Dr. Christhard Schrenk: Anwalt der deutschen Blinden: Rudolf Kraemer (1885-1945)

"Als bei meiner Geburt vor etwa 50 Jahren die Norne die Schicksalswaage über mir hielt, da nahten sich von der einen Seite vier schwarze Feen, und jede warf ein Gewicht in die linke Schale. Auf dem ersten stand Blindheit, auf dem zweiten Stottern, auf dem dritten Schlafstörung und auf dem vierten Gelenkerkrankung mit Gehbehinderung. Aber von der anderen Seite kamen drei lichte Feen mit köstlichen Gaben für die rechte Waagschale. Das erste war ein leuchtender Demant mit der Aufschrift: Glücksbegabung; auf dem zweiten Edelstein stand: Wohlgefallen bei den Menschen und auf dem dritten: gutes Elternhaus. Und siehe da, schon der große Demant zog die Schale, in der er lag, hinunter und wog so alle schwarzen Gewichte vollkommen auf."

Als der blinde Gelehrte Dr. Dr. Rudolf Kraemer diese Zeilen etwa im Jahre 1935 niederschrieb, befand er sich in einer schweren Lebenskrise. Die nationalsozialistischen Machthaber hatten ihn kurz zuvor seiner beruflichen Existenz beraubt, sein Lebenswerk war zerstört. Dass er in dieser Situation geradezu poetisch von den außergewöhnlichen Schicksalslasten sprechen konnte, die ihm in die Wiege gelegt worden waren, erscheint zweifellos als bemerkenswert. Die Zeilen sind tatsächlich ein Beweis für den großen Diamanten der Glücksbegabung im Leben des Rudolf Kraemer, den er selbst poetisch als "Demant" bezeichnete. 1929 hat er in einer kleinen Schrift unter dem Titel "Blindheitsleid und Glücksgefühl" erläutert, was er unter Glücksbegabung verstand. Seine These: Die Sehenden gehen davon aus, dass Blindheit das größte Unglück sei, welches sie ereilen könne. Kraemer als Betroffener fasste dagegen seine Haltung folgendermaßen zusammen: "Die allgemein übliche Vorstellung von der Größe des Blindheitsleides ist, an den wirklichen Empfindungen der Betroffenen gemessen, ungeheuer übertrieben. Das Lebensglück des Einzelnen hängt allein von seiner anlagemäßigen Glücksbegabung ab und wird durch den Mangel der Sehkraft nicht berührt. Nicht im Lichte des Auges wohnt das Glück, sondern im Leuchten der Seele."

Über diese Einschätzung entstand in Blindenkreisen eine lebhafte Debatte, während sich die Sehenden für dieses Thema fast nicht interessierten. Kraemer fand bei seinen Schicksalsgenossen beileibe nicht nur Zustimmung. Viele Betroffene hielten ihm entgegen, dass er leicht glücklich sein könne, nachdem er aus einer wohlhabenden Familie stamme und eine hervorragende Ausbildung genossen habe. Das zielt auf die dritte Gabe, die eine lichte Fee für ihn bereitgehalten hatte: das gute Elternhaus.

Rudolf Wilhelm Kraemer wurde am 6. Dezember 1885 als sechstes von sieben Kindern in das Haus des Heilbronner Zeitungsverlegers Viktor Kraemer (1840-1911) hineingeboren. In Rudolfs Geburtsjahr trat sein Vater als Teilhaber in die Schell"sche Buchdruckerei ein. Schnell baute er ein lokales Zeitungsimperium auf, zu dem der Heilbronner General-Anzeiger und die Neckar-Zeitung sowie einige Bezirksausgaben zählten. Insbesondere die Neckar- Zeitung als Sprachrohr des Liberalismus erlangte auch überregionale Bedeutung. Die Chefredakteure trugen so klangvolle Namen wie Dr. Ernst Jäckh, Dr. Theodor Heuss oder Dr. Erich Schairer. Diese und andere Persönlichkeiten gingen im Hause Kraemer in der Heilbronner Bismarckstraße 22 - gegenüber der 1899 erbauten Friedenskirche - aus und ein. Der Vater hatte seinen Familiensitz 1880 erworben und 1890 mit einer elektrischen Klingel, 1900 mit Telefon und 1905 mit elektrischem Licht ausstatten lassen. Die 13 Zimmer und die 21 ar Garten wurden von der Mutter Lina geb. Frank (1857-1914) mit Hilfe mehrerer Dienstboten in Ordnung gehalten. Ein großväterlicher Hauslehrer überwachte täglich, dass die Kinder ihre Schulaufgaben erledigten. Jeden Sommer reiste die Familie für vier bis sechs Wochen in den Schwarzwald auf den Kniebis. Wohlstand und gesellschaftliches Ansehen der Kraemers wuchsen ständig. Als der Vater im Jahre 1911 starb, hinterließ er ein bemerkenswert großes Vermögen von drei Millionen Mark, das er sich aus eigener Kraft erarbeitet hatte.

In diesem aufwärtsstrebenden Elternhaus hielt 1885 eine Norne - also eine der drei altgermanischen Schicksalsgöttinnen - die Waage über den neugeborenen Sohn Rudolf. In der einen Waagschale sammelten sich köstliche Gaben wie Glücksbegabung, Wohlgefallen und ein gutes Elternhaus. Auf der anderen Seite konzentrierten sich auch Blindheit, Stottern, Schlafstörung und Gelenkerkrankung. Tatsächlich entdeckte man schon einige Wochen nach der Geburt, dass das Baby beidseitig am grauen Star litt. Das eine Auge war von Anfang an völlig blind. Auf dem anderen besaß Rudolf in seiner Kindheit zunächst noch einen Rest von 2% des normalen Sehvermögens. Dieser ging aber ständig weiter zurück. Immerhin konnte er jedoch Farben empfinden. Seine Familie verfügte über die finanziellen Möglichkeiten, dem praktisch blinden Sohn die bestmögliche schulische Bildung angedeihen zu lassen. Vor allem aber besaß sie die Größe, sich zu ihm zu bekennen und ihn nicht abzuschieben oder zu verleugnen.

Als Rudolf in das schulpflichtige Alter kam, ließ ihm sein Vater eine Fibel mit drei bis vier Zentimeter hohen Buchstaben drucken, nach der er lesen lernen sollte. Es zeigte sich jedoch bald, dass dies für das Auge mit dem kleinen Sehrest zu anstrengend und somit gefährlich war. Immerhin lernte der Junge auf diese Weise die Buchstabenschrift kennen. An ein flüssiges Lesen war jedoch nicht zu denken, da er wegen der außerordentlichen Enge seines Gesichtsfeldes immer nur einen Buchstaben auf einmal erkennen konnte, nie aber eine ganze Silbe oder gar ein vollständiges Wort.

Trotzdem wurde Rudolf nicht in eine Blindenanstalt geschickt, da in Deutschland zu jener Zeit noch kein solches Institut existierte, das eine höhere Bildung vermittelt hätte. Unabhängig davon wollte der Junge auch keinesfalls von zu Hause fort. Weil er ein schwerer Stotterer war, jagte ihm die Vorstellung einer fremden Umgebung furchtbare Angst ein. Auch bei den oft monatelangen Aufenthalten in der Augenklinik musste ihn immer seine Mutter oder eine Kinderpflegerin begleiten. Deshalb lösten die Eltern das Schulproblem auf andere Weise, nämlich mit Hilfe des Hauslehrers, der sowieso täglich zur Hausaufgabenüberwachung zu den Kraemers kam. Der Zeitungsverleger schickte diesen Mann für einige Zeit in die Stuttgarter Blindenanstalt. Dort erlernte er die Blindenschrift und den Umgang mit verschiedenen Hilfsmitteln für Blinde. Anschließend gab der Lehrer sein Wissen an Rudolf weiter. Daneben besuchte der Junge als außerordentlicher Schüler die beiden Klassen der Gymnasial- Vorschule, die von demselben Pädagogen betreut wurden, der ihn auch zuhause unterrichtete. So ließen sich alle Schwierigkeiten, die sich beim Schulunterricht aus dem mangelnden Sehvermögen ergaben, relativ leicht überwinden.

Im Gymnasium gestalteten sich die Verhältnisse dann schwieriger, da die Lehrer sich nicht so viel mit Rudolf beschäftigen konnten und der Blindenschrift nicht mächtig waren. Der Schulunterricht wurde deshalb mehr und mehr auf einige Fächer wie Geschichte, Religion, Literatur und Naturkunde eingeschränkt. In Geographie, Arithmetik und fremden Sprachen erhielt der Junge Privatstunden. Auch aufgrund des schweren Stotterns wurde der Schulunterricht schließlich ganz aufgegeben und der inzwischen 15jährige von einem Hauslehrer unterrichtet. Sein Sehrest reichte damals immerhin noch aus, sich an fast allen Freizeitbeschäftigungen zu beteiligen. Rudolf lernte schwimmen, rudern, klettern, turnen, Schlittschuh laufen, tanzen, reiten. Er fühlte sich mit seiner hochgradigen Schwachsichtigkeit sehr wohl, da man ihn überall rücksichtsvoll und zuvorkommend behandelte, da der Schulzwang bei ihm sehr milde gehandhabt wurde und da fremde Besucher im Hause Kraemer regelmäßig seine Kenntnisse und Fertigkeiten bewunderten.

Dies änderte sich mit "dem Eintritt der Geschlechtsreife". Er erkannte plötzlich, dass Blindsein auch einen gravierenden Nachteil mit sich brachte: Beinahe alle Mädchen zogen einen Sehenden als Freund vor. Deshalb erwachte in Rudolf ein starker Ehrgeiz. Durch hervorragende geistige Leistungen wollte er den Mangel der Blindheit möglichst ausgleichen. So entschloss er sich als 17jähriger, trotz seines Stotterns und der damit verbundenen Scheu, unter fremde Menschen zu gehen, ein kurz zuvor neu errichtetes Blindenpensionat mit höheren Bildungsmöglichkeiten bei Hamburg zu besuchen und auf diese Weise mit den damals modernsten Hilfsmitteln des Blindenunterrichts vertraut zu werden. Nachdem er etwa zwei Jahre dort verbracht hatte, begab sich Rudolf in eine Sprachheilanstalt. Hier lernte er durch eine halbjährige Kur und aufgrund zweier Nachkuren 1906 und 1907 sein Stottern zu beherrschen, zumindest, wenn er im vertrauten Kreise sprechen wollte. Öffentlich reden zu müssen, blieb ihm aber zeitlebens ein Gräuel. 1905 trat der inzwischen 19jährige als außerordentlicher Schüler wieder in das Heilbronner Karlsgymnasium ein, zeitweise wurde er zusätzlich von Hauslehrern unterrichtet. 1908 legte er sein Abitur ab, wobei er unter 22 Kandidaten das viertbeste Prüfungsergebnis erzielte. Kraemer widerlegte damit das damals allgemein verbreitete Vorurteil, dass es für einen Blinden unmöglich sei, das Reifezeugnis für ein Universitätsstudium zu erlangen. Mit dem Abschluss des Gymnasiums hatte er bereits mehr erreicht, als die allermeisten Geburtsblinden in Deutschland vor ihm. Denn die blinden Akademiker hatten fast alle durch Unfall, Alterskrankheit usw. ihr Augenlicht verloren, waren also als Sehende herangewachsen. Blind geborene Kinder erhielten zur damaligen Zeit dagegen praktisch nie eine qualifizierte Ausbildung.

Für Kraemer war das Abitur aber nicht der Endpunkt, sondern erst der Anfang einer großen Lebensleistung. Der 23jährige junge Mann begann im Wintersemester 1908/09 in Freiburg Nationalökonomie zu studieren, ging dann aber im Sommer 1909 zum Studium der Rechtswissenschaften über (in Tübingen). In der Praxis entstanden dabei jedoch große Schwierigkeiten, insbesondere durch den Mangel an Fachbüchern in Blindenschrift. Deshalb ließ er sich die betreffenden wissenschaftlichen Werke von seinem Privatsekretär mehrmals vorlesen und besuchte anschließend die einschlägige Vorlesung. Bereits zu Beginn des Studiums wurde Kraemer von einem Gedanken gepackt, der ihn fortan mit schicksalhafter Unerbitterlichkeit beherrschte und vorwärts trieb: Er wollte, nein er musste "der Anwalt der deutschen Blinden" werden. Denn er hatte erkannt, dass man das materielle Elend der Masse der Blinden nicht durch Wohltätigkeit alleine überwinden konnte. Für Kraemer bestand kein Zweifel daran, dass nur der Staat stark genug sei, die "schlimmen Auswirkungen des Blindseins auf die Wirtschaftskraft und auf die gesellschaftliche Lage des Betroffenen mit aussöhnender Gerechtigkeit auszugleichen".

Kraemer ging sein Vorhaben der Besserung des Blindenschicksals auf zwei verschiedenen Ebenen an. Einerseits war er davon überzeugt, dass nur ein ausgebildeter Jurist in der Lage sein könnte, die bestehende Rechtsordnung in einem für Blinde positiven Sinne zu ändern. Deshalb studierte er Rechtswissenschaften. Andererseits sah er die Notwendigkeit, dass sich Blinde organisieren. Bei dieser Erkenntnis blieb er aber nicht stehen, sondern ließ Taten folgen und setzte damit eine Entwicklung in Gang, ohne die das heutige Blindenwesen undenkbar wäre. So gründete er 1909 den Württembergischen Blindenverein und wurde dessen erster Vorsitzender; im gleichen Jahr entstand auch die Heilbronner Ortsgruppe. 1912 gehörte er zu den Initiatoren des Reichsdeutschen Blindenverbandes, dessen stellvertretender Vorsitzender er wurde. Seine Sprechstörung bedeutete dabei ein schwerwiegendes Problem, das er autosuggestiv zu lösen versuchte. 1913 schuf er die Heilbronner Blindengenossenschaft. Sie war die erste Organisation dieser Art in Deutschland. Kraemer setzte hier einen bahnbrechenden Gedanken um: Er holte erstmals die Blinden aus ihrer Rolle als Almosenempfänger heraus und gab ihnen die Möglichkeit, sich durch eigene Arbeit selbst ein - wenn auch bescheidenes - Einkommen zu verdienen. Selbsthilfe hieß die Devise. Betätigungsfelder waren dabei insbesondere die Bürstenmacherei, die Korbmacherei und die Stuhlflechterei. Die Heilbronner Blindengenossenschaft begann 1913 mit sechs blinden Bürstenmacherinnen und Bürstenmachern, deren Zahl rasch zunahm.

Parallel zu seinem Wirken als Anreger und Funktionär setzte Kraemer sein Studium fort. Dabei hemmten ihn aber die Gewichte der dritten und vierten schwarzen Fee zunehmend. Ab 1908/09 litt der junge Mann immer stärker unter nervöser Schlaflosigkeit, die bereits im Knabenalter eingesetzt hatte. Das Problem wurde schließlich so gravierend, dass es ihn im Frühjahr 1911 zur Aufgabe des Studiums zwang. Jahrelange Kuren und Heilungsversuche blieben erfolglos. In den Folgejahren steigerte sich zudem sein Gelenkleiden so sehr, dass er sich nur noch im Rollstuhl fortbewegen konnte. Nach zahlreichen vergeblichen Heilungsversuchen lernte er bei einem Naturheilarzt, sich nur noch von salzloser Pflanzenkost zu ernähren und immer wieder kleinere Fastenkuren von zwei bis acht Tagen einzulegen. So gelang es ihm, das Gelenkleiden zu beherrschen. Kraemer schrieb darüber: "Für die Knochen ist das ausgezeichnet, für Seele und Geist weniger gut. Denn im hohlen Bauch wohnen Zorn, Mattigkeit und Miesmacherei."

Nach einer siebenjährigen Unterbrechung setzte er sein Studium Ende 1918 in Heidelberg fort. Dort wurde er nach weiteren sechs Jahren, 1924, innerhalb von vier Wochen sowohl zum Doktor der juristischen als auch zum Doktor der philosophischen Fakultät promoviert. Der inzwischen 38jährige hatte damit trotz seiner gesundheitlichen Belastungen etwas erreicht, was zuvor für unmöglich gehalten worden war.

Nach der erfolgreichen Beendigung der Ausbildung stellte sich die Frage, wie es für den Juristen beruflich weitergehen sollte. Eine anwaltliche oder richterliche Tätigkeit war ihm als Blindem versagt. So entschied er sich, ab 1929 als Rechtsberater und Justitiar des Reichsdeutschen Blindenverbandes (RBV) tätig zu werden. Außerdem führte der Gelehrte als Obmann sowohl den Rentenausschuss als auch die Satzungskommission des RBV. Diese Aufgaben versah er ehrenamtlich, und er unterstützte dabei viele Blinde mit juristischem Sachverstand. Insbesondere ging es ihm um die Vertretung einzelner den Gerichts-, Finanz- und Fürsorgebehörden gegenüber. Ein spezielles Thema, das Kraemer ab 1926 mit besonderer Intensität verfolgte, war die Blindenrente. Er schrieb darüber mehrere Broschüren, arbeitete einen Gesetzentwurf mit ausführlicher Begründung und Kostenberechnung aus, bildete Ausschüsse und verhandelte mit Ministerien und Volksvertretern. Sämtliche Blindengruppen traten auf dem großen Blindenwohlfahrtskongress von 1930 seinem Entwurf bei. Allerdings war Kraemer durch seine Sprechscheu in seiner Werbetätigkeit erheblich eingeschränkt. Trotzdem sagten damals alle Reichstagsparteien ihre Unterstützung zu - insbesondere auch die NSDAP. Die Nationalsozialisten lehnten im Mai 1933 - nachdem sie an die Macht gekommen waren - eine Blindenrente aber dennoch definitiv ab. Das bedeutete für Kraemer einen schweren Schlag.

Ein weiteres Feld brachte Kraemer, der aus grundsätzlichen Überlegungen nie irgendeiner Partei beigetreten ist, in scharfen Gegensatz zur NSDAP: die Frage der Eugenik, der "Erbhygiene mit dem Ziel, erbschädigende Einflüsse und die Verbreitung von Erbkrankheiten zu verhüten" (Duden, Das große Wörterbuch der deutschen Sprache). Die Nationalsozialisten hatten in diesem Zusammenhang alle Arten von erblich bedingten Behinderungen im Visier und wollten das Problem dadurch aus der (arischen) Welt schaffen, dass Betroffene keine Nachkommen haben dürfen. Das sollte in erster Linie durch Zwangssterilisation erreicht werden. Einer der wenigen, die dagegen offen Stellung bezogen haben, war Dr. Rudolf Kraemer. Insbesondere in seiner Schrift "Kritik der Eugenik vom Standpunkt des Betroffenen" erhob er Anfang 1933 seine Stimme. Er wies anhand des statistischen Zahlenmaterials der Reichsgebrechlichenzählung von 1925/26 nach, dass bei weniger als 4% der Blinden eine "erbliche Belastung" vorlag. Daraus folgerte Kraemer, dass man mit der Sterilisation von Blinden das Problem der "Blindheit" überhaupt nicht in den Griff bekommen könne, weil zahlenmäßig die weitaus meisten Blinden von sehenden Eltern abstammen. Eine Zwangssterilisation oder gar die Euthanasie lehnte Kraemer als einen völlig unvertretbaren Eingriff in die Persönlichkeitsrechte der Blinden - wie aller Behinderten überhaupt entschieden ab, zumal er schon 1929 in seiner Schrift "Blindheitsleid und Glücksgefühl" gezeigt hatte, dass selbstverständlich auch Blinde ein lebenswertes Leben führen.

Mit dieser Anti-Eugenik-Haltung stand Kraemer völlig allein da. Besonders schmerzlich musste für ihn die Erfahrung sein, dass selbst führende Blindenfunktionäre sich gegen ihn stellten. Aber diese Funktionäre waren zumeist nicht geburts-, sondern kriegs- oder unfallblind. Sie waren deshalb von der Eugenik und der Zwangssterilisation persönlich nicht betroffen. Einige von ihnen waren von der Richtigkeit der arischen Eugeniktheorie überzeugt, andere vertraten wohl die Meinung, dass es dem gesamten Blindenwesen mehr schade als nütze, sich in dieser Frage gegen die Grundsätze der nationalsozialistischen Machthaber zu stellen. Die Nationalsozialisten verabschiedeten am 14. Juli 1933 das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses", das Zwangssterilisationen ermöglichte, und entzogen Kraemer 1934 seine Rechtsberatertätigkeit beim RBV, weil er "die nationalsozialistische Weltanschauung in Wort und Schrift bekämpft und in unsachgemäßer Weise kritisiert" habe.

Kraemer, der aufrechte Streiter für das Wohl der Blinden, hatte auf diese Weise seine berufliche Existenz verloren und sah sein Lebenswerk in Trümmern liegen. Doch der Mann gab nicht auf. Er konzentrierte vielmehr seine ganze Schaffenskraft auf die Vollendung eines Projekts, das ihm bereits seit fast drei Jahrzehnten am Herzen lag. Mit unterschiedlicher Intensität hatte er seit Beginn seines Studiums die gesamte Literatur zum Blindenrecht und zur Blindenfürsorge gesammelt und zusammengefasst. So gelang es ihm 1935, das monumentale Werk als "Deutsches Blindenrecht" abzuschließen. Seine Absicht, das Buch zu drucken, wurde aber vom Reichsarbeitsministerium vereitelt.

Immerhin ermöglichte es ihm die Marburger Blindenstudienanstalt, im Rahmen ihrer Zeitschriftenreihe einige Auszüge davon zu publizieren. Aber das war nur ein schwacher Trost. Und Kraemer notierte in einem wohl 1935 verfassten Lebenslauf: "Zehn Jahre mühsamer Arbeit waren vergebens, ebenso wie die vielgestaltigen Bemühungen um die Blindenrente", und an anderer Stelle: "Da meine Meinungen über Blindenfürsorge nach Entstehung des neuen Reiches nicht mehr recht in die Zeit passten, musste ich mich nach einer anderen Betätigung umsehen."

Kraemer war damals etwa 50 Jahre alt. Er hatte sich 1927/28 in Heidelberg ein blindengerechtes und von ihm selbst ganz genau durchdachtes Haus, den "Sonnfried", errichtet und 1927 geheiratet. Seine Ehe mit Helene geb. Bauer (1894-1983) wird als sehr glücklich bezeichnet. Dieser Verbindung entsprang ein Sohn.

Für sich und seine Familie fand der seiner Aufgaben beraubte, aber glücksbegabte Rudolf Kraemer einen aktiven Weg in die Zukunft. Er entschloss sich zu einem neuen Arbeitsfeld und bot ab 1935 in seinem Heidelberger Haus Sprachheilkurse für Stotterer an, denen er durch gute Spracherlebnisse - durch "Sprechsiege", wie er sagte - gegen ein Leiden helfen wollte, das er selbst nur allzu gut kannte. 1940 trat er das Amt des Geschäftsführers der Konzertgemeinschaft blinder Künstler Südwestdeutschland an. Dies schuf ihm Kontakte und brachte ihm Einkünfte ein. Ab Sommer 1940 machte ihm aber immer häufiger eine Herzmuskelschwäche zu schaffen. Dies führte Kraemer, der ja eine strenge Diät einhalten musste, auf die schlechte Kriegsernährung zurück. Gegen Ende des Krieges brachte das militärische Geschehen in Deutschland seine Konzert- Manager-Tätigkeit zum Erliegen. Der Gelehrte stand beruflich wieder einmal am Nullpunkt. Nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Deutschland wäre Kraemer geradezu dafür prädestiniert gewesen, als untadelige Integrationsfigur eine wichtige Rolle bei der Entstehung der Bundesrepublik Deutschland zu spielen. Sein plötzlicher Herztod am 30. Juli 1945 verhinderte dies.

Die deutsche Nachkriegsgeschichte ging zunächst rasch über Dr. Kraemer hinweg, obwohl er als Vorkämpfer für die Sache der Blinden höchste Anerkennung verdient hätte. Einige der Blindenfunktionäre, die ihn 1933/34 im Kampf gegen die Eugenik aus welchen Gründen auch immer allein gelassen hatten, gelangten dagegen in der Bundesrepublik zu höchsten Ehren. Parallel dazu wurde Dr. Kraemer von DDR-Autoren als Antifaschist und linker Intellektueller vereinnahmt und als fast zwangsläufige Folge in der BRD außerhalb der Welt der Blinden beinahe völlig vergessen. Immerhin erhielt 1968 ein Blindenkur- und Blindenerholungsheim in Bad Liebenzell seinen Namen. 1985 - zum 100. Geburtstag des Gelehrten - gab die Stadt Heilbronn einer Straße den Namen Kraemer. Sie würdigte damit sowohl Dr. Dr. Rudolf Kraemer als auch seinen Vater, den Zeitungsverleger Viktor Kraemer. Erst eine in den späten achtziger Jahren begonnene Wissenschaftsdiskussion erkannte nach und nach die einsame Größe von Rudolf Kraemer in der Eugenik-Frage im speziellen und seine überragende Bedeutung für die Blinden- und die Stottererselbsthilfe im allgemeinen. Er wird inzwischen als der führende Kopf der deutschen Blinden in den zentralen Bereichen Blindenrente und Aufbau bzw. Organisation des Reichsdeutschen Blindenverbandes im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts anerkannt.

Dr. Rudolf Kraemer war mit etwa 175 cm Körpergröße ein Mann von mittlerer Statur. Er trug zumeist Anzug mit Fliege. Die Armbinde mit den drei gelben Punkten benützte er jedoch ebenso wenig wie einen Blindenhund. Einen Spazierstock hatte er allerdings immer dabei. Außerhalb seines Hauses und seines Gartens bewegte er sich aber nie ohne Begleitung. Sein Kopf war charakterisiert durch die Vollglatze mit braunem und später grauem Haarkranz am Hinterkopf, durch einen Schnurrbart und durch das Glasauge links bzw. durch das bei einem Unfall zerstörte Auge rechts. Kraemer war ein fröhlicher, liebenswerter Mensch. Er konnte amüsant unterhalten und schreiben, er war jedoch kein Mann für die Öffentlichkeit.

Sein scharfer Verstand, seine Logik und seine präzise Wortwahl fallen sofort auf, wenn man seine zahlreichen Texte liest. Der Mann, der als schwerer Stotterer zumindest bis zu seinem 50. Lebensjahr jeden öffentlichen Auftritt als Redner scheute, verfügte als Autor über eine hohe Meisterschaft. Seine Texte bestechen durch Logik der Argumentation, durch prägnante Kürze und durch Klarheit der Sprache.

Sein Lebenswerk wäre jedoch ohne seine Ehefrau Helene nicht realisierbar gewesen. Sie war 1914 als Vorleserin zu ihm gekommen, und sie hat ihn von dieser Zeit an überall hin begleitet und selbstlos unterstützt. Mehr noch: Sie hat sich schließlich vollkommen auf das Leben des blinden Gelehrten eingestellt. Helene hat ihren Mann in guten und gerade auch in den schlechten Zeiten vorbehaltlos unterstützt. So hat die Welt der Blinden auch ihr viel zu verdanken.

Als Dr. phil. et Dr. jur. Rudolf Kraemer starb, war er trotz aller Schicksalsschläge mit sich und der Welt im reinen. Wie anders kann man die Inschrift für seinen eigenen Grabstein interpretieren, die er sich kurz vor seinem Tod gewählt hatte: "Rudolf Kraemer lädt dich ein, fröhlichen Herzens und gütigen Sinnes seiner zu gedenken. Ehre und Dank aber gebühren Gott". Gibt es einen schöneren Beweis dafür, dass eine gute Fee dem kleinen Kind bei seiner Geburt tatsächlich einen besonders großen Demanten mit der Aufschrift "Glücksbegabung" geschenkt hatte, welcher alle schwarzen Gewichte des Lebens von Rudolf Kraemer aufwog-

Zurück zum Inhalt von 1/2001|Publikationen