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Margit Wehr: Ich kann nicht sehen, was soll ich machen - Ganz persönliche Betrachtungen zu einem heißen Thema

Zu meiner Person:



Ich heiße Margit Wehr, geborene Kreiner. Von 1970 bis 1974 war ich Schülerin der Blista. Anschließend studierte ich als erste blinde Studentin der Fachhochschule für Sozialwesen in Würzburg Sozialpädagogik. Ergänzend dazu machte ich Ausbildungen in klientenzentrierter Gesprächsführung nach Karl Rogers, Gestalttherapie nach Fritz Pearls, tiefenpsychologischer Krisenintervention bei Dr. W. Stobel und die Meisterprüfung in Reiki.

Von 1980 bis 2000 arbeitete ich in der Frauenberatungsstelle des Sozialdienstes Katholischer Frauen im Bereich Lebens- und Sozialberatung. Seit einem Jahr habe ich meine eigene Beratungspraxis, "Beratung in Lebenskrisen". Lebenskrisen sind u.a. Trennung/Scheidung, persönliche Konflikte, schwere Erkrankungen, Tod bzw. Verlust von Angehörigen usw. Ziel meiner Arbeit ist es, die Menschen durch meine fachliche und persönliche Kompetenz zu befähigen ihre Gefühle wahrzunehmen, sie anzunehmen und sie auszudrücken.

Ich vergleiche dies mit dem Vorgang des Lichteinschaltens, damit das, was im Dunkeln liegt, gesehen werden kann. Gleichzeitig unterstütze ich den Menschen verborgene Kraftpotentiale zu aktivieren, um aktiv das "Zimmer" aufräumen zu können. Hiermit ergibt sich als weitere Zielsetzung eine Neuorientierung und das Finden eines für ihn/sie ganz persönlich richtigen Weges, d.h. der Mensch kann das "Zimmer" zu seinem Wohl und seinen Notwendigkeiten gestalten.

Aus der Erfahrung, dem Wissen und dem Glauben heraus, dass aus jeder Dunkelheit ein Weg ins Licht führt, sind die folgenden Betrachtungen entstanden.


"Ich kann nicht sehen, was soll ich machen?"

Genau vor 32 Jahren lag ich in den Juli-Tagen als Teenager nach einem Unfall im Krankenhaus. Als ich aus dem Koma erwachte und vergeblich den Lichtschalter suchte, sagte man mir, dass ich blind sei. Da war niemand, der meinem Entsetzen und meinem emotionalen Schock gewachsen war. Im Gegenteil! Ich spürte sehr schnell, dass es an mir war, meinen Eltern, meinen Angehörigen beizustehen, um mit der Situation meiner Erblindung fertig zu werden. So stellte ich mir sehr bald die Frage "Ich kann nicht mehr sehen, was soll/kann ich jetzt machen?"

Alle Gefühle, die ich hatte, packte ich symbolisch in Kartons. Dann schloss ich die Kellertüre und drehte den Schlüssel zweimal um. Im Außen biss ich die Zähne zusammen und krempelte die Ärmel hoch. Natürlich würde ich das alles schaffen! So schlimm war es ja auch nicht blind zu sein! Andere hatten es ja auch geschafft! Mitleid war eh das Schrecklichste was ich mir vorstellen konnte.

Als erstes musste ich meine Familie verlassen, um nach Marburg zur Umschulung zu gehen. Wie gut, dass mein innerer Abstellraum noch viel viel Platz für weitere Päckchen hatte.

Ich erinnere mich noch sehr deutlich daran, wie ich in meinem Zimmer im Schlag 1 alleine auf dem Bett saß, als meine Eltern weggefahren waren. Wahrscheinlich fühlt man sich so, wenn man ganz allein auf dem Mond ist und die Rakete, die einen zur Erde zurückbringen soll, weg ist. Da war niemand, der diesen Schmerz mit mir teilen konnte, und irgendwo wollte ich es auch nicht. Es war ja alles nicht so schlimm und ich schaffe ja immer alles.

Ganz besonders stolz war ich, wenn die anderen es nicht merkten, dass ich blind bin. Wenn sie mich für ganz normal hielten. Normal, das hieß damals für mich, so zu sein wie alle anderen, wie die Sehenden. Auf keinen Fall wollte ich ausgeschlossen sein, anders sein. Natürlich barg dieser Schein auch Gefahren und ich war in ständiger Angst, wie die anderen wohl reagieren würden. Einmal habe ich es erlebt - auf einer Faschingsparty -, dass ich zum Tanzen aufgefordert wurde, und als der Tanz vorbei war und ich den Jungen bat, mich zum Platz zurückzubringen mit der Begründung "ich könne ein bisschen schlecht sehen", ließ er mich vor Schreck einfach auf der Tanzfläche stehen. Und wieder ein Päckchen! Langsam wurde mein Abstellraum immer voller. Meine ganze Energie war darauf gerichtet zu machen, zu leisten, zu beweisen, dass die Blindheit für mich absolut kein Handicap ist. Und dass man sogar noch besser sein kann als die Sehenden.

Wenn ich jetzt auf diese gut 30 Jahre zurückblicke, dann habe ich wirklich erstaunlich viel geleistet! Bei manchen Dingen wundert es mich im Nachhinein, wie das überhaupt möglich war; z. B. Mobilitätstraining war damals noch in den Babyschuhen, und trotzdem musste man ja zur Vorlesung kommen. Oft sagen mir Menschen, "du kannst wirklich stolz auf dich sein" und ich bin auch stolz auf mich! Was mich inzwischen jedoch wirklich zufrieden macht, d.h. in Frieden mit mir, meinem Leben, meiner Behinderung, das sind nicht oder nicht nur all diese Leistungen.

Meine wahre Integration begann, als ich bereit war, die Kellertüre aufzuschließen und mich mit dem Satz "ich kann nicht sehen" wirklich auseinander zu setzen. Eher gezwungen durch meine therapeutischen Ausbildungen als tatsächlich aus freien Stücken, beschäftigte ich mich mit meiner Ohnmacht, meiner Hilfsbedürftigkeit, mit dem "ich kann nicht" und was das für mich bedeutet, also mit all den Dingen, auch mit denen, die ich nicht machen konnte. Mir wurde z. B. bewusst, dass meine Erblindung in die ganz spezifische Struktur meiner Familie gefallen war. Es war bei uns ein unausgesprochenes Gesetz, dass man Hilfe von anderen vermeiden sollte, und dass man perfekt sein sollte. Jetzt konnte ich plötzlich verstehen, warum es für mich gar so schrecklich war, um Hilfe zu bitten. So deutlich, als wäre es gestern gewesen, erinnere ich mich daran, wie ich nach etlichen Stunden meiner Lerntherapie aus ganzem Herzen den Satz sagen konnte: "Ich muss mich nicht dafür entschuldigen, hilfsbedürftig zu sein."

Dieser Satz, wirklich aus dem Herzen empfunden und nicht nur aus dem Kopf, hat mein Verhalten radikal verändert. Bis dahin war ich Menschen gegenüber, die mir Hilfe anboten, abweisend bis verletzend arrogant gewesen. Von da an war es mir möglich, mir dankbar helfen zu lassen, ohne mich dabei klein und gedemütigt zu fühlen. Die Bewusstwerdung war der notwendige Schritt zur Befreiung. Es ist so, wie wenn in ein dunkles Zimmer Licht fällt, die Fensterläden zurückgezogen sind und man die Dinge erkennen kann. Erst dann kann ich mich entscheiden, ob diese Dinge mich unterstützen oder behindern und ob ich sie behalten will oder loslasse.

Lieber Leser, liebe Leserin, fragen Sie sich inzwischen, was das alles soll und warum ich Ihnen all diese intimen Dinge erzähle- Auslöser für diese Zeilen ist ein Gefühl, welches ich immer bekomme, wenn ich die Zeitschrift "horus - Marburger Beiträge" lese. Es ist eine Empfindung von Beklemmung, und ich muss dann erst einmal tief Luft holen. All dieses viele Wissen, diese großen Leistungen, allein zu Pferd durch Tibet, mobil nach Hawaii, Führerschein für Blinde, halt, stopp, nein das gibt es noch nicht und auch keinen selbsttätigen Rasenmäher. Und trotzdem, so viel geistige Kraft, so viel Anstrengung, so viel Rationalität.

Bin ich die Einzige unter all den Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf, die ihre Blindheit nicht so gefühlsneutral wahrnehmen kann- Die Einzige, für die nicht sehen können auch bedeutet, sich ohnmächtig zu fühlen, traurig zu sein, sich eingeengt zu fühlen und manchmal auch saumäßig wütend zu sein. Wenn das nicht so ist, warum ist es dann kein Thema- Ist es ein Tabu, darf man als guter Behinderter solche Gefühle nicht haben, oder sie auf alle Fälle nicht zeigen, ist es ein Verbrechen in unserer coolen Gesellschaft, wo jeder immer gut drauf sein muss, auch mal "sad" zu sein, auch mal schwach zu sein, nicht 100%ig leistungsfähig zu sein.

Wer zeigt schon gerne seine Ängste, seine Schmerzen, seine Schwächen, seine Tränen. Das ist wirklich kein behindertenspezifisches Problem! Es ist ein Ausdruck unserer Zeit, unserer Gesellschaft. Und wir, die wir die Möglichkeit haben, den Mitmenschen zu zeigen, dass die wirklichen Werte ganz woanders liegen, wir machen diesen Kampf mit.

Tun wir es bewusst, in voller Absicht und aus freier Entscheidung, oder tun wir es aus Angst und aus Selbstunsicherheit- Ich finde es langweilig immer nur in der Sonne bei 25 Grad im Schatten zu leben. Natürlich ist ein kühler nebeliger November-Morgen im ersten Gefühl unangenehmer, aber trotzdem, gehört das nicht alles zusammen: Wärme und Kälte, Tag und Nacht, Licht und Schatten, Frühling und Winter, Helligkeit und Dunkelheit.

Auch jeder Mensch hat zwei verschiedene Seiten in sich, ist zweipolig. Er hat zwei verschiedene Körperhälften und zwei verschiedene Gehirnhälften. Links ist die sogenannte männliche Gehirnhälfte, die analytische, und rechts die weibliche, intuitive. Beide kreuzen sich zwischen den Augenbrauen und die linke Hirnhälfte ist der rechten Körperseite und die rechte Hirnhälfte der linken Körperseite zugeordnet.


Jede hat ihre speziellen, ganz spezifischen Aufgaben.



Die linke Hirnhälfte ist für zergliedern, aufteilen, erforschen, berechnen, Informationen sammeln, machen, im Außen aktiv sein, also auch nach außen sehen, zuständig. Bei Problemen fragt sie immer "warum". Mathematik, Physik, Chemie, alles was nachgewiesen/berechnet werden kann, gehört zu ihr.

Die rechte Gehirnhälfte, die weibliche, ist verantwortlich für ein übergreifendes, ganzheitliches Wahrnehmen, das sogenannte analoge Weltbild, erfahren durch spüren und ahnen, fühlen, mit dem inneren Auge sehen. Bei Problemen stellt sie die Frage "wie ist es-". Sie ist aktiv, wenn wir z.B. einen Raum betreten und sofort spüren, welche Stimmung in diesem Raum ist. Das äußere Sehen ist für sie unwichtig. Sprachen, Philosophie, Religion und Metaphysik werden durch sie erfasst.

Arbeiten beide Hälften, d.h. jede für sich ist etwas Halbes, also nur wenn beide gleichberechtigt und gleichwertig harmonisch zusammenarbeiten wie ein gutes Ehepaar, dann ist der Mensch in Frieden mit sich und der Welt und im geistigen, körperlichen und seelischen Gleichgewicht - trotz physischer Begrenzungen, wie z.B. Blindheit.

Ist eine Seite übergewichtig, hat mehr Macht, meistens die linke, ist die andere unterdrückt und ohnmächtig, so besteht eine Spannung, ein Kampf, was im Extremfall zu psychosomatischen Erkrankungen und Beschwerden wie Bluthochdruck, Kopfschmerzen, Nacken- und Schulterschmerzen usw. führt. Man fühlt sich einfach nicht richtig glücklich und zufrieden.

Zurück zu verschnürten Päckchen im Keller. Gibt es sie oder gibt es sie nicht- Haben Sie auch welche, möchten Sie sie weiter lagern oder möchten Sie sie öffnen- Kennen Sie das Gefühl von Ohnmacht Ihrer Blindheit gegenüber, fast so als wäre sie ein Feind- Haben Sie auch manchmal das Gefühl, die üben Macht auf Sie aus und Sie wagen es nicht NEIN zu sagen- Wie empfinden Sie gegenüber einer höheren Macht, z.B. Gott: Fühlen Sie sich von ihm bestraft oder ist alles nur verdammt ungerecht- Wie kann ich mir einen Partner suchen, da ich ja mit den Augen nicht flirten kann, oder muss ich warten bis ich gefunden werde.

Wie geht es mir als Frau/Mann, wenn ich erfahre, dass der andere vor meiner Behinderung zurückweicht (siehe oben)- Wie kann ich damit umgehen- Ich glaube, es gibt sehr viele Themen, die es wert sind in Ruhe, z.B. in Workshops oder regelmäßigem Austausch oder auch in dieser Zeitschrift, betrachtet und befühlt zu werden. Als allererstes jedoch muss eine Frage beantwortet werden: Bin ich die Einzige unter all den Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf, die so fühlt und denkt, und die sich mehr Achtung, Interesse und Raum für die rechte Seite in uns wünscht?

Ich freue mich über jegliche Art von Resonanz, auch Kritik, aber bitte schicken Sie mir nichts in Punktschrift. Vielen Dank und herzliche Größe an Sie alle.

Margit Wehr, Oberer Kühlenberg 30, 97078 Würzburg, Tel.: 0931/2.55.73, Internet: Margit Wehr Regenbogenhaus, E-Mail: regenbogenzentrum@gmx.de

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