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Michael Herbst: Nichts Genaues weiß man nicht. Die Deutsche Bahn, ihre Tarife und ihre blinden Fahrgäste

Bahn-Chef Hartmut Mehdorn gibt gerne Pressekonferenzen. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass sein Unternehmen mit immer neuen Informationen für den schwunghaften Betrieb jener Druckmaschinen sorgt, deren Herstellung ehedem in Heidelberg Mehdorns Profession war. Viele innovative Ideen werden kommuniziert, und auch wenn der blinde Bahn-Vielfahrer längst weiß, dass nicht alles auch gleich umgesetzt wird, ein leises Schaudern beim Aufnehmen von Vorhaben, wie der obligatorischen Platzkarte in Fernzügen angedenk für ihn unsichtbarer Wagen- und Platznummern gehört fast schon zu seinem Alltag.

Den großen Wurf kündigte die Deutsche Bahn AG (DB AG) im letzten Sommer an: Sie präsentierte die vorläufigen Eckpunkte einer hoffentlich runden Sache - der Tarifstrukturreform der Bahn. Ab Dezember 2002 soll sie kommen, die Bahn gegenüber ihren Mitbewerbern konkurrenzfähiger machen, mehr Menschen zum Zugfahren überreden und den derzeitigen DB-Tarifdschungel roden. Im Mittelpunkt der Überlegungen die BahnCard, jenes Plastikkärtchen, das Junioren, Senioren, Familien und Behinderten seit 1979 und dem Rest der Republik seit 1992 Bahnfahren zum halben Preis ermöglicht. Künftig soll sie zwar etwa genauso teuer sein, aber nur noch halb so viel Rabatt erzielen. Da war es wieder, das leise Schaudern des Bahn-Vielfahrers.

Der war in Gestalt des Autors dieser Zeilen inzwischen aus dem Verkehrsbereich kommend in der Blindenselbsthilfe angelangt und nahm sich des Themas an. Es galt die Frage zu beantworten, was die Reform Blinden und Sehbehinderten in Studium, Beruf und Ruhestand an Vor- und/oder Nachteilen bringt und welche Verbesserungsvorschläge ggf. zu machen wären. Doch die Anfrage des DVBS an die DB AG ging dort zunächst auf eine hausinterne Wanderschaft und ist mittlerweile bei der Arbeitsgruppe Preisbildung in Frankfurt angekommen. Dort harren die sechs konkreten Fragen seit Anfang Dezember 2001 nunmehr ihrer Beantwortung, und der Autor dieser Zeilen recherchierte derweil im Internet und bei externen Experten weiter.

Nein, einen Rabatt gäbe es auf die neue wirkungsreduzierte BahnCard für Behinderte künftig nicht mehr, weiß der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) von Marketing-Vorstand Koch höchst persönlich, aber dafür werden Rabatte in Zukunft koppelbar sein. Günstig fährt nach dem Willen der DB AG ab 2003 derjenige, der weit fährt. Im Fernverkehr sollen die Grundpreise um bis zu 25 % sinken. 75 % von 75 % - das wären bei BahnCard- Verwendung und flugverdächtiger Entfernung 56 % des Grundpreises. Teurer als heute, aber man soll ja Rabatte koppeln dürfen.

Also koppeln wir weiter: Günstig, so ist weiter zu erfahren, reist man mit dem "Unternehmen Zukunft" in derselben auch, wenn man sich möglichst frühzeitig auf bestimmte Verbindungen festlegt und die Fahrkarte sogleich reserviert. 10 % Rabatt gibt es für 24, 25 % für 72 und 40 % schließlich für 168 Stunden weniger Spontaneität beim Bahnfahren. Vorausgesetzt, man bleibt von unliebsamen Überraschungen verschont, die einen zwingen, einmal gefasste Reisepläne umzuwerfen. 56 % * 60 % = 33,7 % vom Grundpreis, und das klingt nach Schnäppchen, aber klingt es wirklich unkompliziert?

Doch zurück zur BahnCard: Mit ihr soll man künftig nicht nur Zug, sondern auch Fahrrad und Auto fahren können. Der größte deutsche Verkehrsanbieter schnürt weiter an einem Mobilitätspaket, das man für 60 Euro (2. Klasse) bzw. 120 Euro (1. Klasse) nach bester Microsoft-Manier gleich mit kauft, wenn man verbilligt Zugfahren will. Sonderkonditionen bei Autovermietern, ein eigenes CarSharing- Angebot, Leihfahrräder ... Keine Kaufargumente für blinde Bahn- Vielfahrer, wenn auch richtungsweisende Maßnahmen zur Verkehrsträger-Vernetzung. Der preisliche Knüller der neuen BahnCard ist aber ein Mitfahrerrabatt von 50 %, erklärt der Fahrgastverband ProBahn. Das sind 50 % mehr als sie die Begleiter von blinden Fahrgästen bezahlen - wieder nichts.

Zieht man an dieser Stelle ein Fazit, bliebe festzuhalten: die BahnCard wird für Blinde und Sehbehinderte genauso teurer wie die kurzfristige und flexible Nutzung der DB-Züge. Das klingt nicht gut, wenn man als Blinder oder Sehbehinderter im Berufsleben reisen müssend nicht einmal die Chance hat, das Verkehrsmittel zu wechseln. "Stimmt", sagt Rainer Engel, DVBS-Mitglied und ProBahn- Vorstand, "und der Fragezeichen sind noch mehr." Was passiert, wenn ich den verbilligt reservierten Zug verpasse- Werden die Stammkunden zugunsten potentieller Neukunden gemolken- Als ProBahn solche und andere Fragen öffentlich stellte, stieg die DB AG im letzten November wegen Vertrauensbruch aus der überverbandlichen Tarifkommission aus, die nun ohne das Unternehmen weiter nach guten Tarifen sucht.

Wie sich die Tarifreform für Blinde und Sehbehinderte auswirkt, wird man abschließend erst dann beurteilen können, wenn die Grundpreise bekannt sind. ProBahn weiß nur, dass es keine Kilometerpreise mehr geben soll, sondern Einzelpreise von Bahnhof zu Bahnhof, die die Konkurrenzsituation u.a. berücksichtigen können. Der DVBS wartet gespannt auf Post aus Frankfurt.

Er wird die Angelegenheit zusammen mit dem DBSV weiter verfolgen. Der Weg aus dem Tarifdschungel, so viel ist inzwischen klar, er führt durch ein Gerüchtedickicht. Einiges spricht dafür, dass es der geneigten Öffentlichkeit so gehen könnte wie dem blinden Übergangsreisenden, der in einem langsam fahrenden Zug sitzt. Eine freundliche Stimme teilt ihm via Lautsprecher mit, der Zug befinde sich in der Anfahrt auf den nächsten Bahnhof, und die weiteren Reisemöglichkeiten habe man für ihn im Faltblatt "Mein Reiseplan" zusammengestellt. Er weiß, man hat es gut gemeint, aber wie es weitergeht, wird er konkret erst erfahren, wenn er angekommen ist.

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