Margot Michaelis: Die Situation blinder Seniorinnen

Ich möchte mich der Situation blinder Seniorinnen zuwenden, über die es m.W. kaum wissenschaftlich abgesicherte Studien gibt. An dieser Stelle kann ich das nur in aller Kürze tun. Ausgehend von der sehenden Seniorin, möchte ich die Situation blinder Seniorinnen beleuchten und zu Fragestellungen kommen.

Die Lebenserwartung der Frau ist bekanntlich höher als die der Männer, und das wird sich noch steigern.

Gilt das genauso für blinde Frauen und Männer-

Verbrauchen Sie ihre Gesundheit und Nervenkraft nicht blindheitsbedingt schon früher und schneller-

Der größte Teil der Frauen über 60 Jahren lebt allein, gemeint ist verwitwet. Für unsere Zeit trifft das zu, weil viele Frauen ihre Männer im Krieg verloren haben.

Lässt sich das auf blinde Seniorinnen übertragen-

Eine Ehe ist vielen nicht beschieden gewesen.

Es gibt immer noch festgelegte Rollenbilder für Frauen und Männer und - Vorurteile.

Frauen müssen sein: Attraktiv, jugendlich, liebevoll, zärtlich, häuslich, anpassungsfähig.

Männer: Vital, tüchtig, durchsetzungsfähig, karrierebewusst.

Gilt das alles genauso für blinde Frauen bzw. Männer-

Die Einstellung zu Senioren in der Gesellschaft ist immer zeitbedingt und auf den jeweiligen Kulturkreis bezogen. Welche Rolle hierbei die Religion spielt, bedarf einer besonderen Untersuchung.

Zum Altwerden gehört für die meisten Menschen die Aufgabe des Berufes. "Wenn ich nicht mehr berufstätig bin, gehöre ich zum alten Eisen." Das wird im wesentlichen für Männer hervorgehoben und bei Frauen als weniger einschneidend betrachtet.

Für Frauen wird eine Veränderung in der Familiensituation, wie sie sich durch das Älterwerden naturgemäß ergibt, als bedeutsamer angesehen.

Gilt das genauso für blinde Seniorinnen, vor allem in unserer Zeit-

Beruf oder Familie, Beruf und Familie oder von vornherein nur Beruf-

Ich denke für blinde Seniorinnen unserer Zeit kommt wohl das letzte am meisten vor: Nur Beruf, d.h. der Abschied aus dem Berufsleben bestimmt das Altwerden. Das wird sich in der Zukunft ändern. Ehe und Familie sind für blinde Frauen keine Ausnahme mehr.

Aber im Leben der blinden Seniorinnen unserer Zeit hat der Beruf eine große Rolle gespielt. Ich will nicht gerade sagen, dass der Beruf ein Ersatz für Ehe und Familie gewesen ist. Hinzu kommt, dass nur wenige blinde Frauen ihren Traumberuf ausüben konnten. Aber für viele war der Beruf doch der Ort, wo sie etwas galten, etwas leisten konnten, im Leben standen. Daraus geht hervor, dass die Aufgabe des Berufs für viele blinde Seniorinnen Altwerden heißt, einsam sein. Es sei denn, sie haben freundschaftliche Kontakte gepflegt, sich engagiert, Verbindungen geknüpft. Natürlich gibt es blinde Seniorinnen, die ihrem Ruhestand mit Freude entgegensehen, darin eine Befreiung, eine Entlastung empfinden. Aber die vielen guten Ratschläge, die es für sehende Seniorinnen nach Berufsaufgabe gibt, lassen sich nicht ohne weiteres auf blinde Seniorinnen übertragen. In Baden- Württemberg und Niedersachsen werden Kurse angeboten für die Zeit des Ruhestandes. Nehmen Sie ihre Chancen wahr, machen Sie Reisen, belegen Sie Kurse, übernehmen Sie Ehrenämter! Alles schön und gut, aber blinde Seniorinnen müssen da schon auswählen oder erkennen wieder einmal ihre Grenzen.

Ein gezieltes Angebot für diesen Personenkreis wäre hilfreich.

Ich will aber auch nicht schwarz malen. Gefragt sind, Flexibilität, Kreativität und Phantasie, und das sind - so heißt es Grundeigenschaften der Frau.

Wie und wo kann sich hier die blinde Seniorin einbringen-

Jede kann noch einmal auf Entdeckungsreisen für sich selber gehen. Das gilt dann auch für die blinde Seniorin. Was kann ich eigentlich- Wo liegen meine Interessen und Begabungen- Was kann ich machen, wo ich endlich Zeit für mich habe- An wen kann ich mich wenden, der mir vielleicht weiterhilft- Vereine, Kirchengemeinden, Nachbarschaft...

Auf die finanzielle Situation bin ich noch nicht eingegangen. Altersarmut wird vornehmlich bei Frauen festgestellt.

Gilt das genauso für die blinde Seniorin-

Vielleicht könnte darüber eine eigene Untersuchung Aufschluss geben.

Wenn ich mich umsehe unter den jetzt lebenden blinden Seniorinnen, entdecke ich viel Armut, auch bei denen, die einmal berufstätig waren. Nicht viele hatten qualifizierte Berufe, die ein gutes und gesichertes Renteneinkommen garantiert haben. Das wird sich verschieben, aber die Alterssicherung steht insgesamt auf schwankenden Füßen. Das kann neue Probleme für blinde Seniorinnen bringen.

Als schwerer Einbruch wird eine geänderte Ehe- bzw. Familiensituation angesehen. Das trifft für blinde Seniorinnen genauso zu wie für sehende. Vielleicht trifft es blinde Seniorinnen noch härter. Gemeint ist hier in erster Linie der Verlust des Partners durch den Tod. Über Scheidung oder andersartige Trennungen habe ich nichts gefunden. Da Frauen offensichtlich die Männer überleben, sind davon viele betroffen. Gibt es dafür irgendeine Vorbereitung-

Es kann vorkommen, dass eine Frau nach dem Tod ihres Mannes sagt: "Ich hatte noch nie einen Scheck unterschrieben."

Natürlich kommt es immer darauf an, wie glücklich eine Partnerschaft gewesen ist. Wenn eine blinde Frau mit einem sehenden Mann verheiratet war, wird sein Tod sie vor neuer Herausforderung stellen. Sie wird mehr Kraft brauchen als eine sehende Seniorin.

Ob die blinde Seniorin dann eher eine Wohngemeinschaft in einem Heim sucht-

Auch darüber ließe sich eingehender nachdenken.

Das gilt auch für die Frage, ob blinde Seniorinnen öfter und schneller neue Partnerschaften suchen und eingehen.

Von sehenden Seniorinnen wird gesagt, dass sie zwar noch einmal Freundschaften wünschen, aber nicht gerne feste Bindungen eingehen wollen.

Ob die blinde Seniorin sich in einer ähnlichen Situation genauso oder anders verhält, müsste untersucht werden.

Suchen blinde Seniorinnen eher eine Wohngemeinschaft oder ein Heim auf-

Entscheiden sie sich schneller für eine feste Partnerschaft-

Die Rolle einer liebevollen Großmutter fällt auch nicht jeder blinden Seniorin zu.

Der große Bereich von Intimität, Nähe und Sexualität ist bisher gesellschaftlich und wissenschaftlich nahezu tabuisiert worden. Wir wissen, dass diese Themen in den letzten Jahren offen und teilweise bloßgelegt worden sind.

Sexualität im Alter - aber nein, über so etwas spricht man nicht. Alte Menschen Hand in Hand - mag noch gehen, aber Kuss auf der Parkbank unmöglich! Freundschaft, ja - Sexualität, nein! Hier werden immer Frauen und Männer gemeint, aber Frauen werden härter beurteilt. Frau Dr. Niederfranke, auf die ich mich immer wieder bezogen habe, sagt dazu: "Die menschliche Sexualität ist so flexibel wie die menschliche Intelligenz und damit bis ins hohe Alter veränderungsfähig." Ich denke, auf "veränderungsfähig" kommt es an. Neue Formen finden im Alter, neue Formen für Intimität, Nähe und Sexualität.

Hier möchte ich nur kurz anmerken, dass über dieses Thema auch in Altenheimen nachgedacht werden sollte. Sensibel werden für die Bedürfnisse alter Menschen in diesem Bereich. Fragen über Fragen tun sich auf.

Wie kann die Intimsphäre gewahrt werden-

Über die körperliche Veränderung in diesem Zusammenhang brauche ich sicher nicht einzugehen. Hier kann sich jede Seniorin Auskunft bei ihrem Facharzt holen. Häufig wird aber nur der Körper in den Blick genommen und nicht die seelische Befindlichkeit. Sexualität gehört zu den Grundbedürfnissen der Menschen und ist sehr vielschichtig.

Wenn Frau und Mann über eine langjährige Ehe "miteinander" alt werden, wird sich alles anders abspielen als bei verwitweten oder allein lebenden Frauen. Natürlich kommt es darauf an, welchen Stellenwert die Sexualität überhaupt eingenommen hat. Auch ältere Ehepaare werden neue Formen finden müssen.

Über die Einstellung zur Sexualität von Seniorinnen liegen eher verschämte Aussagen vor. Von blinden Seniorinnen gibt es hierzu m.W. keine Angaben. Manchmal werden sexuelle Gefühle verleugnet und abgewertet. Manche Frauen flüchten in Phantasien und Träume oder Erinnerungen. Medien trauen sich allmählich an dieses Thema heran. Wie gesagt, liegen keine Angaben blinder Seniorinnen zu diesem Thema vor.

Ich wage zu behaupten, dass gerade der Bereich der Sexualität derjenige ist, der sich am wenigsten unterscheidet. Ich weiß allerdings auch, dass es ein langer Weg bis hierhin war, ein Weg, auf dem viele blinde Frauen, Männer auch gelitten haben, weil sie beeinflusst und eingeengt wurden. Vielen ist das hohe Glücksgefühl, das menschliche Sexualität hervorrufen kann, bewusst vorenthalten worden.

Das hat sich geändert. Hierzu wünsche ich mir eine wissenschaftlich fundierte Untersuchung. Wie verhalten sich blinde Seniorinnen im Gegensatz zu sehenden Seniorinnen zu Intimität, Nähe und Sexualität-

Für Sehende wird vieles leichter sein, z.B. Freundschaften schließen, neue Partnerschaften finden, vielleicht auf Reisen oder bei Seminaren. Wenn aber schon für sehende Seniorinnen Flexibilität, Phantasie und Kreativität notwendig sind, wie viel mehr dann für blinde Seniorinnen-

Nähe und Zärtlichkeit im Alter können bereichern und beleben.

Ein türkisches Sprichwort sagt: Junge Liebe ist von Erde, späte Liebe ist vom Himmel.

Die Situation blinder Seniorinnen - ein Thema zum Weiterdenken. Eine allgemeingültige Altersorientierung gibt es nicht, auch nicht für Sehende. Es wird an bestimmten Punkten blindenspezifische Unterschiede geben.

Ich möchte jedoch blinden Seniorinnen Mut machen, das Alter anzunehmen und nach Chancen zu suchen, es zu füllen.

Viele Menschen werden im Alter blind. Auf den Personenkreis dieser blinden Seniorinnen bin ich hier nicht eingegangen, weil sich insgesamt blindenspezifisch bedingte Probleme ergeben. Eine spezielle Untersuchung könnte hier ansetzen: Die Situation blinder Seniorinnen, die im Alter erblindet sind.

In einer Zeit, in der die Zahl alter Menschen zunimmt, sollten auch blinde Seniorinnen nicht schweigen, sondern Erfahrungen und Wünsche vortragen.

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