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Michael Herbst: "Wie soll ich denn blind Dessous verkaufen-" Teil 2

Anmerkung der Redaktion:



Erinnern Sie sich noch an Heike Eidt- DVBS-Mitarbeiter Michael Herbst stellte sie Ihnen vor einem halben Jahr erstmals vor und hat sie seither weiter begleitet. In diesem Heft blickt er erneut zurück in jenes Dessous-Geschäft im rheinland-pfälzischen Montabaur. Ein Fernsehteam hat sich mittlerweile an die Fersen der 35jährigen Inhaberin geheftet, deren Sehkraft weiter schwindet.

"Es muss sich für die Kleinunternehmer was ändern." Mit dieser Hoffnung sieht Heike Eidt im September 2002 der bevorstehenden Bundestagswahl entgegen. Die Geschäfte laufen immer schlechter. Manchen Tag wartet sie stundenlang auf Kunden und hat viel Zeit zum Grübeln. Sie muss den Laden halten, denkt sie, denn nur er steht zwischen ihr und dem sozialen Netz, in das sie unweigerlich fallen würde, wenn sie ihn aufgibt. Andererseits bleibt die bange Frage, wie kann sie das blind bewältigen-

Sie begibt sich mit DVBS-Rechtsbeistand Michael Richter und meiner Hilfe in den Dschungel der Sozialgesetzbücher. Noch im September ist ein erster Erfolg zu verzeichnen. Ein neues Warenwirtschaftssystem ist installiert und funktioniert. Ein Balkencode-System macht die Preisausschilderung durch Freunde endlich überflüssig. "Das waren zwei Wochen Streß", resümiert sie. Aber es hat sich gelohnt. Nun geht es an die Beantragung der Kostenübernahme für einen Grundkurs in Schreibmaschinenschreiben und dem Umgang mit dem Computer. Außerdem benötigt Frau Eidt fraglos Arbeitsassistenz.

Schon sehr bald nach unserem ersten Kontakt hatte sich Heike Eidt für einen vierwöchigen Kurs im Berufsbildungswerk Düren entschieden. Im September kommt die Nachricht, dass die Kosten hierfür nur zu 80% übernommen werden. Frau Eidt ist nicht zufrieden. Zu recht, meint Michael Richter, und legt Widerspruch ein. Nunmehr macht er auch Kosten für Aushilfskräfte im Laden während Frau Eidts Abwesenheit geltend. Erst sehr viel später erfahren wir, dass sich Frau Eidt vorsorglich schon einmal an den Petitionsausschuss des Landtages und an den Landesbehindertenbeauftragten, Dr. Auernheimer, gewandt hat. Letzterer entscheidet schließlich, dass sie zusätzlich 80 % der Kosten für Aushilfskräfte bekommt. Frau Eidt fragt sich zwar immer noch, wie sie die Differenz finanzieren soll, willigt aber schließlich im Februar 2003 ein und akzeptiert den Bescheid. Der Kurs findet in zwei Teilen statt. Anfang Mai geht sie für zwei Wochen nach Düren, übt fleißig und saugt an Wissen auf, was ihr angeboten wird. Rückblickend erzählt sie mir, ihre Arbeitshaltung habe sich in ihrer Wahrnehmung deutlich von der der anderen Kursteilnehmer unterschieden. Sie wollte etwas lernen und blieb konsequent bei der Sache.

Vergleichsweise unproblematisch verläuft die Beantragung von Arbeitsassistenz. Zunächst erläutere ich ihr den Sinn dieser Leistung, schicke ihr als Beispiel meinen eigenen Antrag nebst Begründung und lasse den ihren von Michael Richter prüfen.

Sie macht ihren Rechtsanspruch geltend, beantragt im Oktober 80 Stunden pro Monat und bekommt im Februar 70 davon bewilligt. 1000 Euro hat sie künftig monatlich zur Verfügung, um sich im Laden dort helfen zu lassen, wo Sehkraft von Nöten ist. Sie ist einverstanden und stellt umgehend zwei geringfügig beschäftigte Mitarbeiter ein. Ein dritter soll folgen.

Psychisch fällt Frau Eidt zum Jahresende 2002 zunächst in ein Tief. In unseren Telefonaten wird immer deutlicher, dass sie zwei Problemfelder vor sich hat: Ihre wirtschaftliche Lage und die Bewältigung ihrer fortschreitenden Sehbehinderung. Eines davon würde reichen, um manchen Menschen umzuwerfen. Doch Heike Eidt steht noch und analysiert ihre Lage im Frühjahr 2003 zunehmend klarer.

Das Weihnachtsgeschäft läuft lausig. Was der Laden noch abwirft, reicht zusammen mit dem Blindengeld so gerade zum überleben, und dabei ist Frau Eidt nicht besonders anspruchsvoll, wie sie selber von sich sagt. "Der Laden engt mich ein, ich fühle mich unterfordert", berichtet sie mir. Den Gedanken, Unterhalt von ihrem Ex-Mann einzufordern, verwirft sie wieder. Als Arbeitsassistenz und Fortbildung bewilligt sind, fällt Frau Eidt schließlich gefasst ihre Entscheidung: Sie gibt den Laden auf, so bald es geht.

Im Oktober mache ich mit Michael Richter auf einer Dienstreise Station in Montabaur. Frau Eidt und ich besichtigen vor der Fernsehkamera den neuen ICE-Bahnhof. Noch tut sich Frau Eidt schwer mit der Annahme ihrer Behinderung und redet auch vor der Kamera eher distanziert darüber. Die Fernsehleute akzeptieren das glücklicherweise und versuchen nicht, sie medienwirksam aus der Reserve zu locken. Von einem Wellness-Wochenende mit dem örtlichen Blindenverein kehrt sie deprimiert zurück. Viel Spaß macht ihr hingegen eine Dessousvorführung mit Schminkkurs für blinde Frauen, die sie im Dezember anbietet. Im März berichtet sie mir urplötzlich, dass sie beginnt, sich mit ihrer Behinderung abzufinden und sie anzunehmen. Ihren Ausflug zum Wunderheiler nach Afrika vor einigen Jahren belächelt sie heute eher. Psychologische Hilfe nimmt sie gerne an, sagt sie.

Ich schicke ihr einen Artikel über psychologische Coping-Prozesse von Frau Glofke-Schulz, der zur Veröffentlichung im horus ansteht. Daraufhin erzählt sie mir folgenden Traum: Frau Eidt steht auf einer Brücke, die über einen Fluss führt. Neben ihr steht ihre Katze, die sie zeitweise sehr vernachlässigt hat. Die Katze springt ins trübe Wasser und Frau Eidt hinterher. Sie sucht im trüben Nass nach ihrem Haustier und denkt: Ich sehe sie nicht, ich sehe sie nicht ... Ich bin kein Psychologe, aber für mich klingt das nach beginnender Akzeptanz. Ich glaube, sie ist auf einem guten Weg.

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