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Das Seminar "Nicht sehend - nicht blind" der Arbeitsgemeinschaft "Sehbehinderte im DVBS" fand vom 2. bis 4. Februar 2001 in Herrenberg bei Stuttgart statt. Um den unterschiedlichen Interessen der Mitglieder entgegenzukommen, wurden auch dieses Mal drei Workshops parallel angeboten:
Workshop 1 - "Den eigenen Weg finden - Sehbehinderung und ihre Verarbeitung"
Workshop 2 - "Arbeitsplatzassistenz"
Workshop 3 - "Selbstdarstellung im Beruf für Sehbehinderte"
In der Tagungsstätte, der Evangelischen Diakonieschwesternschaft Herrenberg, trafen die Seminarteilnehmer im Laufe des späten Freitagnachmittags ein. Nach einer Vorstellungsrunde und dem Abendessen wurde gleich mit der Arbeit in den Workshops begonnen.
Heinz Mehrlich:
"Den eigenen Weg finden - Sehbehinderung und ihre Verarbeitung": Selbsterfahrung und Strategien zur Bewältigung der sog. "negativen" Gefühle.
Nach der Ankündigung des Workshops, der von Sonja Baus und Dr. Gudrun Friedt-Weirich geleitet wurde, sollten die (negativen) Gefühle in Zusammenhang mit einer Sehbehinderung offen angesprochen werden. Nach der Vorstellungsrunde und der Darlegung der Erwartungen am Freitagabend wurden am Samstag Erfahrungen mit der Behinderung ausgetauscht, themenspezifische Gestaltung mit Malen und Knete angeboten. Dabei wurde abwechselnd im Plenum und in Kleingruppen gearbeitet.
Für mich war das wichtigste Ergebnis des Seminars die Bestärkung, meine negativen Gefühle zu meiner Behinderung zuzulassen. Sie sollten in einem Trauerprozess bewältigt werden. Wie von lieben Angehörigen, gilt es hier Abschied zu nehmen, z.B. von Fähigkeiten, die wir nie hatten oder nicht mehr haben, von Chancen, die wir nicht wie andere nutzen können, oder von Wünschen und Plänen, die wir auch unter größter Kraftanstrengung nicht erfüllen werden. Dazu wurde das Phasenmodell für Trauerarbeit von Verena Kast vorgestellt.
Es wurde empfohlen, nicht gegen, sondern mit den Krisen zu leben. Dies bedeutet auch, diese Krisen hinter sich zu lassen, nicht in ihnen wie einem Sumpf der Traurigkeit stecken zu bleiben, und unbelastet weiter zu gehen. Als nächster Schritt und als ebenso wichtig wurden positive Strategien empfohlen (z.B. selbst nach unseren Stärken und Ressourcen suchen, Verschwendung von Ressourcen vermeiden, neue Erlebnis- und Entfaltungsräume entdecken).
Weiter wurde die Wichtigkeit des bewussten Lebens in der Gegenwart betont. Damit können wir unseren Körper spüren und auch unsere Bedürfnisse und Gefühle unmittelbar bewusst machen. Dann können wir auf Kränkungen unmittelbar reagieren und unsere Versagensängste an unseren wirklichen Möglichkeiten messen.
Ein weiterer Bestandteil des Seminars war die Darlegung des Umgangs der Eltern mit der Behinderung ihres Kindes und deren Bedeutung für die psychische Entwicklung. Kinder sind Hoffnungsträger, und so ist die Enttäuschung durch die Behinderung des Kindes bei den Eltern zunächst groß; sie müssen den Umgang mit der neuen und unbekannten Situation erst lernen. Dabei gibt es mehrere Phasen in der Anerkennung und im Umgang der Eltern mit der Behinderung des Kindes. Die gesellschaftliche Bewertung schlägt auf die Wahrnehmung der Familie durch.
Nicht selten sind dabei fortlebende, unterschwellige Bewertungen durch faschistische Werturteile, die sich auch in den Köpfen der Eltern und Kinder im Unbewussten festsetzen. Dazu treten archaische Werturteile wie "Wert" und "Belastung" für die Gemeinschaft und die Intoleranz der "Spaßgesellschaft". Beunruhigt waren die Teilnehmer über die neue Intoleranz durch Genanalyse (Selektion durch pränatale Diagnostik) und die damit verbundene Verantwortungszuweisung an die Eltern für die Behinderung des Kindes.
Fazit: Vielleicht klingt das Angesprochene alles etwas zu negativ und traurig. Aber Realitätsbewusstsein - und dazu gehören auch Trauer und Abschiednehmen - sind unleugbare Begleiter auf einem lebenslangen Weg der Bewältigung der eigenen Behinderung. Diese Begleiter dürfen nicht einfach beiseite geschoben werden, sonst sind sie uns im Wege. Der Weg ist leichter und vor allem unbeschwerter, wenn man sie wahrnimmt, würdigt und dann verabschiedet.
Die Erwartungen der Teilnehmer waren sehr hoch gesteckt. Sie wurden leider nur zum Teil erfüllt, wie es von einigen in der etwas unvermittelt eingeläuteten Schlussrunde am Samstagabend deutlich geäußert wurde. Jedem Teilnehmer hätte allerdings klar sein können, dass in den wenigen Stunden keine therapeutische Arbeit geleistet werden kann. Außerdem fiel es auch den Teilnehmern nicht ganz leicht, an ihre Gefühle heranzukommen, die sie bei der Bewältigung der Behinderung erlebt haben, besonders während Krankheitszeiten und in Krisen.
Der Workshop wird wohl nächstes Jahr mit verändertem Konzept wieder angeboten werden. Das ist gut so und notwendig, weil nur die Hälfte der Interessenten am Workshop teilnehmen konnte. Den Referentinnen nochmals vielen Dank!
Stephan Jacobs:
"Arbeitsplatzassistenz": Die besondere Situation sehbehinderter Arbeitnehmer/innen mit Assistenz sowie ihr Assistenzbedarf
Der Workshop mit fünf Teilnehmern wurde von Norbert Bongartz geleitet. In der ausführlichen Vorstellungsrunde zeigte sich, dass nur zwei Teilnehmer Erfahrung mit Arbeitsplatzassistenz hatten. Auch die berufliche Tätigkeit, das Sehvermögen und der sich hieraus ergebende Assistenzbedarf der Teilnehmer waren sehr unterschiedlich. Fast alle wollten sich als Vorbereitung auf Anträge zur Arbeitsplatzassistenz informieren.
Inhaltlich haben wir uns zunächst ganz allgemein mit der Definition von Assistenz und im speziellen mit dem Begriff der Arbeitsplatzassistenz auseinandergesetzt. So wird mit Assistenz bei allen Erklärungen in Lexika eine Form der Unterstützung gemeint. Wesentlich für die Arbeitsplatzassistenz ist die regelmäßig wiederkehrende Unterstützung des Assistenznehmers bei der selbstverantwortlichen Berufsausübung.
Im anschließenden Erfahrungsaustausch berichteten die Teilnehmer von positiven und negativen Erfahrungen aus der Zusammenarbeit mit Assistenz. Ein weiterer Aspekt waren die Erfahrungen mit den Arbeitgebern. Durch die Verwendung des Begriffes "Vorlesekraft" in Tarifverträgen kommt es immer wieder zu Missverständnissen. Arbeitgeber nehmen aufgrund dieser Bezeichnung an, dass eine Assistenz lediglich "vorliest" und sehen nicht die Notwendigkeit z. B. der Begleitung bei Außendiensttätigkeiten. Die Teilnehmer sprachen sich deshalb deutlich für die Verwendung der umfassenderen Bezeichnung der "Arbeitsplatzassistenz" aus.
Nach diesem Erfahrungsaustausch informierte Norbert Bongartz über die aktuelle rechtliche Situation der Antrags- und Bewilligungsverfahren für Arbeitsplatzassistenz. Mit der Änderung des Schwerbehindertengesetzes zum 01.10.2000 wurde der Anspruch auf Arbeitsplatzassistenz zwar eingeführt, jedoch fehlt noch die Rechtsverordnung zum Gesetz. Über Anträge wird deshalb derzeit nicht entschieden.
Klar sind derzeit jedoch einige grundlegende Voraussetzungen für die Leistungserbringung:
Am Ende wurden der Erfahrungsaustausch und die Informationen von allen Teilnehmern positiv bewertet. Übereinstimmung gab es auch in dem Wunsch nach einem weiterführenden Seminar zusammen mit Assistenzkräften.
Kerstin Günter:
"Selbstdarstellung im Beruf für Sehbehinderte": Wirkung und eigene Darstellung im Arbeitsalltag - Rückmeldung und neue Umgehensweisen
Den dritten Workshop begannen wir mit einer ausführlichen Vorstellungsrunde. Geleitet wurde diese relativ große Runde von Ulrike Braczko und Klaus Röder. Jede/r Teilnehmer/in schilderte seine/ihre jeweilige (Sehbehinderten)Situation und die Erwartungen an diesen Workshop. Das Spektrum war recht breit, ging es doch um Präsentation, und zwar einmal um die der eigenen Person z. B. im Bewerbungsgespräch, und zum anderen um die Präsentation beispielsweise eines Vortrages mit Hilfe von "Sehenden"-Techniken, wie z. B. dem Videobeamer. Ein weiteres Thema waren das Führen von Gesprächen im Hinblick auf Blickkontakt, also die nonverbale Kommunikation: Was ist es eigentlich, was wir da nicht mitkriegen? Wie können wir mit diesen Situationen umgehen? Und damit einhergehend: Wie gehe ich mit Missverständnissen und den daraus resultierenden Peinlichkeiten um, die aufgrund meiner Sehbehinderung entstehen? Die Sehbehinderung sieht man uns häufig nicht an.
Es zeichnete sich ab, dass wir in regen Erfahrungsaustausch treten würden. Jeder hat zwar seine individuellen Probleme und - wie wir auch am nächsten Tag feststellen konnten - eine im wahrsten Sinne des Wortes andere Sichtweise. Dennoch gab es Schilderungen von Situationen, bei denen alle dasselbe fühlten (z. B. die vermeintlich freie Stelle in der ansonsten überfüllten Fußgängerzone, welche aber nur der Platz zwischen Zuschauern und Straßenkünstler ist - und wenn man dann noch Pech hat, tritt man genau in den Sammelbehälter für das Geld ...). Gegen 22.00 Uhr war die Runde beendet und der gemütliche Teil des Abends, an dem noch vielfach weiterdiskutiert wurde, begann.
Am Samstagvormittag ging es um die Schilderung der eigenen Sehbehinderung. Zuerst erklärten wir uns gegenseitig in Zweiergruppen unsere Seheinschränkung in jeweils zwei Minuten. Danach beschrieben wir in der großen Runde, was und wie unser/e Partner/in sieht. Selbst wir, die wir doch vermeintliche Profis auf diesem Gebiet sind, wussten bei vielen Beschreibungen nicht, wie der oder die andere sieht. Was ist z. B. der viel zitierte Tunnelblick bei RP? Ein schwarzes Nichts, an dessen Ende ein Blickfenster ist? Besser passt dort die Beschreibung, dass man je nach Einschränkung einfach nichts sieht, vergleichbar mit dem Hinterkopf, mit welchem man ebenfalls nichts Visuelles wahrnehmen kann, und dort wird die Umwelt auch nicht schwarz. Es geht immer darum, dem Gegenüber ein knappes und prägnantes Bild dessen, was wir sehen können, zu vermitteln, unter dem dieser sich etwas vorstellen kann.
Am Nachmittag haben wir uns mit nonverbaler Kommunikation und vor allem dem "Gespenst" Blickkontakt und mit dem, was er ausdrückt, beschäftigt. Wir sind auf viele Bedeutungen gekommen (emotionale Signale, Aufforderung, zu sprechen bzw. ein Gespräch zu beenden. Auch Charaktereigenschaften wie z.B. Aufrichtigkeit werden dem Blickkontakt bzw. dem Halten dessen zugeschrieben).
Nach der theoretischen Annäherung haben wir in Rollenspielen ausprobiert, wie nonverbale Kommunikation funktioniert. Wann und woran merken wir, was unser/e Gesprächspartner/in mir signalisieren möchte? Wie signalisiert mir der/die Andere, dass er/sie in Zeitdruck ist. Wie verhalte ich mich in einem Bewerbungsgespräch? Wie, wenn ich verzweifelt versuche zu rekonstruieren, wer mich gerade im Gang so freundlich gegrüßt hat und mich jetzt in ein Gespräch verwickelt? Jedes Rollenspiel wurde ausführlich analysiert. Wir mussten uns immer wieder klar machen, dass wir nur bis zu einem gewissen Grad unsere Sehbehinderung kompensieren können. Wichtig ist es, den für uns einfachsten und vor allem am wenigsten stressbesetzten Umgang damit zu finden.
Am Samstagabend zogen wir u. a. unser Resümee aus der Veranstaltung: Der Tenor war, dass jede/r Ideen und Anregungen für sich mit nach Hause nimmt. Es gab viele, teilweise kontroverse Diskussionen, aber wir haben auch viel gelacht. Die Kritik galt vor allem der Organisation der Teilnahmebedingungen an den Seminaren, da etliche der Teilnehmer/innen dieses Workshops eigentlich an Workshop 1 teilnehmen wollten. Natürlich war die Zeit viel zu kurz, zu wenig von dem, was Freitagabend angesprochen wurde, konnte auch bearbeitet werden. Aufgrund der recht hohen Teilnehmer/innenzahl (wie viele waren es denn? 13? Ich weiß es nicht ...) nahmen Vorstellungsrunde etc. recht viel Zeit in Anspruch.
Am Sonntagvormittag haben sich alle Seminarteilnehmer zu einer gemeinsamen Runde getroffen, in der zunächst von den einzelnen Workshops berichtet wurde. Mit den insgesamt positiven Erfahrungen wurden Themenvorschläge für ein weiteres Seminar gesammelt, wobei eine Wiederholung aller Workshop-Themen begrüßt wurde. Dennoch wird das Leitungsteam der AGS (Jan Eric Hellbusch, Sonja Baus, Norbert Bongartz, Claudia Hild-Jacobs) weitere Möglichkeiten in Betracht ziehen.
Anschließend wurde über die Arbeit der Arbeitsgemeinschaft diskutiert. Claudia Hild-Jacobs stellte die Idee für eine Broschüre der AG vor, die den Mitgliedern und anderen Interessierten zur Information und Orientierung gegeben werden kann.
Sonja Baus und Rita Schwörer berichteten über die Arbeit des "Gemeinsamen Fachausschusses für die Belange der Sehbehinderten" (FBS). Die Vorbereitungen für den Informationsstand beim Ärztekongress in Düsseldorf wurden geschildert. Es wurde der Aktionstag der Sehbehinderten und mögliche Aktionen des DVBS diskutiert, wobei betont wurde, dass Aktionen mit anderen Sehbehinderten- und Blindenverbänden koordiniert sein müssten. Rita Schwörer berichtete über die Arbeit im Arbeitskreis "Kontrastreiche Gestaltung des öffentlichen Raums" und stellte einen speziellen Aufsatz für eine PC-Tastatur mit großen, kontrastreichen Buchstaben vor, die den Sehbehinderten das Tippen erleichtern soll.
Das Leitungsteam freut sich auf ein Wiedersehen mit den anderen und auch neuen Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft beim nächsten Seminar "Nicht sehend - nicht blind" in 2002!
Wir danken dem Förderpool des IKK-Bundesverbandes, BKK Bundesverbandes, Bundesverbandes der landwirtschaftlichen Krankenkassen, der Bundesknappschaft, der See-Krankenkasse sowie der Selbsthilfe-Fördergemeinschaft der Ersatzkassen für die finanzielle Förderung.
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