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Aufgrund einer Augenoperation habe ich Anfang Oktober in der Marburger Klinik einen Termin. Daher möchte ich mich dort anmelden. Dazu muss ich eine Nummer ziehen: Das ist ja wie auf dem Sozial- oder Arbeitsamt, denke ich. Nach einer Stunde Wartezeit leuchtet meine Nummer auf, ich bin also dran. Obwohl Leute behaupten, ich hätte mich vorgedrängelt, gehe ich ins Anmeldebüro.
Nach längerem Hin und Her werde ich einer Station zugewiesen. Dort stellt Frau Dr. Meier, die Stationsärztin, in mitleidigem Ton fest: "Was, Sie sind blind- Ach, du lieber Gott!" Muss man sich so eine Behandlung in einer Augenklinik wirklich bieten lassen?
Trotz meiner Blindheit bittet mich Dr. Meier, in die Sehschule zu gehen, da sie noch bestimmte Daten bräuchte. "Welchen Sinn soll das haben", frage ich. "Ich muss das erheben: Das ist nun mal so." "Ja, aber ich bin doch blind-" Logik hilft hier nicht weiter: Ich komme zur Sehschule und warte vor einem leeren Anmeldebüro. Als die zuständige Ärztin mich sieht, fragt sie nur "Was soll denn der Quatsch- Was wollen Sie denn hier-" "Das frage ich mich auch. Ihre Kollegin schickte mich hierher." Unverrichteter Dinge gehe ich zurück zur Station.
Mittagessen gibt es bereits um 11.30 Uhr: Warum schon so früh? Danach kriege ich während eineinhalb Stunden alle paar Minuten Tropfen zur Erweiterung meiner Augen: Muss das sein, oder ist das Tierquälerei- Es ist sehr unruhig.
Wie schon am Vormittag, taucht auch hier immer wieder eine über 90-jährige Frau auf. Sie kann nur noch schlecht laufen und wird von Ralf, dem neuen Zivildienstleistenden, von einer Station zur nächsten geführt. Die Frau macht einen müden, abgespannten Eindruck: Lohnt es sich etwa nicht mehr, sie zu behandeln, oder warum scheucht man sie so durch die Klinik?
Nachdem meine Augen geweitet sind, folgt eine Ultraschall- Untersuchung: Da man hier den Zustand meiner Netzhaut nicht genau erkennen kann, wird der Professor hinzugezogen. Er ordnet eine weitere Untersuchung an, in der die Größe meiner Augen festgestellt werden soll. So werde ich nach längerem Warten in meinem Zimmer erneut zur Untersuchung geholt. Da ich starkes Augenzittern habe, ist es mir trotz mehrerer Versuche, bei denen mir Dr. Meier Betäubungstropfen gibt, nicht möglich, die Augen dafür ruhig zu halten. Schließlich platzt ihr der Kragen, und sie schnauzt mich an: "Wenn Sie hier operiert werden wollen, müssen Sie auch mitarbeiten!" "Sie können mir glauben, dass ich das nicht absichtlich tue, das ist ein Reflex", antworte ich. "Das ist kein Reflex", schimpft sie weiter und holt eine Kollegin zu Hilfe. Diese schaut mir in die Augen und rät: "Wenn sie die Augen nicht ruhig halten kann, müssen wir eben die Größe während der Operation feststellen. Dann ist sie ja unter Narkose, und das klappt dann viel besser!"
Zwei Tage später: Ich gehe mit einer Schwester zur Visite. Zunächst hake ich mich bei ihr unter, doch sie fragt mich, ob ich ihr die Hand geben möchte. "Nein", sage ich, "das ist schon in Ordnung so." Und nach einer Pause: "Haben Sie eigentlich Fortbildungen, wie man blinde Menschen führen kann-" Sie verneint bedauernd. "Obwohl die Blista mit ihrem Mobilitätszentrum und den Trainerinnen und Trainern um die Ecke ist-", bohre ich weiter. Sie erzählt, dass es einmal eine Führung gab, mehr aber nicht: Eigentlich schade für alle Beteiligten!
Am selben Tag spricht mein Operateur mit mir: Er informiert mich über den fünfstündigen Operationsverlauf und sagt, dass ich am kommenden Montag oder Dienstag entlassen werden kann. Darauf freue ich mich natürlich schon riesig und stelle mich psychisch und moralisch darauf ein.
An den folgenden Tagen bekomme ich viel Besuch. Freunde und Verwandte rufen mich regelmäßig an, und ich spüre, dass ich nicht alleine bin. Diese Unterstützung hat mir sehr viel geholfen, die schwere Zeit durchzustehen.
Anfangs liege ich mit zwei Patientinnen in meinem Alter im Zimmer: Sie haben ihre Operation schon hinter sich und helfen mir, mich auf den schweren Eingriff vorzubereiten.
Einige Schwestern und Ralf, der Zivi, sind sehr nett: Eine Schwester ermuntert mich, meine Behandlung mit den Bach-Blüten auf jeden Fall fortzusetzen, auch wenn das hier nicht gern gesehen wird. Sie gibt mir Tipps, wie ich die Notfalltropfen vor der Operation äußerlich am besten anwenden kann. Eine andere Schwester ist gerne bereit, mir beim Haare waschen zu helfen, damit mir der Schaum nicht ins frischoperierte Auge läuft. Fast täglich hilft mir Ralf meinen Speiseplan zusammenzustellen und hat immer ein offenes Ohr für mich, damit ich mich ausquatschen kann. Da das Essen am Wochenende schon vor halb zwölf Uhr geliefert wird, bieten mir die Schwestern an, es für mich in die Mikrowelle zu stellen, damit ich um zwölf Uhr essen kann.
Wie jeden Tag, komme ich auch am Montag zur Visite: Dort frage ich Dr. Meier, ob ich heute oder morgen entlassen werde. "Das ist viel zu früh! Das können Sie mal schön vergessen. Das Auge ist noch viel zu entzündet", antwortet sie. Mein Mut sinkt, und meine nervliche Spannung steigt. "Mein Operateur sagte mir, ich würde heute oder morgen entlassen-" "Das können wir schon machen, wir sind ja schließlich kein Knast", betont Dr. Meier, "aber dann müssen Sie mir unterschreiben, dass Sie gegen ärztlichen Rat entlassen worden sind. Ich unterstütze das nicht." "Darum geht es doch nicht", sage ich und werde entmutigt auf mein Zimmer geführt. Am selben Tag schaut mir der Professor im Beisein der Stationsärztin ins Auge und kann sich sofort an meinen Eingriff erinnern: "Tja, dann können Sie ja bald nach Hause!" "Das dachte ich auch, aber Dr. Meier will mich nicht gehen lassen", antworte ich, "wann darf ich denn nun heimfahren-" Er meint, dass ich spätestens am Mittwoch entlassen werden kann. "Aber das geht doch nicht, da ist doch noch so viel Vibrin in der Augenkammer", ruft Dr. Meier. "Das kann man nach acht Tagen auch ambulant behandeln", entgegnet der Professor. Tags darauf schaut mir mein Operateur noch mal ins Auge und befürwortet trotz Einsprüchen von Dr. Meier meine Entlassung am nächsten Tag. Er ermahnt mich, regelmäßig zur Kontrolle zu gehen: Darf ich dem Versprechen jetzt glauben-
Dr. Meier hat viel Macht, doch lerne ich, dass sie damit auch an ihre Grenzen stößt: Während einer Visite erlebe ich, wie sie verzweifelt den Oberarzt holt, weil sie mit einer Notfallpatientin nicht klarkommt. Der Oberarzt schaut der Patientin in die Augen und sagt: "Ihre Verletzung kennen wir hier sehr gut, obwohl sie selten ist. Das kann schon mal vorkommen." "Ich gehe nie mehr in den Stall", jammert die Patientin, "50 Jahre lang habe ich die Kühe gemolken, aber jetzt ist Schluss!" "Wenn Ihnen die letzten 50 Jahre nichts passiert ist, dann können Sie doch die nächsten 50 Jahre auch weitermachen", beruhigt der Oberarzt. "Nein, nie mehr", weint die Patientin. Was ist passiert? Beim Waschen der Kuhschwänze ist ihr einer durchs Gesicht gefahren, wodurch sich ihre Netzhaut abgelöst hat. Kein Wunder, dass sie solche Angst hat! Aber der Oberarzt ist sehr einfühlsam und versucht, mit ihr einen Weg zu finden, wie sie künftig weiterhin im Stall ohne Angst arbeiten kann.
Schließlich werde ich, obwohl Dr. Meier sich immer wieder dagegen sträubt, am Mittwoch entlassen. Die Gespräche mit Ralf helfen mir, diesen Konflikt durchzustehen. Er stellt nur sachlich fest: "Eines ist klar: wären die Patienten nicht da, wären Ärzte und Schwestern auch nicht hier."
Anmerkung: Die in diesem Artikel genannten Namen sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden Personen haben diese sich selber zuzuschreiben.
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