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Keyvan Dahesch: "Schöne Träume wider harte Wirklichkeit". eine Europa-Kolumne

Wie glücklich wären jene etwa 50 Millionen Menschen in Europa, denen das Jahr 2003 gewidmet wurde, über dieses Zitat: Erfreut stellt die EU-Kommission fest, dass die meisten Barrieren im Leben der rund 50 Millionen behinderten Menschen in Europa weggefallen sind. Parallel dazu sind die Chancen dieser Menschen auf dem Arbeitsmarkt gestiegen. Viele haben nach jahrelangem Warten nun einen ihrer Fähigkeiten entsprechenden anspruchsvollen Job gefunden."

Aber leider wird die EU-Kommission über solche Ergebnisse des "Europa-Jahres der Menschen mit Behinderungen" nicht berichten. Denn das Ausräumen der Hindernisse aus dem Weg zur gesellschaftlichen und beruflichen Integration dieser Menschen kommt in den meisten Ländern dem Bohren mega-dicker Bretter gleich. Ob die Staats- und Regierungs-Chefs, die Ende 2001 auf Vorschlag der EU-Kommission einstimmig 2003 zum "Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen" ausgerufen haben, diese Anstrengung unternehmen, muss ich bezweifeln. Es ist nämlich nicht das erste Mal, dass ein Jahr behinderten Menschen gewidmet wurde. Schon die Vereinten Nationen riefen 1981 zum "Jahr" und 1982 bis 1991 sogar zur "Dekade" der "Behinderten" aus. Geändert hat sich trotzdem nichts wesentlich.

Um die Einlösung jeder der in Sonntagsreden der Politiker versprochenen Erleichterungen müssen auch in unseren Regionen gehandicapte Menschen hart kämpfen. Beispielsweise dürfen bislang nur blinde Menschen bei Eisenbahnfahrten in Europa kostenlos eine Begleitperson mitnehmen. Gelähmte, mehrfachamputierte oder Menschen mit schweren Hirnverletzungen, die ebenfalls ohne fremde Hilfe nicht zurechtkommen, haben diese Erleichterung bis heute nur in wenigen Ländern. Und Züge mit automatisch ein- und ausfahrbaren Rampen, die neben Rollstuhlnutzern auch Müttern mit Kinderwagen das Ein und Aussteigen ohne Hilfe ermöglichen, gibt es nur in Skandinavien und den Niederlanden. Um die Bezahlung der benötigten Pflege- und Assistenzkräfte ringen schwerstbehinderte Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Ein Schweizer, dem die Regierung statt einer Hilfskraft einen Platz im Pflegeheim finanzieren wollte, beantragte und bekam politisches Asyl auf Bali. Nur in Schweden haben die darauf Angewiesenen erreicht, dass ihnen die Regierung trotz Sparzwang monatlich das Geld überweist, damit sie ihre Hilfe selbst organisieren können.

Während in Deutschland zur Zeit 60 blinde Juristinnen und Juristen als Richterinnen und Richter ohne Beanstandung arbeiten, bleibt diese Tätigkeit den nicht sehenden Menschen in Österreich seit eh verwehrt. "So etwas sei den Rechtsuchenden gegenüber nicht verantwortbar", begründete kürzlich das Wiener Justizministerium diese Haltung. Und in der Bundesrepublik warten die zehn Millionen Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen immer noch auf das seit Jahren von rot-grün versprochene Antidiskriminierungsgesetz. Es soll verhindern, dass Menschen aus Lokalen verwiesen, von Reisen, Bank- und Versicherungsverträgen ausgeschlossen werden, nur weil sie behindert sind.

Derartige Vorurteile würden erst gar nicht entstehen, wenn Menschen mit und ohne Behinderungen gemeinsam aufwüchsen, Kindergärten, Schulen und Hochschulen besuchen und gemeinsam ausgebildet würden. Doch im Kampf gegen Barrieren in den Köpfen stellen sich die Erfolge in den meisten EU-Regionen leider im Schneckentempo ein.

Daher wäre es schon ein Erfolg, wenn die EU-Kommission in ihrem im Ratsbeschluss aufgegebenen Resümee des "Europäischen Jahres der Menschen mit Behinderungen" ein Jahr später neben mehr Sensibilität der Öffentlichkeit für die Probleme der Betroffenen auch Lösungen vermelden könnte. Bis dahin sollte es wenigstens einheitliche Kriterien zur Bewertung von Behinderungen in den EU- Ländern und einen europaweit geltenden Behindertenausweis geben. Zudem sollten sich alle Verantwortlichen die Mahnung des deutschen Alt-Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zu Herzen nehmen: "Wer im vorhinein nicht ausgegliedert wird, braucht hinterher nicht erst eingegliedert zu werden."

(Aus der Sendung "Europa heute" des Deutschlandfunks am 6. Januar 2003)

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