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Dr. Johannes-Jürgen Meister: Vergangenheitsbewältigung - ein dunkles Kapitel der Geschichte des DVBS und der Deutschen Blindenstudienanstalt

Mohammad Reza Malmanesh: "Blinde unter dem Hakenkreuz". Marburger Schriftenreihe zur Rehabilitation Blinder und Sehbehinderter Band 13, 2002, 330 S., Schwarzschriftausgabe und CD-ROM, E 10,00



Die Audioversion ist bei der Deutschen Blinden-Hörbücherei (Telefon-Nummer: 06421/60.60) auszuleihen.

Bewältigung der Vergangenheit ist die Voraussetzung und der Schlüssel zur Bewältigung der Gegenwart. Das Scheitern dieses Grundsatzes ist kennzeichnend für die deutsche Geschichte im letzten Jahrhundert. So wie der Versuch und die Instrumente zur Bewältigung des zusammengebrochenen und von den "Befreiern" zerstörten 1000-jährigen Reichs versagten und scheiterten, so versagten die gleichen Mittel und Methoden nach dem Fall der Mauer.

Verdrängen und Vergessen waren angesagt und gefordert. So begannen erst spät in den letzten 10 bis 15 Jahren einzelne Institutionen, Organisationen und Wirtschaftsunternehmen, ihre Beteiligung und ihre Verstrickung am und im Nazi-Regime erforschen zu lassen. Die Akzeptanz der Ergebnisse dieser Nachforschungen fällt den Betroffenen nicht immer leicht, zeigt sich doch sehr häufig, dass sie enger mit dem totalitären Regime verbunden waren als ihnen heute lieb ist. Daraus erwächst nicht selten Widerstand gegen die Wahrheit.

Mitte der 90er Jahre entschlossen sich der DVBS und die Deutsche Blindenstudienanstalt, ihr Archiv zu öffnen und die Situation und Entwicklung dieser beiden Einrichtungen im 3. Reich erforschen zu lassen, nachdem im November 1989 in einem Seminar "Blinde unterm Hakenkreuz" (vgl. Marburger Schriftenreihe zur Rehabilitation Blinder und Sehbehinderter Band 8, 1991, 248 S., E 7,50 - auf C 90- Kassetten: Bestellnummer 9032, 7 Kassetten, E 28,00 -) wenige Tage vor dem Fall der Mauer in Berlin ein erster Schritt in diese Richtung getan worden war. Damals stand die Dissertation von Gabriel Richter "Blindheit und Eugenik - Zwischen Widerstand und Integration" (Freiburg i.B. 1986) im Mittelpunkt der Auseinandersetzung.

Mohammad Reza Malmanesh kommt das Verdienst zu, mit seiner im Jahre 2000 an der Universität Marburg abgeschlossenen Dissertation "Blinde unter dem Hakenkreuz" ein wenig mehr Licht in das Dunkel der Geschichte des Vereins und der Blindenstudienanstalt zwischen 1933 und 1945 gebracht zu haben. Aber erst im Jahre 2002 konnte die Arbeit veröffentlicht werden. Sich unvoreingenommen der eigenen Geschichte zu stellen, stößt eben auch heute noch immer auf Widerstand. Schon im Vorwort zur vorliegenden Veröffentlichung schreibt Prof. Dr. R. Kühnl, der die Promotion betreute: "Die Formulierung von eindeutigen Ergebnissen erwies sich vielfach als sehr schwierig, und die Herausarbeitung eines in all seinen Teilen abgesicherten und in sich schlüssigen Gesamtbildes erwies sich als gänzlich unmöglich." Unter Hinweis auf den mangelhaften Zustand der noch vorhandenen Archivmaterialien im Keller der Blindenstudienanstalt spricht Kühnl von "ungeordnet und offensichtlich auch lückenhaft". Es gäbe Anzeichen einer "Selektion nach 1945".

Malmanesh ist denn auch bemüht, sich vorschneller Bewertungen und Urteile zu enthalten und allenfalls Hypothesen zu formulieren, wie das eine oder andere interpretiert werden könnte. Er ist bemüht, präzise, mosaikartig, verschiedene Ereignisse und Gegebenheiten, Verhaltensweisen und Stellungnahmen der führenden Repräsentanten der beiden Einrichtungen, namentlich von Professor Carl Strehl, darzustellen und nachzuzeichnen. Trotz dieser Einschränkungen, kein geschlossenes Gesamtbild aufzeigen zu können, bleiben die dargestellten Einzelereignisse Teile eines Mosaiks, die nachzuvollziehen und über die nachdenklich zu werden sich lohnt.

Natürlich nimmt die Person und Persönlichkeit Carl Strehls in dieser Untersuchung einen besonders breiten Raum ein, hat er doch von 1916 bis 1965 über ein halbes Jahrhundert und über drei verschiedene politische Regime hinweg die Geschichte der Blindenstudienanstalt und des Vereins blinder Akademiker Deutschlands (VbAD), wie der DVBS damals hieß, maßgebend mitgestaltet und geprägt. Bevor sich M.R. Malmanesh seinem zentralen Thema widmet, skizziert er zwei Aspekte - die Rassenideologie und Rassenhygiene seit Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland und das deutsch-national geprägte Marburg der 20er Jahre -, auf deren Hintergrund er die Entwicklung der Studienanstalt und des Vereins sowie das Wirken und Verhalten seines Hauptakteurs darstellt. Außerdem stellt er seinem Hauptthema noch einen kurzen Abriss über das nationalsozialistische Herrschaftssystem unter besonderer Berücksichtigung seiner Erbgesundheitslehre und ihrer praktischen Umsetzung voran.

Den Kern der Untersuchung von M.R. Malmanesh bilden Kapitel 4 "Blinde unter dem Hakenkreuz", gleichlautend mit dem Titel der gesamten Arbeit, und Kapitel 5 "Die Blinden und die Diskussion über die Sterilisation". Neben einer kurzen Biographie von Alfred Bielschowsky (S. 70 - 76) und einer sehr ausführlichen von Carl Strehl (S. 76 - 110) enthält Kapitel 4 Unterkapitel über die Geschichte des Vereins, der Blindenstudienanstalt sowie des Blista- Verlages und der Hochschulbücherei sowie den "Marburger Beiträgen ...". Das 5. Kapitel ist dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses (GzVeN) und den Reaktionen der Blinden darauf gewidmet, in Sonderheit der Schrift und dem Werk Rudolf Kraemers über die Eugenik, der Antwort des Vorstandsmitgliedes des VbAD (seit 1933), Rassehygienikers und SS-Obersturmbannführers Pfannenstiel in den "Marburger Beiträgen" sowie die Frage des Umgangs mit der Sterilisation an der Blindenstudienanstalt.

Kurz nur widmet sich Malmanesh der Biographie Alfred Bielschowskys, seine Zeit ist ja auch nicht der eigentliche Forschungsgegenstand der Untersuchung. Und doch wird auf diesen wenigen Seiten deutlich, dass es der Leiter der ophthalmologischen Klinik der Universität Marburg war, der bei der medizinischen Betreuung blinder Kriegsheimkehrer erkannte, dass man diesen Männern, die schon einen höheren Bildungsabschluss erworben hatten oder gar einen Hochschulabschluss, nicht zumuten kann, nun einen Beruf zu erlernen, der rein mechanische einfache Tätigkeiten erforderte. Professor Bielschowsky fand in dem Studenten Carl Strehl 1915 den Mann, der den Kriegsblinden die Blindenschrift beibrachte. Noch 1917 schrieb Fr. A. Pinkerneil in der Zeitschrift "Akademischer Hilfsbund" in einem Aufsatz über diese beiden Persönlichkeiten: "Professor Bielschowsky, der unermüdlich für den Ausbau (der Studienanstalt und Hochschulbücherei - Anm. d.V.) tätig war, und sein treuer Helfer Carl Strehl ..." (S. 135). Der Jude Alfred Bielschowsky verschwand mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten und der Kooptation Pfannenstiels in den Vorstand des Vereins in der Versenkung und geriet in Vergessenheit. Es bleibt anhand der von Malmanesh benutzten Quellen im Dunkeln, warum Strehl einer Bitte zur Unterstützung und Fürsprache für Bielschowsky nicht nachkam bzw. Bielschowsky nicht empfing, als dieser aus seinem Exil in den USA 1938 noch einmal in Deutschland weilte.

Demgegenüber ruft die Eilfertigkeit, mit der Strehl, der von sich selbst behauptete, unpolitisch zu sein, die Einführung des Arierparagraphen in die Satzung des VbAD im Juli 1933 betrieb, Verwunderung hervor. oder, ähnlich eilfertig, sein Beitrag in den "Marburger Beiträgen" 1944 über den "totalen Kriegseinsatz" der Blinden, kaum dass Goebbels am 25. August 1944 den "totalen Krieg" verkündet hatte: "... eine spätere Geschichtsschreibung des Blindenwesens soll nicht sagen, die blinden Geistesarbeiter standen abwartend und untätig dabei ..." (S. 86 f). Ebenso ranken sich um Strehls Entnazifizierungsverfahren 1947 Ungereimtheiten. Nachdenklich stimmt ferner die Tatsache, dass Carl Strehl die Verleihung des Professoren-Titels im Jahre 1940 annahm, da dieser Titel seit 1938 nur noch an linientreue Befürworter des Nazi- Regimes verliehen wurde.

Eindrucksvoll ist auch ein Dokument, das Malmanesh vorlegt, in dem alle jene Buchtitel aufgelistet werden, die aus der Hochschulbibliothek nach 1933 aussortiert wurden - u.a. eine Schrift Alfred Bielschowskys -, während andererseits der VbAD die Mittel zur Punktschriftübertragung von Hitlers "Mein Kampf" so weit erhöhte, dass dieses Werk kostenlos abgegeben werden konnte. Dieses fragwürdige Verhalten fand noch 1948, drei Jahre nach dem Sturz des Nazi-Regimes, seine Fortsetzung darin, dass die Biographie von Hans Fritzsche, einem der ganz großen Propagandisten des 3. Reiches, in Punktschrift in die Hochschulbücherei eingestellt wurde.

Malmanesh zeichnet eine ganze Reihe solcher und ähnlicher Verhaltensweisen und Vorkommnisse nach, die als einzelne Mosaiksteinchen zwar nur ein bruchstückhaftes, aber gleichwohl nachdenklich stimmendes Bild der Vergangenheit aufzeigen. Malmanesh kommt in seinem Fazit (S. 209 ff.) zu dem Schluss, dass "eine einfache Bewertung der historischen Fakten und der Persönlichkeit Carl Strehls nicht möglich ist, denn jeder Versuch einer Bewertung wirft neue Fragen auf." Strehl ist für Malmanesh eine "sehr schillernde, changierende Persönlichkeit", die alles zum Wohle und zum Erhalt der Blindenstudienanstalt tat. Die Frage ist nur, für welchen Preis. "Diese Überlegungen machen das Werk Strehls nicht kleiner, aber sie zeigen, dass für Strehl und seine Blindenstudienanstalt gilt, was für die Wirklichkeit insgesamt gilt: sie ist voller Widersprüche. Sie glätten zu wollen, hieße die Wirklichkeit zu reduzieren. Sie wahrzunehmen, und daraus zu lernen, das ist nach Auffassung des Verfassers die Würdigung, die Carl Strehls (und Alfred Bielschowskys!) Lebenswerk verdient."

Die Arbeit von Malmanesh ist sorgfältig recherchiert, es stören nur einige unschöne Schreibfehler, die beim ersten Lesen stutzig machen, weil sie zuweilen Tatsachen verdrehen. Mehr noch stört, dass infolge der Verkleinerung in der Schwarzschriftausgabe einige Dokumente nicht einmal mit einer Lupe problemlos zu lesen sind.

Die Arbeit von M.R. Malmanesh verdient es, dass sich möglichst viele Mitglieder unseres Vereins mit dieser Untersuchung auseinander setzen. Es ist hohe Zeit, dass das noch vorhandene Archivmaterial möglichst rasch geordnet, archiviert und ausgewertet wird, bevor es gänzlich verloren geht. Es sollte alles erdenklich Mögliche getan werden, um die aufgezeigten Lücken im Archiv durch Nachforschungen an anderen Stellen zu ergänzen und zu schließen, aber auch, um die tatsächliche Rolle Professor Alfred Bielschowskys, seinen wirklichen Einsatz und Einfluss auf die Geschichte der Blindenstudienanstalt und des DVBS in ihren Gründungs- und Aufbaujahren zu erforschen.

Was die Rehabilitation Alfred Bielschowskys anbetrifft, so wurde Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts unter Ausschluss der Öffentlichkeit, wie Prof. Dr. Scholler damals in der Zeitschrift "Die Gegenwart" vermerkt, der Konferenzraum Am Schlag 8 in "Alfred Bielschowsky Konferenzraum" umbenannt. Der Verfasser dieser Zeilen hat nach der ersten Lektüre der Dissertation von M.R. Malmanesh im Jahr 2000 im Arbeitsausschuss des DVBS und im Trägerverein der Deutschen Blindenstudienanstalt den Antrag gestellt, die Straße, die zu den Einrichtungen der Carl-Strehl- Schule (CSS) führt, "Am Schlag", durch entsprechendes Engagement bei der Stadt Marburg und seinen Bürgern in "Alfred-Bielschowsky- Straße" umbenennen zu lassen, um so den Weg zur CSS ihrem Wegbereiter zu widmen. Übrig geblieben ist die Umbenennung des Gebäudes der RES in der Biegenstraße in "Alfred-Bielschowsky- Haus".

Wann werden wir endlich begreifen und erkennen, welchen Weitblicks es bedurfte in einer Zeit, als noch die wissenschaftlichen Fachdisziplinen tief in ihren Schützengräben eingegraben waren und die grausamen Schlachten des 1. Weltkrieges geschlagen wurden, zu sehen, dass es über die medizinische Rehabilitation hinaus der "sozialen" Rehabilitation bedarf, um blinden und hochgradig sehbehinderten Menschen die "gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft" zu ermöglichen, wie sie heute im Bundesgleichstellungsgesetz vom 1. Mai 2002 garantiert wird-

Übrigens: im Jüdischen Museum in Berlin wird dem Vetter von Alfred Bielschowsky, der im 19. Jahrhundert ein bekannter Germanist und Goethe-Forscher war, ein ehrendes Andenken gewidmet. Meine Anregung, dort auch des anerkannten Ophthalmologen und geistigen Vaters der Deutschen Blindenstudienanstalt und des VbAD/DVBS ein ehrendes Andenken zu widmen, wurde wohlwollend zur Kenntnis genommen.

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