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Tagesordnung:
"Die erste Absprache über das Thema des heutigen Referats hat schon vor über einem Jahr stattgefunden - vor einem Jahr, das in vieler Hinsicht Veränderungen gebracht hat, die die Thematik als vielleicht weniger brisant, weniger aktuell und weniger dramatisch erscheinen lassen als damals. Es ist aber zugleich verknüpft mit einem etwas längerfristigen Projekt, das die Blindenpädagogik der PH Heidelberg mit Personen und Einrichtungen aus dem Umfeld - hier ist vor allem die Nikolauspflege zu nennen - verabredet hat und durchführt. Deshalb gestatten Sie mir auch bitte, dass ich die einzelnen Schritte in chronologischer Reihenfolge nenne, soweit notwendig darstelle und einordne und erst im zweiten Teil meiner Ausführungen zu einer Bewertung der Situation komme.
Vor dem internen Projekt der PH Heidelberg, das den Titel "Sinnerfülltes Leben unter der Bedingung reduzierter oder fehlender Berufstätigkeit bei blinden Menschen" trägt, standen mehrere Sitzungen einer kleinen Arbeitsgruppe, die auf Anregung des Ihnen wahrscheinlich allen gut bekannten Herrn Dr. Schulze, Bundesrichter a.D., aus Karlsruhe, zusammengekommen war und die sich mit der Frage nach der Berufstätigkeit blinder Menschen in der Arbeitswelt von morgen und übermorgen beschäftigen sollte. Herrn Dr. Schulze trieben damals - es war 1998 - heftige Sorgen um: Die allgemeine Arbeitslosigkeit in Deutschland stagnierte auf sehr hohem Niveau, kurzfristige Prognosen sahen keine deutlich Besserung voraus, mittel- oder gar langfristige Hoffnungszeichen wurden kaum wahrgenommen. Hinzu kam, dass Menschen mit einer Sehschädigung zu den Gruppen gehörten, die in besonderem Maß von Arbeitslosigkeit betroffen waren - nicht in jedem Einzelfall, aber statistisch hoch signifikant.
Dr. Schulze brachte sehr bald die Idee ein, für blinde Menschen nach Alternativen zur Beteiligung an der Arbeitswelt zu suchen, wenn es denn als wahrscheinlich gelten sollte, dass die Chancen auf dem Arbeitsmarkt sich nicht wesentlich verbessern ließen. Er griff damit auf einen Ansatz zurück, der schon bei Thimm zu finden ist und auf die Situation nach der sogenannten ersten Ölkrise 1973 zurückgeht. Damals war es nach einer plötzlichen Erhöhung des Ölpreises durch ein Kartell der Förderländer zu heftigen Reaktionen bis hin zu Fahrverboten in Deutschland gekommen. Die nachfolgende Rezession verlief zwar verglichen mit der Entwicklung in den 90er Jahren eher harmlos, wurde aber als hochdramatisch erlebt, da sie mitten in einen Boom und eine Phase extremer Vollbeschäftigung hineinfiel.
Schulzes Ansatz zielt vor allem auf nicht-erwerbsorientierte Felder; er denkt sowohl an künstlerische oder kunsthandwerkliche Tätigkeiten als auch an Engagement im Ehrenamt in Vereinen, in der Selbst- und Fremdhilfe, in der Politik, in der Wissenschaft. Aus pädagogischer Sicht war dabei interessant, welche Funktionen, die mit beruflicher Arbeit verbunden sind, über derartige Tätigkeiten weiterhin erfüllt werden können, anders gesagt, welche Aspekte von beruflicher Arbeit ersetzbar sein könnten. Dieser Idee lag die Hypothese zugrunde, dass die globale Sinnfindung, die offensichtlich von beruflicher Tätigkeit ausgeht, aus unterschiedlichen Teilfaktoren entstehen könnte, die partiell eben auch in anderen Tätigkeiten wiederzufinden seien und auch von dort aus ihre Wirkung entfalten könnten.
In logischer Folge fand sich als Aufgabenbeschreibung der ersten beiden Phasen des pädagogisch-wissenschaftlichen Projekts der PH die Analyse dieser Faktoren wieder: Sie sollte zunächst theoretisch auf Literaturbasis erfolgen, anschließend sollten diese Faktoren in Bezug auf die Gruppe blinder Menschen evaluiert werden.
Ich will das Ergebnis der ersten Phase hier nicht ausführlich wiederholen; Tatsache ist, dass ich nichts gefunden habe, was auch nur ansatzweise überraschend gewesen wäre:
Zentral ist der Erwerbsaspekt - Stichwort "Geld verdienen" - mit all seinen Schattierungen. Betont werden sowohl der Gemeinschaftsaspekt "Beitrag zum Bruttosozialprodukt" als auch der auf die erwerbstätige Person bezogene Aspekt der Unabhängigkeit von finanziellen Zuwendungen, damit der Selbstständigkeit, der Freiheit.
Zahlreiche weitere Aspekte bilden den Hintergrund: Arbeit strukturiert und verbraucht Zeit, Arbeit schafft Kommunikation, Arbeit lässt die eigene Leistung am Produkt erleben usw."
An dieser Stelle wird ergänzend hinzugefügt, dass die neue Form der Arbeit vor dem Computer konträr zur ursprünglichen Kommunikation im Betrieb sei.
Weiter im Referat: "Vor allem aber schafft sie offenbar "Sinn" und diesen Sinn schafft sie auch dann, wenn die reale Qualität, das Anspruchsniveau der Arbeit diesen Sinn nicht zu garantieren scheint. Arbeit wird als "an sich" sinnvoll wahrgenommen, wir hinterfragen sie meistens nicht, und wir zeichnen Tätigkeiten, die wir für sinnvoll halten, aus, indem wir sie mit dem Begriff der Arbeit verknüpfen: Wir leisten Trauerarbeit, Beziehungsarbeit, Körperarbeit, wir arbeiten an uns selbst und sogar an Plänen für den Urlaub. So eindeutig diese Zuordnung eine Tätigkeit auch aufwertet, es gelingt nicht, den Deutungsprozess völlig umzukehren: alle genannten Tätigkeiten verlieren ihre hohe Bedeutung ohne unmittelbaren Kontakt zu "wirklicher", zu beruflicher bzw. erwerbsgerichteter Arbeit. Nur wer Arbeit hat, kann sich leisten, zusätzlich Freizeitarbeit zu leisten oder an seiner Beziehung zu arbeiten, dem, der keine hat, sind diese Zugaben verwehrt. Er oder sie füllt nur noch seine Leere mit irgendetwas, vertreibt sich die Zeit oder schlägt sie gar tot - Sinn bekommt die freie Zeit nur aus dem Kontrast zur gebundenen, verplanten, verpflichteten Zeit.
Es war ganz offensichtlich allzu gewagt, diese Deutungen zu hinterfragen (mehr war zunächst gar nicht geplant), erst Recht im Zusammenhang mit der spezifischen Lage blinder Menschen. Wir waren uns relativ sicher, dass wir nicht missverstanden werden würden, gerade weil die Nikolauspflege als Berufsbildungswerk mit im Boot war. Trotzdem muss ich im Nachhinein zugestehen, dass ich die Reaktion des geschätzten Kollegen Erwin Denninghaus aus Soest hätte vorhersehen können. Natürlich lag der Verdacht nahe, dass mit der Thematisierung von sinngebenden Alternativen implizit der vorsichtige Rückzug aus der konsequenten beruflichen Eingliederung blinder Menschen einhergehen könnte. Und leicht zu verstehen ist dann auch die Vehemenz, mit der allein der Ansatz, allein die Fragestellung, ob es allgemein und speziell für blinde Menschen eine sinnschaffende Alternative zur beruflichen Tätigkeit geben kann, bekämpft wurde, zumal die Fragestellung ja noch weiter ging: Wir waren schließlich angetreten zu prüfen, welchen Beitrag Schule und Erziehung ggf. zur verstärkten Nutzung einer derartigen Alternative leisten könne.
Tatsächlich wurde die Dramatik der Fragestellung mit jedem kleinen Teilschritt in unserer Untersuchung deutlicher. Unser Untersuchungsprojekt war - wie üblich - finanziell nicht üppig ausgestattet, daher liefen die Untersuchungen im pädagogischen Bereich nahezu ausschließlich über die Vergabe, Betreuung und Auswertung wissenschaftlicher Hausarbeiten. Dadurch musste die Fragestellung in kleine Häppchen zerlegt werden, aus den Antworten ergab sich entsprechend auch kein geschlossenes Bild, sondern mehr ein mosaikartiges Raster, aus dem man auf ein Bild schließen kann.
Bevor ich im Einzelnen auf die Arbeiten eingehe, folgender wichtiger Hinweis: Alle Arbeiten sind qualitative Untersuchungen mit nur wenigen Personen, sie lassen prinzipiell keine Rückschlüsse auf die gesamte Population zu. Dennoch scheinen sie mir aussagekräftig zu sein, denn sie sind kaum heterogen, sondern liegen immer wieder im gleichen Trend.
Frau Claudia Seßler findet in einer qualitativen Untersuchung mit ausführlichen Telefoninterviews mit blinden Erwachsenen, überwiegend Lehrerinnen und Lehrer, dass der Computer und die sogenannten neuen Medien allgemein eine hohe Bedeutung für blinde Menschen haben. Durchgehend bestätigen ihre Interviewpartner/innen, dass die anspruchsvolle Berufstätigkeit ohne die Nutzung der neuen Medien für sie kaum mehr denkbar ist. Ebenso eindeutig ist aber auch die Ablehnung der neuen Medien als nicht-beruflicher Faktor. Keine der befragten Personen beschäftigt sich in der Freizeit mehr als unbedingt nötig mit dem Computer oder dem Internet. Computerspiele, bei Sehenden der wesentliche Störfaktor bei der Computerarbeit, spielen keine Rolle, das Internet ist kein Feld zum Surfen, sondern lediglich Quelle für gezielte Information. Begründet wird dieses Verhalten bzw. die zugrunde liegende Einstellung absolut einleuchtend mit der Zugangsproblematik: Was für Sehende unter der Verwendung von grafischen Oberflächen reizvoll aufbereitetes Angebot ist, erschließt sich als umgesetzter, nur zeilenweise abrufbarer Text nur mit großer Mühe.
Eine bei Schülern parallel angefertigte Arbeit scheint auf den ersten Blick genau gegenteilige Ergebnisse zu erbringen. Hier äußern sich alle Jugendlichen äußerst positiv zu ihren Erfahrungen mit dem Computer, zwei berichten davon, dass sie ihn in der Feizeit stark nutzen. Bei näherem Hinsehen zeigt sich allerdings, dass hier im wesentlichen eine Erstbegegnung ausgewertet wird und vor allem, dass ein Teil der jungen Leute nicht blind ist, sondern lediglich erheblich sehbehindert bei gutem Restsehvermögen im Nahbereich."
Die Zuhörer bekräftigen an dieser Stelle, dass der Computer während der Schulzeit oftmals Begeisterung auslösen könne, welche aber durch den Einsatz im späteren Arbeitsleben in vielen Fällen wesentlich gedämpft werde.
Weiter im Referat: "Bärbel Wasser nimmt eine Zeitanalyse vor: Sie protokolliert eine zufällig ausgewählte komplette Woche zweier blinder Schüler mit, um herauszufinden, welche Zeitbudgets in die unterschiedlichen Aktivitäten der beiden jungen Männer gehen. Die beiden leben in unterschiedlichen Kontexten: einer der beiden ist Oberstufenschüler in Ilvesheim, der andere geht integrativ in ein Gymnasium in der Nähe von Stuttgart. Beide sind sportlich. Das Protokoll ergibt eine hohe Übereinstimmung der Tagesverläufe: Beide verbringen etwa die gleiche Zeit im schulischen Unterricht, beide geben lange Zeiten für ihre Hausarbeiten an. Die Zeiten für die Bewältigung von Alltagsaufgaben ist erheblich und bei beiden nahezu gleich, wird allerdings in unterschiedliche Felder investiert: Während der junge Mann in Ilvesheim Zeit für seine Selbstversorgung (aufräumen, Pflege der Umgebung im Internat) angibt, verbringt der integriert beschulte Schüler Zeit in öffentlichen Verkehrsmitteln und mit zu Fuß zurückgelegten Wegen. Beide Schüler berichten über viel Kommunikation mit Gleichaltrigen - der Internatsschüler in seinem Umfeld, der integriert beschulte junge Mann mit sehenden Mitschülern, mit denen er gemeinsam rudert. Frau Wasser hat vor und nach der Untersuchungswoche ein gezieltes Gespräch mit den beiden Schülern geführt. In beiden machen beide Probanden deutlich, dass sie der Schule einschließlich der Vor- und Nachbereitung eine sehr hohe Bedeutung beimessen. Im übrigen zeigen sich beide als in Relation zu ihrem jugendlichen Alter äußerst kontrolliert und gut organisiert.
Zwei Arbeiten beschäftigen sich ganz speziell mit Feldern, von denen Sinnstiftung ausgeht:
Christiane Lehmann dokumentiert auf Interviewbasis die Bedeutung des christlichen Glaubens für blinde Menschen. Dabei erfasst sie Personen sehr unterschiedlicher Altersstufen und Ausgangslagen, allen gemeinsam ist die Aussage, dass Glaube und Religiosität als wesentliche Basis für den Lebensvollzug angesehen werden und ihnen die Sinnstiftung zukommt. Die Interviews, die hier entstanden sind, sind pädagogisch höchst interessant, setzen aber im Kontext der hier thematisierten Frage keine neuen Impulse, denn Gott als letzter Sinn des menschlichen Lebens ist nicht gezielt vermittelbar, sondern muss sich offenbaren bzw. - unter nicht- religiöser Sicht - in einer vorab geprägten Gemeinschaft erschlossen werden.
Brigitte Mühlmann bearbeitet die Thematik "Blinde und Musik". Auch bei ihren Interviews, die sie mit blinden Menschen führt, die z.T. mehr Musikkonsumenten, z.T. mehr -produzenten sind, bestätigen sich vielfach vorliegende Aussagen. Musik ist ein Zentrum der Welt blinder Menschen, in ihr findet man Ruhe, Entspannung, Erfüllung. So wichtig diese Aussage ist, und wichtig es auch ist, diesen Bereich zu fördern, in der Schule zu einem zentralen Thema zu machen, so wenig überraschend oder gar neu ist diese Erkenntnis auch.
Gemeinsam sind allen Arbeiten und im Übrigen auch allen Gesprächen, die während dieser Projektphase mehr ungezielt und en passant geführt worden sind, zwei Aspekte:
Alle sinnstiftenden Elemente funktionieren entweder im Zusammenhang mit beruflicher Tätigkeit oder sie haben deutlich erkennbar nur eine Kompensationsfunktion. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass eine andere Sinnebene als die Arbeit die Dominanz übernehmen könnte, selbst der Vollzug christlichen Glaubens realisiert sich z.T. über Arbeit.
Erkennbar wird eine deutlich größere Ernsthaftigkeit im Umgang mit der eigenen Lebenssituation, jeweils verglichen mit Aussagen aus gleichaltrigen und gleichartigen Populationen Sehender. Diese so nicht weiter belegbare Aussage wird gestützt durch die Ergebnisse, die Frau Weinläder bei ihrer Untersuchung zum "self-monitoring" findet. Ohne ihr vorgreifen zu wollen - sie wird voraussichtlich gegen Ende 2001 veröffentlichen - kann schon gesagt werden, dass sich signifikante Unterschiede in Bezug auf Rollenverhalten und spielerischen bzw. nicht spielerischen Umgang mit der eigenen Identität zwischen sehenden und nicht sehenden Personen zeigen."
Als konkretes Beispiel zum "self-monitoring" wird hier von den Zuhörern die Situation im Bewerbungsgespräch genannt: Während sich bei Sehenden die Gesamttendenz abzeichne, Stärken zu betonen, gehe der Trend bei Sehgeschädigten dahin, sich vorwiegend mit Schwächen, aber auch mit Stärken darzustellen. Dies münde dann in die pädagogische Aufgabe, einen Mittelweg zu finden zwischen dem "sei wie du bist" und "betone nur Stärken".
Weiter im Referat: "Für unsere Arbeit haben wir aus den Ergebnissen der dargestellten Projektphase den Schluss gezogen, die Suche nach sinngebenden Alternativen für Arbeit völlig einzustellen und statt dessen auf Qualifikationen zu setzen, die sowohl für die Situation mit als auch ohne oder mit reduzierter beruflicher Tätigkeit sinnvoll sind. Ohne unmittelbaren Kontakt zur Projektgruppe entwickelt der Kollege Krug Alternativen in der ästhetischen Erziehung, die er als Grundlage für eine künstlerische Tätigkeit ansieht, aber auch im Rahmen der Entwicklung von Basisqualifikationen allgemeiner nutzbar macht.
Ich selbst habe mich mehr einer basalen Bewegungserziehung unter Nutzung von Musik verschrieben - gestern haben wir einen Einblick in unser Tanzprogramm vermittelt und gemeinsam erlebt.
Insgesamt also ein wenig erfreuliches Bild - wäre da nicht die Entwicklung des letzten Jahres. Was ist geschehen:
Nach Jahren völliger Aussichtslosigkeit auf dem Arbeitsmarkt ist eine Wende eingetreten. Sie hat noch nicht alle Teilbereiche erfasst, dennoch scheint sie sehr durchgreifend zu werden. Ich beschreibe einen für unsere gemeinsame Profession dramatischen Wandel: Noch bis etwa Mitte 1999 gab es im Land Baden-Württemberg Überlegungen, eine der Pädagogischen Hochschulen zu schließen. Seit Jahren gab es eine Überproduktion an Realschullehrerinnen und Grundschullehrerinnen, eine Personalreserve von um 10.000 ausgebildeten Lehrkräften schien jederzeit abrufbar zu sein. Dass es nicht zu einer Schließung gekommen ist, verdanken die beiden schlecht ausgelasteten Standorte Weingarten und Schwäbisch Gmünd allein ihrer strukturpolitischen Bedeutung im ländlichen Raum. Dann, gegen Ende 1999, erreicht uns in Heidelberg ein Schreiben des Kultusministeriums, nach dem wir doch bitte sofort alle Kapazitäten bis zu 120 % auslasten sollten - ein Lehrermangel stehe unmittelbar bevor. Inzwischen ist er zwar noch nicht eingetreten, aber greifbar nah: Die Ausbildungszahlen aller Pädagogischen Hochschulen sind zu gering, sie sinken dazu noch weiter, die Reservearmee hat sich aufgelöst. Wo sie geblieben ist- Die anspringende Konjunktur bewirkt, dass bei der Besetzung von Arbeitsplätzen wieder Mangelsituationen eintreten - zur Zeit werden auf diese Art und Weise gerade die Personen in den Arbeitsmarkt eingegliedert, die fachfremde, aber qualifizierte Ausbildungen besitzen."
An dieser Stelle wird von Zuhörern angemerkt, dass von dieser positiven Entwicklung im Berliner Raum noch nichts zu spüren sei. Daraufhin erwidert Herr Austermann, dass diese Entwicklung von Süden nach Norden und von den alten in die neuen Bundesländer ziehen werde.
Weiter im Referat: "Was uns das sagt- Es besagt, dass von den bereits vor fünf und mehr Jahren veröffentlichten Prognosen die für den Anbieter von Arbeit günstigere Version eingetreten ist: Starke Jahrgänge gehen in Rente oder Pension, relativ schwache Jahrgänge treten in das Berufsleben ein, eine weitere Mobilisierung der Frauen für den Arbeitsmarkt ist nicht mehr möglich - zusammengefasst: Die Reserven sind erschöpft, Knappheit droht.
Letztlich wird davon auch der Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderung erheblich profitieren. Allerdings nur sektoral: ohne oder mit nur geringer Qualifikation wird auch in Zukunft wenig gehen. Insofern wird auch in Zukunft der "Grauzonenbereich" - Schulabsolventen ohne oder mit sehr schwachem Hauptschulabschluss - problematisch bleiben. Für alle anderen aber wird wieder gelten: Mit einer soliden Ausbildung sind die Chancen so schlecht nicht. Die Arbeitsplätze werden sich wandeln, die Arbeitsbedingungen, die Technik, aber die Nachfrage nach Arbeitskraft wird so anwachsen, dass die Arbeitgeber wieder bereit sein werden, in Arbeitskraft und ihr Umfeld zu investieren. Da diese Situation auf einem relativ hohen Level sozialer Absicherung stattfindet, kann man der nahen Zukunft relativ gelassen entgegensehen.
Ich habe schon in meinen ersten Referaten zu unserem Projekt, z.B. in Nürnberg beim Kongress, davor gewarnt, die sehr negativen Prognosen allzu leichtfertig in alle Zukunft fortzuschreiben. Ebenso warne ich jetzt wieder, nun in Euphorie zu verfallen: Irgendwann wird auch die jetzt recht günstig erscheinende Prognose wieder kippen, und die Propheten werden wieder schwarz malen.
Deshalb sollten wir aus dem Projekt und seiner Einbettung in einen kurzen historischen Zeitraum vor allem eins lernen: Die Schule hat eine Qualifikationsfunktion, und zunächst bezieht sie diese ganz eindeutig auf die Eingliederung in eine Gesellschaft, die wesentlich durch Arbeit definiert ist und die Sinn über Arbeit realisiert. Sie muss aber bereit sein, diese Sinnfrage immer wieder zu stellen, sie muss bereit sein, Ergänzungen und Alternativen zu entwickeln und Arbeit letztlich auch zu transzendieren. Die ausschließliche Ausrichtung von Schule und auch Hochschule auf Effektivität ist genau so ein Irrweg wie der Versuch, Schule zur Vorbereitungseinrichtung für eine Freizeitgesellschaft zu machen.
Über diese These sollten wir diskutieren und vielleicht den einen oder anderen Gedanken entwickeln, der uns in unserem Verständnis von pädagogischer Arbeit voranbringt."
Herr Austermann regt somit an, den Blick auf den Arbeitsmarkt zu lenken und sich Gedanken über dessen Auswirkungen auf Schule zu werfen. Die Zuhörer merken an, dass in einer anschließenden Diskussion Qualifikationen von Schülern und individuelle Lösungen und Grenzen von Können im Mittelpunkt stehen sollten.
Hinzugezogen wird an dieser Stelle auch der Beitrag von Karen Thorstensen.
Frau Thorstensen arbeitet als peer counsellor in einem Zentrum in Berlin, das zum Blindenhilfswerk gehört und den Bedürfnissen der Selbsthilfe entspringt. Durch Veränderungen am Arbeitsmarkt eröffnen sich heute auch für Sehgeschädigte Alternativen in neuen Berufsfeldern. Die Aufgabe von Frau Thorstensen liegt zum Einen in der beruflichen Beratung von Sehbehinderten, zum Anderen in der Motivation und Information von Arbeitgebern (über Sehbehinderung und den damit verbundenen Konsequenzen und Möglichkeiten) und der dadurch bedingten Kooperation mit zusammenhängenden Organisationen.
Die Rat Suchenden sind in erster Linie keine Abiturienten, sondern früh/spät Erblindete, die in der 9. oder 10. Klasse sind. In diesem Alter ist es fast schon zu spät für die häufig gestellte generelle Frage nach dem "was kann ich überhaupt werden". Ein anderer Teil der Rat Suchenden hat bereits einen Schulabschluss und eine abgeschlossene Berufsausbildung (oft als Telefonist oder Schreibkraft) und sucht nach Alternativen. Gerade eben Erblindete überschätzen oft ihre Fähigkeiten, somit auch ihre beruflichen Möglichkeiten.
Es herrscht also nach Aussagen von Frau Thorstensen eine mäßige Qualifikation vor, sowohl bei den zukünftigen Schulabgängern als auch bei den ausgelernten Rat Suchenden. Einfache Telefonisten oder Schreibkräfte werden heute vom Arbeitsmarkt kaum mehr verlangt. An dieser Stelle wird der Einwurf gebracht, dass es jetzt viele Telefonistenstellen im Marketing-Bereich gibt. Die meisten Blinden jedoch wollen nicht irgend etwas verkaufen, was eigentlich niemand wirklich will. Somit kommt ein Großteil der Telefonie für Blinde nicht in Frage.
Des weiteren weist Frau Thorstensen darauf hin, dass viele schon im Umgang mit Lesegeräten Probleme haben. In einem Callcenter sind aber gute PC- und Punktschrift-Kenntnisse unbedingt erforderlich.
Für mangelnde Punktschrift-Kenntnisse seien, so ein Einwurf, Lehrer und Schüler gleichermaßen verantwortlich. Viele Sehbehinderte wollen auf jeden Fall Schwarzschrift lesen, sind darin aber sehr schlecht - als Ausweg soll dieses Lesen dann vom Lehrer widergespiegelt werden. Den Lehrern aber sei oft die Wichtigkeit des Verwendens der Punktschrift nicht bewusst, manche könnten gar keine Punktschrift lesen. Neben der Punktschrift sollen selbstverständlich auch andere Hilfsmittel (z. B. Zettel schreiben) geübt werden. Entscheidend ist jedenfalls für den Schüler, den Einsatz des richtigen Hilfsmittels zur richtigen Zeit zu erlernen.
Im Bewerbungsgespräch bei dem Arbeitgeber, der meist schon Offenheit zeigt, wenn er überhaupt einen Blinden zum persönlichen Gespräch einlädt, treten dann meist von Seiten der Blinden immense Kommunikationsschwierigkeiten auf. Auch basale Dinge, wie z.B. das Tragen angemessener Kleidung, sind oft unklar. Dies liegt unter anderem daran, dass Blinden Rückmeldungen über ihr Auftreten fehlen, sie können z.B. Reaktionen anderer nicht sehen oder Äußeres nicht vergleichen. Es stellt sich die Frage, ob man sich so darstellen will, wie man ist, und dafür bereit ist, eine Abfuhr vom Arbeitgeber in Kauf zu nehmen, oder ob man versucht, sich der Situation entsprechend anzupassen. Dies ist eine zentrale Frage beim Kommunikationstraining, das Frau Thorstensen den Rat Suchenden anbietet. Eine konkrete Bewerbungssituation wird hierbei durchgespielt und das wahrgenommene Auftreten des Bewerbers diesem widergespiegelt. Allerdings ist es schwierig, ein solches widerzuspiegeln und die Notwendigkeit von Anpassung in gewissem Maße zu vermitteln, ohne Eingriff in die Privatsphäre und ohne den Betreffenden zu verletzen. Wichtig ist dabei das Aufzeigen verschiedener Alternativen, um einer wirklichen Entscheidung Raum zu geben. An diesem Punkt sind Erzieher wie Familienmitglieder gefordert: die sehgeschädigten Kinder und Jugendlichen müssen Verschiedenstes ausprobieren dürfen, um zu einer selbstbestimmten Auswahl zu gelangen.
Kommunikationsschwierigkeiten beruhen also in vielen Fällen auf einer falschen Selbsteinschätzung, aber auch auf einem speziellen Selbstbewusstsein. So lassen sich die Rat Suchenden meist in drei Gruppen einteilen: überhaupt kein Selbstbewusstsein, erhebliche Selbstüberschätzung oder ein dauerndes Pendeln dazwischen. Bei der Frage nach dem Grund werden in der Diskussionsrunde gemeinsam folgende Antworten gefunden: Erhebliche Selbstüberschätzung rührt daher, dass bei blinden Kindern jede kleinste Leistung hochstilisiert wird. Auch im Arbeitsleben zählt beim Verrichten von Arbeit oft nicht die Qualität, sondern die Freude der Kollegen darüber, dass der Blinde keinen Aufpasser braucht. Andererseits wird geringes Selbstbewusstsein dadurch verursacht, dass ein Teil der Blinden ihren Eltern nicht genügt und auch im Schulalltag mehr Leistung erbringen muss als ein Normalsichtiger. Konkret für die Beratungssituation bedeutet das, klar aufzuzeigen, wo Begabungen und Grenzen liegen und wo weiter gefördert werden kann.
Es ist jedoch schwer, Schülern und Eltern zu vermitteln, dass Lebensglück nicht abhängig ist von einem hohen Schulabschluss, sondern von der allgemeinen Zufriedenheit der betroffenen Person. Durchaus kann also eine Lehre die beste Möglichkeit darstellen, auch wenn Schüler oder Eltern ein Studium wollen.
In diesem Zusammenhang weist Herr Valentin darauf hin, dass ein Treffen dieses Personenkreises mit Ex-Blistanern förderlich sei. Solche Menschen, die altersmäßig noch nahe an den Schülern sind, können am Besten einen Eindruck vom realen Leben außerhalb der Blista (Deutsche Blindenstudienanstalt) geben, um im Sinne eines Austausches über Berufsmöglichkeiten und notwendige lebenspraktische Fertigkeiten den zukünftigen Schulabgängern bei ihrer Berufswahl zur Seite zu stehen.
Überdies erläutert Frau Thorstensen das Problem der zu hohen Anspruchshaltung, die von Eltern und Therapeuten oft geschürt wird. So fehlt manchmal das Bewusstsein, dass beim Verrichten von Arbeit etwas geleistet werden muss, entgegen der Hoffnung, auch weiterhin auf Händen getragen zu werden. Zum Einen liegt dies an der schon erwähnten mangelnden Selbsteinschätzung oder einfach daran, dass viele noch jung sind und die Bedeutung von Arbeit erst noch lernen müssen. Zum Anderen ist es aber auch darin begründet, dass Sehgeschädigten die Vielzahl von Hilfsmöglichkeiten aufgezeigt werden und dass daraus ein unangemessenes Anspruchsdenken hervorgeht.
In der Diskussionsrunde wird betont, dass sich Kommunikationstraining nicht auf die Bewerbungssituation beschränken sollte, sondern auch das Einüben späterer Berufsrollen von Relevanz sei. Zum Beispiel stellt die Lehrerrolle für den Sehgeschädigten eine völlig neue Situation dar: plötzlich befindet er sich nicht mehr in einer umsorgten, passiven Rolle, sondern in einer aktiv anleitenden Rolle. Dies ist eine Herausforderung, die am Besten vor dem Ernstfall geprobt wird. Es gilt hierbei, verschiedene Umgangsweisen abzuwägen und sich zu überlegen, wie man sich selbst als blinder Lehrer den Schülern und Kollegen vorstellen möchte. Auf jeden Fall sollte Gelegenheit gegeben werden, Fragen zur Blindheit stellen zu dürfen.
In diesem Zusammenhang wird angemerkt, dass es stets eine Aufgabe der Blinden selbst ist, Sehende auch in Zukunft über Blindheit aufzuklären, selbst wenn dies für Blinde unangenehm sein kann.
Für eine weitere Diskussion schlägt Frau Angermann vor, sich Gedanken darüber zu machen, welche Grundqualifikationen von Schülern sich der DVBS wünscht. Die daraus resultierende Frage der Didaktik soll ebenso erörtert werden: In welcher Form können diese Qualifikationen vermittelt werden?
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