Dr. Hartmut Mehls: Doch die nicht sehen, zählt man nicht! - Die Notwendigkeit einer zuverlässigen Statistik über Blinde und Sehbehinderte

Das Bundesamt für Statistik brachte im Juli 2001 als Spitzenmeldung: Die Bundesrepublik importierte im Jahre 2000 für 219,4 Millionen DM Melonen. Davon waren 111,7 Millionen DM für Wassermelonen ausgegeben worden, die mit 25 Kilokalorien je 100 Gramm deutlich weniger Nährwert als Honigmelonen enthalten. Können Sie sich wichtigere Angaben vorstellen- Ich wohl. Aber die Statistik der Bundesrepublik hat für Sie durchaus noch ähnliche Nebensächlichkeiten auf Lager. Aber wie steht es mit zuverlässigen Daten für die Planung im Blinden- und Sehbehindertenwesen.

Wie viele Bürger der Bundesrepublik blind oder sehbehindert sind, das ist ein Geheimnis. Oder existieren gar keine Zahlen- Jedenfalls sind wir auf Vermutungen und Schätzungen angewiesen. Doch wo gibt es Anhaltspunkte für die für uns wichtigen Daten-

Der Deutsche Blinden und Sehbehindertenverband (DBSV) geht in seinen Überlegungen von 155.000 Blinden und über eine halbe Million Sehbehinderten aus. Ich persönlich zweifle diese Zahlen an und setze sie mit wenigstens 30.000 Blinden weniger an. Das ist jedoch in dem hier behandelten Zusammenhang unwichtig, weil die eine wie die andere Angabe Vermutung bleiben muss, solange das Statistische Bundesamt statt der blinden und sehbehinderten Menschen Melonen zählt.

Es gibt kaum Anhaltspunkte für zuverlässige Schätzungen. Das Blinden- und Sehbehindertenwesen benötigt aber exakte Daten, um daraus eine zielgerichtete Sozialpolitik, Sehgeschädigtenpädagogik und Augenheilkunde ableiten zu können.

Mit der Entstehung der Blindenbildung in Deutschland am Anfang des 19. Jahrhunderts erhoben die Blindenlehrer, Augenärzte, Sozialpolitiker und - nicht zu vergessen - die Pioniere der Blindenselbsthilfe die Forderung nach sicheren statistischen Angaben über Blinde, ihre Gliederung nach Altersgruppen und Erblindungsursachen. Sie gingen von den folgenden Überlegungen aus:



  1. Eine maximale Erziehung blinder Kinder kann nur erfolgen, wenn bekannt ist, wie viele blinde Kinder es überhaupt gibt.

  2. Eine umfassende Arbeitsbeschaffung für Blinde ist ohne Kenntnis über die Zahl der Betroffenen unmöglich.

  3. Die gleiche Voraussetzung gilt für die Spät- und Altersblinden, wenn eine solide "Blindenfürsorge von der Wiege bis zur Bahre" betrieben werden soll, wie M. Pablasek schon 1867 in seiner programmatischen Schrift forderte.

  4. Differenzierte Angaben über Erblindungsursachen sind erforderlich, um zielgerichtet Augenkrankheiten bekämpfen zu können bzw. Schwerpunkte in der medizinischen Forschung zu setzen.


Es ging den Altvorderen eindeutig darum, dem Blindenwesen eine wissenschaftliche Grundlage zu geben. Dabei kamen sie in ihrer Forschung zu beachtlichen Resultaten. Allerdings hatten sie auch bessere Vorleistungen durch die Statistik als wir heute.

Der preußische Staat zählte seine Blinden bereits in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts. Hier fand z.B. G. Freudenberg seine Angaben, um auf ihrer Grundlage 1848 die Gesamtkosten eines zu zahlenden Blindengeldes zu berechnen. W. Lachmann aus Braunschweig versuchte auf der Grundlage von statistischen Angaben Häufigkeit und Ursachen der Augenerkrankungen zu erschließen. Autoren aus anderen deutschen Ländern folgten mit ihren Untersuchungen, die heute zum Vergleich herangezogen werden können, falls wir zuverlässige Angaben zum Blindenwesen in der Bundesrepublik erhalten. Denn die letzte exakte Statistik über Blinde in Deutschland stammt aus der Gebrechlichenzählung des Jahres 1925/26. Um einem Haupteinwand gegen die folgenden Zahlen vorzubeugen, nur dies: Der Begriff der Blindheit von 1925/26 war mit demjenigen deckungsgleich, der noch heute in der Bundesrepublik gebräuchlich ist. Daher ist jede Diskussion über den Blindheitsbegriff in diesem Zusammenhang müßig. Damit wären die folgenden Zahlen mit den unsrigen durchaus vergleichbar, obwohl auch bei ihrer Verwendung eine gewisse Vorsicht geboten ist.

Im Jahre 1925/26 lebten in Deutschland etwas mehr als 33.000 Blinde, wovon etwa 3.000 kriegsblind waren.

In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts kam es dann zu relativierenden Einschränkungen, wobei die Zahl um ca. 10.000 nach oben korrigiert wurde. Es handelte sich dabei um Schätzungen, die von den psychischen Wirkungen des Sozialdarwinismus ausgingen. Man vermutete, dass Familien bei der Gebrechlichenzählung ihre blinden Angehörigen verschwiegen haben, damit kein Schatten auf den "gesunden Kern der Sippe" falle. Angesichts der zunehmenden Verbreitung jener Auffassung, dass der Blinde ein "lebensunwertes Leben" habe, besitzt diese Argumentation eine gewisse Wahrscheinlichkeit für die Korrektur; auch Gleichgültigkeit in den ländlichen Gebieten gegenüber der Zählung ist vorstellbar. Ob nun aber 33.000 oder 43.000 Blinde 1925/26 in Deutschland lebten, ist in diesem Beitrag von untergeordneter Bedeutung. Wichtig ist vielmehr: Die Zahl der Blinden stieg in Deutschland während der 75 Jahre von 1925/26 bis 2000 von 33.000 (bzw. 43.000) auf 155.000! Selbst wenn die Angaben 1925/26 zu niedrig und die für das Jahr 2000 zu hoch angesetzt wurden, bleibt noch immer ein Anstieg auf das Drei- bis Vierfache pro 100.000 Einwohner in Deutschland. Das heißt, die Zahl der Blinden stieg nicht nur absolut, sondern auch relativ stark an.

Trotz aller Ungenauigkeit in den Angaben können wir uns um diese Schlussfolgerung nicht herummogeln. Sie wäre nur durch eine zuverlässige Statistik zu widerlegen.

Dieser Sprung von 33.000 auf 155.000 Blinde verweist die verbreitete Auffassung von der sinkenden Blindenrate ins Land der unerfüllten Träume bzw. Illusionen.

Um in diesem Zusammenhang einem anderen Vorurteil zu begegnen, muss festgestellt werden: Die Menschen würden älter, und damit steige der Anteil der Altersblinden an der Gesamtzahl der Blinden. Dieses Argument scheint so undifferenziert nicht zu stimmen. Selbst die spärlichen Angaben über die Altersstruktur der Blinden sagen etwas anderes aus.

Die Statistiken bis einschließlich 1925/26 rechneten mit etwa 70 Prozent Altersblinden. Es ist exakt dieselbe Zahl, von der heute ausgegangen wird! Die Altersstruktur scheint sich während der letzten 200 Jahre nicht wesentlich geändert zu haben. Alle Altersgruppen scheinen im gleichen Maße quantitativ gewachsen zu sein. Was sich jedoch stark veränderte, sind die Erblindungsursachen. Auch qualitative Veränderungen in den Altersgruppen sind nicht zu übersehen. Hier sei nur auf die hohe Zahl der Mehrfachgeschädigten unter den Kindern und Jugendlichen verwiesen. Gibt es zu dieser Erscheinung gesicherte Angaben- Mir sind keine bekannt, obwohl sie für eine Planung der Blinden- und Sehbehindertenpädagogik, aber auch für die Blindenselbsthilfe von größter Wichtigkeit sind. Es kann vermutet werden, dass sich die Altersgrenze der Erblindungen mit der höheren Lebenserwartung und der besseren medizinischen Betreuung auch weiter hinausgeschoben hat. Stieg damit die Zahl der Sehbehinderten im höheren Lebensalter stärker an- Meine Beobachtungen in Berlin-Mitte legen die Vermutung nahe. Wieder Spekulation!

Es führt kein Weg an der Schlussfolgerung vorbei: Die relative und absolute Zahl der Blinden ist in den vergangenen 75 Jahren enorm gewachsen, während sich das Altersverhältnis zwischen den Gruppen nur unwesentlich verschoben zu haben scheint.

Das Blindenwesen der Gegenwart sollte in seiner Aufgabenstellung von dieser Hypothese ausgehen, solange keine exakten Zahlen vorliegen.

Dass es bei den Erblindungsursachen in den vergangenen zwei Jahrhunderten gravierende Verschiebungen gab, liegt auf der Hand. Einige Erblindungsursachen in Mitteleuropa, die noch um 1800 zu den Geißeln der Völker gehörten, sind gegenwärtig verschwunden. Zu ihnen gehören unter anderem Blattern, Blennorrhoe, Glaukom, grauer Star usw. An ihre Stelle traten neue Augenkrankheiten, die die Zahlen nach oben trieben.

Meine Thesen - und um mehr als um Behauptungen handelt es sich angesichts der Zahlen und des Forschungsstandes bei dem vorliegenden Text nicht - gehen davon aus, dass es gegenwärtig wesentlich mehr als 100.000 Blinde in Deutschland gibt. Bei einer so erschreckenden Zahl wird es höchste Zeit, Schlussfolgerungen für die Strategie in allen Bereichen des Blindenwesens zu ziehen, d.h. für die Blindenbildung, -selbsthilfe, -fürsorge im weitesten Sinne und die Augenmedizin. Diese vier Bereiche müssen als Ganzheit betrachtet und mit Fakten unterfüttert werden. Es muss von einer Politik des Gefühls und der Vermutungen zu einer solchen der Sachlichkeit übergegangen werden.

Noch komplizierter und undurchschaubarer wird die ganze Materie des Blinden- und Sehbehindertenwesens, wenn die Sehbehinderten in die wissenschaftliche Betrachtung umfassend miteinbezogen werden. Es beginnt bei der Abgrenzung gegenüber den Sehenden - auch dies ohne Gefühlsaufwallungen - und reicht über die spezifische Fürsorge bis zur zahlenmäßigen Erfassung. Es ist auch hier zukünftig erforderlich, "dickere Bretter zu bohren"!

Wollen wir nicht "Spielwiesen" für einzelne Gruppen unter den Blinden und Sehbehinderten schaffen, sondern auch eine ernsthafte Politik für die Gesamtheit der Blinden und Sehbehinderten und für jeden einzelnen von ihnen betreiben, dann müssen wir die Probleme umfassend angehen. Das setzt aber genaue Kenntnisse über die Bedürfnisse der Blinden und Sehbehinderten voraus. Wie sollen diese aber gewonnen werden, wenn wir weder Umfang noch Gliederung der Gruppen kennen-

Das Blinden- und Sehbehindertenwesen interessiert nicht der "Datenmüll" z.B. über Melonen, sondern es benötigt genaue Angaben über lebenswichtige Fragen ihrer Klientel. Dies ist für die Blinden- und Sehbehindertenbewegung eine zentrale Voraussetzung, um ihre Kreise umfassend vertreten zu können. Das Argument vom Datenschutz überzeugt mich nicht. Es ist nicht nur völlig durchlöchert, sondern verkehrt sich auch im Kern gegen die Gruppe der Blinden und Sehbehinderten. "Datenschutz" dient in unserem Falle nur als Feigenblatt für ... ja, wofür- Die Gesellschaft wird undurchschaubar, wenn Melonen eine Spitzenmeldung im Statistischen Bundesamt darstellen!

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