



Suchen Sie in horus aktuell, unserem Newsletter, und horus online, unserer Vereinszeitschrift:
Wer kennt sie nicht, die Kritik und Klagen von Verbrauchern und Nutzern über mangelhafte Zugänglichkeit und Bedienbarkeit von Hardund Software in der ICT (Informations Communication Technology), aber genauso bei der Unterhaltungselektronik oder der modernen Alltagstechnologie (AT = Assistive Technology) im Haushalt und in der häuslichen Umgebung?
Grafische Benutzeroberflächen erschweren die Erfassbarkeit und Überschaubarkeit von Bildschirmen ebenso wie schwache Farbkontraste, Sensortasten, unübersichtliche Fernbedienungen, Tastaturen, nicht nutzbare Funktionen in Mobiltelefonen, schlecht lesbare Displays etc., etc. Die Mängelliste lässt sich beliebig verlängern.
Und nicht nur Menschen mit Sehbeeinträchtigungen kennen diese Barrieren und Probleme. Menschen mit Hörschädigungen oder körperlichen Einschränkungen stehen nicht selten vor den gleichen oder ähnlichen Barrieren. Und nicht zuletzt gehören zu dem Kreis von "ausgegrenzten" Personen, für die der Zugang, die Bedienbarkeit und damit die Nutzung moderner Technologien nur unter erschwerten Bedingungen oder überhaupt nicht möglich ist, die ständig wachsende Gruppe der Seniorinnen und Senioren. Das natürliche Nachlassen der Sehkraft im Alter, Koordinations- sowie motorische Störungen schränken den Zugang und die Bedienung dieser Technologien ein.
Und warum nehmen die Hersteller und Entwickler, die Konstrukteure und Designer auf die Bedürfnisse und Bedarfe dieser Endnutzer so wenig Rücksicht- Nicht selten wird man feststellen können, dass sie keine Ahnung von diesen Schwierigkeiten und Problemen haben. Sie realisieren das technisch Machbare auf möglichst kostengünstige Art und Weise und ohne näher zu fragen, ob und wie nützlich ihr Produkt für potenzielle Verbraucher ist.
In den 90er Jahren wurde in der internationalen Diskussion über den Zugang zu den neuen Informations- und Kommunikationstechnologien und ihrer Durchdringung immer neuer Lebensbereiche der Begriff des "Design für alle" oder "universelles Design" geprägt. Nicht selten war im Kontext dieser Begriffe auch von "Nutzer zentriertem" oder "Nutzer orientiertem" Design die Rede.
Die Lebensqualität des Einzelnen hängt in immer größer werdendem Maße von der Nutzung und Nutzbarkeit moderner technischer und auf Kommunikationstechnologien aufbauender Produkte und Dienstleistungen im beruflichen, öffentlichen und privaten Umfeld ab.
Insbesondere für Menschen mit besonderen Bedürfnissen umschreibt der Begriff Zugang oder Zugänglichkeit (accessibility) eine bestimmte Art und Weise der Nutzbarkeit von Produkten und Technologien.
Aus der Sicht des Ingenieurs sollte, so meinte jüngst ein Ingenieur auf einem internationalen Kongress, Zugänglichkeit als "von unterschiedlichen Endverbrauchern unterschiedlich eingesetzte Nutzbarkeit bei der Lösung identischer Aufgaben mit identischen Werkzeugen" verstanden werden. Der Präsident einer europäischen Ingenieursvereinigung brachte 1998 auf einem internationalen Kongress über Rehabilitationsforschung das Problem auf die Formel: "Design for the young and you exclude the old, design for the old and you include the young".
Aussagen dieser Art gehören heute nicht einfach zum guten Ton auf internationalen Kongressen und Konferenzen über ICT und AT für ältere und behinderte Menschen, über Gerontologie und Gerontechnologie. Im Rahmen ihrer Programme TIDE, TELEMATICs und seit 1999 IST (Information Society Technology) fördert auch die EU-Programme und -Projekte, die sich mit Fragen und Problemen dieser Art beschäftigen. Es würde zu weit führen, an dieser Stelle näher auf Projekte wie INCLUDE, COST219, WAI u.v. m. oder Publikationen wie das Handbuch "User Fit", "Telecommunications for all" der EU-Kommission oder den Beitrag von H. Petrie "User-centered Design and Evaluation of Adaptive and Assistive Technology for Disabled and Elderly users" einzugehen, um nur einige wenige Publikationen zu erwähnen. Die Forderung nach Beteiligung der Endnutzer schon an der Forschung und Entwicklung (FuE) wird allenthalben erhoben. Es fehlt jedoch an Konzeptionen, Vorschlägen und Empfehlungen, wie diese Forderung gegenüber der Wirtschaft und Industrie, den Herstellern und Entwicklern überzeugend zum Durchbruch verholfen werden kann. Auf nationaler Ebene haben die verschiedensten Gremien einzelner Selbsthilfeorganisationen Empfehlungen und Vorschläge erarbeitet, wie die spezifischen Bedürfnisse ihrer jeweiligen Klientel, behinderter und/oder älterer Menschen, berücksichtigt werden könnten und welchen Anforderungen moderne Hardund Software der ICT genügen sollten. An dieser Stelle sei nur auf die Arbeit der gemeinsamen Fachausschüsse der Selbsthilfeorganisationen der Blinden und Sehbehinderten hingewiesen.
Zuweilen werden Beispiele besonders guter Praxis dargestellt. Aber auch hier mangelt es nicht selten an der notwendigen Überzeugungskraft gegenüber und der Resonanz auf Seiten der Hersteller und Entwickler und nicht zuletzt am Dialog der Selbsthilfeorganisationen untereinander sowie der Bündelung gemeinsamer Interessen und Bedarfe, um gemeinsam das Marktpotential dieser Gruppen mit besonderen Bedürfnissen in unserer Gesellschaft deutlich zu machen.
Wie kann man diesem Defizit begegnen? Gibt es Strategiekonzeptionen, die weiterhelfen können?
1998 startete im Rahmen des 2. TIDE-Programmes der EU das Projekt "FORTUNE", ein Acronym für "Forum for User- Organisation Training and Usability Networking in Europe". Neben der Bundesrepublik Deutschland waren an diesem Projekt die Niederlande, Norwegen und Spanien beteiligt. Die Leitung des Projektes hatte Prof. Chr. Bühler vom Forschungsinstitut Technologie Behindertenhilfe (FTB) in Volmarstein. Aus Deutschland nahmen Vertreter von zehn verschiedenen Behindertenorganisationen sowie die Bundesarbeitsgemeinschaft Hilfe für Behinderte (BAGH) an diesem Projekt teil. Nach Abschluss des Projektes im Herbst 2000 haben sich die deutschen Teilnehmer bei der BAGH als eine Arbeits- bzw. Lenkungsgruppe konstituiert, die auf nationaler Ebene das Konzept und die Ergebnisse des Projektes verbreiten und umsetzen will. Im Rahmen dieses Projektes fanden auf nationaler und internationaler Ebene Seminare und Workshops statt, um die Teilnehmer mit den Ideen, Möglichkeiten und Methoden der Partizipation von Nutzern an der Entwicklung, Beratung und Evaluation von Projekten vertraut zu machen und zu schulen.
Die grundlegende Idee der Partizipation der Endnutzer an den Prozessen von Forschung und Entwicklung basiert auf der Annahme,
Traditionelle Marktforschung garantiert heute keineswegs mehr unbedingten Erfolg. Verbraucher ihrerseits haben erkannt, dass Effektivität und Ergebnisse von FuE durch Verbraucherbeteiligung verbessert werden können. Verbraucher werden nicht nur als Marktmacht gesehen und ihre Meinung ist nicht nur bei Tests von Prototypen gefragt, sondern sie werden auch als wertvolle Informationsquelle in der Forschungs- und Entwicklungsphase neuer Projekte und Produkte betrachtet.
Verbraucher im Kontext des FORTUNE-Projektes und der Rehabilitation überhaupt sind nicht mehr die professionellen Experten, die Maßnahmen und Dienstleistungen für Menschen mit Behinderungen oder ältere Menschen entwickeln und anbieten. Ebenso steht nicht mehr die Wiederherstellung von Gesundheit bzw. medizinische Versorgung und der Ausgleich einer Beeinträchtigung im Mittelpunkt der Rehabilitation, sondern die Lebensqualität des Einzelnen und seine persönliche Prioritätensetzung. Daraus ergibt sich für eine Nutzerbeteiligung als Basisvoraussetzung, dass die von Entscheidungen Betroffenen am Entscheidungsfindungsprozess selbst teilnehmen müssen.
Durch diese Art der Nutzerbeteiligung wird ein interaktiver Austausch zwischen Erfahrungen und Entwicklung neuer Ideen und Lösungen etabliert. In der Regel werden Endverbraucher erst in der Testphase von Prototypen eingebunden, wenn alle wesentlichen Entscheidungen und Entwicklungen längst abgeschlossen sind. Nutzerbeteiligung aber beinhaltet, dass die potenziellen Endnutzer oder Repräsentanten ihrer Organisationen schon in der Phase der Ideenkonzeption und Projektplanung beteiligt werden.
Auf internationaler Ebene wird dieses Thema der Partizipation der Endnutzer schon seit geraumer Zeit diskutiert. Beispielhaft hierfür sei nur auf die Erklärung der Generalversammlung der Vereinten Nationen "Standard Rules on the equalisation of opportunities for people with disabilities" (1993) hingewiesen oder auf das Weißbuch der EU- Kommission zur europäischen Sozialpolitik (1996), ferner auf den Aktionsplan 1996-99 der norwegischen Verbraucher- Dachorganisation, in dem es heißt: "Nutzerbeteiligung ist eine notwendige Voraussetzung, Menschenrechte zu verwirklichen und eine Gesellschaft zu entwickeln, die die Gleichheit und Teilhabe von jedermann sicherstellt". Ähnlich formulierte es 1999 das europäische Behindertenforum (EDF) in seinem "European Manifesto on the Information Society and Disabled People".
Ausgehend von dem Idealmodell einer effizienten partnerschaftlichen Zusammenarbeit in einem Projekt können folgende Prinzipien festgehalten werden, die als Voraussetzung für eine Endnutzerbeteiligung in einem Projekt angesehen werden:
Mit diesen sieben Prinzipien ist das ideale Modell des FORTUNE- Konzeptes einer partnerschaftlichen Beteiligung der Endnutzer an FuE-Projekten umschrieben. Die einzelnen Schritte innerhalb eines Projektes werden auf diese Art und Weise transparenter und für alle Beteiligten nicht nur nachvollziehbar, sondern auch nachprüfbar. Es geht, nachdem diese Prinzipien im Rahmen des FORTUNE-Projektes entwickelt und erprobt wurden, nunmehr darum, dieses Ziel so gut wie möglich in die Praxis umzusetzen. Denn das FORTUNE-Konzept ist nützlich und vorteilhaft für alle beteiligten Gruppen:
Universelles Design als Partizipation der Endnutzer ist ein dynamischer Prozess des wechselseitigen Gebens und Nehmens im gemeinsamen Suchen nach der möglichst besten Lösung.
Nicht immer werden die idealen Voraussetzungen einer Nutzerbeteiligung gegeben sein. Daher erscheinen einige Kriterien sinnvoll, um die Bewertung zu lenken und die Einlösung bzw. den Grad der Einlösung der sieben Prinzipien zu beurteilen. Es sollte am Ende überprüft und evaluiert werden, wie die Endnutzerbeteiligung geplant und implementiert wurde und ob die Qualität der Beteiligung aller Partner auf gleichem Verständnisniveau abgelaufen ist.
Eine neue Sichtweise in der nutzerorientierten Teilhabe an Programmen und Projekten ist erforderlich. Maßgebend sind nicht "professionals", die zu wissen meinen, was gut und nützlich ist für Behinderte oder ältere Menschen als Endverbraucher, Endnutzerbeteiligung bedeutet vielmehr einen Paradigmenwechsel bei der Problemerkennung, Problemanalyse und schließlich bei der Problemlösung eines behinderten- und seniorengerechten Designs. Sie bedeutet einen wichtigen Input für ein universelles Design und zur Nutzerakzeptanz neuer Produkte. Zwar wird den Nutzern heute oftmals ein wichtiger Beitrag in einem Projekt bei der Entwicklung eines Produktes zugeschrieben, aber de facto haben sie nur einen geringen Einfluss auf den Ablauf eines Projektes, einer Produktentwicklung oder in einem Konsortium. Sie sind als Testpersonen für fertige Produkte oder bestenfalls eines Prototyps gefragt.
Als weiterer Problembereich einer Nutzerbeteiligung erweist sich immer wieder die Zugänglichkeit und Erschließbarkeit des Arbeitsmaterials in geeigneter Form, die Bereitstellung einer notwendigen persönlichen Assistenz sowie allgemeine Unterstützung, obwohl gerade diese Bedingungen am einfachsten zu lösen wären.
Aufbauend auf den genannten Prinzipien und den bisherigen Erfahrungen im FORTUNE Projekt besitzt das FORTUNE-Konzept die Kapazität, die Situation der Endnutzer zu verbessern: die Bedürfnisse der Nutzer können während des Design-Prozesses umfassender, intensiver und mit mehr Nachdruck eingebracht und zur Diskussion gestellt werden. Die Partizipation der Endnutzer führt zu einer permanenten Auseinandersetzung nach der bestmöglichen Problemlösung. Damit kann die Akzeptanz durch die Endverbraucher gesteigert und die Markteinführung eines Produktes von den Nutzern unterstützt werden.
Nach Abschluss des FORTUNE-Projektes und seiner Bewährung in Pilot-Projekten gilt es nunmehr, den Nutzen und Vorteil einer Partizipation der Endnutzer sowohl für die Wirtschaft, die Hersteller und Entwickler, die FuE-Institutionen einerseits als auch für die Nutzerorganisationen und ihre Klientel andererseits herauszustellen. Es geht um einen Umdenkungsprozess ähnlich dem, wie er zur Zeit auf dem Ernährungssektor stattfindet. Nicht von den technischen Möglichkeiten her muss gedacht, konzipiert, geplant und entwickelt werden, sondern vom Endnutzer, seinen Bedürfnissen und deren bestmöglicher Lösung.
Auf nationaler und europäischer Ebene sollten daher weiterreichende Ziele und Aktivitäten ins Auge gefasst werden. Die Verbraucherorganisationen sollten eine Schlüsselrolle übernehmen und dafür aus öffentlichen Mitteln sowohl der Mitgliedstaaten als auch der EU selbst unterstützt werden. Ein gemeinsames Vorgehen von Verbraucherorganisationen, Herstellern und FuE-Institutionen wäre ein sehr geeignetes Instrument dafür. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt erscheint es wichtig und notwendig, die Idee und Konzeption von FORTUNE auf nationaler Ebene zu verbreiten und einen "runden Tisch" zu organisieren, um alle an diesem Prozess Beteiligten, Nutzerorganisationen - Dachverbände der Behinderten- und Seniorenorganisationen ebenso wie ihre Mitgliedsorganisationen - und Vertreter von FuE sowie der Hersteller zusammenzubringen und die Konzeption einer Partizipation der Endnutzer bei der Entwicklung und Gestaltung von senioren- und behindertengerechten und d.h. marktgerechten und -fähigen Produkten der ICT-Branche ebenso wie der Alltagstechnologie voranzutreiben. Dabei kann und soll das BMWT (Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie) als Moderator und politische Instanz der Vermittlung und Koordination zwischen den beteiligten Gruppen dienen. Darüber hinaus müssen die Nutzerorganisationen dafür Sorge tragen, Endnutzer zur Partizipation an solchen Prozessen und für die Zusammenarbeit mit anderen Teilnehmern an diesem dynamischen Prozess des universellen Designs wie Herstellern, Forschern, Entwicklern und Designern zu befähigen und zu schulen.
Endziel solchen gemeinschaftlichen Handelns sind die Entwicklung und Herstellung von Produkten im ICT- und AT- Bereich, die gleiche oder ähnliche Bedürfnisse verschiedener Nutzergruppen durch ein Basismodell gewährleisten und spezielle Bedürfnisse durch modulare Applikationen ergänzen und sicherstellen. Daraus entwickelte Gütesiegel für behinderten- und seniorengerechte Produkte könnten dann letztendlich den Wettbewerb am Markt beeinflussen.
Commission of the European Communities (Ed.): Towards a Barrier Free Europe for People with Disabilities. Brussels 12.05.2000 COM(2000)284 final European Social Policy. A Way Forward for the Union. A White Paper. European Commission.
Directorate-General for Employment, Industrial Relations and Social Affairs. COM (94) 333 of 27 July 1994. Office for Official Publications of the European Communities. European Disability Forum (EDF): 99/4: European Manifesto on Information Society and Disabled People.
00/7: Mainstreaming Eparticipation of disabled People in the Europe action plan
Petrie, Helen: User-centered Design and Evaluation of Adaptive and Assistive Technology for Disabled and Elderly Users. In: IT & TI (Informationstechnik und Technische Informatik), 2 (1997), S.7-12.
Poulson, David; Ashby, Martin; Richardson, Simon (Eds.): User fit - a practical handbook on user centered design for assistive technology. Brüssel 1996
United Nations Resolution (48/96) adopted by the General Assembly (20 December 1993):
Standard Rules on the equalisation of opportunities for people with disability
Deutsch: Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung (Hrsg.): Resolution der Generalversammlung der Vereinten Nationen vom 20. Dezember 1993. Rahmenbestimmungen für die Herstellung der Chancengleichheit für Behinderte. Bonn, Juli 1995.
http://www.fortune-net.de
http://www.edf-feph.org
http://www.stakes.fi/cost219
http://www.stakes.fi/include/guidelines.htm
http://www.w3.org/wai
Zurück zum Inhalt von 3/2001 |horus im Überblick
Startseite
|
Kontakt
|
Impressum |
Hilfe