziellen Assistenzkräften näher unter die Lupe genommen. Hierbei wurde deutlich, wie schwierig es sein kann, die fachlichen Kompetenzen von Assistenzkraft und Assistenznutzer/in gegeneinander abzugrenzen, da nicht verkannt werden kann, dass sich auch die Assistenzkraft im Laufe der Zeit ein hohes Maß an fachlicher Kompetenz erwerben kann. Ferner wurden im Gespräch Ideen entwickelt, um die ungewöhnliche Funktion der Assistenzkraft gegenüber Dritten (z. B. Kollegen) zu vertreten.
Abgerundet wurde der Workshop durch einen Überblick über die rechtlichen Rahmenbedingungen, in denen sich das Assistenzverhältnis bewegt, insbesondere wurde aufgezeigt, wie die Assistenzkraft bei den jeweils zuständigen Kostenträgern zu beantragen ist. Insgesamt war es ein sehr konstruktiver und informativer Workshop, in dem der Erfahrungsaustausch in lockerer und teils lustiger Atmosphäre stattfand. Ein Dank sei den Leiterinnen ausgesprochen für ihre einfühlsame, abwechslungsreiche und spritzige Gestaltung dieses Workshops.
Pernille Sonne
Workshop 3 - Ganzheitliches Sehtraining
Ein Workshop mit Gisela Wesche-Nielsen
Erst einmal hört sich das Wort "Training" nach Arbeit und Anstrengung an. Meine Augen sind doch ohnehin so belastet und in Anspruch genommen. Soll ich sie nun auch noch strapazieren und trainieren?
Nun, man darf dabei nicht das erste Wort "ganzheitlich" vergessen. Es geht darum, die Augen nicht nur als physische, funktionelle Instrumente anzuschauen, sondern sich anzugewöhnen oder anzutrainieren, sich selbst ganzheitlicher zu sehen. Und vor allem: Seine eigenen Augen besser kennen zu lernen, auf sie zu hören, wenn sie "Stopp" oder "Wir können nicht mehr" sagen und ihnen dann einfach eine Pause zum Entspannen zu gönnen. Schließlich dienen sie mir tagtäglich und tun ihr Bestes für mich. Also: Unsere Augen brauchen von uns Aufmerksamkeit. Sie brauchen es, beachtet zu werden. Gisela Wesche-Nielsen, Heilpraktikerin, Seh-Lehrerin und Sozialpädagogin, übrigens auch selbst Betroffene als Sehbehinderte, schreibt in ihrem Faltblatt "Die Kunst des Sehens": "Sie lernen Ihre Sehkraft zu verbessern, indem Sie sich Ihrer Augen bewusst werden und sie entspannen."
Wir haben während des Workshops mit verschiedenen Übungen versucht, unseren Augen zu begegnen - ihnen näher zu kommen: durch gezielte Augenübungen, durch Atemübungen, Bewegung im Raum, seelisch-körperliche Entspannungen sowie Visualisierungsübungen, Massage und vieles andere. Wir haben viel palmiert, also unsere Handflächen auf die Wangenknochen vor den Augen gelegt und haben mit der Einatmung durch die Hände positive Energie aufgenommen und mit der Ausatmung negative Energie wieder herausgelassen. Wir haben bestimmte Augen-Akupressur-Punkte kennen gelernt und sie stimuliert, uns im Nacken-Schulter-Bereich gegenseitig massiert, mit Igel-Bällen zusammen ein wunderschönes Sonnenbad genommen und - später - unsere Nasenpinsel entdeckt. Wir haben getanzt und schöne Musik gehört und - wie schon erwähnt - ein Gespräch mit unseren Augen gehabt. Und dann haben wir noch vieles, vieles mehr mit Gisela und miteinander und mit uns selbst erlebt.
Mit nach Hause nahm jede/r von uns eine ganz besondere Muschel und einen unentbehrlichen Cocktail-Strohhalm. Natürlich auch die Möglichkeit, die für einen selbst schönsten Übungen zusammenzustellen und in den eigenen Alltag zu integrieren. Begriffe wie "Zuwendung" und "Entspannung", sich einlassen und sich loslassen, sind durch das Seminar zu bewegenden Erlebnissen geworden.
Wenn man sich verkrampft und verspannt fühlt und dazu noch deprimierter wird, weil die Sehkraft mal wieder etwas nachgelassen hat; oder wenn man es satt hat, dass die Augen im Alltag und im Beruf nur noch funktionieren müssen; oder man braucht Tipps, wie man sich von der Anstrengung vor dem Computer regenerieren kann - dann wäre es vielleicht eine gute Idee, nächstes Jahr an dem Seminar teilzunehmen.
Sitzung der Arbeitsgemeinschaft und Wahl des neuen Leitungsteams
Nach Abschluss der Workshops haben sich die Seminarteilnehmenden zusammengesetzt, um über die Arbeit der Arbeitsgemeinschaft zu sprechen. Sonja Baus und Rita Schwörer berichteten über die Arbeit des "Gemeinsamen Fachausschusses für die Belange der Sehbehinderten". Es wurde der Aktionstag der Sehbehinderten und mögliche Aktionen des DVBS diskutiert und eine allgemeine Bereitschaft, sich bei Pressearbeit zu engagieren, festgestellt. Weiterhin wurde die Einrichtung einer Mailing-Liste beschlossen. Der endgültige Entwurf für das DVBS-Infoblatt wurde verteilt. Die Vorbereitungen für den Informationsstand beim Augenärztekongress in Düsseldorf wurden geschildert. Die Themen für das nächste Seminar wurden gesammelt; es war einhellige Meinung, dass die Schwerpunkte im nächsten Jahr beibehalten werden sollen.
Dann wurde das Leitungsteam neu gewählt. Rita Schwörer, die seit Gründung der Arbeitsgemeinschaft im Leitungsteam maßgeblich gewirkt hat, und Ulrike Braczko, die die Arbeitsgemeinschaft seit zwei Jahren leitete, haben sich aus Zeitgründen nicht mehr zur Verfügung gestellt. Wir sind den Beiden für ihr Engagement in den letzten Jahren sehr dankbar.
Als neuer Leiter der Arbeitsgemeinschaft wurde Jan Eric Hellbusch (Wörthstr. 12, 65185 Wiesbaden, Tel. 0611/3 36 88 72, E-Mail: hellbusch@online.de) gewählt. In das Leitungsteam wurden Sonja Baus (Unterer Neubergweg 6, 97074 Würzburg, Tel.0931/88 56 53), Norbert Bongartz (Taubenstr. 11, 67063 Ludwigshafen, Tel. 0621/637 68 97, E-Mail: Bongartz-LU@t-online.de) und Claudia Hild (Grenzhöfer Weg 28/8, 69123 Heidelberg, Tel. 06221/83 19 72) gewählt.
Wir freuen uns auf gute Zusammenarbeit und ein Wiedersehen mit den anderen und auch neuen Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft auf dem nächsten Seminar "Nicht sehend - nicht blind" vom 2. bis 4. Februar 2001 in Herrenberg bei Stuttgart.
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