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Das diesjährige Seminar "Nicht sehend - nicht blind" der Arbeitsgemeinschaft Sehbehinderte fand vom 23. Januar bis 26. Januar 2003 wieder auf Burg Fürsteneck in Eiterfeld bei Bad Hersfeld statt. Um den unterschiedlichen Interessen der Mitglieder entgegenzukommen, wurden auch dieses Mal drei Workshops parallel angeboten:
In der Tagungsstätte, einer Heimvolkshochschule, trafen die Seminarteilnehmer im Laufe des Donnerstagnachmittags ein. Das Seminar begann mit einer Begrüßungs- und Vorstellungsrunde im großen Kreis. Nach dem Abendessen begann die Arbeit in den Workshops.
Dieser könnte von der Burg Fürsteneck vorzüglich sein, wenn die Sichtweite nicht durch Nebel oder durch subjektive Sehbeeinträchtigungen eingeschränkt würde, und wenn mit Ausblick nicht vor allem die deutsche Übersetzung von Outlook, dieser komplex gestrickten Computer-Software gemeint wäre. Kurz: Der Workshop 1 hieß nicht "Schauinsland" sondern "Die Kommunikationssoftware Microsoft Outlook"; und so ging der Ausblick der zehn Teilnehmer kaum über den Monitor hinaus. Jeder hatte seinen Arbeitsplatz und Michael Manns, Informatikstudent und Systemadministrator der Burg, der den Workshop gemeinsam mit Jan Eric Hellbusch vom DVBS gestaltete, hatte überall Großschriftprogramme installiert. Offenbar als einziger vermisste ich zusätzlich eine Sprachausgabe. Irgendwie hatten alle schon mit Outlook zu tun (insbesondere Senden und Empfangen von E-Mails), doch die Vielfalt der Anwendungsmöglichkeiten erschien den meisten zu kompliziert, um sich ohne Anleitung damit anzufreunden; deshalb die Entscheidung für zwei arbeitsintensive Tage.
In den Pausen hörten wir zwar etwas neidisch zu, wenn die anderen Workshops von Entspannungsübungen und lockeren Selbstfindungsgesprächen berichteten, doch waren am Ende alle zufrieden, weil die Outlooker mit neuem anwendungsbereiten Wissen nach Hause fahren konnten. Für die meisten hängt die weitere berufliche Entwicklung davon ab, dass sie effektiv mit Outlook arbeiten können. Alle sind sich nach dem Schnellkurs sicher, dass sie, wenn sie das Gelernte zu Hause vertiefen und in der Praxis anwenden, den Computer noch besser als zeitsparenden Freund nutzen werden.
Systematisiertes Arbeitsmaterial für das vertiefende Selbststudium konnte man schwarz auf weiß getrost nach Hause tragen und dies wurde durch eine Silberscheibe (CD ROM) mit schönen Zutaten ergänzt.
Als sehr nützlich ist der jetzt geschulte Umgang mit den "Kontakten", mit dem "Kalender", mit der Zuordnung von "Notizen" zu bestimmten Kategorien sowie mit den eigenen Ordnern, die bestimmte E-Mails automatisch zugewiesen bekommen.
Der Leitung des Workshops waren keine Frage und kein Computerabsturz zu viel, und Michael, der zum ersten Mal mit Leuten zu tun hatte, deren Sehvermögen stark eingeschränkt ist, meinte am Ende, er hätte sich das alles viel schwieriger vorgestellt, es sei ja alles so normal verlaufen.
Wenn ich mich das nächste Mal beim Seminar "Nicht sehend - nicht blind" anmelde, werde ich auf jeden Fall "Outlook" benutzen, aber gleichzeitig hoffen, dass dann mehr Zeit für einen Ausblick in die Natur bleibt.
Es gibt kein Patentrezept für den "richtigen" Umgang mit einer Sehbehinderung - weder im beruflichen noch im privaten Umfeld! Darüber waren wir uns als Teilnehmer des Workshops 2 (Kommunikation im beruflichen Alltag) schnell einig. Schon eher gleicht der tägliche Umgang mit der Sehbehinderung einem Seiltanz, bei dem wir als Artisten Erfahrung sammeln müssen, wann wir die Zuschauer durch ungesicherte Akrobatik auf dem Seil beeindrucken können, und wann es besser ist, den Rückzug auf gesicherte Leitern und Podeste zu suchen.
Akrobatik im übertragenen Sinn heißt: Wir gleichen unsere Sehbehinderung mit teilweise hohem Risiko aus eigener Kraft und ohne fremde Mithilfe aus. Unsere Qualitäten: Jahrelange Erfahrung, Improvisation und nicht zuletzt ein enormes Maß an Energie. - Rückzug auf die sicheren Leitern und Podeste heißt: Wir gehen auf unsere Umgebung zu und informieren diejenigen, die für uns persönlich oder für unsere tägliche Arbeit wichtig sind. Die offene Aussprache über unsere Einschränkungen kann befreiend wirken und Barrieren zu unserem Gegenüber abbauen. In aller Regel können wir damit rechnen, dass uns die nötige Hilfe zuteil wird.
Dennoch: Berufliche Kommunikation sollte gut überlegt sein und zielorientiert verlaufen. Es gilt immer wieder darüber zu entscheiden, welche Aspekte unserer Behinderung wir mit wem besprechen und wann der richtige Moment hierzu ist. Vorschnelle und unüberlegte Äußerungen können auch Nachteile mit sich bringen (Autoritätsverlust, unerwünschtes Mitleid, Ausnutzen unserer Schwächen durch berufliche Konkurrenten, Verlust des Vertrauens in die berufliche Eignung bis hin zur Wegnahme von bisher gut ausgefüllten Arbeitsfeldern).
Extrem schwierig gestaltet sich die Kommunikation mit unserer Umwelt dann, wenn wir beispielsweise aufgrund eines sich massiv verschlechternden Sehens selbst noch nicht genau wissen, wo wir stehen und wie wir unser Leben meistern sollen.
Wie wir zu all diesen Erkenntnissen gekommen sind?
Die teilnehmenden Akrobaten ergriffen die Gelegenheit beim Schopf, sich intensiv über gelungene Artistik sowie über Unsicherheitsmomente und einzelne Fehltritte beim Sehbehinderten-Seiltanz auszutauschen. Dabei gaben sie sich gegenseitig wertvolle Ratschläge, wie letztere in Zukunft bestmöglich zu vermeiden sind.
Sehbehinderte Menschen sind einer besonderen, zusätzlichen Wettbewerbssituation gegenüber nichtbehinderten Menschen ausgesetzt. Daher bedarf es besonderer, zusätzlicher Lösungsmöglichkeiten um eine gleichwertige (Arbeits-)Leistung zu erreichen und nach außen (Kunden, Kollegen, Vorgesetzten, Familie usw.) darzustellen. Wir haben uns intensiv mit den Entstehungsgründen von Leistungsdruck (z.B. gesellschaftlicher, geschäftspolitischer, persönlicher Art) und dem individuellen Umgang mit dem Druck, als gleichwertiger Mensch anerkannt zu werden, beschäftigt.
Nach einer Vorstellungsrunde und einer Entspannungsübung am Donnerstagabend, legten wir am Freitag dann richtig los. Für den Einstieg hatte Sonja Baus das Symbol "Wasser" gewählt. Die Kursteilnehmer konnten ihrer Kreativität freien Lauf lassen, es galt ein Wasserbild zu malen, Knetmasse zu bearbeiten oder beide Techniken zu verbinden. Anschließend versuchten die Teilnehmer das Kunstwerk zu deuten, bevor dann der Maler/Kneter seine Sichtweise darlegte. Und obwohl sich die Gruppe untereinander teilweise nur sehr kurz kannten, kamen hier sehr spannende und interessante Deutungen zu tage. Ferner war einigen nicht bewusst, wie viel Kreativität in ihnen steckt und wieviel Kunst und Kreativität über den Menschen verrät. Am Samstag beschäftigten wir uns mit unserer Biographie. Jeder erzählte seinen bisherigen Lebensweg, wobei deutlich wurde, wie sehr unsere Sehbehinderung, Streben nach Gleichwertigkeit und Leistungsdruck unser Leben prägt.
Wir hörten viele interessante und ergreifende "Geschichten" und stellten trotz der vollkommen unterschiedlichen Persönlichkeiten auch eine Menge Gemeinsamkeiten fest. Immer wieder stellten wir einen Zusammenhang zwischen uns und dem am Vortag erstellten Kunstwerk her. In einer weiteren Einheit haben sich die Teilnehmer mit den individuellen Ressourcen beschäftigt und festgestellt, wie wichtig es ist, sich regelmäßig seine Stärken und Schwächen ins (Selbst-)Bewusstsein zu rufen, da im (beruflichen) Alltag die Schwächen oft die Stärken überlagern.
Der Workshop hat Impulse und Lösungsmöglichkeiten, sich als gleichwertiger Mensch (Kollege, Kunde, Privatmensch) wahrzunehmen und darzustellen, vermittelt. Die zwei Tage beinhalteten einen Methoden-Mix aus Kreativität, Gesprächsrunden, individuellen Erfahrungsberichten, Biographie, Entspannungsübungen und Tanz.
In der Abschlussrunde, waren dann auch alle erschöpft und zufrieden. Eine besondere Würze hatte dieser Workshop durch die sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten hinsichtlich des Lebensalters (von der Studentin bis zur Ruheständlerin), der unterschiedlichen Lebensentwicklungen und allgemeinen Persönlichkeitsmerkmalen. Die Gruppe war außerordentlich offen und jeder konnte von jedem ein Stück Leben erlernen. Zu guter Letzt lag der Erfolg des Workshops sicherlich auch an der hervorragenden und einfühlsamen Leitung durch Sonja Baus. Ihr an dieser Stelle nochmals ein herzliches Dankeschön!
Am Sonntagvormittag haben sich alle Seminarteilnehmer zu einer gemeinsamen Runde getroffen.
Zunächst referierte Irmgard Badura zum Thema "Low Vision". Der Begriff Low Vision bedeutet die bestmögliche Nutzung des Sehvermögens und beinhaltet alle Maßnahmen der Diagnostik, Therapie und Rehabilitation, die nötig sind, Menschen mit einem eingeschränkten Sehen frühzeitig aufzuklären und ihnen eine gezielte Unterstützung anzubieten. Low Vision-Beratung erteilen Low Vision-Kliniken, die i. d. R. an Universitätsaugenklinken angegliedert sind und von Augenärzten, Orthoptisten und Optikern durchgeführt werden. Die Kette der Low Vision-Beratung wird weitergeführt z. B. durch Reha-Lehrer, Reha-Einrichtungen und anderen Spezialisten. Mittlerweile gibt es eine große Anzahl an speziell auf die Belange Sehbehinderter geschulte Optiker. Die Wissenschaftliche Vereinigung für Augenoptik und Optometrie -WVAO- hat Listen von besonders fachkundigen Augenoptikern erstellt, die sich auf dem Gebiet der Augenoptik/Optometrie stetig weiterbilden. Der FBS (Fachausschuss für die Belange der Sehbehinderter) ist im Gespräch mit der WVAO bzgl. des Weiterbildungssystems dieser Optiker, um hier über ein Kontrollsystem den Einfluss der Selbsthilfe sicherzustellen. Im Weiteren stellte Irmgard Badura überblickartig die wichtigsten Hilfsmittel für Sehbehinderte dar.
Im Bereich der Selbsthilfe hat die Low Vision-Beratung mittlerweile einen sehr hohen Stellenwert, so sind mit wenigen Ausnahmen alle Landesvereine des DBSV umbenannt, um auch das Thema Sehbehinderung im Namen der Vereine wiederzufinden. Das Beratungsangebot ist entsprechend vielfältig und reicht von umfangreichen Aktionen am Sehbehindertentag über Arbeitskreise Low Vision, individuelle Telefonsprechstunden u. v. m. Es wurde deutlich, dass es ein reichhaltiges Informations- und Beratungsangebot für Sehbehinderte gibt, das es gilt zu nutzen, durch Einfluss zu verbessern und durch eigene Aktion zu erhalten, um auch anderen Betroffenen durch eigene Erfahrungen zu helfen. Weitere Informationen und Veranstaltungshinweise sind abrufbar unter www.wvao.de.
Katrin Auer berichtete kurz über aktuelle Themen und die diesjährigen Schwerpunkte des FBS. Sie stellte die Themen Barrierefreiheit und Realisierung von Zielvereinbarungen sowie die Notwendigkeit der Zusammenarbeit der Verbände dar.
Die Seminare der AG Sehbehinderte finden nunmehr seit zehn Jahren alljährlich statt. Erheblichen Anteil an der Aufbauarbeit der AG Sehbehinderte und großen Einsatz im FBS leisteten Sonja Baus und Rita Schwörer. Das Leitungsteam der AG Sehbehinderte dankten Sonja und Rita für ihre bisherige engagierte Arbeit im Namen aller Mitglieder der AG Sehbehinderte. Das Leitungsteam übergab Sonja eine von Claudia Hild-Jacobs erstellte Chronik über zehn Jahre Sehbehinderten-Selbsthilfe und verlas als Grußwort das Editorial. Eine weitere Ausgabe der Chronik wurde an Rita Schwörer im Rahmen der Vorstandssitzung am 7. Februar 2003 durch Jan Eric Hellbusch überreicht. Die Chronik ist zwischenzeitlich auch online verfügbar: http://www.dvbs-online.de/dvbs/ag-sehbehinderte/chronik.htm.
Nach den Berichten der durchgeführten Workshops erfolgte ein kurzer Ausblick auf das Seminar im Jahr 2004. Aufgrund der hohen Nachfrage wird dieses voraussichtlich wieder auf der Burg Fürsteneck stattfinden. Das Leitungsteam freut sich auf ein Wiedersehen mit den anderen und auch neuen Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft beim nächsten Seminar "Nicht sehend - nicht blind" in 2004!
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