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Mit der sich kontinuierlich verändernden Situation des Bildungswesens für blinde und sehbehinderte Kinder und Jugendliche (Forcierung der integrativen Beschulung; Ausbau der Schulen für Sehgeschädigte zu Förderzentren; Gründung von zentralen Realschulen) musste sich zum Ende der neunziger Jahre auch die Blindenstudienanstalt verstärkt auseinander setzen. Durch konkrete Elternanfragen wurde 1997 offenkundig, dass der Ausbau der CSS zum Vollgymnasium ab Klasse 5 ernsthaft zu prüfen war.
Nachdem sich Vorstand, Lehrerschaft und Heimbetreuer in ihren jeweiligen Gremien einhellig dafür ausgesprochen hatten, diesen Schritt zu gehen, stand die zweite Hälfte des Jahres 1997 ganz im Zeichen der konzeptionellen Arbeit. In einem wahren Kraftakt mussten -neben der täglichen Arbeit und unter großem Zeitdruck - die schul- und sozialhilferechtlichen Voraussetzungen, das pädagogische Konzept der Jahrgangsstufe 5/6 und das Heimkonzept genehmigungsreif erarbeitet werden. Die Federführung für das Schulpädagogische Konzept lag in den Händen des Berichterstatters.
Ende 1997/Anfang 1998 wurde mit der Vorlage des nunmehr fertig gestellten Gesamtkonzeptes formal die Erweiterung der Carl- Strehl-Schule zum Vollgymnasium (Jahrgangsstufe 5 bis 13) beantragt. Bereits im ersten Quartal 1998 wurden von den entsprechenden Behörden (Hessisches Kultusministerium, Staatliches Schulamt, Landeswohlfahrtsverband) die Genehmigungen erteilt. Für alle Beteiligten ein großer Erfolg und für die Zukunft der BLISTA Richtung weisend. Es ist uns gelungen, durch das Schließen der "sonderpädagogischen Lücke" Eltern ein tatsächliches Wahlrecht für den weiteren Bildungsweg ihrer Kinder nach der Grundschule zu eröffnen!
Nach den Sommerferien 1998 konnten wir die ersten Fünftklässler an der CSS in Marburg begrüßen. Neben der Aufbruchstimmung in der pädagogischen Arbeit mit diesen Kindern vernahm man auch immer noch unterschwellig die Sorge, ob denn dieser Neubeginn auch von Dauer sein würde. Die Skepsis in dieser Frage hat sich als unbegründet erwiesen.
Seit dem Start im Sommer 1998 hat es bisher drei fünfte Klassen gegeben, deren Bild ich in folgender Übersicht nachzeichnen möchte:
JAHRGANG / SCHÜLERZAHL / AUS INTEGRATION / AUS SONDERSCHULE / BLIND / SEHBEHINDERT
1998-99 / 8 / 3 / 5 / 3 / 5
1999-2000 / 9 / 3 / 6 / 4 / 5
2000-01 / 6 / - / 6 / 2 / 4
Summe / 23 / 6 / 17 / 9 / 14
Zwei Aspekte scheinen mir aus obiger Übersicht bemerkenswert:
1. Das Verhältnis zwischen Schülerinnen und Schülern aus Sonderschulen (Blinden- u. Sehbehindertenschulen) zu denjenigen aus der Integration (allgemeine Schule) fällt mit 3: 1 deutlich aus. Erst die nächsten Jahre werden zeigen, ob hier eine Angleichung der Zahlen möglich sein wird. Eine permanente, zielgruppenorientierte Öffentlichkeitsarbeit wird auch weiterhin nötig sein.
2. Die Anzahl blinder und sehbehinderter Schülerinnen und Schüler ist jeweils so gering, dass gemischte Klassen geführt werden müssen. Dies erfordert andererseits aber, dass in speziellen Unterrichtsbereichen (z. B. Sport, Biologie, Kunst) - sonderpädagogisch begründet - Lerngruppen geteilt werden bzw. teamteaching-Modelle gefahren werden müssen. Darüber hinaus aber genießt das gemeinsame Lernen aus sozialpädagogischer Sicht hohen Stellenwert.
Die bisherigen Zahlen für das bevorstehende Schuljahr 2001 bis 2002 sind - ohne dass schon qualitative Aussagen (gymnasiale Eignung; Elternwille; Kostenträgerentscheidung) getroffen werden können - sehr positiv.
"Interessenten für das Schuljahr 2001-2002"
SCHÜLERZAHL / AUS INTEGRATION / AUS SONDERSCHULE / BLIND / SEHBEHINDERT
21 / 11 / 10 / 9 / 12
Herauszuheben ist die Tatsache, dass erstmals mehr Eltern von Kindern aus der Integration Interesse bekunden, die weitere Schullaufbahn an einer Spezialschule wie der CSS fortzusetzen. Das Zahlenverhältnis ist diesmal fast 1: 1!
Wie in den Jahren zuvor werden auch diesmal wieder für die Interessenten "Probewochen" an der CSS angeboten werden. Aufgrund der hohen Anmeldezahlen wird es im Februar (sie ist zum Berichtstermin bereits abgeschlossen) und im März eine solche Probewoche geben. Während dieser Zeit wohnen die Kinder gemeinsam in einer schulnahen Wohngruppe und haben neben dem vormittäglichen Unterricht noch jeweils eine individuelle Erstüberprüfung in O&M sowie Sehrestberatung in der RES. Befragungen "ehemaliger" 5er zeigen, dass gerade die Teilnahme an der Probewoche die Entscheidung pro Marburg positiv beeinflusst.
Andererseits muss man aber auch deutlich hervorheben, dass eine Aufnahme in die Jahrgangsstufe 5 der CSS pädagogisch nur verantwortbar ist, wenn schulische Eignung, soziale Reife und behinderungsbedingtes Entwicklungsniveau auf Seiten des Kindes gegeben sind. Die pädagogische Verantwortung bezieht sich dabei nicht nur auf den jeweiligen Einzelfall, sondern nimmt bewusst auch die zukünftig betroffene Gesamtlerngruppe mit in den Blick!
2. Grundlinien des schulpädagogischen Konzeptes
Didaktische Prinzipien
Die pädagogische Arbeit in der Jahrgangsstufe 5 und 6 mit 10- bis 12-jährigen Kindern an einem Gymnasium ist nicht nur vor dem Hintergrund reiner Wissensvermittlung zu sehen, sie hat vielmehr auch eine sozialerzieherische Komponente. Demzufolge müssen didaktische Grundentscheidungen getroffen werden, die der Lernausgangslage und den emotionalen - wie Hudelmayer sagt: psychagogischen - Gegebenheiten Rechnung tragen.
Folgenden didaktischen Prinzipien fühlt sich das Lehrerteam der CSS in der Jahrgangsstufe 5/6 verpflichtet:
1. Prinzip ganzheitlicher Bildung u n d Erziehung
Schulisches und außerschulisches Lernen sind nicht isoliert zu sehen, sondern bilden eine Einheit, die an der je individuellen Bedürfnislage des Kindes ausgestaltet werden muss.
2. Prinzip sonderpädagogischer Förderung als integraler Bestandteil
Die Notwendigkeit der Förderung von Basiskulturtechniken für blinde und sehbehinderte Kinder (O&M, LPF, GDL) wird abgeleitet, begründet und eingebettet a u c h in schulisches Curriculum.
3. Prinzip KlassenlehrerIn als Vertrauensperson
Erfolgsorientierte sonderpädagogische Förderung bedarf der fachlichen Kompetenz sowie der personalen und zeitlichen Kontinuität. Die intensivierte und regelmäßige Präsenz des Klassenlehrers/der Klassenlehrerin kann diesem Anspruch besser gerecht werden als andere Konzepte.
4. Prinzip des moderaten Übergangs vom fächerverbindenden Unterricht zum Fachunterricht am Gymnasium
Bausteine des Curriculums der Jahrgangsstufen 5/6 an der CSS sind
Fächerkooperierender Unterricht;
Projekttage, die den Stundenplan aufheben können;
Fachunterricht.
5. Prinzip methodischer Bildung
Aufbau und stetige Förderung eines umfangreichen Methodenrepertoires und propädeutische Schulung von Schlüsselqualifikationen als Basis erfolgreicher schulischer Entwicklung sowie beruflicher und gesellschaftlicher Integration (WPA und GDL als feste Bestandteile der Stundentafel).
6. Prinzip des handlungsorientierten Lernens als Basis verstehenden Lernens
Untermauerung von kognitiven Begriffsbildungs- und Lernprozessen durch alle Sinne einbeziehende, handlungsorientierte Begegnung mit unmittelbarer Gegenständlichkeit und sozialer Realität.
7. Prinzip der Teamarbeit und der Fächerverzahnung
Unterrichtsplanung und -evaluation als Aufgabe eines Teams. Verzahnung des Kernfaches Deutsch mit anderen Unterrichtsfächern durch Doppelbesetzung von Lehrpersonen in einzelnen Unterrichtsstunden. (WPA, GDL).
Wochenplanarbeit (WPA)
Mittlerweile sind für die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 5 und 6 jeweils drei Unterrichtsstunden für Wochenplanarbeit fest im Stundenplan verankert.
Wochenplanarbeit ist ein Konzept der Unterrichtsorganisation. Obwohl es in der didaktischen Literatur durchaus unterschiedliche Wochenplantypen gibt, kann der Aufbau doch wie folgt charakterisiert werden: Ein Wochenplan ist ein schriftlich ausgearbeiteter Plan, der jedem Schüler zu Beginn der Wochenplanarbeit vorliegt. Er besteht aus fachbezogenen oder mehrere Lernbereiche abdeckenden Pflichtaufgaben, die von jedem Schüler verbindlich innerhalb eines festgelegten Zeitraumes bearbeitetet werden müssen. Diese Pflichtaufgaben beziehen sich in der Regel auf Inhalte der Unterrichtsfächer Deutsch, Englisch, Mathematik. Darüber hinaus kann der Wochenplan Wahlpflichtaufgaben oder Hinweise auf frei wählbare Lernaktivitäten beinhalten, aus denen die Schüler - je nach Interesse - Aufgaben aussuchen.
In eine dafür vorgesehene Spalte des Wochenplans vermerken die Schüler bearbeitete Aufgaben als erledigt, um somit sowohl dem Lehrer als auch sich selbst einen Überblick über den Arbeitsprozess zu verschaffen.
Die seit 1998 gesammelten Erfahrungen mit Wochenplanarbeit haben u.a. folgende Ergebnisse gebracht:
- Die Erkenntnisse über den Grad des Verstehens von Unterrichtsinhalten bei dem einzelnen Schülern ist höher und Differenzierter. Die Kinder haben deutlich sichtbar gelernt, vorausschauend zu planen und sich ihre Zeit einzuteilen. Leerlaufphasen, wie sonst im Klassenverband bei Arbeitsaufträgen beobachtbar, entstehen kaum, da auch die sehr guten Schüler dann noch Möglichkeiten der Beschäftigung haben.
- Die Möglichkeit zur individuellen Förderung innerhalb des Zeitrahmens bietet Raum, die verschiedenen Lerntypen, Lerngeschwindigkeiten und -bereitschaft zu berücksichtigen und evtl. im Unterricht aufgetretene Defizite teilweise auszugleichen.
- Nachdem die Schüler anfangs oft unsicher und auch oberflächlich an die Aufgaben herangegangen sind, haben sie nach und nach nicht nur gelernt, wie wichtig es ist, einen Arbeitsauftrag auch wirklich durchzulesen, sondern auch erfahren, dass man durch intensive Beschäftigung mit der Aufgabe durchaus selbständig eine Arbeit erledigen kann; eine Tatsache, die sich sehr positiv auf das Selbstvertrauen auswirkt.
- Die Motivation der Schüler wird dadurch erhöht, dass ihnen nicht vorgeschrieben ist, welche Aufgabe sie wann zu erledigen haben und dass sie nach zufriedenstellender Erledigung der Aufgaben attraktive Dinge tun können (lesen, interessante Küraufgaben machen, spielen, sich unterhalten etc.). Gleichzeitig verbessert diese Motivation bei vielen Schülern das konzentrierte Arbeiten.
- Die Atmosphäre in den Wochenplanstunden ist geprägt von Konzentration und Rücksichtnahme. Die Schüler respektieren einander beim Arbeiten, auch partnerschaftliches Arbeiten läuft ruhig und sachbezogen ab. Ganz bewusst werden Aufgabenstellungen in den Wochenplan mit aufgenommen, die das soziale Miteinander Fördern und die Fähigkeit des gegenseitigen Wahrnehmens entwickeln sollen.
- Die Eigenverantwortlichkeit des einzelnen Schülers für die von ihm zu erledigenden Aufgaben wird deutlich hervorgehoben und ist intendiert, da er auch individuell Rückmeldung dafür bekommt und damit auch umgehen lernen muss (z.B. beim Anfertigen von Korrekturen etc). Die Tatsache, dass auf die Aufgaben auch im "normalen" Unterricht Zurückgegriffen wird, wertete die Arbeit weiter auf.
- Die während der Wochenplanarbeit zu bewältigende Aufgabe der Lehrer ist nicht von einer Person allein zu leisten, da die Schüler zur gleichen Zeit an unterschiedlichen, auch handlungsorientierten Aufgaben arbeiten, bei denen mehr oder weniger Unterstützung nötig ist, sie zu unterschiedlichen Zeitpunkten mit ihren jeweiligen Aufgaben fertig werden und Rückmeldung brauchen. Mit dieser Unterrichtsform ist ein großer Spielraum für differenzierte Handlungsstrategien bereit gestellt.
Grundlagen des Lernens (GDL)
Um auf die oftmals sehr unterschiedlichen Lernvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler Rücksicht nehmen zu können und Um den wachsenden Anforderungen einer gymnasial ausgerichteten weiterführenden Schule gerecht zu werden, ist es für blinde und sehbehinderte Schülerinnen und Schüler notwendig, dass sie zielgerichtet in die Grundlagen des Lernens eingeführt werden. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass gerade in dieser Hinsicht keinerlei VORschulung - weder an allgemeinen noch an Sonderschulen -stattgefunden hat.
Neben der Schulung der O&M-Fähigkeit sowie dem kontinuierlichen LPF-Unterricht ist somit ein dritter bereich ins Blickfeld gerückt, der, zusammen mit den beiden erstgenannten, die Förderung größtmöglicher Selbständigkeit, Eigenverantwortlichkeit der behinderten Kinder zum Ziel hat. Als konsequente Umsetzung dieser Sichtweise wird die Stundentafel der Jahrgangsstufe 5 modifiziert und ein zweistündiger Kurs "Grundlagen des Lernens" mit aufgenommen. In diesem Kurs soll eine Basisschulung von Lerntechniken und - strategien auf systematischer Grundlage durchgeführt werden. Er untermauert somit das für alle Fächer geltende Prinzip der methodischen Ausbildung der Kinder.
Fazit
Der 1997 begonnene und 1998 verwirklichte Schritt, das Bildungsangebot der CSS um die Jahrgangsstufe 5 und 6 zu erweitern, vollzog sich zur rechten Zeit. Er ist zukunftsorientiert sowohl in bildungspolitischer wie auch in ökonomischer Hinsicht!
Mit Blick auf die Tendenzen für das kommende Schuljahr 2001/2002 zeigen die letzten drei Jahre, dass das neugeschaffene Bildungsangebot von Eltern und Kindern angenommen wird. Es scheint sich sogar abzuzeichnen, dass mit den Grenzen der integrativen Beschulung Blinder und Sehbehinderter die nach wie vor mit einem hervorragenden Leumund ausgestattete CSS eine echte Alternative zur Regelbeschulung darstellt. Gleichwohl muss sie nach meiner Einschätzung ihrem traditionellen Profil einer "höheren qualifizierenden Bildung" sehgeschädigter Menschen verpflichtet bleiben.
Vgl. Kolbeck/Betz "Wochenplanarbeit" in: Hahn, V. Hrsg.: BILANZ 1998/1999. Marburg 1999, S. 13 ff
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