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Liebe Leserinnen und Leser, liebe Mitglieder,
ich weiß nicht, wie es Ihnen und Euch geht, aber mir lässt der Alltag nur verhältnismäßig selten Gelegenheit, mich mit dem Thema der Blindheit auseinander zu setzen. Zu viele Dinge sind im privaten Raum wie in der Arbeit zu erledigen, zu bedenken und in den Griff zu bekommen.
Dass dabei Blindheit natürlich häufig eine Rolle spielt, ist mir schon bewusst. Aber so richtig an mich heran lasse ich sie wahrscheinlich nur in Situationen, wo etwas nicht wie gewohnt funktioniert, im Ausnahmezustand - wenn die Straßenbahnen nicht mehr fahren, die Assistentin krank ist oder die elektronischen Hilfsmittel unerwartet versagen (und das tun sie eigentlich immer unerwartet ...).
Gerade weil ich dieses Unvermögen spüre, bin ich besonders dankbar für zwei Aufsätze, die in diesem Jahr im horus erschienen sind. Der eine von Margit Wehr (horus 1/02, Punktschriftseiten 14 ff., Schwarzschriftseiten 5 ff.) beschäftigt sich mehr mit der psychischen Seite der Verarbeitung oder Nichtverarbeitung von Blindheit und Sehbehinderung. Er führt uns "die Leichen im Keller" vor Augen, Ohren oder Finger, über die jeder Mensch verfügt, die aber sicherlich bei uns teilweise ein wenig anders aussehen. Er ist, ebenso wie der zweite in dieser Ausgabe enthaltene Beitrag von Pilar Baumeister (vgl. Seite 763 ff.) als Diskussionsanstoß gedacht, als Aufrüttelung an uns alle, das Thema über dem "Alltagsgeschäft" nicht vollends zu vergessen. Dass es genügend Grund dazu gibt, zeigt die Kritik von Baumeister an der Dissertation von Merkle.
Man könnte versucht sein, diesen Streit der beiden Kontrahenten auf akademische Eitelkeiten zu reduzieren. Das würde dem Inhalt der Kontroverse aber nicht gerecht. Es kann uns bei unserer Forderung nach gleichberechtigter Teilhabe am beruflichen wie gesellschaftlichen Leben nicht darum gehen, wie Autoren Blindheit literarisch be- und verarbeiten, wie sie ihre blinden Protagonisten erschaffen und formen, sondern es geht darum, was das auf Leserinnen und Leser für Auswirkungen hat, welche Wahrnehmung es fördert und welche es behindert.
Das sind nämlich die Konsequenzen, mit denen wir später zu tun und nicht selten zu kämpfen haben, von wohlmeinender Überbehütung bis hin zu blankem Unverständnis (wie ich es jüngst wieder im Gespräch mit österreichischen Richterkolleginnen und -kollegen im Fall einer dort abgelehnten blinden Richteramtsbewerberin erleben durfte).
Vielleicht bietet uns allen die etwas stillere Zeit nach dem Ende des bevorstehenden Weihnachtstrubels ja eine Möglichkeit, allein und gemeinsam ein wenig darüber nachzudenken.
Das wünscht Ihnen und Euch, verbunden mit der Hoffnung auf ein gutes Jahr 2003,
Ihr und Euer
Uwe Boysen
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