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"Oh, ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt." (Friedrich Hölderlin)
"Der Traum ist eine Stätte der Freiheit." (Gaetano Benedetti)
In meiner psychotherapeutischen Praxis ebenso wie in meiner ehrenamtlichen Beratungstätigkeit im Rahmen eines Selbsthilfeverbandes (ich bin seit vielen Jahren blind) arbeite ich häufig mit Menschen, die körperlich krank, behindert oder von Behinderung bedroht sind. Meine eigene Behinderung scheint mir einen gewissen Vertrauensvorschuss einzubringen, sodass die Arbeit mit diesem Personenkreis zu einem meiner Praxisschwerpunkte geworden ist. Dabei musste ich mich immer wieder wundern, wie wenig ich (abgesehen von meiner persönlichen Lebenserfahrung als Betroffene) professionell auf dieses Arbeitsgebiet vorbereitet worden war, und zwar weder im Psychologiestudium noch in mehreren psychotherapeutischen Ausbildungen.
Abgesehen von wenigen Ausnahmen (etwa im Bereich der Psychoonkologie) scheint es merkwürdig still um die Frage der Bewältigung chronischer Erkrankungen bzw. Behinderungen zu sein. In den mir bekannten klinisch-psychologischen und psychotherapeutischen Standardwerken finden sich hierzu nur selten eigene Kapitel. In den Empfehlungen für die Abfassung des Kassenantrags, der Voraussetzung für die Übernahme der Kosten einer Psychotherapie durch die gesetzlichen Krankenkassen ist, heißt es gar: "Bei Behinderung und bei strukturellen Ich-Defekten ist ein von Behinderung und Defekt abgesetztes, aktuell wirksames Krankheitsgeschehen in seiner Psychodynamik darzustellen." Ich verstehe das so, dass psychotherapeutische Hilfe bei der Behinderungsbewältigung per se keine Kassenleistung ist.
Die meisten mir bekannten Ausbildungscurricula für angehende Psychotherapeuten sparen das Kapitel Behinderung und chronische Krankheit weitgehend aus, so dass ich mich manchmal frage, ob sich die Ausgrenzung Behinderter hier möglicherweise in fataler Weise unbewusst fortschreibt. Auf diesem Gebiet gibt es, scheint mir, noch viel zu tun. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund freue ich mich besonders, mich im Rahmen unserer Zeitschrift diesem Thema widmen zu dürfen.
Wer im Laufe seines Lebens mit der Diagnose einer chronisch- progredient verlaufenden oder gar lebensbedrohlichen Erkrankung bzw. einer schweren körperlichen oder Sinnesbehinderung konfrontiert wird, wird in seinem Identitätserleben und in seinen bisherigen Lebensentwürfen zutiefst erschüttert. Er blickt in eine Zukunft, die sich sehr davon unterscheiden wird, wie er sich vor der Erkrankung den Fortgang seines Lebens vorgestellt und gewünscht hatte. Zahllose Fragen, Gefühle von Ungewissheit, Bedrohung und die angstvolle Erwartung zukünftiger Verluste drängen sich auf. Neue, die Erkrankung bzw. drohende Behinderung integrierende und dennoch sinngebende und befriedigende Lebensentwürfe erscheinen unvorstellbar.
In dieser Situation taucht die - oft zunächst von der Umwelt (allen voran dem behandelnden Arzt oder den Angehörigen) an den Betroffenen herangetragene - Forderung auf, die Erkrankung bzw. Behinderung zu akzeptieren. Der Betroffene spürt, dass diese Forderungen sehr wohl etwas Wahres enthalten, doch sagt ihm in der Regel niemand, wie er dieses hohe Ziel erreichen kann. Er findet sich einer neuen Lebensaufgabe gegenübergestellt, durch die er sich unter Druck gesetzt, der er sich aber keineswegs gewachsen fühlt. Indem Akzeptanz, von außen als Anspruch an ihn herangetragen, gern im Sinne einseitiger Anpassung und als möglichst reibungsloses Einfügen in das normative System der Gesunden und Nichtbehinderten (miss-)verstanden wird, findet der Betroffene wenig Freiraum dafür vor, seinen ganz individuellen, autonomen Weg der Verarbeitung und Integration zu suchen.
Bekommt er dann, etwa im Fernsehen, Behinderte vorgeführt, die "es geschafft haben" und geradezu atemberaubende Leistungen vollbringen, mag das dem einen oder der anderen Mut machen, viele fühlen sich hingegen erst recht demoralisiert und ungenügend. In der Gesellschaft tief verankerte Klischees, Vorurteile und Stigmatisierung tun das ihre dazu, den Bewältigungsprozess zu erschweren.
In den vergangenen Jahrzehnten haben sich Psychologie und Pädagogik intensiv und fruchtbar mit Möglichkeiten des Umgangs mit Krankheit, Behinderung und drohendem Tod beschäftigt (so genannte "Coping-Forschung").
Begriffe wie "Krankheitsbewältigung" oder "Krisenverarbeitung" sind ebenso ins Alltagswissen eingegangen wie die so genannte Phasenmodelle, die die Verarbeitung einer Erkrankung bzw. Behinderung als regelhafte Abläufe verschiedener Bewältigungsstadien zu beschreiben versuchen. In der Regel werden Phasen wie: Unwissenheit/Nichtwahrhabenwollen, Aggression, Verhandlung, Trauer, Annahme, Aktivität und Solidarität beschrieben, die in je unterschiedlicher Ausprägung, Reihenfolge und Wiederholung auf verschiedenen Bewältigungsniveaus Erleben und Handeln des Betroffenen bestimmen (s. etwa Schuchardt 1980). Für die Selbstreflexion ebenso wie für Beratung und Therapie bieten solche Modelle eine wichtige Orientierungshilfe: Dem Betroffenen können sie helfen, seine Reaktionen zu verstehen und in den Sinnzusammenhang eines Entwicklungsprozesses zu stellen. Dem Berater oder Therapeuten liefert das Verständnis der Phasenmodelle wertvolle Hinweise darauf, wo der Rat Suchende gerade steht und an welchem Punkt seines Auseinandersetzungsprozesses er in der Beratung oder Psychotherapie abgeholt werden muss.
Dennoch sind sie m.E. in ihrem Erklärungswert und ihrer Aussagekraft begrenzt: Zum einen geben sie wenig Aufschluss darüber, welche inneren seelisch-geistigen Kräfte und welches zwischenmenschliche Beziehungsgeschehen es sind, die den Betroffenen befähigen, sich von einer Phase in die nächste hinein zu entwickeln.
Zum anderen fällt auf, dass gängige Coping-Modelle vor allem aktive, bewusste und zielgerichtete Strategien der Verarbeitung und Problemlösung betonen. Selbst das Zulassen unvermeidlich heftiger Gefühle wird als aktive (und anstrengende) Arbeit aufgefasst, wie wir etwa dem Begriff "Trauerarbeit" entnehmen können.
Den Aspekt des aktiven, selbstverantwortlichen Handelns zu betonen, ist grundsätzlich legitim und fruchtbar, entspricht wohl auch am ehesten unseren westlichen Denkgewohnheiten. Über eine allzu starke Betonung dieses Aspekts könnte jedoch eine wesentliche Grundtatsache des Lebens aus dem Blickfeld geraten: Nämlich die, dass das Leben sich in Polaritäten vollzieht und dass der Gegenpol zu "Aktivität" nicht zwangsläufig "Passivität" (im Sinne der Schiff"schen Konzeption) ist, sondern auch mit "geschehen lassen", "sich entwickeln lassen" oder "wachsen (und sterben) lassen" zu tun hat. Die einseitige Akzentuierung des aktiv handelnden Pols, wie sie gängige Coping-Modelle nahe legen, passt in die geistig-seelische Landschaft eines (in seiner Einseitigkeit pathogenen) kulturellen Skripts, das Aktivität, Effizienz, Perfektheit, Geschwindigkeit, Anpassungs- und Anstrengungsbereitschaft als alles beherrschende und nicht hinterfragte Grundwerte propagiert (vgl. hierzu den Beitrag von Gündel 2001). In ihrem Ausschließlichkeitsanspruch führen diese Werte zu Verformungen und Verzerrungen ebenso wie zum Brachliegenlassen wesentlicher Ressourcen, damit oft zur Überforderung des Betroffenen und zu unzureichender Problemlösung, das heißt in unserem Falle, Verarbeitung der Erkrankung bzw. Behinderung.
Im ungünstigsten Fall könnten eine destruktive Antreiberdynamik und die Verstärkung dysfunktionaler Skriptmuster in Gang gesetzt werden. Ich stimme Gündel zu, wenn er schreibt: "Ein Wert ist immer skriptproduzierend und mithin pathogen, wenn nicht auch sein Gegenteil als möglicherweise wertvoll eingeschlossen wird." (a.a.O., S. 25). Wenn Gündel zu Recht einen Wandel in der Erlaubnis- und Wertelandschaft fordert (und zwar sowohl innerhalb der Transaktionsanalyse als auch in unserer Kultur generell), so gilt dies auch und erst recht für behinderte oder chronisch kranke Menschen, die der Forderung, aktiv, schnell, anpassungsfähig, fehlerlos, stark und experimentierfreudig zu sein, ohnehin nicht oder nur mit autodestruktivem Krafteinsatz nachkommen können. Autonomie als Ziel des Bewältigungsprozesses setzt die Bereitschaft und die Erlaubnis voraus, sich von solchen Aspekten des kulturellen Skripts zu distanzieren und dem vernachlässigten Gegenpol (der Ruhe, Kontemplation, dem Träumen und Phantasieren) liebevolle Aufmerksamkeit zu schenken. Nicht zuletzt können hierdurch gerade behinderte Menschen einen wertvollen gesellschaftlichen Beitrag in Richtung des von Gündel geforderten Erlaubnis- und Wertewandels leisten.
Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen widme ich die vorliegende Arbeit der Frage, wie der/die Betroffene lernen kann, den inneren Kraftquellen, Entwicklungsmöglichkeiten und seelischen Helfern zu vertrauen, wie sie sich in Phantasien und Träumen ausdrücken.
Die besondere Beachtung intuitiver, vor- bzw. unbewusster Aspekte der Krankheits-/Behinderungsverarbeitung ist Grundpfeiler einer therapeutischen Arbeit, die Befreiung von destruktiven kulturellen Skriptanteilen und die Erreichung von Autonomie als Ziel des Bewältigungsprozesses ansieht. Zwar sind unbewusste Vorgänge keineswegs gänzlich frei von äußeren (familiären, gesellschaftlichen und kulturellen) Einflüssen. Dennoch bieten sie weit mehr Freiräume für die Suche nach einem selbstbestimmten, individuellen Weg jenseits einseitigen Anpassungsdrucks, als dies dem bewussten, rationalen oder pseudorationalen, oft stark normativ geprägten Denken möglich ist. So können Träume, innere Bilder und Phantasien zumindest einen relativen Schutz davor bieten, den Coping-Prozess zu einer Art "Anpassungstechnologie" verkommen zu lassen.
Um meine Sichtweise zu erläutern, bediene ich mich im Folgenden zweier auf den ersten Blick sehr verschiedener Forschungszweige der Psychologie: Der modernen Forschung über die Arbeit mit Menschen, die an posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) leiden einerseits, der tiefenpsychologischen Arbeit mit Träumen andererseits. Nach einer kurzen Darstellung wesentlicher Theorieaspekte werde ich anhand von Fallbeispielen und Traumskizzen die unbewusste Seite des Bewältigungsprozesses illustrieren.
Ein traumatisches Ereignis definiert die ICD-10 als ein belastendes Ereignis oder eine Situation außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigen Ausmaßes, kurz oder lang anhaltend, die bei fast jedem eine tiefe Verstörung hervorrufen würde. Eine traumatisierende Erfahrung ist eine Situation völliger Ohnmacht, in der die natürlichen biologischen Reaktionen Kampf oder Flucht nicht möglich sind. Oft ist es allerdings nicht ein singuläres Ereignis, das sich traumatisierend auswirkt, sondern die Aufeinanderfolge verschiedener Ereignisse, deren traumatisierende Wirkung in ihrer Summierung bzw. Potenzierung besteht.
So kommt es etwa vor, dass ein mit einer Trennung von der Mutter verbundener Krankenhausaufenthalt eines Neugeborenen sich erst dadurch traumatisierend und entwicklungsschädigend auswirkt, dass dieses frühe Trennungserlebnis durch später hinzukommende Verlassenheitserfahrungen verstärkt und erst so das Vertrauen des Kindes grundlegend erschüttert wird.
Die Wurzeln der wissenschaftlichen Erforschung von Traumafolgen reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück (siehe hierzu den historischen Überblick bei Sachsse et al. 1997). Freud beschäftigte sich seit 1896 in seiner so genannten Verführungstheorie mit Traumatisierungsstörungen, indem er die Folgen sexuellen Missbrauchs im Kindesalter beschrieb. Nachdem seine Thesen auf heftigste Empörung gestoßen waren, nahm er sie zunächst zurück, indem er die Verführung in den Bereich der kindlichen Phantasie verlegte. Dies hat ihm die feministische Forschung sehr verübelt; dennoch war der Grundstein für die Traumaforschung gelegt. Später, im Zusammenhang mit den Schrecken des Ersten Weltkriegs, fanden in Fachkreisen zunehmend die so genannten traumatischen, speziell die Kriegsneurosen Beachtung, also psychische Störungen bei Menschen, die im Krieg Schreckliches erlebt hatten (s. etwa Freud 1916/17, S. 283, sowie Freud 1918, S. 321 - 324).
In den letzten Jahrzehnten hat die psychologische Forschung den Traumatisierungsstörungen vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt. Inzwischen steht fest, dass schwer traumatisierte Menschen spezielle psychologische Hilfe benötigen. Wir wissen, dass die Entstehung posttraumatischer Belastungsstörungen am ehesten dann vermieden werden kann, wenn sofort, möglichst noch vor Ort, psychologischer Beistand zur Verfügung steht. Dieser Tatsache versucht man dadurch Rechnung zu tragen, dass man an Katastrophenorte erfahrene Traumatherapeuten entsendet, die nicht nur überlebenden Unfallopfern, sondern auch den Helfern fachkundig zur Seite stehen.
Opfer sexueller und sonstiger Gewalt, von Traumatisierungen durch Kriege, Unfall- oder Naturkatastrophen erleiden ein anderes Schicksal als Menschen, die von chronischer Erkrankung oder Behinderung betroffen sind. Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten, die es rechtfertigen, auch für unser Thema Nutzen aus der Traumaforschung zu ziehen:
Mit der Diagnose einer fortschreitenden oder lebensbedrohlichen Erkrankung konfrontiert zu werden, ist insoweit eine traumatische Erfahrung im Sinne der eingangs erwähnten Definition der ICD-10, als so ziemlich jeder Mensch hierauf zunächst massiv verstört und schockiert reagieren dürfte. Kann die Erkrankung durch Behandlung nicht geheilt oder zumindest aufgehalten werden, sind Gefühle von Ohnmacht und Hilflosigkeit unvermeidlich; auch hier helfen weder Kampf noch Flucht. Auch müssen wir davon ausgehen, dass sich bei einer chronisch-progredient verlaufenden, mit immer neuen Verlusten und Einschnitten in die bisherige Lebensgestaltung verbundenen Erkrankung die Aufeinanderfolge vieler belastender Ereignisse traumatisierend auswirken kann.
"Tritt die Blindheit zu einer Zeit ein, in der die Ich- Funktionen bereits voll entwickelt sind, ist der Verlust unvermeidlich traumatisch. Die Blindheit wird in diesem Fall etablierte Muster der Kommunikation, Beweglichkeit, Arbeit, Freizeit, des Selbstkonzepts, Körperbildes und anderer Aspekte der Selbstbewusstheit unterbrechen." (Kirtley 1975, S. 154, übersetzt von der Autorin)
Handelt es sich beim Eintreten einer fortschreitenden oder lebensbedrohlichen Erkrankung um eine traumatische Situation, können wir uns Erkenntnisse aus der Traumaforschung nutzbar machen:
Reddemann und Sachsse, auf die ich mich hier beziehe, ziehen zwei wesentliche Schlussfolgerungen:
Die Autoren schlagen vor, imaginative Verfahren einzusetzen, das heißt, die Entwicklung heilsamer, beruhigender und stabilisierender innerer Bilder und Phantasien zu fördern. Aus meiner Erfahrung in der Arbeit mit körperlich schwer kranken oder behinderten Menschen kann ich den Wert dieses Vorgehens nur unterstreichen.
Seit Beginn der 70er Jahre hat das Ehepaar Simonton (deutsch Simonton 1991) die Kraft der Imagination für die Behandlung Krebskranker nutzbar gemacht. In Visualisierungsübungen versucht der Betroffene, konstruktiv und heilend Einfluss auf das Geschehen in seinem Körper zu nehmen, zum Beispiel Tumorzellen zu stoppen, die Zahl der weißen Blutkörperchen zu vermehren usw. Da das Programm der Simontons inzwischen weithin bekannt sein dürfte und in der Krebstherapie Standard geworden ist, kann ich hier auf eine ausführlichere Darstellung verzichten.
Reddemann und Sachsse (1997) sowie Reddemann (2001) schlagen eine Vielzahl von Imaginationsübungen als Hilfen zur Stabilisierung und Problembewältigung vor. Hieraus seien lediglich drei Übungen erwähnt, die mir im Zusammenhang unseres Themas besonders wertvoll erscheinen:
Phantasien, Visualisierungen, Tag- und Nachtraum sind aufs Engste miteinander verwoben, und so will ich mich nun den Träumen zuwenden.
Seit jeher hat sich - quer durch alle Kulturen - die Menschheit in je unterschiedlicher Weise Rat und Hilfe bei den Bildern des Traums gesucht.
In die moderne Wissenschaft hat die Beschäftigung mit Träumen vor ziemlich genau hundert Jahren mit Freuds bahnbrechendem Werk: "Die Traumdeutung" Eingang gefunden. Geschichte und aktuellen Stand der durch Freud angeregten Traumforschung darf ich als bekannt voraussetzen (siehe die zusammenfassenden Darstellungen bei Mertens 1990 sowie Thomae und Kächele 1996) und beschränke mich hier darauf, die problemlösende Funktion des Traumgeschehens hervorzuheben:
Freud glaubte, dass sich im Traum in meist sehr verhüllter Form kindliche Triebwünsche zum Ausdruck bringen. Nach heutigem Wissensstand haben Freuds Ergebnisse in vielen Bereichen ihre Gültigkeit behalten, bedürfen aber der Modifikation und Ergänzung. So wissen wir heute, dass nicht der Traum der Hüter des Schlafes ist, wie Freud annahm, sondern vielmehr umgekehrt der Schlaf als Hüter des Traumes angesehen werden kann. Das bedeutet, dass dem Traum lebenswichtige Funktionen zukommen, für deren Erfüllung der Schlaf den nötigen Freiraum zur Verfügung stellt. Dies geschieht allein schon dadurch, dass wir während des Schlafens von Außenreizen sowie alltäglichen Aufgaben abgeschirmt und dass Normen sozialer Akzeptanz zumindest teilweise außer Kraft gesetzt sind.
Wir gehen heute davon aus, dass Freuds Wunscherfüllungshypothese einen wesentlichen Aspekt beschreibt, in ihrer Ausschließlichkeit jedoch nicht haltbar ist. Vielmehr erfüllt der Traum auch schöpferische, informationsverarbeitende, problem- und konfliktlösende, das Selbstwerterleben regulierende, adaptive und kommunikative Aufgaben. Träume scheinen dazu zu dienen, gefühlsmäßig erregendes Material in diejenigen Strukturen innerhalb des Gedächtnissystems zu integrieren, die sich als erfolgreich im Umgang mit ähnlichen Themen erwiesen haben. Damit leistet der Traum Wesentliches bei der Organisation unserer Erfahrungen.
Mentzos schreibt: "Ich gehe nur davon aus, daß das Traumleben (...) eine erhebliche Bereicherung unseres Lebens mit sich bringen kann. Der Traum stellt die einmalige Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung in die Tiefe dar, während er gleichzeitig auf neue Möglichkeiten und zukünftige Perspektiven hinweist." (Mentzos 1995, S. 655).
Mentzos vergleicht den Traum mit einem Theaterstück oder Film, dessen Autor und Regisseur wir sind - eine uns Transaktionsanalytikern sehr vertraute Sichtweise. Für den therapeutischen Umgang mit Träumen beinhaltet diese Sicht die Möglichkeit, in wacher Phantasietätigkeit das Drehbuch oder einzelne Szenen daraus umzuschreiben, fortzusetzen, zu einem guten Ende zu bringen etc. - ein Vorgehen, das sich beispielsweise der Psychoanalytiker Gaetano Benedetti (Benedetti 1998) für die Behandlung psychotisch erkrankter Menschen in höchst eindrucksvoller Weise nutzbar macht. Dieser Gedanke ist im übrigen nicht neu, finden wir doch bereits im Yoga eine Tradition vor, das Traumgeschehen in Form des so genannten "luziden Träumens" bereits während des Schlafes handelnd und verändernd zu beeinflussen (s. hierzu Garfield 1981).
Kommt dem Traum problemlösende Funktion zu, so ist anzunehmen, dass die verschiedenen Phasen von Krisenverarbeitungs- bzw. Coping-Prozessen sich im Traum nicht nur spiegeln, sondern mit Hilfe des Traumgeschehens auch un- bzw. vorbewusst entwickelt und katalysiert werden. Der Traum kann auf die vom Träumer durchzuarbeitende Bewältigungsphase hindeuten, lange bevor das Wachbewusstsein ihrer gewahr wird. So zeigt der Traum Entwicklungsrichtungen auf.
In meiner therapeutischen Arbeit mit körperlich schwer kranken und/oder behinderten Menschen hat sich diese Vermutung bestätigt. Es hat sich vielfach als spannend und fruchtbar erwiesen, sich bei der Suche nach inneren Helfern und schöpferischen Lösungen die Sprache des Traums als wesentliche Hilfe bei der Auseinandersetzung mit der Krankheit bzw. Behinderung nutzbar zu machen. Dies sei im Folgenden anhand einiger Fallbeispiele illustriert.
Wie ich zu zeigen versucht habe, leistet der Traum Wesentliches beim Durcharbeiten der unterschiedlichen Phasen des Bewältigungsprozesses, treibt diesen voran und hilft, krankheits- bzw. behinderungsrelevante Ereignisse, Erwartungen und Gefühle so lange durchzuarbeiten, bis sie "verstoffwechselt" und in die Persönlichkeit integriert werden können. So erzählte mir ein blinder Mann, der einmal in einem großen Bahnhof die Bahnsteigkante unmittelbar vor Einfahrt des Zuges hinunterstürzte, sich wie durch ein Wunder nicht verletzte und sich im allerletzten Moment in Sicherheit bringen konnte, er habe mehrere Wochen lang fast jede Nacht von drei grellen Lichtern geträumt, die sich, begleitet von ohrenbetäubendem Lärm, auf ihn zu bewegten. In jedem dieser Träume erlebte er intensive Todesangst, verbunden mit der Erleichterung darüber, dass ja nichts passiert war. So konnte er dieses Schockerlebnis allmählich verdauen und kann nun wieder angstfrei Bahnhöfe aufsuchen und Zug fahren.
Im Traum zeigen sich - wie im Märchen nicht selten in Gestalt von Tieren oder Fabelwesen - innere Helfer, die als eine Art "Hilfs-Ich" den Träumer darin unterstützen, das jeweilige Abenteuer zu bestehen und die anstehenden Probleme kreativ und erfolgreich zu lösen. Diese inneren Helfer sehe ich als Ausdruck selbstheilender und wachstumsfördernder seelischer Kräfte, die im Bewältigungsprozess die Funktion von Katalysatoren übernehmen.
Auf detaillierte Trauminterpretationen verzichte ich nicht allein aus Platzgründen, sondern auch, um der Tatsache Nachdruck zu verleihen, dass Träume nur vom Träumer selbst oder im lebendigen Dialog mit ihm gedeutet werden können. Auch ist zu bedenken, dass die Bedeutung eines Traums überdeterminiert ist, also auf mehreren Ebenen verstanden werden muss. Somit ist es ein wenig willkürlich, auf eine Bedeutungsebene (hier die der Krankheits- bzw. Behinderungsbewältigung zu Ungunsten anderer - etwa der Übertragungsebene -) zu fokussieren.
Mit Rücksicht auf diese Überlegungen sollen die folgenden Traumerzählungen daher als Illustration verstanden werden und für sich selbst sprechen.
In der aus den Phasenmodellen bekannten, am Beginn der Auseinandersetzung stehenden Zeit des Nichtwahrhabenwollens und Leugnens, oft kurz nach Diagnosestellung, taucht die Erkrankung erfahrungsgemäß nur selten im Traum auf. Erst nach und nach tritt ein diffuses Gefühl von Bedrohung oder Gefahr auf, zunächst jedoch meist noch in sehr verschlüsselter Form, etwa in Form eines (als fremd und von außen kommend erlebten) Feindes oder Angreifers, eines Einbrechers, Bankräubers oder einer drohenden Naturkatastrophe. Erst wenn der anfängliche Schock überwunden ist bzw. die Leugnung nicht mehr aufrechterhalten werden kann, wird der (eingetretene oder drohende) Verlust im Traum weniger verhüllt erscheinen, etwa wie im folgenden Traum eines 30-jährigen, von Erblindung bedrohten Mannes:
"Ich bin allein in einem ansonsten leeren Raum. Ein Fremder kommt zur Tür herein. Er sieht sehr unheimlich aus. Er trägt einen Dolch in der Hand und kommt auf mich zu. Ich weiche nach hinten zurück, kann aber nicht entkommen oder mich wehren. Schritt für Schritt nähert sich der Mann. Er will mir die Augen ausstechen."
Innere Helfer, wie ich sie oben als "Hilfs-Ich" beschrieben habe, mögen schon relativ zu Beginn des Auseinandersetzungsprozesses auftreten, sind jedoch oft noch unfähig, ihre hilfreiche Funktion auszuüben, etwa weil sie gelähmt oder eingefroren sind:
"Ich trete eine Reise in ein entlegenes Land hoch im Norden an. Es ist sehr kalt. Ich wandere frierend über das zugefrorene Meer, komme zu einer mittelalterlich wirkenden Stadt, die es zu erkunden gilt. Ich gehe auf ein Stadttor zu, über dem als Stadtwappen ein Delphin angebracht ist. Dieser Delphin besteht ganz und gar aus Eis."
In späteren Träumen und den damit verbundenen Einfällen des Träumers tauchte der Delphin immer wieder als hilfreiche Leitfigur auf ("der Delphin ist der Führhund des Meeres"). Er konnte allmählich zum Leben erweckt werden und stand dem Träumer mit all seiner Intelligenz, Kontaktfreude, seinem Charme und Witz hilfreich zur Verfügung.
Nicht immer kann der Träumer Hilfsfiguren (auch dem Therapeuten), wenn sie im Traum auftauchen, von Anfang an vertrauen. So träumte eine 44-jährige krebskranke Frau:
"Die Therapeutin geht mit mir in mein Elternhaus, sieht sich dort um, schaut Kinderfotos von mir an. Sie vergleicht meine Schuhe mit denen meiner Mutter und bemerkt, diese seien sich sehr ähnlich. Mich freut sehr ihr Interesse, und ich weiß selbst, dass ich Schuhe finden möchte, die meine eigenen sind und genau an meine Füße passen. Ich gehe daraufhin in ein Schuhgeschäft, finde mich dort auf einer Holzbank liegend wieder. Ich kann die Schuhe nicht allein finden, brauche Hilfe dazu, doch die Verkäuferin ist verschwunden. Da kommt ein großer, heller Hund auf mich zu (der sehr dem Blindenführhund der Therapeutin ähnelt). Er stupft mich mit der Schnauze, rennt hinüber zu einem bestimmten Schuhregal, kehrt zu mir zurück. Ich weiß, dass er friedlich ist und mir nichts tun wird. Dennoch habe ich Angst vor ihm, zucke jedes Mal zusammen, wenn er erneut auf mich zuläuft und fühle mich so gelähmt, dass ich nicht aufstehen und ihm folgen kann."
Wie im Märchen können die inneren Helfer sehr kraftvolle und mächtige Figuren sein. So berichtete ein 38-jähriger erblindeter Mann, der in eine schwere seelische Krise geraten war, im Verlauf seiner Psychotherapie folgenden Traum:
"Ich bin in Afrika, irgendwo tief im Busch. Ich kenne mich nicht mehr aus. Vor mir erstreckt sich ein dichter, undurchdringlich und bedrohlich wirkender Dschungel. Ich muss diesen Dschungel durchqueren, um an mein Ziel zu gelangen. Ich habe keine Ahnung, wie ich das schaffen soll, schließlich gibt es dort auch Schlangen und andere gefährliche wilde Tiere. Da tritt eine majestätisch dreinblickende Löwin aus dem Dickicht hervor und kommt auf mich zu. Ich erschrecke sehr, bis ich ihr freundliches Gesicht sehe. Sie gibt mir mit einem Nicken ihres gewaltigen Kopfes zu verstehen, dass ich ihr folgen soll. In diesem Moment weiß ich, dass sie mich sicher durch den Dschungel führen und vor allen Gefahren beschützen wird."
Manchmal sind es solche Hilfsfiguren, die den Träumer einladen, die emotionale Erstarrung, wie sie für die Phase des Nichtwahrhabenwollens kennzeichnend ist, zu lösen und die, wenn auch schmerzlichen, Gefühle allmählich zuzulassen. So träumte eine an einer fortschreitenden, zur Erblindung führenden Netzhautdegeneration erkrankte Frau, die lange als Krankenschwester in der Psychiatrie gearbeitet hatte:
"Ich gehe durch ein psychiatrisches Krankenhaus. Es geht offenbar darum, dass die Psychiatrie reformiert werden muss. Eine Gruppe von Ärzten will den ganzen Laden auf einmal umkrempeln, alles Bisherige über den Haufen werfen. Mir ist klar, dass das schief gehen muss, dass Reformen allmählich und schonend eingeführt werden müssen. Auf meinem Rundgang durch die Klinik komme ich in einen großen Raum mit gotischem Kreuzrippengewölbe. An eine Säule gelehnt stehen zwei autistische, völlig erstarrt wirkende Männer. Sie scheinen jeden Kontakt zur Außenwelt abgebrochen zu haben. Mir ist klar, dass sie nicht reagieren würden und wahrscheinlich Angst bekämen, wenn ich sie ansprechen würde. Plötzlich erscheint ein Hund. Schwanz wedelnd, doch sehr langsam und vorsichtig geht er auf einen der Männer zu und berührt fast unmerklich seine Hand mit der Schnauze. Zu meinem größten Erstaunen sehe ich, wie der Mann ganz langsam die Hand nach dem Hund ausstreckt und ein leises Lächeln für einen kurzen Augenblick über sein Gesicht huscht."
Eine vorsichtige Annäherung an die Erkrankung und an die mit deren Fortschreiten zu erwartende Behinderung zeigt sich oft darin, dass sich der Träumer erstmals als behindert inszeniert. Diese ersten Versuche, die Behinderung in das Traumgeschehen und damit in das Identitätserleben zu integrieren, lösen oft Angst aus, manchmal aber auch gemischt mit einer gewissen Erleichterung, die entstehen kann, wenn nicht mehr verleugnet werden muss. So rief mich vor einiger Zeit eine 27-jährige, an einer fortschreitenden Netzhautdegeneration erkrankte Frau mit noch gutem Sehrest sehr aufgeregt an, um mir folgenden Traum zu erzählen:
"Ich bin zu Hause in meinem Wohnzimmer und sitze auf dem Sofa. Zu meiner größten Verwunderung halte ich einen Blindenstock in der Hand. Meine Mutter kommt ins Zimmer, sieht mich mit dem Stock, erschrickt sehr und beginnt zu weinen. Auch ich muss weinen, und doch fühle ich mich auf seltsame Weise irgendwie getröstet."
Angst und Hoffnung, Bedrohung und Zuversicht, Wissen um den Verlust bisheriger Fähigkeiten und Vertrauen in die eigenen Kräfte und Ressourcen liegen oft sehr nah beieinander. So träumt eine 68-jährige Frau, die seit einigen Jahren an Makuladegeneration erkrankt ist:
"Ich gehe eine Straße hinunter. Es wird langsam dunkel. Zu meinem Entsetzen sehe ich, dass die Straße immer enger wird. Mir ist, als kämen von beiden Seiten die Mauern langsam, aber unaufhaltsam auf mich zu. Auch wird der Boden holpriger. Ich bekomme Angst. Plötzlich aber merke ich, dass ich anfange zu schweben. Ja, ich tanze förmlich die Straße hinunter. Mir wird leicht ums Herz."
In der Phase des Verhandelns versucht der Betroffene bekanntlich auf verschiedenen Wegen, der Unausweichlichkeit seines Schicksals zu entfliehen. Man unterwirft sich verschiedenen (medizinischen oder paramedizinischen) Behandlungsversuchen, unternimmt Pilgerfahrten nach Lourdes oder dergleichen. Träume wie der folgende (dem das Buch: "Die zerbrochene Kugel" (Glofke-Schulz und Rehmert 1991) seinen Titel verdankt) können jedoch die Botschaft enthalten, dass diese Strategie (ein Hochhaus bauen) nicht zum Ziel führt, dass stattdessen die emotionalen Erschütterungen in der Tiefe (Erdbeben) sensibel wahrgenommen und akzeptiert werden müssen, damit aus der zerbrochenen Ganzheit (Kugel) etwas Neues entstehen kann. Der Traum teilt auch mit, dass Beschwichtigungsversuche (Konzerte) nicht helfen:
"Ich befinde mich in der Heimat meiner Kindheit: Der kleine, verwunschen wirkende Ausläufer eines großen Sees, ein kleines, idyllisch wirkendes Dorf mit spitzem Kirchturm, umgeben von Wäldern. Etwas jedoch ist ungewöhnlich in diesem Dorf: Da gibt es eine Mess-Station, die dazu da ist, Erschütterungen der Erde zu messen, um so Erdbeben vorhersagen und entsprechende Gegenmaßnahmen ergreifen zu können. Zu diesem Zwecke müssten tiefe Bohrungen in die Erde vorgenommen werden, um mittels eines Seismographen alles mitzubekommen, was sich tief unten in der Erde tut. Das kommt mir auch ganz in Ordnung vor. Zu meinem größten Erstaunen sehe ich aber direkt hinter dem Dorf ein mindestens fünfzehnstöckiges Hochhaus mit einer nackten Betonfassade, das aussieht wie ein Zwischending aus Krankenhaus und Fabrik. Auf dem Flachdach des sehr hässlichen Gebäudes liegt eine rote, in zwei Hälften zerbrochene Kugel, die mir vorkommt wie eine zerstörte Erdkugel. Ich weiß, dass in diesem Hochhaus auch Leute sind, die dort arbeiten. Sie sind jedoch nicht direkt zu sehen, gesichtslos. Irgendetwas wirkt auf mich beängstigend und bedrohlich. Etwas stimmt nicht an der ganzen Sache. In mir wächst der beklemmende Verdacht, dass hier überhaupt nicht Erschütterungen der Erde gemessen werden sollen. Dazu bräuchte es weder ein solches Hochhaus noch so viele Leute, die ganze Maschinerie wäre überflüssig. Vielleicht ist ja hier die Atommafia am Werk oder die Rüstungsindustrie, die hier ABC-Waffen entwickelt. Damit niemand Verdacht schöpft, soll die Bevölkerung durch Konzerte beschwichtigt werden, die in den Räumen des Hochhauses stattfinden sollen."
Im Allgemeinen gilt das Stadium des Verhandelns als eine noch sehr unreife Übergangsphase, gekennzeichnet durch irrationale und illusionäre Hoffnungen und als massive Abwehr gegen die Einsicht in die Unausweichlichkeit des Schicksals. So richtig dies auf der einen Seite ist, so wird andererseits dabei leicht übersehen, dass sich im Verhandeln mit dem Schicksal einfach auch der Lebenswille manifestiert und durchaus konstruktive, selbsterhaltende und gesundheitsfördernde Kräfte in Gang zu setzen imstande ist. Diese Kräfte sind es aber, die den Verlauf einer fortschreitenden oder gar lebensbedrohlichen Erkrankung innerhalb gewisser, wenn auch möglicherweise enger Grenzen durchaus beeinflussen können. Im Falle lebensbedrohlicher Erkrankungen wie etwa Krebs wissen wir aus der Forschung längst, dass der Wunsch und die Hoffnung zu überleben (die ein religiöser Mensch etwa im Gebet ausdrücken mag) nicht ohne Wirkung auf die Überlebenschance bleiben. Dabei muss mitunter fast unmöglich Erscheinendes geleistet werden: Zu hoffen gegen alle Vernunft. Dieses "Apfelbäumchen- Prinzip" (frei nach Luther) betrachte ich keineswegs als zu überwindende, unreife Bewältigungsphase. Eine 50-jährige Patientin, die an einer lebensbedrohlichen Erkrankung des Immunsystems leidet, erzählte mir folgenden Traum:
"Ich bin in einem großen, vollkommen leeren Raum. Drei Personen in schwarzen Umhängen (darunter die Therapeutin) schreiten langsam im Raum auf und ab. Sie sehen aus wie Rabbiner und singen hebräische Gesänge. Sie benötigen noch eine Frauenstimme. Ich zögere zunächst, da ich mir unsicher bin, ob ich gut genug singen kann. Dann jedoch trete ich zu ihnen und beginne zu singen. Es sind jiddische Lieder, wie sie im Warschauer Ghetto und im KZ gesungen wurden."
Zu diesem Traum fielen der Patientin zum einen Sklavenarbeiter ein, die ihre schwerste körperliche Arbeit dadurch schafften und überlebten, dass sie sangen. Die hebräischen Gesänge der Rabbiner bezeichnete sie im Gespräch als "Beschwörungsritual gegen den Tod", als Ausdruck ihrer (scheinbar so unvernünftigen) Hoffnung, weiterleben zu dürfen oder, falls das nicht möglich sei, den Tod wenigstens zu ertragen wie manche Juden, die auf dem Weg in die Gaskammer sangen.
Kann die Realität der Erkrankung weder geleugnet noch durch Behandlungsversuche und andere Strategien des Verhandelns vermieden werden, sind heftige Erschütterungen der Seele, wie sie sich im Traum vom Erdbeben und der zerbrochenen Kugel andeuten, unvermeidlich. Das Aufbrechen heftiger Gefühle von Depression und Trauer, Wut, Angst bis hin zu Panik und Verzweiflung wird meist sehr angstvoll und überschwemmend erlebt. Im Traum kann sich die Angst davor, überschwemmt zu werden, etwa so ankündigen:
"Ich sitze in meiner Wohnung. Plötzlich höre ich, wie aus dem Wasserhahn in der Küche Wasser läuft, obwohl ich mich nicht entsinnen kann, den Hahn aufgedreht zu haben. Ich gehe in die Küche, um ihn zuzudrehen. Zu meinem größten Entsetzen muss ich feststellen, dass das nicht geht. Das Wasser läuft und läuft. Das Spülbecken läuft über, das Wasser sprudelt auf den Boden, allmählich wird die ganze Wohnung überflutet. Ich muss hilflos zusehen, wie der Wasserspiegel steigt und steigt. Ich gerate in Panik."
Die Gefühle können so heftig sein, das eigene Körperbild kann so sehr beschädigt werden, dass sich der Träumer danach sehnt, den Körper verlassen zu können. Dies mag der Ausdruck von Todeswünschen sein, erinnert aber auch an die dissoziativen Reaktionen von Opfern sexuellen Missbrauchs oder anderer Formen massiver Gewalt, die sich zu schützen versuchen, indem sie innerlich aus ihrem Körper heraustreten und diesen scheinbar unbeteiligt von außen betrachten. Der folgende Traum einer 28-jährigen erblindeten Frau drückt dies aus, zeigt der Träumerin aber auch, dass Dissoziation letztlich nicht hilft, sondern sie ihrer Lebendigkeit beraubt. Dem in dieser Phase der Erblindung durchaus präsenten Todeswunsch hält der Traum einen energischen Lebenswillen entgegen:
"Ich verlasse meinen Körper, schwebe als Geistwesen unter der Zimmerdecke und schaue auf ein Bett in dem ansonsten leeren Raum hinab. Ich sehe mich bzw. meinen Körper dort liegen. Noch während ich diesen Körper betrachte, wird er zunehmend blasser und welker. Die Wangen fallen ein. Mir wird klar, dass er stirbt, wenn meine Seele nicht sofort in ihn zurückkehrt. Ich bekomme Angst und spüre, dass es noch zu früh zum Sterben ist, und so gleite ich hinab und schlüpfe zurück in den Körper, um diesen wiederzubeleben."
Die Annahme der Behinderung, Ziel des Bewältigungsprozesses, kündigt sich im Traum gern dadurch an, dass der Träumer mit (und nicht trotz!) seiner individuellen Eigenart erfüllt leben und Teil der Gemeinschaft sein darf - oft erst nach einer langen Reise. Der folgende und, wie ich finde, sehr eindrucksvolle Traum einer 45-jährigen, inzwischen weitgehend erblindeten Frau soll unsere Reise durch die Welt der Träume abrunden:
"Ich bin Araberin und lebe in einem Nomadenstamm, der mit seinem Vieh und Zelten auf der Suche nach fruchtbarem Weideland umherzieht. Da ich blind und somit für das Hüten der Tiere nicht mehr nützlich bin, werde ich aus dem Stamm ausgestoßen. Es gelingt mir, die Wüste zu durchqueren und nach Europa zu reisen. Dort studiere ich fünf Jahre lang an einer Universität Archäologie und schließe das Studium erfolgreich ab. Danach kehre ich zu meinem Stamm zurück, denn ich weiß, dass ich nun über ein Wissen verfüge, das die anderen im Stamm nicht haben, das ihnen aber nicht nur von Nutzen sein kann, sondern eigentlich lebensnotwendig ist: Ich weiß um die Geschichte, um die Vergangenheit unseres Volkes. Dieses Wissen macht mich zur unentbehrlichen Schamanin, zur Medizinfrau des Stammes. Mit diesem Wissen kann ich heilend tätig sein. Meine Blindheit spielt jetzt keine Rolle mehr."
Dieser Traum berührte die Träumerin tief. Sie war zuvor im Rahmen der Psychotherapie in ihre seelischen Tiefen (einschließlich ihrer Lebensgeschichte vor der Erblindung) hinabgestiegen. Sie hatte eine weite und beschwerliche Reise hinter sich und war sich nun ihres dabei erworbenen Wissens und ihrer heilenden Kräfte bewusst. Sie konnte nun selbstbewusst und voller Selbstvertrauen in ihre (sehende) Lebensgemeinschaft zurückkehren, ohne ein Hehl aus ihrer Blindheit machen zu müssen. Bei allem Schmerz, den der Verlust ihres Sehvermögens mit sich brachte, hatte sie eine tiefe Gewissheit darüber erworben, dass ihr manches Wissen verborgen geblieben wäre, hätte sie all das nie durchmachen müssen. Gleichzeitig war ihr klar, dass dies kein "Happyend à la Hollywood" sein konnte, denn die Streifzüge durch die Wüste als Nomadin würden für sie als Blinde immer beschwerlich bleiben.
Wie ich in dieser Arbeit zu zeigen versucht habe, bergen gängige Coping-Modelle die Gefahr, einseitig aktive Bewältigungsstrategien überzubetonen und darüber das so hilfreiche und heilsame Träumen und Phantasieren zu vergessen. Für Beratung und Therapie heißt das, dass ein Freiraum für die Bildersprache der Seele geschaffen werden muss, statt den Rat Suchenden (meist unbewusst im Dienste der Abwehr schwer erträglicher Gefühle) damit unter Druck zu setzen, was er jetzt alles tun und leisten müsse. So sinnvoll und notwendig es ist, den Betroffenen bei der Entwicklung aktiver Bewältigungsstrategien zu unterstützen, so dringend bedürfen diese der Ergänzung, Relativierung und Einbettung in das gesamte seelische Geschehen. Innerhalb der gängigen psychotherapeutischen Schulen scheint mir ein Umdenken in diesem Sinne dringend notwendig. Der therapeutische Umgang mit Menschen, die sich mit chronischer Krankheit oder Behinderung auseinander zu setzen haben, muss schließlich Bestandteil jedes psychotherapeutischen Ausbildungscurriculums (inklusive der hierzu nötigen Selbsterfahrungsanteile) werden.
Mit einer schweren, möglicherweise fortschreitenden oder gar lebensbedrohlichen Erkrankung oder einer Behinderung konfrontiert zu werden, wird den Betroffenen mit hoher Wahrscheinlichkeit zunächst traumatisieren (im Sinne der Definition des ICD-10). Die so genannte Coping-Forschung hat Konzepte zur Beschreibung des Bewältigungsprozesses entwickelt. Phasenmodellen kommt hierbei eine besondere Bedeutung zu. Nach Auffassung der Autorin bergen solche Modelle die Gefahr, aktiv handelnde, rationale und bewusste Bewältigungsstrategien überzubetonen. Die vorliegende Arbeit unternimmt den Versuch, hierzu ein Gegengewicht zu schaffen, indem auf die Bedeutung vorbewusster und unbewusster Prozesse, allen voran Imagination, Phantasietätigkeit und Traum fokussiert wird. Anhand konkreter Fallbeispiele wird dargelegt, wie Bewältigungsphasen sich im Traumgeschehen nicht nur spiegeln, sondern auch entwickelt und katalysiert werden.
Eva-Maria Glofke-Schulz, Hohenzollernstr. 38, 83022 Rosenheim; 08031/28.88.44
Eva-Maria Glofke-Schulz, geb. 1958, ist Diplom-Psychologin und psychologische Psychotherapeutin mit abgeschlossenen Ausbildungen in Transaktionsanalyse (CTA) sowie Verhaltenstherapie, außerdem Weiterbildung in Psychoanalyse. Sie ist als Psychotherapeutin und Supervisorin in eigener Praxis in Rosenheim niedergelassen und außerdem ehrenamtlich im Rahmen des Arbeitskreises Psychologie der Pro Retina Deutschland e.V. tätig.
Wir danken der Autorin und dem Junfermann Verlag, Paderborn, für die Erlaubnis des Nachdrucks. Der Aufsatz erschien in der
Zeitschrift für Transaktionsanalyse 2/2002, 19. Jg., S. 117 - 137
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