horus

Startseite > horus & Broschüren > 6/2001

horus & Broschüren

Suche

Suchen Sie in horus aktuell, unserem Newsletter, und horus online, unserer Vereinszeitschrift:

Suchbegriff:

Suchen in:


Keyvan Dahesch: Leben mit dem weißen Stock.

Man muss sich trauen - Erfahrungen eines Blinden in einer rauer werdenden Welt

Anmerkung der Redaktion:


Zum Sechzigsten Geburtstag von Keyvan Dahesch


Im nachfolgenden Artikel zeichnet der Autor ein Bild von sich und seinem Leben, wie wir in der Redaktion das nicht besser hätten machen können. Wir wünschen Herrn Dahesch, der sich auch als Autor vieler Berichte in dieser Zeitschrift einen Namen gemacht hat, zu seinem 60. Geburtstag, den er am 26. Dezember begeht, alles Gute.

Sie sehen mich aber sehr freundlich an", hörte ich die Stimme einer jungen Frau, als mich mein Kollege für einen Augenblick am Straßenrand stehen gelassen hatte, um einen Brief einzuwerfen. "Meinen Sie mich-", fragte ich unsicher. Ja, so nett wie ich habe ihr nur selten jemand zugelächelt. Verlegen stammelte ich, dass ich versuchte, zu allen nett zu sein. Da kam mein Kollege zurück, sagte scherzend, dass man mich kaum allein lassen könne, schon finge ich mit fremden Damen zu flirten an, nahm meinen Arm und ging mit mir in Richtung U-Bahn. Ich erzählte ihm, was mir passiert war. Er sah zurück. Die junge Frau schaute uns konsterniert nach. Sie hatte wohl jetzt erst gemerkt, dass sie ihr Kompliment einem Blinden gemacht hatte.


"Wann ist Ihnen selbst das Nicht-sehen-Können bewusst geworden?"


Über die Antwort auf diese Frage musste ich, als sie mir zum ersten Mal gestellt wurde, nicht sehr lange nachdenken. Ich wollte eine Uhr haben, und meine Eltern suchten nach Ausreden, weshalb sie mir diesen Wunsch nicht erfüllen wollten. "Meine jüngeren Geschwister haben doch auch eine Uhr", ließ ich nicht nach. "Du kannst das Zifferblatt nicht sehen, deine Augen sind krank." Damals merkte ich, dass "mit mir etwas nicht stimmte".

Das Wort "blind" durfte in meiner Gegenwart nicht ausgesprochen werden. Meine Eltern meinten, mir die Kenntnis der Behinderung nicht zumuten zu können. Zumal in meinem Geburtsland Iran - wie in vielen islamisch geprägten Ländern - Kinder, die mit einem Handicap zur Welt kommen, als eine Strafe Gottes für die Sünden der Angehörigen angesehen werden. Ihre ganze Hoffnung setzten meine Eltern in die Heilung meiner "Augenkrankheit", deren Ursache die Ärzte zwar nicht feststellen, die sie aber mit vielen Vitamin- und Calciumspritzen zu therapieren versuchten. Vergeblich. Zur Ablenkung sollte ich ein Instrument spielen lernen, zu Hause, im Haus. Alleine durfte ich noch nicht einmal einen Schritt in den Garten, damit mir ja nichts passiere.

Niemand kam auf die Idee, für mich Bilder, Zeichnungen und andere Ereignisse, die man mit den Augen wahrnimmt, anschaulich zu formen und mir so die Welt näher zu bringen - nicht in Worten und schon gar nicht mit den taktilen Bilderbüchern, wie es sie heute gibt. Dabei werden die Bilder der Vorlagen mittels strukturierter Materialien wie zum Beispiel Sandpapier mit verschiedenen Körnungen in fühlbare Bilder umgesetzt. Auch Stadtpläne für Blinde werden hergestellt. Wer hier in der Bundesrepublik als Blinder lebt, weiß die Hilfen zu schätzen, die ein "normales" Leben möglich machen, zumindest erleichtern.


Ein Pastor liest Kinder auf



In meinem Heimatland gab es in den vierziger und fünfziger Jahren keine Schulen für Blinde. Ich ging in eine Regelschule, hörte zu - und kam kaum mit. Weder meine Mitschüler noch die Lehrkräfte konnten sich vorstellen, dass es möglich sei, einem Nicht-Sehenden Gegenstände und Geschehnisse begreiflich zu machen.

Erst als meine Eltern mich zur Behandlung nach Deutschland schicken wollten, erfuhren wir von einer deutschen Blindenschule in Isfahan. Dort sollte ich etwas Deutsch lernen, um mich mit den deutschen Ärzten und Schwestern verständigen zu können. Ich lernte mehr. Ich fühlte eine Landkarte und lernte die Blindenschrift, die der mit drei Jahren durch einen Unfall erblindete Franzose Louis Braille 16-jährig ersonnen hatte. Weltweit erinnern jetzt die Blindenorganisationen an die geniale Erfindung dieser Schrift vor 175 Jahren, mit der nichtsehenden Menschen das Tor zu den geistigen Gütern aufgestoßen wurde.

Die Blindenschule in Isfahan, in der ich eine Ahnung von Bildungsmöglichkeiten für meinesgleichen bekam, wurde gegründet von dem 1876 in Rheydt am Niederrhein geborenen Pfarrer Ernst Jacob Christoffel. Er war einer der ersten Menschen, der sich um das Los Schwerstbehinderter in den ärmsten Ländern kümmerte. 1908 gründete er im türkischen Malatia eine Schule für blinde, gehörlose und körperbehinderte Kinder, die er von der Straße aufsammelte. Nach dem Ersten Weltkrieg dehnte er seine Arbeit auf Iran aus. Während des Zweiten Weltkriegs schlossen die Alliierten die Schulen und internierten Pastor Christoffel. Nach Kriegsende führten die Engländer die Schule in Isfahan als Bildungsstätte für blinde Mädchen. Christoffel kehrte 1951 nach Isfahan zurück und gründete erneut eine Schule, eine für Jungen. Beide Schulen wurden übrigens von den islamischen Fundamentalisten nach ihrem Sieg 1979 geschlossen. "Lieber sollten die Schwerstbehinderten auf der Straße enden, als ihre Seele den Gottlosen zu verkaufen", lautete die Begründung.

In der Zeit, in der ich die Christoffel-Schule besuchte, erlebte ich blinde und andere schwerstbehinderte Kinder und Männer, die sich hier wie Könige fühlten. Sie gehörten zum Bruchteil der gehandicapten Menschen, die im Gegensatz zu Millionen ihrer Schicksalsgefährten in dieser Weltregion nicht im Straßengraben nächtigen und sich nicht von ihnen zugeworfenen Brosamen ernähren mussten. Sie lernten, sich zu pflegen, ihre Betten auf dem Boden auszubreiten, sie morgens wegzuräumen, damit Bänke und Tische Platz hatten; sie lasen und schrieben in Brailleschrift, lernten Bürsten und Besen binden, Stühle und Körbe flechten. Sie hatten Menschenwürde.


Ein Mangel an Takt



In mir, dem behüteten Kind begüterter Eltern, dem es nicht an leiblichem Wohl fehlte, erweckte diese Schule den Hunger nach Bildung und Selbstständigkeit. Deshalb entschied ich mich 1958, nachdem die deutschen Augenärzte unisono meine Blindheit als unheilbar diagnostiziert hatten, nicht mit meinem Vater zurückzugehen. 16-jährig begann ich in Deutschland ein neues Leben, besuchte eine Blindenschule in Stuttgart, absolvierte die zweieinhalbjährige Ausbildung zum staatlich geprüften Masseur und medizinischen Bademeister - ein Beruf, den blinde oder stark sehbehinderte Menschen ohne fremde Hilfe ausüben können und der mich mit vielen Menschen zusammenbrachte, denen ich helfen konnte und die wiederum mich bereicherten.

Meine weitere Entwicklung verdanke ich dem Glück, Menschen getroffen zu haben, die mir eine Chance zur Bewährung gaben. Meine sehbehinderte Frau gehört ebenso dazu wie Menschen, die mir beim Studium Anfang der 70er Jahre, bei der Ausbildung zum Verwaltungsfachmann und Journalisten halfen.

Natürlich gab es auch Situationen, in denen ich mit meinem Schicksal gehadert habe. Zum Beispiel, als ich an einem Wintertag mit meinem weißen Stock von der U-Bahnstation in Richtung meiner Arbeitsstelle wollte und an der unübersichtlichen Kreuzung eine halbe Stunde warten musste, bis mir jemand anbot, mich über die Straße zu bringen, und mich dann allein ließ, vielleicht nur zwei Meter neben meinem gewohnten Weg, und ich zwischen Autos umherirrte.

Der weiße Stock gilt weltweit offiziell als Schutzzeichen blinder Menschen im Straßenverkehr. Um dies ins öffentliche Bewusstsein zu rücken, wird seit 1974 der "Tag des weißen Stockes" begangen. Doch noch häufig wird auf Menschen ohne Sehkraft wenig Rücksicht genommen; ja, es wird wieder rauer auf den Gehwegen, in Zügen, U-, S- und Straßenbahnen. Nach wie vor begegnen Blinde Vorbehalten, insbesondere bei der Arbeitssuche. Und wie oft geht man wortlos an uns vorbei, in der irrigen Annahme, dass wir es schon nicht bemerken werden.

Weil ich weiß, dass viele Missverständnisse zwischen Sehenden und Blinden wegen des Fehlens von Blickkontakten entstehen, spreche ich als erster die anderen an. Meistens klappt die Kommunikation. Oft klappt sie aber dort nicht, wo man es am wenigsten vermutet, nämlich bei Ärzten, in Behörden und in Geschäften. Egal, wie wortgewandt wir Menschen ohne Sehkraft uns auch äußern, immer wieder wird unsere Begleitung angesprochen. Als gäbe es uns gar nicht.

Wahrscheinlich würde solche Gedankenlosigkeit, würde dieser Mangel an Takt, würden die vielen Missverständnisse und Verkrampfungen im Umgang zwischen Menschen mit und ohne Augenlicht - überhaupt zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen - erst gar nicht entstehen, wenn beide nicht voneinander getrennt aufwüchsen, sondern gemeinsam Kindergarten, Schule Universität und Ausbildungsstätten besuchten. Und wenn viele schwerstbehinderte Menschen das Glück, die Hilfe und Unterstützung erfahren könnten, die mir zuteil geworden sind. An Fähigkeiten, Kreativität, Einsatzwillen, Energie und Tatkraft mangelt es ihnen ganz bestimmt nicht.

(aus: Süddeutsche Zeitung vom 14. Oktober 2000, SZ am Wochenende Seite VI)

Zurück zum Inhalt von 6/2001 |horus im Überblick

[Startseite]  Startseite  | [Kontakt]  Kontakt  | [Impressum]  Impressum | [Hilfe]  Hilfe