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Ralf Elberskirch: Dauerndes Lernen oder Die Geriatrie des Wissens

Seit zehn Jahren gehören der Preisverfall bei Computer- Hardware und der rapide Anstieg der Leistungsfähigkeit bei entsprechender Software zur Alltagserfahrung. Weniger deutlich wird der Verfall der Aktualität eigenen Wissens und der rapide Anstieg an Anforderungen gerade im Bereich informationstechnischer Berufe wahrgenommen.

Seit zehn Jahren arbeite ich bei der ALCATEL SEL AG im Bereich Vermittlungssysteme. 1997 beteiligte sich die ALCATEL zusammen mit anderen Unternehmen an einem Pilotprojekt dreier belgischer Universitäten. Angeboten wurde ein "Postgraduate Program Computer Science" (PGP), an dem teilzunehmen ich die Gelegenheit hatte. Über meine Teilnahme unter den Bedingungen einer vollen Berufstätigkeit und meiner Blindheit möchte ich im Folgenden erzählen.

Anders als bei der Fernuni Hagen wurden die Vorlesungen per Video-Konferenz zu den verschiedenen Standorten übertragen. Zweimal wöchentlich fanden ab 17.30 Uhr drei Stunden lang die englischsprachigen Veranstaltungen statt.

"Müde von der Arbeit und dann noch stundenlang Notizen machen-" APH sei dank! Zwei Abende auf einer Kassette! Wenn man mal nicht teilnehmen kann, wird der Ton des Videos überspielt. Das war gegenüber meiner Studentenzeit die erste grundlegende Rationalisierung.

Eine Vorlesungseinheit bestand aus vier bis zehn Abenden und wurde vier Wochen später mit einer Prüfung abgeschlossen. An schriftlichen Materialien zur Vorbereitung gab es neben den Kopien der gezeigten Power-Point-Präsentationen meist noch ein dickes Fachbuch. Zur ersten Prüfung versuchte ich noch, das Buch auf Kassette lesen zu lassen. Neben der Schwierigkeit, in drei Wochen 600 Seiten gelesen zu bekommen, setzte auch die Ernüchterung ein, dass sich Professoren gelegentlich eben nicht besonders an ein Buch halten.

Bei der Suche nach zugänglicher Fachliteratur bin ich durch den DVBS schnell auf den in der Uni Dortmund gepflegten Zentralkatalog gestoßen. Dann war es auch nur noch ein kleiner Schritt, sich mit dem SZS in Karlsruhe, mit dem SBS in Dresden und dem MV-Blind in Linz in Verbindung zu setzen. Den Mitarbeiterinnen sei hier nochmals ausdrücklich für ihre Unterstützung gedankt.

Eine wichtige Quelle für zeitgenössische Informatik-Literatur ist der RFB&D in Princeton. Dank E-Mail und Luftpost waren viele Titel bereits eine Woche nach Bestellung im Briefkasten. Der von Menschen vorgelesene Text, die erklärte Grafik und die genau wiedergegebene Formel waren für mich oft der entscheidende Schlüssel zum Verständnis.

Der Scanner war mir trotzdem ein treuer Knecht. Ein Einzelblatteinzug ist Gold wert, wenn Hunderte von Kopien zu verarbeiten sind. Aber trotz Drehen an Kontrast und Vorverarbeiten der Textfiles waren meine eigenen Scans nur eingeschränkt brauchbar. Gerade für Programmbeispiele waren die Materialien der Studienzentren viel hilfreicher.

Mit der Zeit wurde der Anteil an Materialien heruntergeladen aus dem Internet immer größer. Auch wurden die Präsentationen immer häufiger auch als Datei bereitgestellt. Leider gehört der Zoo gebräuchlicher Dateiformate nicht zu den Segnungen blindengerechter Datenverarbeitung.

Power Point (PPT) erlaubt nur Export der Gliederung und bei Acrobate Readers PDF und dem traditionellen Post Script (PS) war die Konvertierung nach ASCII nur manchmal erfolgreich.

Gelegentlich war nur noch die gemeinsame Prüfungsvorbereitung der Kursteilnehmer das Netz, das vor dem frontalen Aufprall auf die Realität der Prüfung bewahrt hat.

Die Prüfungsumstände selbst waren meiner Situation angepasst. Die Fragen wurden zum Prüfungsbeginn im Web veröffentlicht. Am Ende habe ich Antworten per E-Mail zum Dozenten und unserem lokalen Betreuer geschickt, der sie auch noch ausgedruckt auf den Stapel aller Klausuren gelegt hat.

Da alle Unterlagen in der Prüfung zugelassen waren, konnte ich in meinen Dateien suchen. Aber fehlende Abbildungen sinnentleeren so manchen Text.

Inzwischen sind alle Hürden genommen. Erst jetzt ist uns Kursteilnehmern deutlich geworden, welchen Abschluss wir bekommen werden: "Postacademisch Getuigschriften" - flämisch für "Postakademisches Zeugnis". Als internationales Zertifikat hätten sich eigentlich alle ein "Master of Computer Science" gewünscht. Damit wird leider der Wert des Abschlusses selbst im eigenen Unternehmen zweifelhaft. Man muss schon selbst die gelernten Inhalte den Personalverantwortlichen vermitteln.

Trotz diesen Draw-backs bleibt der Wert des Know-how-Updates und die Erkenntnis, dass die Verfügbarkeit von zentralen Registern blindengerecht übertragener Literatur ein grundlegendes Erfordernis beruflicher Weiterbildung ist.

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