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Matthias Mersch: Aus Dich kann ja nuscht wern! Kindheitserinnerungen einer ostelbischen Dorfkrabbe von Horst Cain

Helmuth-Block-Verlag, Kremkau 1999. 301 Seiten, DM 28,00. ISBN 3-910173-101-1

Das Buch ist auf 15 C 90-Kassetten gesprochen (Buch Nr. 9947) bei der Hörbücherei der Deutschen Blinden-Bibliothek in Marburg zu entleihen.

Es gibt die Meinung, alles Schreiben sei autobiographisch. Andere sagen, alle Autobiographie sei fiktiv. Tolstoi (im weiteren Sinne auch ein Ostelbier!) nahm vor 95 Jahren an, "mit der Zeit wird man überhaupt davon abkommen, Kunstwerke zu ersinnen. Man wird es peinlich finden, über irgendeinen fiktiven Iwan Iwanowitsch oder irgendeine Marja Petrowna etwas zu erfinden. Die Schriftsteller, falls es sie geben wird, werden nicht etwas erfinden, sondern nur das Bedeutende und Interessante erzählen, das sie im Leben zu beobachten die Gelegenheit hatten".

Horst Cain, blinder Ethnologe und Dozent in Berlin, erzählt aus seiner Kindheit und frühen Jugend, die sich zwischen 1936 und 1950 fast ausschließlich im Dorfe Gerwisch zutrugen, auf halbem Wege zwischen Burg an der Ihle und Magdeburg an der Elbe. Der Unfall, der sich beim Spiel mit Munitionsresten ereignete und Horst Cain das Augenlicht kostete, geschah kurz vor seinem 13. Geburtstag im Frühjahr 1949, und wird daher erst ab Seite 270 beschrieben. Die ausführlichere Schilderung des Eingewöhnens in das Leben mit der Behinderung wird daher neben den vielen anderen Herausforderungen einer Erwachsenenexistenz dem in Aussicht gestellten weiteren Band der Lebensbeschreibung vorbehalten bleiben. Nach der Lektüre der Kindheitserinnerungen, soviel sei vorweggenommen, wird man der Fortsetzung der irdischen Dorfkrabbenexistenz mit gespannter Erwartung und ungebrochenem Interesse entgegensehen, ganz gleich, wann sie denn dem Leser vorgelegt wird.

Horst Cain ist bislang einem eher engeren Kreis aus Ethnologen, Sprachforschern und Südseereisenden als Autor wissenschaftlicher Texte bekannt, die in ihrer Kombination aus scharfer Analyse und hoher sprachlicher und hermeneutischer Klarheit zu den anregendsten gehören, die ich aus akademischem Interesse gelesen habe. In ihnen legt Cain Forschungsresultate vor, deren Originalität in der Völkerkunde eine Ausnahme bildet. Ich vertrete diese Meinung um so freimütiger und glaubwürdiger, als ich in keinem universitären Abhängigkeitsverhältnis stehe, weder zu Horst Cain, noch zu einem "monströs verspießerten" Kollegen.

Der Autor beginnt seine Erinnerungen mit einem Vorwort, aus dem ich eine Entschuldigung lese für das in Gerwisch und Umgebung wohl als Anmaßung geltende Vorhaben, eine Beschreibung des eigenen Lebens anzufertigen. Eitelkeit in intellektuellen Dingen scheint überhaupt so etwas wie die unter Ostelbiern bestgefürchtete Todsünde zu sein. Eine Vorstellung, von der sich Horst Cain selbst nach jahrzehntelanger Weltläufigkeit offenbar noch nicht ganz befreien konnte. So äußert er sich nicht über das Fiktionale jeglichen Schreibens - und erst recht desjenigen über das eigene Leben, der Konstruktion eines Selbst im Akt des Schreibens, sondern geht die Arbeit an, als begänne er ein wissenschaftliches Opusculum: Recherche (meist lange Telefonate mit aufgespürten Weggefährten und Dorfnachbarn) im unerschütterlichen Glauben an die listige Ermittlung von objektiven und - vor allem -authentischen Daten. Ich halte dieses Vorgehen für naiv, aber ich muss zugeben, dass diese Methode auch einiges für sich hat: In der Schilderung dieser investigativen Telefonate erhält man Einblick in so manche Schicksale, die sich notwendig vom Hauptstrom der Lebensschilderung entfernt haben und doch weitere Aspekte zu diesem beitragen können.

Im Mittelpunkt steht das rabaukenhafte Kind Horst, schöpferisch im Aushecken urwüchsiger Streiche, ist es ein Gigant in Sachen kindlichem Abenteurertum, neben dem Huckleberry Finn wie ein blasierter Stubenhocker wirkt. Erfrischend und bewundernswert, mit welcher Konsequenz Cain nicht nur nebensächliche Schwächen seines kindlichen Charakters beim Namen nennt.

Sind allein die Cain"schen Untaten schon sehr unterhaltsam, so wird durch die aufklärerische Betrachtung von Zeit- und Lokalkolorit und die Beschreibung der psychischen Lage der Dörfler das Buch auch zu einem spannenden Porträt der zweiten Hälfte des tausendjährigen Reiches und der ersten Zeit der sowjetischen Besatzung. Nur wenn das genealogische Interesse Cains an seinen Helden ins Kraut schießt, und das Buch dann streckenweise doch sehr heimatkundlich bzw. personenstandsregisterhaft wird, bekommt ich Laune auszurufen, dass ich es so genau nun auch wieder nicht wissen wollte (zumal mein Namensgedächtnis reichlich unterentwickelt ist)! An diesen Stellen stoße ich auf reine Gedächtnisakrobatik und auf die sorgsam ausgebreiteten Früchte mühseliger Recherchen, die nutzlos verfaulen zu lassen, wohl kaum je ein Autor übers Herz bringen kann!

Horst Cain, als Kind in ärmlichen Verhältnissen lebend, suchte nach Maßstäben, die ihm den Wert der eigenen Persönlichkeit versichern sollten. Er fand sie teils in seiner Bewährung als guter Schüler, trotz Armut und ungebildeter Eltern und später trotz Blindheit und der damit einhergehenden Behinderung. Für mich, der ich ein notorischer Schulversager war, verrät eine oft wiederkehrende Formulierung, mit der Cain minderbegabte Spielkameraden charakterisiert ("schulisch war er keine große Leuchte"), dass er sich die Maßstäbe, nach denen in der bürgerlichen Welt biedersinnig und im Wortsinne "Zensuren" ausgeteilt werden, gründlich einverleibt hat. Diese Neigung zu kritischer Qualifizierung und leider eben auch mitunter voreiliger Abqualifizierung wird vom Autor übrigens im Buch offen eingestanden.

Ich bin sehr gespannt, wie sich der Zugewinn an Welt im zweiten Teil der Memoiren ausmünzen wird. Die Gefahr, dass dem Autor die Lebensbeschreibung zu einer selbstgefälligen Pirouette verkommt, besteht nicht: Die angenehme und höchst einnehmende Selbstironie Horst Cains wird dies mit ihrem bombenbastelnden Leichtsinn zu hintertreiben wissen.

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