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Uwe Boysen: Vorangestellt

Liebe Leserinnen und Leser,

liebe Mitglieder,

wie wir aus der Bibel wissen, scheiterte der Turmbau zu Babel daran, dass Gott die Sprachen der Menschen verwirrte. Sie konnten das Projekt nicht abschließen, weil sie sich nicht mehr verstanden. Nun will ich hier nicht weiter über nicht gebaute oder eingestürzte Türme reflektieren. Auch die Türme auf dem Schachbrett, die, wenn sie einmal aus ihren Ecken heraus gekommen sind, eine erhebliche Macht darstellen, sind nicht mein Thema. Mir geht es um das Verstehen, das Sich-Verstehen. Daran, das wissen wir alle, hapert es bisweilen (wenn nicht öfter).

Zwei Beispiele sind mir in den letzten Wochen aufgefallen, und ich möchte mit Ihnen gern meine Gedanken dazu teilen. "Vielen Blinden und Sehbehinderten fehlen elementare Grundlagen der Kommunikation", so heißt es in einem Artikel des horus (H. 2/02, Punktschrift-Seite 224, Schwarzschrift-Seite 68) zur Notwendigkeit von Theaterarbeit und zu dem geplanten Theaterfestival in Marburg. Grammatisch verstehe ich diesen Satz. Aber verständlich ist er für mich nicht. Sind blinde und sehbehinderte Menschen Autisten, die nur in ihrer kleinen Welt leben und erst mühsam daraus befreit werden müssen? Oder wird hier nur - etwas achtlos - der Versuch unternommen, die unbestreitbaren Vorteile, die das Theaterspiel auch für uns haben kann, plakativ herauszustreichen?

So ungeklärt und unbewiesen darf ein solcher Satz jedenfalls nicht stehen bleiben; denn auf unsere grundsätzliche Kommunikationsfähigkeit bilden wir uns - wie ich finde zu Recht - durchaus etwas ein.

Kommunikationsfähigkeit und das Verständnis für den anderen müssen aber natürlich auch wir immer wieder üben. Mitgliederversammlungen des DVBS, ich gebe es zu, sind dazu nicht gerade der ideale Ort. Wenn sich dort 80 oder 100 intelligente Personen treffen, die zu den besprochenen Themen alle sicherlich etwas Bedenkenswertes zu sagen wüssten, so wird es schwer, sehr schwer, die Balance zwischen formellen Verfahrensweisen, wie sie bei solchen Treffen unerlässlich sind, und spontanen Wünschen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach breiter Diskussion zu halten.

Wahrscheinlich müssen wir uns alle über einen solchen Drahtseilakt noch mehr Rechenschaft ablegen. Vielleicht ist es auch wichtig, am Anfang solcher Veranstaltungen immer noch einmal auf die notwendigen Spielregeln hinzuweisen, damit nicht bei manchen der ungute Eindruck entsteht, nicht ausreichend gehört worden zu sein. Möglicherweise ist es für alle Beteiligten leichter, sich auf solche Anforderungen einzustellen, wenn sie das Gelingen einer solchen Veranstaltung auch als ihre eigene Aufgabe begreifen, zu deren Erfüllung alle beitragen müssen.

Denken wir einmal gemeinsam darüber nach, wie wir dieses Ziel noch besser als bisher erreichen und unsere Versammlungen in diesem Sinne zufriedenstellender organisieren können.

Ihr und Euer

Uwe Boysen

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