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Michael Herbst: Wie soll ich denn blind Dessous verkaufen?

Immer wieder wenden sich Menschen an den DVBS, deren Sehkraft rapide schwindet. In psycho-sozialen Beratungen versuchen engagierte Mitglieder und hauptamtliches Personal zu helfen. Berufliche Perspektiven werden gemeinsam gesucht, Wege aus der menschlichen Krise gewiesen ... Dienst an Menschen, von Menschen, die die Probleme aus eigener Anschauung nur zu gut kennen. Eine Arbeit, die der Öffentlichkeit wie der öffentlichen Hand nur schwer zu vermitteln ist. Michael Herbst begleitet Heike Eidt, die sich im Sommer 2002 erstmals Hilfe suchend an den Verein wandte. In einer horus-Serie skizziert er ihren Weg mit ihrer Sehbehinderung fertig zu werden.

Montabaur, eine Kleinstadt im Westerwald. 12.300 Einwohner leben hier und viele von ihnen verdienen ihren Lebensunterhalt im nahen Köln oder im Rhein/Main-Gebiet. Die Innenstadt ist eine Einkaufsmeile. An ihrem Rande findet man "Les Dessous". Heike Eidt empfängt uns, wir nehmen auf Designerstühlen Platz und trinken Kaffee, während ich die Herrschaften miteinander bekannt mache und den Smalltalk einleite. Erlesene Waren gibt es hier zu bestaunen, und halb bin ich bei meinem ersten Besuch in solch einem Geschäft traurig, dass ich mir die Größen meiner Frau einfach nicht merken kann, halb beruhigt es mich angedenk der Preisbeschriftungen. "Die Kundschaft kommt aus der Region, aber zum Beispiel auch aus Wiesbaden", erfahren wir von der sympathischen Ladeninhaberin, die ihren Kaffee ungezuckert trinkt. Ich an diesem Tage auch - gezwungenermaßen. Vor zwölf Jahren machte sie sich mit diesem Geschäft selbstständig und war damals Stadtgespräch. "Der Laden war das, was ich tun wollte", erzählt sie, und er ist es noch. "Aber wie soll ich als Blinde denn Dessous verkaufen-"

Knapp zwei Monate vorher hatte sie mir dieselbe Frage am Telefon schon einmal gestellt. Es war an einem warmen Freitagnachmittag, und Frau Eidt war deutlich niedergeschlagen. Drei Prozent sehe sie noch, berichtete sie mir, und es würde immer schlimmer werden. Zahllose Operationen in den letzten Jahren, hoffen, bangen, und jetzt war sie bei der Gewissheit angelangt, sie könne den Laden nicht mehr halten. "Aber was soll ich anderes tun-" "Ich werde doch zum Sozialfall." Sie sah keinen Ausweg mehr und alles, was ihr zu ihrer beruflichen Zukunft noch einfiel, war seinerzeit "Fußreflexzonenmassage". Sie hatte ein Computersystem gefördert bekommen, um ein Balkencode-System an die Stelle der alt hergebrachten Preisschilder treten zu lassen. Aber das System funktionierte nicht, und die Lieferanten ließen sie schlicht hängen. Freunde zeichnen die Ware aus und ermöglichen ihr so das Weitermachen. An die Stelle des heiß geliebten Sportwagens war vor einigen Jahren das Taxigewerbe getreten. Jeden Tag pendelt sie mit diesem Verkehrsmittel zwischen Wohnung und Geschäft und gibt ein Vermögen dafür aus. Ich hörte vorwiegend zu, fragte hin und wieder nach, erzählte ihr beispielhaft aus meinem Leben in den Jahren, in denen die Sehkraft schwand, und schlug ihr vor, nach Marburg zu kommen. "Jetzt geht es mir besser", meinte sie zum Abschied, und ich wusste eigentlich nicht recht warum.

Zwei Wochen später kam Frau Eidt mit ihrem Lebensgefährten zur Beratung nach Marburg. Der DVBS-Rechtsberater, Michael Richter, hörte sich die Geschichte mit der Computeranlage an und empfahl ihr, einen Vergleich zu schließen und ein anderes Warenwirtschaftssystem zu beschaffen. Im Laufe des Gesprächs wurde klar: Vor der Entscheidung darüber, wohin sie ihr beruflicher Weg führen soll, steht für Frau Eidt das Erlernen einiger blindenspezifischer "Kulturtechniken". Vorrangig erschien DVBS- Geschäftsführer Bethke das Aneignen des Zehn-Finger-Systems auf der Computertastatur und das Absolvieren eines Mobilitätstrainings. Der Blindenstock, den sie bei sich trug, taugte bestenfalls zur Kennzeichnung. Folgen sollten Schulungen im Umgang mit dem Computer und den einschlägigen Computerausgabegeräten (Großschrift, Sprachausgabe). Bezüglich der beruflichen Perspektiven riet Bethke ihr, sich zunächst nach Berufsbildern umzusehen, die sie interessierten, bevor sie sich um Kostenträger kümmere.

Mit den Kommunikationsverbindungen diverser weiterführender Ansprechpartner im Gepäck verließ uns Frau Eidt und fasste ihre Gefühle dabei mir gegenüber einige Tage später am Telefon mit den Worten zusammen: "Ich dachte, dass ich es ja noch richtig gut habe." Ich fragte spaßhaft: "Haben wir so einen elenden Eindruck gemacht-" Sie mag ihren Sehrest gemeint haben oder das Gehörte aus Michael Richters und meiner Vergangenheit. Ich weiß es nicht.

Heike Eidt erzählt spannend, pointiert und zuweilen sehr persönlich. Eine Fernsehjournalistin, der ich von ihr erzählte, stellte den Kontakt zu einer Produktionsfirma her, die sofort Interesse zeigte. Zum Vorgespräch fuhren wir nach Montabaur.

Dort erzählt die 35-jährige "Verkäuferin aus Leidenschaft" und ihre Freundin und Mitarbeiterin vom Geschäftsalltag, den auftauchenden Problemen, von Visionen und Geschäftsideen. Frau Eidt berichtet von ihren Schwierigkeiten, in einem Fitness-Center zurechtzukommen, einen Freund im Bistro zur verabredeten Zeit auch tatsächlich zu finden ... Sie erzählt von ihrer Angst, dass die Ladendiebstähle sprunghaft zunehmen könnten, wenn sie mit dem Blindenstock durch die Stadt liefe und reflektiert ganz persönlich ihr Befinden. Ja, sie habe ihre Sehbehinderung akzeptiert, engagiere sich im örtlichen Blindenverein und doch gibt es immer wieder Momente des puren Verzweifelns. "Verkaufen ist mein Leben", sagt sie und ist hin- und hergerissen zwischen Weitermachen und Neuanfang. Wir beobachten sie bei der Beratung einer Kundin. Ein Geschäft kommt nicht zustande, aber wir sind sicher: Von ihrer Sehbehinderung hat die Kundin nichts bemerkt.

Frau Eidt sucht nach einer Möglichkeit, einem Programm, das es ihr ermöglicht, das Schreibmaschineschreiben zuhause oder im Laden zu erlernen. Die Berufsbildungswerke bieten Computergrundkurse, hat sie mittlerweile herausgefunden, doch sie müsste den Laden wochenlang schließen, um sie besuchen zu können. Der Vergleich mit dem Hilfsmittellieferanten ist geschlossen und ein neues Warenwirtschaftssystem gefunden, das Scannerkassen unterstützt. Es soll in den nächsten Monaten installiert werden. Vor einem Mobilitätstraining schreckt sie nach wie vor zurück und ihrer Recherchen auf dem heimischen Arbeitsmarkt haben ergeben, dass sie subjektiv keine Chance hat. Ich verlasse sie mit dem Gefühl, dass sie eher um den Erhalt ihres Ladens kämpfen und sich beruflich nicht gänzlich neu orientieren wird. Sie hat, so scheint mir, einen langen Weg vor sich. "Ich bin gespannt, wie dieser Laden in einigen Jahren aussieht", sage ich zu den Fernsehleuten. Sie sind es auch, und auch sie werden Heike Eidt begleiten - mit der Kamera.

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