Klaus Röder, Monika Saßmannshausen Theater an der Carl- Strehl-Schule: Seit 1997 existieren an unserer Schule zwei Theatergruppen, die Gruppe "NachtSicht" für Schüler bis zur Jahrgangsstufe 10 bzw. 11 und die Th

Beide Theatergruppen werden von der Marburger Theaterpädagogin Karin Winkelsträter geleitet. Bei der Lehrerin Monika Saßmannshausen laufen die organisatorischen Fäden zusammen. Assistentin bei "NachtSicht" ist Kiwi Schuster, die als Biologin hin und wieder in der Antarktis über Pinguine forscht; bei "NullOptik" assistiert Frau Saßmannshausen, die nicht den ganzen Tag von Computern umgeben sein möchte. In drei Jahren haben die beiden Gruppen 5 Produktionen auf unterschiedliche Bühnen in- und außerhalb Marburgs gestellt.

Auch im Internat hat sich inzwischen eine Theatergruppe unter der Leitung von Marion Lehmke zusammengefunden. Die Gruppe bietet vor allem an den Elternsprechtagen aktuelles Theater.

Zu der Idee, Theater spielen zu wollen mit Blinden und Sehbehinderten, haben wir uns ein paar Gedanken gemacht:

Wenn man mit sehbehinderten und blinden Jugendlichen Theater machen will, stößt man nicht selten auf Vorbehalte und Fragen.

Den Jugendlichen fehlt doch der Körperausdruck, der für die Interpretation der Rollen notwendig ist! Muss da die Wirkung auf die Zuschauer nicht zwangsläufig negativ sein- Wird das Defizit der Behinderung nicht eher noch betont-

Oder Umgekehrt. Wird sich der Beifall der Zuschauer nicht nur primär einem Mitleidseffekt verdanken- Besteht nicht die Gefahr, dass hierdurch sogar eine falsche Selbstwahrnehmung verstärkt wird-

Theaterspiel ist doch eigentlich kein Medium für Blinde. Wäre es nicht besser, auf andere, mehr an Sprache und Klang gebundene Darstellungsformen zurückzugreifen, wie z.B. das Hörspiel-

To see or not to see thats not the question!

Theater zu spielen stellt Anforderungen an die Akteure, denen sich immer nur ein kleiner Kreis motivierter Schülerinnen und Schüler stellt. Für einen solchen engagierten Kreis blinder und sehbehinderter Jugendlicher und junger Erwachsener bietet die Arbeit auf der Bühne viele Möglichkeiten zur Auseinandersetzung mit Sprache, Förderung der Persönlichkeitsentwicklung und der Auseinandersetzung mit der Behinderung.

Sich eine Rolle auszusuchen, sie zu lesen, auswendig zu lernen, sich in sie hineinzuversetzen, sie mit den eigenen Ausdrucksmöglichkeiten zum Leben zu erwecken, den Bezug zu anderen Rollen herzustellen, Anregungen zur Spielgestaltung aufzunehmen und zu integrieren, "Sprache in ihrer Vielfalt erfahren und verwenden, d.h. auch in ihren unterschiedlichen Ausdrucksqualitäten: logisch- begrifflich, bildhaft-anschaulich, expressiv-emotional" (Rahmenplan Deutsch - Sek. I). Theaterarbeit stellt eine Fülle von differenzierten Aufgaben. Sich mit ihnen auseinander zusetzen bedeutet, sich mit seinem Selbstbild und Selbstideal zu beschäftigen, auf spielerischem Weg Rückmeldungen zu bekommen und seine Grenzen auszuloten.

Damit werden Inhalte berührt, denen unter der Voraussetzung der Sehbehinderung eine besondere Bedeutung zukommt. Häufig verfügen blinde und sehbehinderte Jugendliche nicht über ein ausgewogenes Verhältnis von Selbstbild und -ideal, weil ihnen realistische Rückmeldungen vorenthalten wurden oder weil ihnen ein fortgeschrittener Sehverlust Unsicherheit und Zweifel beschert hat. Geringer Selbstwert oder Selbstüberschätzung, geringe Frustrationstoleranz, Mängel in der Selbst- und Fremdwahrnehmung sind beobachtbare Folgen.

Theater mit seiner besonderen Qualität der gespielten Realität und realen Imagination bietet Möglichkeiten, Erfahrungs- und Übungsräume zu schaffen, in denen ein Probehandeln möglich ist, das noch nicht Realität, aber doch mehr als nur Vorstellungswelt bedeutet. Mag das Ergebnis unvollkommen, die Behinderung deutlich sichtbar sein - Ziel ist nicht, Blinde und Sehbehinderte "Normalität" imitieren zu lassen, sondern ihnen einen Raum zu bieten, in dem sie ihre Talente ausbauen, sich selbst kennenlernen und "selbsterfahren", ihre Grenzen erweitern, aber auch akzeptieren lernen. Dieses Ziel geht Hand in Hand mit konkretem Üben unter fachkompetenter Anleitung. Dadurch wird die Möglichkeit geschaffen, an der Erweiterung der sprachlichen und körpersprachlichen Ausdrucksfähigkeit zu arbeiten. Darüber hinaus sind Fähigkeiten gefordert wie Eigeninitiative, Merkfähigkeit, Ausdauer, Frustrationstoleranz und Gruppenfähigkeit, die alle ihren Teil dazu beitragen, eine Bühne zum Leben zu erwecken. Es geht auch um die Befreiung des Körpers und der Emotionen von Blockierungen und alltäglichen Konditionierungen. Spannungen, unterdrückte Energien und immer gleiche Beanspruchungen schaffen Verzerrungen, schränken die Beweglichkeit ein und führen zu Starrheit. Diese Starrheit gilt es zu lockern und konstruktive Energien zu entwickeln.

Konzeptionen sind auf Papier geschrieben, Theater findet auf der Bühne statt.

Keine Konzeption kann eine gute Aufführung garantieren.

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