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Hans-Peter Spittler-Massolle "Blindheit und blindenpädagogischer Blick" Peter Lang-Verlag, Frankfurt/Main, 2001, DM 128,00
Unter diesem Titel ist rechtzeitig vor den großen Jubiläen des deutschen Blindenbildungswesens ein Buch von Hans-Peter Spittler- Massolle im Peter Lang-Verlag erschienen. Ausgehend von Diderots "Brief über die Blinden zum Gebrauch für Sehende" wird in der Arbeit der blindenpädagogische Blick kulturkritisch reflektiert. Spittler bezieht sich dabei auf die bislang leider nur in Punktschrift erhältliche Übersetzung von Alexander Reuß. Als Frühförderer und Lehrer am Landesbildungszentrum in Hannover bewegt sich Spittler produktiv zwischen der Welt der praktischen Arbeit mit blinden Kindern und Jugendlichen und der Sphäre der theoretischen Auseinandersetzung über Blindheit.
Ausgehend von "Blindheit in Mythos, Legende und Aufklärung", S. 10 ff. (Anmerkung: Alle Seitenangaben beziehen sich auf die vom Fachbereich Erziehungswissenschaften der Universität Hannover genehmigte Dissertation.), wirft hier ein sehender Blindenpädagoge die Frage nach den verschiedenen Bedeutungen des Blindheitsbegriffs und den Funktionen auf, den dieser kulturell und biographisch für sehende Menschen beinhaltet. Mit dieser Arbeit wird die These vertreten, dass in Diderots Schrift Blindheit erstmalig in Bezug zu zentralen philosophischen Fragestellungen, Religion, Tod, Ästhetik etc., gesetzt wird. Anders als viele blindenpädagogische Überlegungen bisher geht Spittler davon aus, dass Blindheit im medizinisch-physiologischen Sinn bei Diderot kaum zur Sprache kommt, S. 87 ff. Dass sich Diderot mit der Metapher Blindheit eines literarisch-erkenntnis- theoretischen Kunstgriffs bedient hat, wird mit Hilfe der Arbeit von Spittler nachvollziehbarer. Hier schreibt ein großer französischer Philosoph auf der Höhe seiner Zeit über Grenzen der Erkenntnis. Der Aufklärer Diderot wollte nicht den praktisch- sozialfürsorgerischen Umgang mit blinden Menschen seiner Zeit verbessern, sondern menschliche Erkenntnismöglichkeiten vorantreiben. Bezüge zur sich zeitgleich konstituierenden Blindenpädagogik liegen auf der Hand, sind aber laut Spittler praktisch nicht ungebrochen nachzuweisen.
Die Arbeit zeichnet die Rezeptionsgeschichte von Diderots Blindenbrief, insbesondere in der Diskussion der deutschsprachigen Blindenpädagogik, kritisch nach. Einbezogen werden aber auch literaturwissenschaftliche, philosophische und psychoanalytische Interpretationen. Kritisch anzumerken bleibt, dass die Würdigung, die der jüngst verstorbene bedeutende Germanist Hans Mayer Diderot zuteil werden ließ, in den Rekonstruktionen von Spittler keine Erwähnung findet. Denn Mayer greift Diderots Rebellion gegen feudalen Absolutismus auf, indem er Diderots Blindenbrief als die "Abkehr vom Deismus" interpretiert. In diesem Spannungsfeld wäre auch heute noch manches gut begründete Argument gegen Diskriminierung und Betreuung behinderter/blinder Menschen zu finden. In der Arbeit wird nicht nur für ein gewandeltes Verständnis von Blindheit plädiert, sondern auch die Auseinandersetzung von Blindenpädagoginnen und Blindenpädagogen mit blinden Autorinnen und Autoren eingefordert. In diesem Zusammenhang mutet Spittlers Sorge vor "kehrseitigem Ausschluss sehender Positionen", S. 76, aus der Blindenpädagogik ein wenig kleinmütig an. Die lesenswerte Reflexion der Dominanz des Sehens in Kulturgeschichte und Pädagogik gerät jedoch metaphorisch ins Stolpern, wenn Spittler von den nicht zu übersehenden Tönen im innerdeutschen Streit schreibt, S. 102.
Wenn die deutschsprachige Blindenpädagogik die zweihundertjährigen Jubiläen ihrer ältesten Wirkungsstätten in Wien und Berlin zum Anlass nähmen, kritisch zurückzuschauen, könnte ihnen Spittlers Arbeit eine Hilfe sein. Indem er blinde Flecken in der Blindenpädagogik aufzeigt, ja sogar Ängste Sehender im Kontext von Blindheit thematisiert, plädiert er für ein gewandeltes Verständnis, das medizinisch blinde Menschen ihre Blindheit entwickeln lässt. Last but not least lässt sich die Arbeit als ein Plädoyer für die vollständige deutsche Veröffentlichung des Diderotschen Blindenbriefes in Schwarzschrift lesen.
Der Titel wurde auf der Grundlage der Dissertation von Frank Winterstein aufgesprochen und umfasst 16 C 90-Kassetten. Das Werk ist unter der Bestellnummer 7463 bei der Deutschen Blinden- Bibliothek zu entleihen.
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