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Petra Menke: Wenn Blindsein kein großes Handicap ist

Nach seinem Studium in Marburg verlegte der blinde Jurist Rainer Krauser den Wohnort nach Frankfurt, um in der Bankenstadt sein Referendariat zu absolvieren. "Für mich war dies ein weiterer Schritt in die Selbstständigkeit und eine strategische Entscheidung", sagt der 31-Jährige rückblickend. Sein Ziel: In der Wirtschaft Fuß zu fassen. Rainer Krauser hat es geschafft. Seit Januar arbeitet er in der Konzernabteilung der DZ Bank in Frankfurt.

"Es ist eine Erfolgsstory", sagt Dr. Jörg Schieber, Abteilungsdirektor "Konzern" bei der DZ Bank. Anfang des Jahres holte er sich den blinden Juristen Rainer Krauser zur Verstärkung der Abteilung Konzern. Eine mutige Entscheidung, die Schieber nicht bereut hat. Ganz im Gegenteil sogar. Als "hochmotiviert und sehr kompetent" charakterisiert er seinen juristischen Referenten, der im Bereich der Internationalen Rechnungslegung mitarbeitet und Grundsatzfragen des Bilanzrechts bearbeitet.

Die Geschichte begann Ende des vergangenen Jahres eher ernüchternd. Dass hochqualifiziertes Personal immer schwerer zu bekommen ist, musste auch der Abteilungsdirektor erfahren. Stellenausschreibungen in überregionalen Zeitungen brachten bei der Suche nach einem juristischen Referenten nicht den gewünschten Erfolg, sondern nur die Feststellung: "Juristen sind trotz Arbeitslosigkeit oft nicht bereit, sich in wirtschaftliche Themen einzuarbeiten." Da blieb nur eines: das Spektrum der Bewerber erweitern.

Schieber lag zu diesem Zeitpunkt nämlich auch die Bewerbung eines blinden Juristen mit dem gewünschten Anforderungsprofil ("Jura, Wirtschaft, Englisch") vor. Rainer Krauser hatte bei der elektronischen Stellenbörse der Stiftung Blindenanstalt Frankfurt am Main erfahren, dass in der Konzernabteilung der DZ Bank eine Stelle zu besetzen ist und seine Bewerbungsmappe eingereicht. Durch Fernsehberichte wusste der Abteilungsdirektor, dass dank modernster Informations- und Kommunikationstechnologien blinde Menschen heutzutage dieselben Arbeitsleistungen erbringen können wie sehende Kollegen. Schieber wollte sich aber selbst ein Bild davon machen.

Er nahm sich die Zeit ("wenn ich Bewerbungen sichte, Vorstellungsgespräche führe oder einen Headhunter einschalte, kostet das auch Zeit"), fuhr zur Stiftung Blindenanstalt und ließ sich dort die Technik an einem PC-Arbeitsplatz für Blinde vorführen und erklären. Das Gesehene überzeugte ihn, und Rainer Krauser erhielt eine Einladung zum Vorstellungsgespräch.

Dem Juristen, der sein Studium in Marburg mit dem ersten, und sein Referendariat in Frankfurt mit dem zweiten Staatsexamen abgeschlossen hat, ist dieser Termin in angenehmer Erinnerung geblieben: "Ich war trotz meiner Blindheit ein gleichberechtigter Bewerber und hatte im Auswahlverfahren dieselbe Chance wie jeder andere." Dass Chefs derartig aufgeschlossen sind und Blinden ohne Vorurteile begegnen, ist eher die Ausnahme, weiß Krauser aus Erfahrung. Normalerweise drehe sich bei Vorstellungsgesprächen alles um das Leben mit dem Handicap, weniger um die fachliche Qualifikation.

"Herr Krauser ist offensiv aufgetreten und hat mir im Vorstellungsgespräch angeboten, dass ich ihm zwei fachliche Aufgaben stellen kann", erzählt Schieber. Das habe ihn beeindruckt, zumal er die "überzeugenden Lösungsvorschläge" zwei Tage später in seinem E-Mail-Postfach vorfand. Rainer Krauser bekam den Job. "Es war aber keine Einstellung aus Mitleid, einzig und allein die Qualifikation war entscheidend", betont der Abteilungschef ausdrücklich.

Natürlich gab es anfangs auch Berührungsängste auf beiden Seiten, geben Chef und Mitarbeiter ehrlich zu. Da ging es weniger um fachliche, als um menschliche Fragen. Wie gebe ich einem Blinden die Hand, wie viel Hilfe benötigt der neue Kollege, wie biete ich ihm Hilfe an, wie findet er sich im Haus zurecht- "All diese Fragen und Unsicherheiten lassen sich nur durch Offenheit von beiden Seiten lösen", ist Schieber überzeugt.

Wie immer und überall, wo Menschen sich ein Büro teilen, kann es zu kleineren Konflikten im täglichen Zusammenleben kommen. Um diese aber bereits im Vorfeld zu vermeiden, hat Rainer Krauser schon beim Vorstellungsgespräch darauf hingewiesen, dass sein Computer mit einer Sprachausgabe ausgestattet ist. Diese spezielle Software für Blinde setzt Bildschirmtexte mit einer für Ungeübte kaum verständlichen, modulationsarmen Stimme in Sprache um. Deshalb hat Krauser sogleich angeboten, mit einem Kopfhörer zu arbeiten, damit sich der Kollege nicht gestört fühlt und ebenfalls konzentriert arbeiten kann. Seit knapp einem Jahr ist der juristische Referent nun bei der DZ Bank. Im Team ist er voll integriert, seine Blindheit ist in der Abteilung und in der DZ Bank längst kein Thema mehr.

"In großen Unternehmen gibt es genügend "elektronische Arbeit" und somit viele Aufgabenbereiche, in denen Blinde oder Sehbehinderte hervorragend und absolut vollwertig mitarbeiten können", macht Schieber anderen Arbeitgebern Mut, auch einmal über die Einstellung von blinden Mitarbeitern nachzudenken. Damit die Integration in den Arbeitsablauf funktioniere, müsse der Bewerber aber nicht nur ins Team passen, sondern Arbeit und Arbeitsumfeld müssten für den blinden Kollegen optimal organisiert sein. Grundvoraussetzung hierfür ist ein speziell ausgestatteter PC- Arbeitsplatz. Die Kosten hierfür - etwa 50.000 bis 60.000 Mark - werden vom Arbeitsamt beziehungsweise den Hauptfürsorgestellen übernommen. ...

Quellenangabe: Petra Menke, Redaktion IHK WirtschaftsForum, E- Mail: menke@frankfurt-main.ihk.de, Unternehmerjournal der IHK Frankfurt am Main, Ausgabe 11/2001, S. 24 f.

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