



Suchen Sie in horus aktuell, unserem Newsletter, und horus online, unserer Vereinszeitschrift:
Am 27. Oktober 2000 wurde das "Projekt Erlensee" der Öffentlichkeit übergeben. In Gegenwart von rund 100 Gästen, die sich am See vor den Toren Kirchhains einfanden, würdigten Kirchhains Bürgermeister Klaus Hesse, Landrat Robert Fischbach, Bürgermeister Adam Daume für die Region Burgwald, Direktor Jürgen Hertlein (Deutsche Blindenstudienanstalt) und andere Redner das fast fünfjährige Engagement der Projektgruppe, die den Erlebnis- und Informationsbereich rund um den Erlensee ins Leben gerufen hat. Seitens der Blindenstudienanstalt haben an diesem Projekt mehrere Schülerinnen und Schüler sowie die Kollegen Niggemeyer und Laufenberg mitgearbeitet. Worum geht es dabei-
Natur-Erlebnis-!
Ist das "Natur", was auf dem Gelände einer ehemaligen Kiesgrube wächst, kreucht und fleugt-
Kann man es als "Erlebnis" bezeichnen, sich zwischen den Trassen einer Schnellstraße und einer Fernverbindung der Deutschen Bahn zu bewegen und auf die seltenen Momente der Stille zu warten-
Genau darum handelt es sich nämlich beim Gelände rund um den Erlensee: um ein Stück ausgebaggerte und ausgenutzte Landschaft, wirtschaftlich uninteressant geworden mit den Jahren und am Ende im Zuge der Ausgleichsmaßnahmen für einen Schnellstraßenbau mit höchstem Schutzstatus als "Naturschutzgebiet" ausgewiesen.
Also, bitte keine falschen Erwartungen - hier rauscht kein einsamer Wald, hier plätschert kein Gebirgsbach, hier gibt es keine Idylle. Der Erlensee ist typisch für ein Stück Naturschutz heute in Deutschland, einem der dichtest bevölkerten Länder der Erde.
Ursprüngliche Natur ist hier kaum mehr anzutreffen. Es werden im Gegenteil Flächen re-naturiert, die jahrhundertelang Kulturland waren, bis an den Ruin der natürlichen Grundlagen benutzt wurden - und erst jetzt wächst endlich das Bewusstsein dafür, dass Natur bewusst gepflegt werden muss, wenn diese Grundlagen nicht endgültig verloren gehen sollen.
Die Reize des Erlensees
Stellvertretend für solche Flecken "gemachter" Natur hat der Erlensee allerdings viele Reize und Verlockungen. Pflanzen und Tiere stören sich nämlich viel weniger als der Mensch selbst an der von Menschen gestalteten umgebenden landschaftlichen und Geräusch-Kulisse.
Die Wasserfläche lockt regelmäßig gefiederte Gäste an: jahreszeitlich verschieden, sind Wasservögel auf dem Zug zu den Brutgebieten im Norden und zurück zu den Winterquartieren zu beobachten. Und manch ein Gast bleibt zum Brüten gleich hier.
Im See liegt, auf einer Insel, einer der wenigen in Mitteleuropa erhaltenen Schwarzerlenbruchwälder. Und rund um den See wächst und gedeiht die pflanzliche Natur seit Jahren wieder prächtig.
Eine große Sukzessionsfläche ermöglicht unbeeinflusste Aussaat und Artenfolge von Pflanzen und zieht darüber hinaus Insekten und Kleintiere an.
Jahreszeitlicher Wechsel
Das Naturerlebnis Erlensee will sich in mehrfacher Hinsicht von herkömmlichen Lehrpfaden absetzen.
Aktive Auseinandersetzung mit dem Naturschutzgedanken wird gerade in einer belasteten Umgebung großgeschrieben: Wie ist die Wasserqualität- Wie viel Verkehr fließt am See vorbei- Welche Vogelarten sind dieses Jahr da- Wie beeinflusse ich Natur, wenn ich mich in ihr bewege-
Man muss schon mehr als einmal kommen, um die Facetten des Sees zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten zu erleben.
Ein durchdachtes System von Hinweisen und Hilfen gibt Informationen zu immer neuen Bereichen. Im Wechsel der Jahreszeiten werden die Schriftund Bildinformationen ausgewechselt und die jeweils aktuellen Themen angesprochen. Das Naturerlebnis Erlensee will auch damit zum intensiven Beobachten und zu handelnder Auseinandersetzung herausfordern.
Sieben "Stationen"
Auf sieben Stellen am Seeufer konzentriert sich die Aufmerksamkeit:
- Akustikstation
- Insekten und Spinnen
- Vogelwelt (Beobachtungsstand) - Kultur- und Naturlandschaft
- Bäume und Sträucher
- Tourismus und Verkehr
- Lebensraum Seeufer
Als ein Höhepunkt am Erlensee darf sicher die Akustikstation gelten. Ein geräumiges Holzhaus enthält Anschauungsmaterial und Hilfsmittel, vor allem aber Tonaufnahmen von Tieren und Situationen rund um den Erlensee und aus der weiteren Region Burgwald. Die Tierstimmen und Hörbilder können hier in einer akustisch ruhigen, nicht von Verkehrslärm beeinträchtigten Umgebung auf mehreren CD-Spielern mittels Kopfhörer angehört werden.
Ein zweiter Höhepunkt ist die ins Wasser vorgeschobene Beobachtungsplattform. Hier wird es möglich, Tiere zu beobachten und zu belauschen, ohne sie zu stören. Und wer öfters kommt, wird hier auch seltene, durchziehende Vogelarten kennen lernen. Kormorane zum Beispiel sind bei uns (übrigens sehr zum Leidwesen der Fischer) inzwischen ja durchaus häufiger zu Gast - aber haben Sie schon mal einige Gänsesäger beobachtet-
Aber auch die anderen Stationen fordern mit ihren gezielten Hinweisen zum genauen Hinsehen und -hören auf. Und schließlich soll sich das Naturerlebnis noch durch eine ganz besondere Nuance vom Gewohnten abheben:
Mit allen Sinnen wahrnehmen
Das heißt für die große Mehrheit von uns: einmal die Augen zu schließen, die unsere "Sicht" der Welt so dominieren, und bewusst auf die Botschaft zu hören, die unsere Ohren uns übermitteln. Wie fühlt sich ein Erlenzapfen an- Die Luft ist voller Gerüche, und den Boden kann man unter nackten Füßen erspüren.
Diese anderen Sinne zu benutzen, ist für eine kleine Minderheit selbstverständlicher Alltag: Blinde und sehbehinderte Menschen verlassen sich jenseits der Grenzen des Sehen-Könnens auf Geräusche, Gerüche und die Empfindungen ihres Tastsinns.
Die Nähe des Erlensees zu Marburg mit seinen mehr als 500 blinden oder sehbehinderten Einwohnern, darunter speziell den Schülerinnen und Schülern der Blindenstudienanstalt, brachte es nicht nur mit sich, dass die Schautafeln, Schriften, Hinweise und Hilfen am Erlensee in optisch gut lesbarer und (in wesentlichen Auszügen) auch in tastbarer Form vorhanden sind.
Die Mitarbeit der blinden Schülerinnen und Schüler resultierte auch in vielen Tipps und Ideen für Möglichkeiten der "alternativen" Beschäftigung mit Natur und Naturschutz - auch und gerade für alle anderen.
Leitsystem für Blinde und Sehbehinderte
Ein Leitsystem im Fußbereich gewährleistet übrigens allen, die nicht sehen können, die sichere Fortbewegung. Rund um den See ist in Knöchelhöhe ein niedriges Geländer aus Fichtenstämmen im Boden verankert, das man mit den Füßen oder dem Blindenstock ertasten kann. Das Leitsystem, zu dem auch zwei farbig und tastbar gestaltete Übersichtspläne gehören, soll Orientierung stiften und für die Sicherheit all derer sorgen, die hier gehen, ohne zu sehen. Und die anderen stört es - niedrig, wie es ist - nicht. Es stört übrigens auch die vielen Frösche und Kröten nicht bei ihren jährlichen Wanderungen vom und zum See: wegen ihnen wurden die Balken als Geländer auf niedrige Pfosten gesetzt, so dass sie darunter hindurchkriechen können.
Zum Schluss:
Der Erlensee und die umliegenden Flächen sind aus Mitteln der Ausgleichsabgabe von der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Marburg- Biedenkopf renaturiert worden.
Das Naturerlebnis Erlensee entstand als Projekt unter der Leitung der Entwicklungsgruppe Region Burgwald e. V., unter Beteiligung der Stadt Kirchhain, des Naturschutz- und Informations-Zentrums Amöneburg, der Gesamtschule Kirchhain, der Carl-Strehl-Schule (Deutsche Blindenstudienanstalt e.V. Marburg) und des Hessischen Forstamts Kirchhain.
Trotz der Förderung mit Mitteln des LEADER-II-Programms der Europäischen Union konnte das Naturerlebnis Erlensee nur durch Spenden der regionalen Wirtschaft verwirklicht werden. Die Akustikstation ist ein Geschenk der heimischen Wirtschaft an die Stadt Kirchhain.
Gruppenführungen nach Absprache unter der Telefonnummer der Stadt Kirchhain 06422/80.80.
Blinde und Sehbehinderte melden sich unter der Rufnummer 06421/60.60 bei der Deutschen Blindenstudienanstalt.
Zurück zum Inhalt von 6/2000 |horus im Überblick
Startseite
|
Kontakt
|
Impressum |
Hilfe