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Rainer F.V. Witte: Quo vadis ...

... oder einfacher und weniger bibliothekarisch gefragt: Wohin führt der Weg die Blindenbibliotheken- Ist der Weg unabdingbar vorgegeben oder kann der Fortgang im Blinden-Bibliothekswesen beeinflusst werden und wenn ja, auf welchen Gebieten?

Das war der Gegenstand einer Podiumsdiskussion in der DZB zu Leipzig am 8. September, sinnigerweise dem Tag, der von der UNESCO als "Welt-Alphabetisierungstag" ausgerufen ist. Zum Thema "Gegenwart & Zukunft der Blindenbüchereien in Deutschland" diskutierten unter der Moderation des Gastgebers, Herrn Dr. Thomas Kahlisch (in alphabetischer Reihenfolge:) Herr Andreas Bethke, Geschäftsführer des DVBS, Marburg; Frau Elke Dittmer, Vorsitzende der AG BHB und von MEDIBUS sowie Leiterin der NBH und CBB, Hamburg; Herr Gustav Doubrava, Vorsitzender des Bayerischen Blindenbundes und Vorstandsmitglied des DBSV (zugleich verantwortlich tätig für das BIT), München; Herr Hans-Peter Engel, vom Vorstand des DBSV, Leipzig; Herr Norbert Müller, Pädagogischer Leiter des Deutschen Blindenbildungswerkes und zugleich Generalsekretär der EBU, Weil; Herr Dr. Alfred Preusse, Vorsitzender des Blinden- und Sehbehinderten-Verbandes Sachsen, Leipzig; sowie der Berichterstatter, Leiter der DBB in der DBStA, Marburg und Vorsitzender der AG BDB (sowie deutsches Mitglied des Standing Committee der Sektion der Blindenbibliotheken in der IFLA).

Die Situation im Blinden-Bibliothekswesen ist schnell skizziert: an seinem Beginn (um 1900) stand die Brailleschrift als tastbare Umformung buchstabenbasierter Schriftsysteme. Mit der Tontechnik kam in den (30er) 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts die Speicherung gesprochener Texte hinzu, das Tast- wurde um das Hör- Medium ergänzt. Heute, mit der Digitalisierung, werden Inhalte nunmehr in körperlich nicht greifbaren Daten gespeichert, aus denen sich unterschiedliche, individuell angepasste, blindengerechte Ausgabe-Medien gewinnen lassen. Es hat ein Qualitätssprung stattgefunden: die informationsvermittelnden Einrichtungen haben sich dieser Situation anzupassen oder sie sind in ihrem Bestehen gefährdet.

Geblieben ist - im Gegensatz zur Lesewelt der Sehenden - das traditionell ungleich höhere Interesse Blinder an der Literatur und an einem wie auch immer gearteten Informationszugang. Um ihre Leserschaft brauchen sich die Blindenbibliotheken keine Sorgen zu machen ..., nur das "Wie-" der Versorgung unterliegt einem radikalen Wandel.

Mit den Teilnehmern hatte Dr. Kahlisch vorher ein Thesenpapier abgestimmt, das dem Gedankenaustausch als Grundlage diente:

Obenan steht die notwendige Verbesserung einer Kooperation zwischen den Büchereien, die Klärung der urheberrechtlichen Fragen und die Sicherung der Qualität.

Um diese zentralen Probleme einer Lösung zuzuführen, bedarf es der aktiven Unterstützung durch die Selbsthilfeverbände gegenüber der Politik und vor allem der Legislative, aber auch nach innen, um das Bibliotheks-Bewusstsein unter den Mitgliedern zu heben. Die Repräsentanten der Bibliotheken ihrerseits, haben hierbei den Verbänden zuzuarbeiten, verlässliche Fakten bereitzustellen und fachliche Anregung zu geben.

Für die Zukunft der Blindenschrift müssen klare Verhältnisse bei den Rahmenbedingungen geschaffen werden. Die notwendigen Diskussionen um die künftige Punktschrift und der Sondersysteme sollten zielstrebig und in Hinblick auf zeitgemäße Hilfsmittel, die einem einfachen Gebrauch dieser unverzichtbaren Bildungs- und Kommunikationsmittel nicht im Wege stehen dürfen, zügig zu einem einvernehmlichen Ende geführt werden.

Herausgestellt wurden die Konsequenzen der Digitalisierung, die einen tiefgreifenden Wandel der Herstellungs-, der Archivierungs- und der Verteilungsprozesse nach sich ziehen wird.

Vor allem besteht ein hoher Bedarf an technisch qualifiziertem Personal, das dem im Dämmerlicht vor einer Bücherregalwand auf hoher Leiter vor "seinen" Büchern stehenden Bücherwurm Spitzweg"scher Provenienz ablöst; nüchternes Schalten und Walten, das Lenken von Datenflüssen durch einen Techniker, verdrängt das Bild des eher liebenswürdigen Kauzes ... Das Lösen vom Buch - in welcher physikalischen Form auch immer - und das Zurückführen unterschiedlicher Medien auf zu vermittelnde Inhalte (text-, sprach- oder bildgebunden) in gleichwertigen digitalen Daten, aus denen die verschiedensten blindengerechten Ausgabeformate wiedergewonnen werden können, verändert das äußerliche Bild und die Struktur der Arbeitsabläufe in einem noch nie da gewesenen Maße. Es liegt aber hierin auch die Chance, den Zwang einer gleichen Technik zum Aufbau gemeinsamer Dienste und zum kostengünstigen Ausschöpfen der immer knapper werdenden Ressourcen zu nutzen. - Es wird zwar schwer sein, das föderative und institutsbezogene Denken auf ein gemeinsames Ziel hin auszurichten, doch könnte der Druck der äußeren Verhältnisse hier einen Sinneswandel herbeiführen.

Angesprochen wurde auch die Frage der Studienliteratur; der Fach- und Sachbücher sowie der Musikwerke. Hier wurde als Lösungsmodell ein unabhängiger Finanzierungsfonds vorgeschlagen, aus dem die Publikationsvorhaben finanziert werden sollten.

Die einzelnen Büchereien haben begonnen, sich auf die neuen Herausforderungen einzustellen, müssen aber noch zu einer einheitlichen Haltung in den Antworten auf die wesentlichen Fragen kommen; sie müssen darüber hinaus versuchen, ein einheitliches Bild von der Bedeutung ihrer Arbeit in der Öffentlichkeit zu vermitteln. Dies wird eine schwierige Aufgabe sein, in einem Lande, in dem die Bibliotheken traditionell einen eher gering eingeschätzten Stellenwert im öffentlichen und vor allem politischen Urteil haben.

Eine Chance hier auf der Verbandsebene einen Schritt weiterzukommen ist die Zusammenführung der beiden Interessensverbände, jenen der Hörbüchereien (AG BHB) und der Punktschrift-Bibliotheken (AG BDB) in einer einheitlichen Organisation, wie sie z.B. MEDIBUS darstellt. Die Mitglieder beider Fachvereinigungen haben den Willen hierzu bereits bekundet, und es wird daher sicher auch einen gemeinsamen Weg in die Zukunft geben.

Eine gute Gelegenheit, in die Öffentlichkeit zu wirken, wird das Jahr 2003 bieten. Dann wird die 69. IFLA-Generalkonferenz in Berlin (vom 1. bis 9. August) tagen. Diese größte Fachversammlung der Welt mit ca. 3 bis 4000 Teilnehmern wird eine wirkungsvolle Plattform bieten, die Blinden-Bibliotheksarbeit in Deutschland bekannt zu machen. Zudem wird vom 28. bis 30. Juli 2003 eine Vorkonferenz der Blindenbibliothekare in Marburg stattfinden; sie wird in Absprache mit den Blindenselbsthilfeverbänden und den beiden Arbeitsgemeinschaften, wie auch von MEDIBUS, von der DBStA ausgerichtet. Zu diesem Ereignis werden ca. 150 Bibliothekare aus aller Welt erwartet. Und da die Probleme überall ähnlich gelagert sind in einer globalisierten Medienwelt, entsteht hier ein Forum für Diskussionen auf breitestem Niveau.

Die Ergebnisse umzusetzen wird Aufgabe in den einzelnen Ländern sein. Und für uns in Deutschland können die Planungen den heilsamen Zwang ausüben, unsere Probleme verstärkt anzupacken (und zu meistern), gemeinsam. Und wenn wir alle den Weg annehmen, den uns die technische und wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland vorzeichnet, können wir in absehbarer Zeit die Frage der Überschrift dieses Berichtes, beantworten: wohin wir gehen ... Bis dahin müssen wir weiter miteinander reden und uns die bange Frage stellen: quousque tandem ...?

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