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Wie man mit einer beidäugigen Piratenklappe, einer mit Folie beklebten Brille, viel Theorie und einer Menge Unterrichtserfahrung die Qualifikation zum Rehabilitationslehrer erlangt.
Zur Zeit läuft der 10. Ausbildungskurs zum Rehabilitationslehrer für Blinde und Sehbehinderte (RBS) in der 4. Etage der Biegenstraße 22, also in dem Gebäude, in dem der größte Teil der Rehabilitationseinrichtung für Blinde und Sehbehinderte (RES) der Deutschen Blindenstudienanstalt untergebracht ist. Wie gesagt, der 10. Kurs, ein Jubiläum also und ein guter Anlass, einmal einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Der Ausbildungskurs hat nämlich schon eine über 25-jährige Tradition.
Seit 1983 wird nach gemeinsamer Erstellung eines Konzepts der RES mit dem Fachbereich Psychologie der Philipps-Universität Marburg die 1 1/2-jährige Ausbildung zum Rehabilitationslehrer angeboten und regelmäßig durchgeführt.
Er ist sowohl Lehrer für Orientierung und Mobilität (O&M) als auch für Lebensprak-tische Fertigkeiten (LPF). Von 1975 bis 1983 wurden dagegen ausschließlich sechsmonatige Einzelqualifikationen zum LPF- Lehrer oder zum O&M-Trainer durchgeführt. Die Blindenstudienanstalt war damals die erste Einrichtung in Deutschland, die nach amerikanischen und englischen Vorbildern eine professionelle Ausbildung entwickelt und angeboten hat, in der die Befähigung zu einem systematischen Unterricht mit blinden und sehbehinderten Menschen in den beiden Rehabilitationsbereichen O&M und LPF erlangt werden konnte.
Die Ausbildung ist keine Berufsausbildung, sondern eine 1-jährige berufliche Weiterbildung, wodurch der Beruf des Rehabilitationslehrers leider staatlich nicht anerkannt ist. Die Teilnehmer dieser Weiterbildung müssen im pädagogischen oder sozial-rehabilitativen Bereich theoretisch und durch praktische Erfahrungen vorqualifiziert sein. So kamen in den vergangenen Jahren viele der bisherigen Kursteilnehmer aus den Berufsgruppen Erzieher, Diplom- oder Sozialpädagoge und Lehrer, um nur einmal die Klassiker zu nennen.
Die Kurse waren bisher nicht immer im Einzelnen, aber in der Gesamtsumme vom Geschlecht her paritätisch besetzt. Die Teilnehmer kamen aus ganz Deutschland, zwei sogar aus Österreich. Die Altersstruktur liegt zwischen Mitte Zwanzig bis Mitte/Ende Vierzig. So wurden seit 1975 etwa 120 Personen entweder einzel- oder doppeltqualifiziert in Marburg ausgebildet.
In einem Kurs befinden sich in der Regel acht Teilnehmer. Sie werden von vier Ausbildern und dem Ausbildungsleiter betreut, die selber Rehabilitationslehrer sind und über mehrjährige praktische Erfahrung verfügen.
Die Kursteilnehmer durchlaufen eine Vollzeitausbildung mit wöchentlich durchschnittlich 37 Unterrichtsstunden Ó 45 Minuten. Hinzu kommen eigenständige Aktivitäten, die vor allem der Vor- und Nachbereitung aktueller Ausbildungsinhalte dienen, so dass sich erfahrungsgemäß eine Gesamtbelastung von mehr als 40 Zeitstunden ergibt. Der Stundenplan wird für jede Woche neu geschrieben und ist - wie in der Schule - für alle verbindlich.
Die Ausbildung lässt sich grob in zwei Abschnitte unterteilen. In der ersten Hälfte stehen in einer Reihe von Theoriefächern die Vermittlung medizinischer Grundlagen wie Augen- und Ohrenheilkunde sowie Sinnes- und Neurophysiologie im Vordergrund. Es folgt die Auseinandersetzung mit psychologischen und sonderpädagogischen Inhalten aus der Entwicklungs-, Wahrnehmungs- und Sozialpsychologie, der Behindertenpädagogik und der Motorik. Diese Fächer werden entweder von hauseigenen Experten oder externen Referenten unterrichtet, haben je nach Disziplin einen Umfang von 30 bis 60 Unterrichtsstunden und werden unmittelbar nach Beendigung des Fachs mit einer Klausur abgeschlossen.
Aus der Vielzahl der weiteren Veranstaltungen, die hier aber nicht alle erwähnt werden können, hat der Punktschriftunterricht auch vom zeitlichen Umfang her eine besondere Bedeutung. Hier lernen die Kursteilnehmer die Blindenkurzschrift schreiben und mit den Augen lesen.
Neben der vielen Theorie ist diese Zeit stärker von praktischen Erfahrungen geprägt. Damit ist der Unterricht mit der Augenbinde und speziellen Brillen, die unterschiedliche Sehbeeinträchtigungen simulieren, gemeint. Nahezu täglich finden in den Bereichen LPF und O&M von den Ausbildern angeleitete Simulationseinheiten statt. Den Sinn und Zweck soll der folgende blitzlichthafte Einblick verdeutlichen:
Es ist ein nasskalter, ungemütlicher Tag im November. Der leichte Nieselregen hat Haare und Kleidung einer kleinen Gruppe von drei Personen, die seit fast einer Stunde scheinbar immer an der gleichen Stelle an einer Kreuzung in der Schwanallee steht, schon erheblich durchnässt. Ungewöhnlich für Marburg ist nicht, dass zwei Personen einen Langstock in der Hand halten, sondern dass eine Person eine schwarze Augenbinde, ähnlich einer Piratenklappe, nur für zwei Augen, trägt. Die dritte Person steht direkt neben der Augenbindenträgerin, redet ständig und gestikuliert wild, obwohl die "blinde" Person dies nicht sehen kann.
Eine ältere, aber noch rüstige Dame beobachtet schon eine Weile irritiert aus sicherer Entfernung das Geschehen. Endlich gibt sie sich einen Ruck, tritt näher an die Gruppe heran und sagt voller Mitleid in breitem Hessisch: "Is werklisch schlimm, gelle, wenn ma frisch operiert is un naut mehr sehe duht."
Die Gruppe gibt sich der Frau gegenüber als Teilnehmer und Ausbilder des Kurses zum Rehabilitationslehrer der Blista zu erkennen. Sie erklärt ihr kurz, dass durch die Augenbinde die Blindheit nur simuliert und Eigenerfahrungen gemacht werden sollen, um sich später besser in die Situation Blinder und Sehbehinderter hineindenken und -fühlen zu können. Die alte Dame ist tief beeindruckt, entschuldigt sich für die Störung und überquert die Straße bei Grün.
Die Straße bei Grün überqueren: dies soll auch Barbara unter der Augenbinde. Doch zunächst erscheint ihr das unmöglich. Neben den Regentropfen haben sich fast unbemerkt trotz der Kälte auch ein paar Schweißtropfen auf ihrer Stirn gebildet. Sie hat sich per Gehör und Langstock die Kreuzung in der letzten Stunde erarbeitet. Sie kennt die Form der Kreuzung und die Verkehrsabläufe, hat Gegenverkehr und Einbahnstraßen sowie den rhythmischen Wechsel von stehendem und fahrendem Verkehr herausgehört. Doch nun steht sie zögernd an der abgeflachten Überquerungsstelle, deren Ausmaße sie mit dem Stock zuvor genau erkundet hat, direkt neben dem Ampelpfosten. Sie weiß auch, dass sie die Schwanallee theoretisch - ja, theoretisch! - mit dem anfahrenden Verkehr der leicht links gegenüber vor ihr liegenden Nebenstraße überqueren kann. Sie kämpft schon seit fünf Minuten mit sich. Ihr Ausbildungskollege Jürgen schickt immer wieder sehnsüchtige Blicke zum nur einen Steinwurf entfernten Café hinüber und träumt von einer riesigen Tasse heißer Schokolade.
Da! Ein lauter Diesellaster steht genau links vorne. "Jetzt oder nie!", denkt Barbara. Sie weiß, dass ihr Ausbilder Michael Ernst, der leicht versetzt hinter ihr steht, sie bei drohender Gefahr retten würde - das lässt ihr Herz etwas ruhiger schlagen. Der Laster fährt fast ohrenbetäubend an. Mit weichen Knien, aber wild entschlossen, geht Barbara los. Etwas hektisch beim Pendeln des Stockes, aber völlig sicher kommt sie auf der anderen Straßenseite an.
Bei heißen Getränken im Café stoßen alle auf Barbaras Mut an, besprechen die Inhalte und Gefühle der Eigenerfahrungen und warten auf den Fahrdienst.
In 20 Minuten schon gibt es eine Auswertungsveranstaltung zur heutigen Simulationseinheit mit allen acht Auszubildenden, von Michaels Kollegen Reinhard Eiler geleitet.
Auf der Rückfahrt zur RES denken Barbara und Jürgen mit Bangen an die bald anstehende Klausur in Augenheilkunde.
Für heute Nachmittag steht eine Simulationseinheit in LPF zum Thema "Nähen mit der Nähmaschine" auf dem Stundenplan. Eine exemplarische Einführungsstunde zur Nähmaschine wurde von ihrem Ausbilder Michael vorgestern durchgeführt. Jürgen hatte danach die Aufgabe, sich eine kurze Unterrichtseinheit zur Vermittlung des Aufspulens und Einlegens des Unterfadens zu überlegen, um sie dann praktisch mit Barbara unter der Augenbinde auszuprobieren. Jürgen ist schon jetzt gespannt, ob er als Lehrer all das vermitteln kann, was er sich so gut es ging im Vorfeld ausgedacht hat.
In der Simulationsphase durchlaufen die Auszubildenden in gewisser Weise eine exemplarische O&M- bzw. LPF-Maßnahme. In LPF werden klassische Inhalte, wie Kochen, Wäschepflege, Nähen, Essensfertigkeiten, Unterschrift leisten u.a., aber auch nicht alltägliche Themen wie Reparaturen, Wartungs- und Pflegearbeiten im Haushalt behandelt, z.B. Bilder aufhängen, Blumen umtopfen, Entkalken einer Kaffeemaschine. Dabei beschäftigt man sich außer mit lebenspraktischen Tipps, Kniffs und Hilfsmitteln auch immer wieder mit der Analyse von Handlungsabläufen und Einzelfertigkeiten, um sich die Komplexität der vielen Einzelschritte und ihre Bedeutung für die Planung eines Unterrichts bewusst zu machen.
Die wichtigsten Inhalte von O&M, wie Sehende Begleitertechniken, Einsatz des Gehörs, Raumerkundung, Stocktechniken, Straßenüberquerungen, Erkundung und Begehung von Wohnblöcken und Straßenkreuzungen, Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel, werden zuerst in Marburg vermittelt und dann durch ein einwöchiges sogenanntes Großstadttraining in Frankfurt komplettiert. Es geht dabei um die Auseinandersetzung mit den besonderen Großstadtbegebenheiten, z.B. die Benutzung von U-, S- und Straßenbahn sowie die Orientierung auf einem Großstadtbahnhof und die scheinbar unüberwindbaren, weitläufigen Straßenkreuzungen.
Schon kurz nach Beginn der Simulationseinheit schlüpfen die Kursteilnehmer durch gegenseitiges Unterrichten zunehmend in die Rolle des Lehrers. Im Rahmen eines einwöchigen Praktikums ermöglichen Unterrichtshospitationen im eigenen Haus und an anderen Einrichtungen einen Einblick in andere Unterrichtsziele, - stile und Vorgehensweisen. So sind alle vorbereitet, wenn der fließende Übergang in die zweite Hälfte der Ausbildung stattfindet, in der es vor allem um die Vorbereitung und Durchführung von wirklichem Unterricht in O&M und LPF mit blinden und sehbehinderten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen geht.
Mit Beginn dieser sogenannten Lehrpraxis unterrichtet jeder Kursteilnehmer zunächst lediglich einen Blista-Schüler mit ca. vier Unterrichtsstunden pro Woche. Im weiteren Verlauf erhöht sich die Anzahl der Schüler auf drei und dementsprechend die wöchentlichen Unterrichtsstunden auf zwölf.
Die Teilnehmer werden intensiv beim Schülerunterricht angeleitet, d.h. jede zweite Unterrichtseinheit wird von einem Ausbilder besucht. Die Unterrichtsplanung und der Verlauf werden gemeinsam analysiert und mögliche Konsequenzen für den weiteren Unterricht diskutiert. Mit der Zeit nimmt die Intensität der Anleitung ab und mündet gegen Ende der Ausbildung in eine Reihe von benoteten Unterrichtsbesuchen.
Daneben finden weiterhin, allerdings in abnehmendem Maße, theoretische Veranstaltungen statt. Es werden Themen behandelt, wie z.B. Rechts- und Institutionskunde, EDV und elektronische Hilfsmittel, Blindheit und Sehbehinderung in Verbindung mit zusätzlichen Behinderungen. Außerdem werden regelmäßig Schülerbesprechungen durchgeführt.
O&M-Unterricht mit sehbehinderten Personen, die besondere Schwierigkeiten bei Dämmerung und Dunkelheit haben, und die Durchführung einer umfassenden O&M-Maßnahme mit externen Klienten gehören als Standard ebenso in die Lehrpraxis wie die eigenständige Planung und Durchführung von Fortbildungen für unterschiedliche Zielgruppen, z.B. Erzieher oder Lehrer.
Daneben müssen zwei Projekt- und eine Examensarbeit erstellt werden. Ziel einer Projektarbeit kann z.B. sein, mit möglichst einfachen Mitteln Unterrichtsmaterial, wie einen taktilen Plan oder ein Hilfsmittel, herzustellen.
Zum Ende der Ausbildung findet eine schriftliche Prüfung statt, die sich ausschließlich auf den praktischen Unterricht in O&M und LPF bezieht. Spätestens danach macht sich bei allen Beteiligten eine große Erleichterung breit, denn die Ausbildung ist - wie sicherlich schon herauszulesen war - kein Zuckerschlecken für die Kursteilnehmer.
In der RES sind bisher insgesamt 120 Rehabilitationslehrer ausgebildet worden. Für alle Teilnehmer hat sich die Ausbildung gelohnt, denn wenn man zum Schluss einmal die Statistik bemüht, kann man feststellen, dass alle Absolventen als O&M-, LPF- oder Rehabilitationslehrer tätig sind oder zumindest für einige Zeit tätig waren, sei es in einer Institution oder freiberuflich. Eine Bilanz also, die sich sehen lassen kann und Ansporn für die RES ist, weitere Kurse durchzuführen.
Der nächste Ausbildungskurs (RBS 11) beginnt voraussichtlich im Oktober 2001 mit acht Teilnehmern.
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