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Andreas Bethke: Sydney 2000 - Die neuen Paralympics

Vom 18. bis 29. Oktober fanden in Sydney die Paralympics 2000 statt. Lesen Sie im Folgenden wie ich als Aktiver dieses Großereignis erlebt habe.

Endlich Sydney! Routine beim Bordpersonal: Die üblichen Anweisungen nach unserem Zwischenstop in Hongkong nun allerdings in englisch und chinesisch. "Viel Glück für die Paralympics" hatte uns die Crew schon früher gewünscht. Jetzt, nach 35 Stunden Anreise, erscheinen mir meine Vorfreude, meine Erwartungen und Hoffnungen beinahe etwas unwirklich und jedenfalls sehr zerknautscht.

Mit mir verlässt ein Großteil der Passagiere mit weißen Stöcken, mit Rollstühlen, mit Prothesen das Flugzeug - Sportlerinnen und Sportler, deren Behinderungen von der Airline in keiner Weise zu einem Transportproblem gemacht wurden. Wie, frage ich mich, wird uns wohl Australien begegnen-

Frühere Paralympics, erinnere ich mich, begannen stets mit stundenlangem Warten: warten aufs Gepäck, auf die Akkreditierung, auf den Transport, auf den Einlass ins Paralympische Dorf. Diesmal, so scheint es, ist es jedoch anders. Ohne Verzögerungen bekommen wir die Koffer, kurz darauf sind unsere Fotos, die wir mitzubringen hatten, mit Zulassungsberechtigungen versehen und eingeschweißt. Drei Wochen lang werden wir diese Akkreditierungen nun fast ständig um den Hals tragen. Nur sie werden uns den Zugang zum "Dorf", in die Sportstätten und zum Essenszelt erschließen. Als wir schließlich im Bus sitzen, sind kaum 60 Minuten vergangen. Der Empfang im Dorf verläuft erneut reibungslos: die Akkreditierungen werden das erste Mal geprüft, noch einmal wird jedes Gepäckstück durchleuchtet (Sicherheit wird auch bei diesen Paralympics groß geschrieben), dann endlich: die Zuweisung der Häuser. Die deutsche Mannschaft hat die Adresse: "grüne" Zone, Bereich "Schmetterling". Wir ziehen vorbei, an Fahnen mit blauen Emus, lila Papageien, gelben Koalas und finden unser Zuhause. "Paralympische Spiele in Australien sind eben anders!"

Das gilt auch für die Unterkünfte. Dominierten bisher größere Gebäude, so finden wir diesmal kleine Einfamilienhäuser vor - leider so klein, dass nicht wenige von uns in Container neben den schmucken Häuschen einziehen müssen. Immerhin: die Versorgung der Bauten mit Solarenergie funktioniert. Wie es die Australier schaffen, dass hier eigentlich fast alles klappt und funktioniert, werde ich mich noch öfter fragen. Schließlich ist es eine echte Herausforderung für nur drei Wochen Tausende von Gästen mit Unterkunft und Verpflegung, mit einem Transportsystem, mit Betreuung in Trainings- und Wettkampfstätten zu versorgen. 15.000 Freiwillige, erfahre ich später, sind daran beteiligt. Sie kommen aus ganz Australien und setzen für ihr Engagement nicht selten ihren Urlaub ein. Überall haben sie ein freundliches Wort für uns; ihre Offenheit, ihre Herzlichkeit und ihre Begeisterung ist einfach einmalig, und sie wird uns die gesamten Spiele hindurch faszinieren und begleiten.

Auf dem ersten Weg zur "Dining Hall", einem riesigen Essenszelt, stelle ich fest, dass die Gehsteige sowohl Rollstuhl- als auch blindengerecht angelegt sind. Denn während an den Straßenecken die Bordsteine vollständig erhalten sind, finden sich jeweils einige Meter davon entfernt komplette Absenkungen zur Straße hin; eine sehr pragmatische Lösung, sofern keine Radwege zu berücksichtigen sind. Angekommen im Essenszelt fällt uns die Auswahl schwer. Es gibt kontinentales oder amerikanisches Frühstück, italienische oder asiatische Küche, das volle McDonalds-Angebot ..., und vieles davon beinahe rund um die Uhr. Die Einzelheiten über die Organisation des Dorfes bekommen blinde "Citizens" später auf Audiokassette vermittelt, die Anlage des weitläufigen Dorfes auf Schwellpapier.

Natürlich machen neun Stunden Zeitumstellung müde. Aber wir sind neugierig auf Sydney und deshalb bald wieder unterwegs. Dabei führt uns durch den neuen Bahnhof zur Stadt ein Blindenleitsystem. Es umfasst deutlich wahrnehmbare Aufmerksamkeitsfelder vor Treppen und ebenso eindeutige Leitstreifen im Gebäude und auf den Bahnsteigen. Die Frage eines Polizisten, ob blinde Fahrgäste hier allein zurecht kämen, bejahen wir gern. Im Zug wird diese Einschätzung bestätigt. Jeder Halt wird angekündigt, und vor jeder Abfahrt werden die nächsten Bahnhöfe genannt. Leitsysteme finden wir später zwar nicht Flächen deckend, aber doch in einigen weiteren Stationen vor. In der Innenstadt schließlich stoßen wir beinahe auf "Marburger Verhältnisse": zahlreiche Kreuzungen sind mit akustischen Ampeln ausgestattet. "Auch die Stadt Sydney ist eben anders!"

In den nächsten Tagen haben wir noch mehrfach die Gelegenheit, die 4- Millionen-Metropole näher kennen zu lernen: so bei einer Hafenrundfahrt die vielen Buchten, die immer wieder Wasserflächen, Wind und auch akustisch offene Räume in die Stadt bringen, oder bei einem beeindruckenden Konzert des blinden Pianisten Bernard d"Ascoli das Segeln nachempfundene, bekannte Opernhaus. Als Highlight entpuppt sich ebenso unser Besuch im Taronga Zoo, wo wir einige Tiere auch anfassen können. Ohnehin zieht die fremdartige Tierwelt immer wieder unsere Aufmerksamkeit auf sich. So stelle ich verblüfft fest, dass ich häufig unwillkürlich hinhöre, wenn Vögel ihre doch etwas anderen Melodien als in Europa zu singen beginnen.

Sydneys Bürgerinnen und Bürger begegnen uns währenddessen voller wachsender Vorfreude auf das paralympische Fest. Häufig werden Sportler angesprochen, oft gibt es auch Autogrammwünsche. Neben Olympia-Souvenirs erscheinen mehr und mehr Paralympic-T-Shirts etc. in den Auslagen der Geschäfte. Die Stadt ist voller Plakate und Hinweise auf das bevorstehende Ereignis. Die Zeitungen berichten ausführlich, und meine Gesprächspartner kennen sogar hin und wieder behinderte Sportler ihres Landes mit Namen. So will ich gerade einer Autogrammsammlerin erklären, dass ich Goalball spiele und was das ist, als sie mir begeistert zurück gibt, dass sie vor allem den australischen Center-Spieler schätze. Etwas unsicher stelle ich mir die Frage, ob denn nach diesem grandiosen Vorspiel auch die eigentlichen Spiele ihr Publikum finden werden-

Etwa fünf Stunden nimmt unser tägliches Training in Anspruch. Dabei lernen wir als unseren ersten Zuschauer einen Animateur des olympischen Beach- Volleyball-Turniers kennen, der, wie wir erfahren, auch unsere Goalball- Spiele moderieren wird. Dann endlich: die Eröffnungsfeier - ausverkauft - Es- geht-los-Stimmung - und nach zehn Trainingstagen auch unser erster Wettkampftag. Vor jedem Spiel gibt es Musik und Animation. Professionell bringen die Moderatoren dabei den Zuschauern die wichtigsten Begriffe des Goalball-Spiels und des Sehbehindert-Seins nahe. Dann: einige Sekunden "Hush me Baby" mit Marilyn Monroe. Sofort wird es still. Mit "Silence"-Schildern stehen die Animateure jetzt im Publikum. Das Spiel beginnt. Die Entscheidungen der Schiedsrichter sind über den Hallenlautsprecher zu hören. Eine lautlose La-Ola-Welle macht, initiiert von den Moderatoren, die Runde. "Goal!": Die Anzeigetafel formt das Wort "Noise". Die so "an die Hand genommenen" Zuschauer gehen mit, bieten dem Wettkampf einen stimmungsvollen Rahmen.

Wir verlieren unsere beiden ersten Spiele, eine herbe Enttäuschung für unser Team. Für unseren Sport dagegen endet schließlich ein vielleicht Weg weisender Tag, an dem 22.000 Zuschauer 13 Spiele besuchten, wobei bewiesen wurde, dass, professionell präsentiert, auch Blindensport Zuschauer anziehen und begeistern kann.

Ähnliche Erfahrungen mache ich auch an anderen Wettkampfstätten. Ideenreich und mitreißend präsentieren Profis unseren Sport, und das Publikum - dieses unglaublich begeisterte Publikum - honoriert die dargebotenen Leistungen: hier 50.000 im Leichtathletikstadion, dort 10.000 beim Rollstuhl-Rugby, dem vielleicht heimlichen Hit der Spiele. Insgesamt, so lesen wir, sehen 1,2 Millionen Zuschauer die Paralympics, darunter 400.000 Schülerinnen und Schüler. Und wer sie gehört hat, dem klingen sie einfach nach, die enthusiastischen, einige Tonlagen weiter oben angesiedelten Aussie-Aussie- Anfeuerungen der Kinder und Jugendlichen.

Wir beenden unser Turnier auf Rang sieben und sind damit ebenso wenig zufrieden wie zahlreiche andere deutsche Athleten mit ihrer Platzierung. Gemessen an Goldmedaillen stürzt die Gesamtmannschaft gar von Rang drei auf Rang zehn ab. Gründe dafür gibt es sicherlich vielfältige. So hält beispielsweise die Leistungsexplosion der letzten Jahre weiter an. Das belegen allein schon 323 neue Weltrekorde. Sicher trägt dazu bei, dass neue Länder in Sachen Training, Material etc. aufgeschlossen haben, sicher spielt ebenfalls eine Rolle, dass sportlicher Erfolg gerade in weniger reichen Ländern zumindest die Chance auf gesellschaftliche Anerkennung und finanzielle Besserstellung bieten kann.

Aber ist das wirklich alles- Ich will drei weitere von uns beeinflussbare Aspekte nennen:

1. Viele erfolgreiche Sportler aus anderen Ländern trainieren gemeinsam mit nichtbehinderten Aktiven oder nutzen zumindest deren Trainings-Know-how oder Trainingszentren. In Deutschland, so scheint es mir, tun wir uns schwerer damit, die Gleichwertigkeit der Leistungen Behinderter anzuerkennen, und das ist schließlich Voraussetzung dafür, im gegenseitigen Respekt miteinander trainieren zu können. Hier sehe ich eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, von deren Erledigung eben auch Leistungssportler mit Behinderungen profitieren würden, zu deren Erledigung behinderte und nichtbehinderte Sportler sowie die Verbände gemeinsam aber auch etwas beitragen können.

2. Erfolgreiche Sportler aus anderen Ländern erhalten zum Teil mehr finanzielle Förderungen, berufliche Freistellungen etc. als dies in Deutschland üblich ist. Dabei geschieht diese Förderung je nach gesellschaftlichem System entweder von staatlicher Seite oder durch Sponsoren. In Deutschland finden Behindertensportler bisher einerseits nur schwer Sponsoren, andererseits reicht aber die staatliche Unterstützung nicht mehr aus. Hier sehe ich sowohl die öffentliche Hand als auch die Wirtschaft in der Pflicht. Warum beispielsweise werden öffentlich nur ein Wettkampf und drei Trainingslager pro Jahr finanziert, wenn das Goalball- Team in diesem Jahr aus sportlichen Gründen bereits 15 Trainings- und Wettkampfwochenenden absolvieren mussten, oder warum findet die deutsche Rad- Nationalmannschaft nur einen italienischen Sponsor-

3. Der Behindertensport hat in Deutschland - nach meinem Eindruck auch im internationalen Vergleich - Nachwuchsmangel. Hier müssen unter anderem die Behindertensportverbände handeln. Junge Menschen mit Behinderungen brauchen Strukturen und Anreize, will man sie für den Wettkampfsport gewinnen. Kaum eine Basis bieten dafür bisher beispielsweise die beinahe ausschließlich in Richtung Reha-Sport ausgerichteten regionalen Behindertensportverbände.

Bleibt die Frage zu beantworten, ob es sich denn lohnt, für die Weiterentwicklung des Behindertenleistungssports einzutreten- Für mich steht fest: Meine Paralympics-Teilnahmen gehören zu meinen größten Erlebnissen. Es hat mich geprägt, mir diese Ziele stecken zu können. Der Öffentlichkeit hat Sydney 2000 ein positives Behindertenbild vermittelt. Gespräche mit Journalisten haben mir gezeigt, dass gerade diese Multiplikatoren sehr beeindruckt waren.

Welche Eindrücke werde ich selbst wohl zurückbehalten- Natürlich die Erlebnisse eines verkorksten Wettkampfs, aber auch viele positive Erinnerungen. Manche davon bleiben in Zahlen haften: 1,2 Millionen verkaufte Tickets, mehr Zuschauer im Schwimmstadion als bei der Olympiade, 22.000 Zuschauer allein am ersten Goalball-Tag, 400.000 Schülerinnen und Schüler als begeistertes Publikum, 15.000 freiwillige Helfer, 1.300 akkreditierte Journalisten, 323 Weltrekorde ... Vieles andere wird man stets in viele Worte kleiden müssen: Alles war unglaublich perfekt organisiert. Dennoch standen eigentlich immer die Aktiven im Mittelpunkt. Selbst die Kinder und Jugendlichen wurden in Unterrichtsprojekten in Zusammenarbeit mit der paralympischen Mannschaft Australiens auf ihre Wettkampfbesuche und - Erlebnisse vorbereitet. Erstmals waren die Spiele kein Nachklapp zur Olympiade. Sie wurden als eigenständiger neuer Event gefeiert. Noch nie habe ich so viele offene, herzliche und begeisterungsfähige Menschen auf einem Fleck erlebt ... Was außerdem bleibt, ist vielleicht gar nicht mehr zu beschreiben: irgendwie einfach ein unglaublich gutes Gefühl, "Paralympics 2000 - eben einfach down unders".

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