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Savo Ivanic: "Lichtsucher" - Über Blinde und Sehbehinderte, die sehen wollen

Eine ZDF-Reportage befasste sich mit den Auswirkungen neu erlangten Sehvermögens bei Blinden



Vier helle Lichter flackern nebeneinander auf, unscharf und verschwommen. Eine Straßenbahn nähert sich, ist aber nur in Umrissen erkennbar.

Solche Bilder ziehen sich wie ein roter Faden durch Katrin Seybolds Film "Lichtsucher - Über Blinde, die sehen wollen".

Sie sollen dem Zuschauer den vagen Eindruck einer hochgradigen Sehbehinderung vermitteln.

Die Reportage der Münchner Filmemacherin aus der Reihe "37 Grad", die am 6. Mai im ZDF ausgestrahlt wurde, behandelt den Umgang zweier völlig verschiedener Menschen mit ihrer Behinderung.

Da ist der vor einigen Jahren aufgrund einer Krebserkrankung erblindete Geschäftsmann Klaus Faron, der sich für 86.000 Euro ein künstliches Sehsystem implantieren lässt. Damit will er zumindest einen kleinen Teil seines ursprünglichen Sehvermögens wiedererlangen. Und da ist die als Kleinkind erblindete Dolmetscherin Claudia Obermeier, deren Sehschärfe nach einer Hornhauttransplantation für einige Monate bei fast 20 Prozent liegt. Ihr Körper stößt die transplantierte Hornhaut jedoch wieder ab. Aber anstatt zu verzweifeln, ist Claudia fast glücklich über den Fehlschlag, machten sie die plötzlich über sie hereingebrochenen Seheindrücke doch fast verrückt. "Das Sehen war für mich fast wie ein Schock", sagt die junge Frau. "Ich hatte mir vorgestellt, ich öffne nach der Operation einfach die Augen, Licht fällt auf meine Netzhaut - und ich kann wieder sehen". Doch es sollte ganz anders kommen: "Mein Gehirn war völlig überfordert mit den neuen Sinneseindrücken und kam überhaupt nicht mehr zur Ruhe". Jetzt konnte sie zwar sehen, aber das Gesehene weder verarbeiten noch verstehen. "Gesichter kamen mir hässlich vor. Die Haut war uneben und nicht glatt, wie ich mir das immer vorgestellt hatte". Als sie sich das erste Mal im Spiegel sieht, läuft sie schreiend davon.

Auch die ihr vertrauten Menschen entsprachen nicht dem Bild, das sie sich als fast Blinde von ihnen gemacht hatte.

Claudia konnte ihren Augen im wahrsten Sinne des Wortes nicht trauen: "Ich hatte kein Gefühl für Entfernungen und konnte zum Beispiel überhaupt nicht abschätzen, ob Treppenstufen nach oben oder nach unten führen". Letztendlich hatte sie das Gefühl, ihre neu erlangte Sehkraft überhaupt nicht ausschöpfen zu können.

Entsprechend ernüchternd fällt ihr Resümee nach drei chaotischen Monaten aus: "Wenn man wieder sieht, bringt das mehr Schwierigkeiten, als wenn man blind ist", so ihr Fazit.

Im Gegensatz dazu hadert der späterblindete Klaus Faron mit seinem Leben. Er will um jeden Preis wieder sehen und unterzieht sich dafür sogar einer gefährlichen Gehirnoperation. Diese soll die Voraussetzungen für das Funktionieren eines künstlichen Sehsystems schaffen.

Dabei wird eine Platte mit Elektroden in Farons Sehzentrum implantiert. Eine Brillenkamera und ein Laptop sind daran angeschlossen und senden Impulse an das Gehirn. Daraus entstehen Lichtpunkte, die es ihm möglich machen sollen, Umrisse zu erkennen.

Farons Erwartungen an das neue Hilfsmittel sind unglaublich hoch. Wünscht er sich doch nichts sehnlicher, als seine Familie wieder sehen zu können und in sein altes Leben zurückzukehren.

Doch das Ergebnis ist enttäuschend: Mehr als ein paar kurze Lichtblitze und aufflackernde Punkte kann er auch mit den neuen Sehhilfen nicht erkennen.

Die Zusammenarbeit mit diesen beiden Menschen hat Katrin Seybold sichtlich beeindruckt: "Ich habe gelernt, dass es Anmaßung sein kann, Sehbehinderung als "Unvollkommenheit" anzusehen und habe plötzlich unsere Arroganz empfunden, unsere Welt für die einzig vollkommene zu halten", sagt sie. "Wir, die wir sehen, setzen als gegeben voraus, dass alle anderen Menschen auch genauso sehen und leben wollen wie wir, also mit den Kriterien und Wertmaßstäben derer mit Augenlicht. Vor der Beschäftigung mit diesen Geschichten habe ich auch so gedacht." Das sollte sich jedoch vor allem durch die Zusammenarbeit mit Claudia Obermeier nachhaltig ändern.

Claudias Erfahrungen mit dem Sehen sind einer der sehr seltenen Fälle, in denen das Sehvermögen von frühzeitig erblindeten Menschen wieder hergestellt werden konnte, die jedoch dadurch in eine schwere Krise gerieten.

Wie rar solche Fälle sind, verdeutlicht der italienische Augenarzt Alberto Valvo in seinem Buch "Sight Restoration after Long-Term Blindness". "Aus den vergangenen zehn Jahrhunderten", so schreibt er, "sind uns nicht mehr als zwanzig solcher Fälle bekannt geworden". Die meisten davon wurden in den USA dokumentiert.

So schildert der berühmte Neurologe Oliver Sacks den Fall eines Mannes, der frappierend an Claudias Erlebnisse erinnert:

Bei seinem in früher Kindheit erblindeten Patienten Virgil wird das Sehvermögen nach fünfundvierzig Jahren durch einen operativen Eingriff am rechten Auge teilweise wiederhergestellt. Doch trotz intensiven Trainings überfordert ihn die neu gewonnene Sehkraft. Virgils Gehirn ist nicht in der Lage, die neuen Sinneseindrücke zu verarbeiten. So werden Dinge, die bisher Alltagsroutine für ihn waren, plötzlich zur Herausforderung. Jetzt fühle er sich oft viel behinderter als zur Zeit seiner Blindheit, sagt er, und ihm sei die Sicherheit und die Leichtigkeit abhanden gekommen, mit der er sich früher bewegt habe.

Auch bei Sacks" Patienten stellen sich die ersten Seheindrücke ähnlich wie bei Claudia dar: Er nimmt zwar Licht, Bewegung und Farben wahr, aber nur als verschwommenes, bedeutungsloses Gemisch. Erst als aus diesem Gemisch eine Stimme zu ihm dringt, wird ihm klar, dass dieses Chaos von Licht und Schatten ein Gesicht ist - das Gesicht seinen Chirurgen.

Claudias und Virgils Erfahrungen lassen darauf schließen, dass wir das Sehen regelrecht erlernen müssen. Dass Sehen auf Erfahrung, Kategorisierung und dem Entstehen immer neuer Verknüpfungen im Gehirn beruht. Sacks schreibt dazu: "Er sah zwar, aber was er sah, war ohne Kohärenz. Netzhaut und Sehnerv arbeiteten und sandten Impulse aus, aber sein Gehirn vermochte diesen keine Bedeutung zu geben".

Fast alle Patienten, deren Fall dokumentiert worden ist, gerieten bei ihren Bemühungen, sich an ihre neue Situation anzupassen, nach anfänglicher Euphorie in enorme Schwierigkeiten.

So wurde in den 1960er Jahren in den USA der Fall eines unter dem Kürzel S.B. in die Medizingeschichte eingegangenen Patienten publik. Der Mann, der vor seiner Operation gut mit seiner Blindheit zurechtgekommen war, war danach angesichts seines neuen Sehvermögens zunächst euphorisch. Nach kurzer Zeit sah er sich aber schon mit unerträglichen Spannungen und Problemen konfrontiert. Er begann das "Geschenk" als Fluch zu empfinden, verfiel in eine tiefe Depression und starb bald darauf.

Im Vergleich dazu nehmen sich Claudias Erfahrungen sicherlich deutlich harmloser aus. Aber sie zeigen auch, wie ein Leben durch einen gut gemeinten Eingriff aus den Fugen geraten kann.

Von der Resonanz auf ihre Reportage ist Katrin Seybold allerdings enttäuscht. "Die Leute wissen die Besonderheit dieses Films nicht zu schätzen", bemängelt sie das öffentliche Desinteresse. Abgesehen von einigen Regionalzeitungen hat sich in der Tat kein größeres Blatt ausführlicher damit beschäftigt.

Doch das hält die Filmemacherin, die bereits zahlreiche Preise für ihre Dokumentationen über Verfolgte des NS-Regimes und gesellschaftliche Randgruppen bekommen hat, nicht davon ab, sich weiterhin mit Themen zu beschäftigen, die nicht dem Zeitgeist entsprechen.



Literaturtipps zum Thema:



Oliver Sacks: Eine Anthropologin auf dem Mars. Sieben paradoxe Geschichten, Rowohlt

Manfred Dworschak: Der sehende Blinde, in: "Der Spiegel" Nr. 47/2003

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