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Dr. Pilar Baumeister: Stellungnahme zu Dr. Merkles Dissertation: "Die künstlichen Blinden, blinde Figuren in Texten sehender Autoren" - Stellungnahme

Danke der Deutschen Blindenhörbücherei Marburg, die mir neulich diese im Jahre 2000 veröffentlichte Arbeit schickte; jetzt habe ich die Möglichkeit, mich damit auseinander zu setzen.

Zweierlei motiviert mich dazu, eine öffentliche Stellungnahme dazu zu schreiben: Zum einen scheue ich eine polemische Diskussion nicht, und ich möchte auf Merkles geäußerte Kritik an meiner Dissertation (die ein ähnliches Thema, aber unter ganz anderen Aspekten behandelt) eine ganz klare Antwort geben; zum anderen möchte ich meine eigene Rezeption seines Werkes schildern.

Als M. und ich Ende der 80er Jahre uns ein Mal trafen, war er bereits mit seiner Dissertation beschäftigt, die er erst 1998 abschloss. Schon damals sprach er von der "mythischen Dimension" des Themas, während ich die gesellschaftliche vertrat.

Es ist offensichtlich, dass wir von radikal verschiedenen Ansätzen ausgehen. Für ihn ist die Blindheit ein rein ästhetischer Gegenstand wie der Mond, ein Herbsttag, eine Münze, eine Blume ... In diesem Fall jedoch bezieht sich die Fiktion zufälligerweise auf eine sehr komplexe Realität: auf Millionen von Menschen, die im Laufe der Geschichte von der körperlichen Behinderung und von dem gesellschaftlichen Problem der Blindheit betroffen sind. Natürlich ist das Reich der Literatur eine autonome Welt für sich, die eigenen Gesetzen gehorcht; jedem Sehenden bleibt es freigestellt, sich alles Mögliche über die Blindheit vorzustellen und darüber zu schreiben. Aber der Einfluss der Literatur auf menschliches Denken, der Zusammenhang zwischen dem, was man liest und wie man lebt, darf man nicht gering schätzen.

Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass sich schon so viele Stimmen erhoben haben gegen eine Literatur, die Vorurteile tradiert und verstärkt, wie M. selbst einräumt: "Im frühen zwanzigsten Jahrhundert begannen in Deutschland die systematischen Vergleiche zwischen der sozialen Existenz blinder Menschen und ihren fiktionalen Schatten." Er nennt eine lange Kette von Namen: Anna Pötsch, Max Zodykow, Erich Lotz, August Reuss, Werner Schmidt, Jakob Twersky u.a. Er scheint mir sehr übel zu nehmen, dass meine Arbeit "eine neue Version der alten Vorwürfe" darstellt, dass ich als blinde Germanistin es gewagt habe, die Warnsignale von Pädagogen, Soziologen und Betroffenen in den Bereich der Literaturwissenschaft zu integrieren.

Auch viele Sehende, nicht nur die Betroffenen, haben die Gefahren erkannt. Das zwanzigste Jahrhundert ist sehr reich an Untersuchungen, die Vorurteile aller Art zur Sprache bringen und dadurch zu bekämpfen versuchen, Vorurteile gegen Behinderungen, gegen Nationalitäten, Religionen, Hautfarbe, Geschlecht.

Natürlich ist M. nicht betroffen, und es ist sein gutes Recht, als Literaturwissenschaftler einen anderen Ansatz zu wählen. Was ich nicht gut finde, ist vor allem sein Ausschließlichkeitsanspruch. Auch beengt er die Texte auf nur eine Interpretationsmöglichkeit, und so hat er einige meiner Interpretationen, unbegründet, ohne Analyse von Belegstellen und Zusammenhang, einfach abqualifiziert.

Im Folgenden gehe ich ausführlicher auf die Hauptpunkte seiner Kritik ein:



  1. Er wirft mir (nicht nur mir, sondern auch Albert Esser in seinem Werk "Blindheit in der Antike") Oberflächlichkeit in der Vermischung von mythischen und realen Figuren vor. Er behauptet, ich würde die unterschiedliche Qualität der Bestrafung bei Ödipus und bei Teresias (Selbstbestrafung oder Strafe durch göttliche Hand) nicht berücksichtigen und somit "die verschiedenen Sinnhorizonte der Blindheit" ignorieren. Die verschiedenen Sinnhorizonte der Blindheit habe ich zur Genüge dargestellt. Während M. alle blinden Figuren, sehr verschwommen und undifferenzierend, in die zwei großen Gruppen "die charismatischen Blinden" und "die dämonischen Blinden" unterteilt, bezog ich mich in meiner Arbeit 1990 zwar primär auf den realen körperlich Blinden, aber auch auf die verschiedenen Aspekte, die vielen Blindheitsebenen und potenziellen Möglichkeiten, die das Thema für den Autor bereit hält.

    Einige Kapitelüberschriften meiner Arbeit sollen hier als Verdeutlichung dienen: "Die Bedeutungen des Wortes "blind" und ihre Widerspiegelungen in der Literatur. Stellenwert der Wörter "Auge", "Gesicht", "Sehen", "Licht" und "Dunkelheit". Beispiele für die Verwendung des Begriffs "blind". Eine positivere Valenz der Blindheit. Die Bezeichnung "blind" als polemisches Mittel in der Rhetorik, als Vergleich und als Referenzpunkt. Die Charakterisierung des Blinden im Rahmen synonymischer und antonymischer Relationen. Die Vermittlung innerer Bilder und allgemein menschlicher Schicksale durch den situativen Kontext der Blindheit. Das Versagen jeglicher Klarheit. Zerfall und Untergang. Traurigkeit und Tod. Die klassische Figur des Bösen."


  2. M. betont an einer anderen Stelle meine "willkürliche Lektüre", aber genau gleiches könnte man bei ihm kritisieren. Meine Arbeit konzentriert sich schwerpunktmäßig auf das 19. und 20. Jahrhundert, weshalb die Antike für mich nur als Vorgeschichte, als Hintergrund der bestehenden Klischees von Relevanz war. Folglich übersprang ich auch einige Blindendarstellungen, die M. hingegen besonders detailliert behandelt, wie zum Beispiel die Blindheitsheilungen in der Aufklärung, die deutsche Klassik, die Blendung von Faust und die philosophischen Strömungen der jeweiligen Zeit, die natürlich auch einen Platz in der Literaturkritik beanspruchen dürfen, aber nicht unbedingt unverzichtbar sind.

    Der Hauptaspekt, unter dem man etwas untersucht, determiniert und selektiert zwangsweise die Beispiele, die man bringt. So fehlen bei ihm auch viele Beispiele u.a. für die Blindheit als Krisensituation, als Lebenskatastrophe, was für mich eine der wichtigsten Leistungen der Literatur darstellt: die Innensicht der Charaktere und die psychologische Wahrheitsfindung; er erwähnt auch nicht den getäuschten Blinden, den für unmündig gehaltenen Blinden, gerade weil er sich von dieser Realität distanzieren und nur bei den alten Mythen und Klischees bleiben will.


  3. M. spricht mir die interpretatorische Kompetenz ab, und zwar am Beispiel von Rilkes Gedicht: "Die Blinde", in dem er nur den Tod und kein Lebenszeichen, keine Interaktion zwischen zwei Stimmen erkennt. Dass die Blindheit oft in einen Zusammenhang mit dem Tod gebracht wird, ist mir nicht neu und wird häufig genug von mir unterstrichen. Aber gerade an diesem Gedicht sehe ich eher den inneren Reichtum eines Menschen, sein Wissen und die Möglichkeit, es einem anderen mitzuteilen, der es versteht. Auch M.s Interpretationen von dem "Blindensturz", der "unsichtbaren Sammlung" und anderen Werken unterscheiden sich von meinen. Dass zwei verschiedene Interpretationsweisen, je nach dem Aspekt der Untersuchung, nebeneinander bestehen können, scheint mir klar und völlig legitim.

    So kann der sehende Maler in "Der Blindensturz" sich von der Kollektivität der Blinden bedroht fühlen, genau so wie Nunez in Wells "Das Land der Blinden" oder andere arme Sehende, die, nach M.s Aussage, oft unter dem Schock und der Bedrohung der Blindenbildungsinstitute gelitten haben.

    Aber ebenso legitim ist die Perspektive der blinden Betroffenen, die sich nicht als Masse, als Kollektivum verstanden wissen wollen. In meiner Analyse von Wells "The country of the blind" äußerte ich bereits, wie die Geschichte immer wieder interpretiert wird: als eine Epiphanie des Sehens, denn Nunez stirbt für sein Augenlicht. Aber für einen blinden Leser hat die Blindheit andere Konnotationen, und er wird in dieser Darstellung teilweise eine Umkehrung seines eigenen Schicksals erkennen, weil er oft die Rolle des Außenseiters gegen eine riesige Kollektivität erlebt.


  4. Des Weiteren hat M. etwas gegen den "einfühlenden Realismus" als Mittelpunkt meiner Analysen. Doch wenn man im Internet nach dem Begriff "einfühlsame Sprache" sucht, findet man, dass er ein durchaus geläufiger und weit verbreiteter Begriff der modernen Literatur ist, und nicht nur von Johann Kaspar Manso; man findet ihn im Zusammenhang mit allen möglichen Autoren, die eine einfühlende Beziehung zu den dargestellten Charakteren erreichen (um nur zwei Beispiele zu nennen: die Sprache von Walter Benjamin in seinem Buch: "Einbahnstraße" oder in Ulrike Kleinerts Geschichten). Nach M. verleite mich der "einfühlende Realismus" ein zu "emotionales" Urteil über gewisse Figuren der Literatur zu fällen, einige für "zu sentimental", "überzeichnet", "schlecht" zu halten.

    Aber er müsste in Betracht ziehen, dass die Zielsetzung meines Themas, nämlich Klischees, Vorurteile und realistische Darstellungen aufzuzeigen, zwangsweise eine Selektion und Bewertung der Figuren mit sich bringt: sie sind nicht alle gleich einzustufen, die einen tragen etwas Neues, Originelles bei, die anderen nur Wiederholungen; einige sind doch schlecht für uns, insofern als sie die Angstzustände in Bezug auf die Blindheit womöglich intensivieren oder das gegenseitige Verständnis zwischen Sehenden und Blinden beschweren. Damit ist aber nichts gegen den literarischen Wert von zum Beispiel Heym, Beckett oder Brecht gesagt. Gerade Brecht ist einer meiner Lieblingsautoren.


  5. M. äußert sich gegen meine optimistische Auffassung, dass das zwanzigste Jahrhundert einen großen Fortschritt in der Behandlung des Themas erkennen lasse; dagegen schwärmt er von der Epoche der Aufklärung, von der aus er alles abzuleiten glaubt, und von den "wunderbaren Heilungen der Figuren im achtzehnten Jahrhundert." Die Aufklärung spiele so eine zentrale Rolle, und diese soll ich auch übersehen haben.


  6. Noch ein Versäumnis beschuldigt er mich begangen zu haben, nämlich in Bezug auf meine Äußerung, dass weibliche Figuren wenig am Arbeitsplatz gezeigt werden und nicht einmal in der Verrichtung der Hausarbeit; ich solle übersehen haben, dass doch oft blinde Hausfrauen in der Literatur erscheinen. Natürlich gibt es sie, aber an dieser Stelle bezog ich mich auf die Unterrepräsentanz weiblicher Leistungen im sozialen Leben und sogar im häuslichen Bereich; ich bezog mich vor allem auf den Mangel an Alltagsbeschreibungen bei den blinden Frauen, denn meistens finden sich ja nur spärliche Bemerkungen über das, was eine blinde Frau noch zu tun imstande sei. Erst im 20. Jahrhundert hat man den Blick auf ihren Alltag gerichtet.


  7. Auf Seite 29 von M.s Arbeit ist eine Formulierung, die leider nicht nur Kritik an mir, sondern an uns allen bedeutet, und was er wahrscheinlich nicht so intendiert hat: "Während blinden Autoren in der traurigen Selbstgewissheit über die Unfähigkeit sehender Autoren eine wahre Blindenfigur zu schaffen, sich geradezu weigern literaturhistorische Entwicklungen zur Kenntnis zu nehmen, bietet für nicht-behinderte Stimmen die Metaphorisierung von Körperbehinderungen genügend Grund für die Ablehnung einer sogenannten "falschen Sprache" der sogenannten "normalen Schriftsteller." Mit einem Wort: bei den "nicht-behinderten Stimmen" herrsche mehr Einsicht als bei uns.



Am besten ist es, wenn die Leser dieser Zeitschrift beide Arbeiten beziehen und miteinander vergleichen.

Meine Meinung über M.s Dissertation ist natürlich durch seine Kritik an meiner eigenen etwas voreingenommen. Trotzdem hat sie mich sehr interessiert. M. hat viel Material - zu den Blindenheilungen, zum philosophischen Hintergrund der Wahrnehmung durch die Sinne, zur deutschen Klassik und Romantik, auch zur psychoanalytischen Deutung - gesammelt. Obwohl er andere sehr wichtige Figuren unerwähnt lässt und den Bereich zum Beispiel spanisch- und englischsprachige Literaturen weniger als ich untersucht, präsentiert er eine unermessliche Fundgrube von Beispielen. Auch wenn entgegengesetzt in der Zielrichtung und den Hauptthesen, ergänzen sich die beiden Arbeiten gegenseitig und sind ein guter Ausgangspunkt für weitere Studien und Überlegungen.

Zur Struktur des Werkes und den Hauptthesen möchte ich noch einiges zu bedenken geben

Die Einleitung zeigt meiner Meinung nach strukturelle Schwächen, denn sie besagt wenig über Ziele und Verfahrensweise des Verfassers; sie deutet eher auf eine falsche Spur hin, indem sie von Beispielen für den realen Blinden, für Krüppel und Behinderte im Allgemeinen und für die ambivalente Einstellung sehender Autoren zum Gegenstand ausgeht; damit scheint M. am Anfang der Richtung meiner Arbeit zu folgen. Erst im Kapitel 1.3 "Die Komponenten künstlicher Blindheit" (auf S. 35) findet sich die richtige, eine sehr verspätete Einleitung, in der M. die Eigenständigkeit fiktionaler Werke gegen die außertextuelle Wirklichkeit des "physischen Blinden" als Rechtfertigung für seine Methode begründet: "Auch der physischen Blindheit, dem real existierenden Blinden, mit ihren Kompetenzen und den sozialen Behinderungen durch Vorurteil und Ignoranz kann diese Untersuchung nicht gerecht werden." (S. 42)

Kapitel 3.6 "Blinde Frauen" innerhalb der sogenannten "Charismatischen Blinden" bildet eine, wie ich finde, ganz beliebige, überflüssige und nicht nachvollziehbare Zäsur, denn blinde Frauen sind auch in vielen anderen Texten der Untersuchung, zum Beispiel in der Gruppe der "Dämonischen Blinden" präsent. Dass die Frau häufig als Hausfrau, Heilige, ruhender Gegenpol zur Zivilisation oder als sinnliche, zerstörerische Verführerin erscheint, hat weniger mit der Blindheit als mit den Attributen des Frauseins zu tun.

Obwohl M. drei Zusammenfassungen seiner zentralen Kapiteln "Die transitorische Blindheit", "Die charismatischen Blinden" und "Die dämonischen Blinden" bringt, ist es schade, dass er uns nicht zum Schluss der Arbeit einen Überblick über die Hauptergebnisse seiner Untersuchung gibt. Stattdessen endet er mit Kapitel 5. "Die Ästhetik der künstlichen Blindheit", das im Grunde eine Entsprechung meines Kapitels "Untersuchung einer andersartigen Lebensqualität" über die übrigen Sinne ist. Dabei schreibt er aber nur vom Geruch- und vom Tastsinn; das Gehör und den Geschmacksinn klammert er völlig aus, als hätte die Literatur auf diesem Gebiet keine Leistungen vorzuweisen. Man spürt eine gewisse Eile des Verfassers in diesem letzten Kapitel, zu einem Abschluss zu gelangen. Es eignet sich nicht zu einem Schlusswort, zu einem Resümee des Ganzen.

Die vielen Beispiele, die überall verstreut werden, münden oft in eine ermüdende Anreihung von bloßen Inhaltsangaben. Seine besten Stellen sind diejenigen, wo weniger Inhaltsangaben und mehr eine Verknüpfung von historischen, philosophischen und literarischen Phänomenen entsteht. Aber er wollte, genauso wie ich, so viele Figuren wie möglich nennen, um gewisse Thesen zu illustrieren. Dadurch wird weniger Textanalyse und gründliche, erschöpfende Interpretation von Textstellen geleistet. M. ist im selben Maße wie ich dem thematischen Rahmen verpflichtet und muss deshalb auch auf Autoren der unterschiedlichsten Qualität Bezug nehmen. Das heißt, es ist keine Arbeit über Stil, Sprache, formale Aspekte (aus dem Grund scheint es mir nicht angebracht, dass er sich in einer Anmerkung mit stilistischen Nuancen meiner Arbeit befasst).

Seinen Grundthesen kann und will ich nicht zustimmen, wenn er sagt, dass Informationen und die Kenntnis von realen Blinden gar nicht zur Beseitigung von Vorurteilen beitragen. Es ist eine sehr pessimistische Ansicht, und es ist bestimmt keine aufklärerische. Es wäre sehr bedauerlich, wenn jeder Autor in einer eigenen Welt leben und sich nur mit den Geburten seiner Phantasie beschäftigen würde, das heißt, wenn er keinen erlebten und vertieften Kontakt mit seinem Gegenstand aufsuchen würde. Ich zitiere hier Goethe: "Das Benutzen der Erlebnisse ist mir immer alles gewesen. Das Erfinden aus der Luft war nie meine Sache."

Durch die offene Besprechung von Vorurteilen kann man diese entlarven und wenigstens ein Bewusstsein davon haben, dass es welche gibt. Es ist nützlich, dass die Schriftsteller um die Vorgeschichte der Blindheitsklischees wissen, damit sie weniger in Versuchung geraten, diese unbedacht zu benutzen. Ich glaube auch fest, dass diese Gegenüberstellung unserer Arbeiten von Nutzen sein wird, und es ist besser eine Erwiderung, als gewisse Äußerungen einfach unkommentiert zu lassen. M. wird bei seiner Meinung bleiben und ich bei meiner, aber wenigstens haben die Menschen, die das hier lesen, die Möglichkeit, sich eine der zwei Varianten oder sogar eine dritte auszusuchen.

Ich empfinde es als Widerspruch, dass M., der sich so sehr zur Epoche der Aufklärung bekennt, gerade informative Quellen für die Schriftsteller, die über Blindheit schreiben, blockieren zu wollen scheint. Ist es nicht eine der Hauptaussagen seines ersten Kapitels, dass der sehende Autor gar nicht an die Existenz des realen Blinden zu denken braucht und sich einfach von seinen eigenen Vorstellungen inspirieren lassen soll- Ich glaube nicht, dass die Kunst so autonom ist, dass sie sich über alle gesellschaftlichen Phänomene hinwegsetzen kann. Dem zwanzigsten Jahrhundert, und natürlich anderen ihm vorausgegangenen Epochen, ist es zu verdanken, dass Tabus, Barrieren gefallen sind, so ist dies gerade, was M. beklagt, dass man den Missbrauch in falschen Darstellungen von Behinderungen entlarvt hat, ein Zeichen der Aufklärung.

M. vereinfacht zu sehr den Diskussionsansatz, wenn er anführt, die Blinden seien nicht zufrieden mit den Blindenfiguren der Literatur und fragt, was wäre dann eine richtige Darstellung in unseren Augen- Das Rezept der Blindenbildung, die Blinden seien leistungsfähige Menschen, die ein normales Leben führen können, erscheine ihm zu plakativ. Es wäre mir auch zu wenig, zu flach für so einen komplexen Sachverhalt. Aber wenigstens dürfen wir heutzutage, wenn nicht auf Lösungen, auf Probleme und Fragestellungen hinweisen. Wenn ich sage, als blinde Leserin, dass etwas falsch an den Blindendarstellungen in der Literatur sei, ist es mein gutes Recht, und auch als Literaturwissenschaftler darf man sich, bei aller Sachlichkeit, für den einen oder den anderen Autor entscheiden. M. entscheidet sich für keine Figur insbesondere, oder doch, für alle, denn er findet sie alle sehr positiv. Sogar die rührseligsten Szenen, die oft mit einer Blindenheilung verbunden sind (die hässlichen Frauen verstecken sich, damit der Blinde sie nicht sieht und verachtet, wenn er die Augen aufmacht), hinterfragt er mit keiner Silbe.

Überhaupt seine These, dass die Blindenheilungen der Aufklärung gerade einen Wendepunkt in der Blindheitsthematik bedeuten, scheint mir interessant als die Erklärung einer historischen Entwicklung des Motivs. Natürlich blieb die Literatur nicht unberührt von den technischen und medizinischen Erfolgen der Wissenschaft jener Zeit genauso wie von den philosophischen Auseinandersetzungen über die Sinne; die Gedankenexperimente der Autoren wurden dadurch angeregt, ob die Beseitigung der Erblindung nicht auch gravierende Konflikte mit sich bringen würde.

Aber Blindenheilungen hat es auch in anderen Epochen gegeben. In Chaucers "The Canterbury Tales" finden wir eine plötzliche, belustigende Heilung, als der gehörnte Ehemann sehend wird und dann seine Frau bei der Untreue erwischt. Aber jetzt, um ernst zu bleiben ... Jesus Heilung des Blinden in der Bibel kündigt auch einen "neuen Menschen" an. Für die Bildung von Klischees und für das Thema meiner Arbeit waren die Heilungen weniger ergiebig, und ich wiederhole hiermit meine Auffassung, dass das zwanzigste Jahrhundert die konstruktivsten und für die Betroffenen lebensechteren Blindenfiguren hervorgebracht hat.

Beide Dissertationen werden von Herrn Hans-Joachim Domschat vorgelesen, Merkles unter der Nummer 10110, meine unter der Nummer 7228. Beide sind über die Universitätsbibliotheken in Schwarzschrift zu beziehen. Meine Auflage ist bereits vergriffen, aber ich verfüge noch über einige Exemplare.

Für eventuelle Fragen oder Kommentare stehe ich zur Verfügung. Meine E-Mail-Adresse lautet: pios@nexgo.de.

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